Daniel hatte sein Versprechen gehalten; auf dem kurzen Weg über den Parkplatz, den Flo und Chris schweigend nebeneinander zurücklegten, war kein einziger Reporter in Sicht. Flo wusste nicht mal, ob er die Außenwelt darüber in Kenntnis gesetzt hatte, dass er heute wieder anfangen würde zu trainieren. Er selbst hatte jedenfalls nichts mitbekommen, obwohl das bestimmt einiges an Aufsehen erregt hätte.
In seine Gedanken versunken bemerkte er gar nicht, dass Chris und er vor einer Tür haltgemacht hatten. Chris tippte in das Touchfeld, das daneben angebracht war einen Code ein und ein leises Klicken im Schloss verriet, dass man nun eintreten konnte.
Drinnen befanden sie sich in einem langen Gang, in dem ihre Schritte von den gefliesten Wänden widerhallten. Aus irgendeinem Grund fühlte Flo sich an das Treppenhaus des Krankenhauses erinnert, als er Chris folgte und sich dabei umschaute. In regelmäßigen Abständen kamen sie an Türen vorbei, neben denen kleine Schilder angebracht waren, auf denen geschrieben stand, was sich in den jeweiligen Räumen befand. Irgendwann kamen sie an eine Kreuzung, an der Chris zielstrebig links abbog und ihn nur noch ein paar Meter weiterführte, bevor er vor einer Tür stehen blieb. Ohne etwas zu sagen, blieb er kurz stehen, drehte sich zu ihm um und strahlte ihn an. Flo warf einen kurzen Blick auf das Schild, das halb von Chris Kopf verdeckt wurde und erkannte das darauf gedruckte Wort: Teamkonfere... Er nahm an, dass der fehlende Teil, der hinter blonden Haaren verschwunden war, mit nz endete, das hier also der Raum war in dem Besprechungen abgehalten wurden.
Bevor er Chris fragen konnte, warum er ihn hierhin gebracht hatte und nicht zu der medizinischen Abteilung, öffnete dieser die Tür und bat ihn mit einer galanten Verbeugung hinein.
Als Flo über die Schwelle getreten war, explodierte augenblicklich eine Konfettikanone über seinem Kopf und ein dutzend Stimmen schrieen „WILLKOMMEN ZURÜCK". Genau dasselbe stand auch auf dem Banner, der hinter dem langen Tisch vor dem Fenster hing, die er als erstes sah und vor der Flo an die 40 Menschen erwarteten, die ihn anstrahlten. Für einen Moment konnte er nur blinzelnd zurückstarren, dann drehte er sich zu Chris um und schaute nun ihn verdattert an: „Ich... äh..."
Chris, der mit verschränkten Armen an den Türrahmen gelehnt stand, grinste stolz wie ein Honigkuchenpferd. „Na, wie gefällt es dir? Wir wussten nicht so ganz was wir machen sollen, um dir den Einstand zu versüßen. Deshalb haben wir uns ganz klassisch für die Feier entschieden."
Flo fand immer noch keine Worte. Die Leute die hier waren, und von denen er nun so einige Gesichter erkannte (seine gesamte Mannschaft war hier, das Trainerteam, ein paar jüngere aus der U23 und einige, die er nicht kannte, von denen er aber vermutete, dass sie zum Stuff gehörten), schauten ihn immer noch erwartungsvoll an. „Danke", sagte er schließlich, nachdem er sich wieder gefangen hatte und weil er das Gefühl hatte, dass das nicht genug war, weil alle sich so viel Mühe gegeben hatten und er sich wirklich freute, gleich noch einmal: „Danke, ihr seid wirklich die besten!"
Das löste die Anspannung, sowohl bei ihm, als auch bei allen anderen und der Tonspiegel stieg wieder an, als sich alle im Raum verteilten, immer wieder zu ihm kamen, aber auch unter sich unterhielten. Flo nutzte die Zeit um sich etwas genauer umzuschauen. Irgendwer hatte tatsächlich Muffins gebacken, und zwar so viele, dass sie die ganze Mannschaft eine Woche lang ernähren könnten. Sie standen in der Mitte des Tisches zu einer Pyramide aufgetürmt. Der ganze Raum war dekoriert, mit Luftschlangen und Konfetti. Es sah aus, als wäre man mitten in eine Kindergeburtstagsfeier geplatzt.
Chris kam zu ihm und stellte sich neben ihn, die Hände in die Hosentaschen vergraben. Seine Stimme war nun vollkommen ernst: „Hier freuen sich alle wirklich für dich, dass du es zurück geschafft hast." Flo lächelte glücklich. Die Aufregung von eben und alle Zweifel der letzten Wochen und Monate waren wie weggeblasen. Nun wusste er wirklich, dass er all das schaffen und hinter sich bringen konnte. Irgendwann würde das alles der Vergangenheit angehören.
Es verging einige Zeit, in der alle wild durcheinander wuselten und Flo mit jedem der dort war mindestens ein paar Worte wechselte, bis schließlich einer der Ärzte, der sich Flo als Dr. Stefan Hertl vorgestellt hatte, auf ihn zukam: „Sorry, wenn ich dich störe, aber wenn du noch mit den anderen rüber aufs Feld möchtest, müssten wir langsam anfangen." Flo nickte, immer noch überglücklich: „Na klar. Einen Moment nur..." Er drehte sich herum und suchte die Menschen ab, bis sein Blick an Chris blonden Haaren nicht weit weg von ihm hängen blieb.
Er bahnte sich einen Weg durch die Menschen zu ihm und klopfte ihm kurz auf die Schulter: „Hey Chris." Sein Freund drehte sich zu ihm um: „Heyyy Flo." „Ich muss leider los", sagte Flo und fuhr sich mit der Hand einmal durch die Haare, in der Hoffnung sie wieder ein bisschen in Ordnung zu bringen. „Aber wir sehen uns ja nachher auf dem Feld." Er strahlte jetzt schon, wenn er daran dachte. Chris nickte: „Alles klar, bis dann. Viel Spaß." Irgendetwas an seinem Lächeln sagte Flo, dass er auf keinen Fall Spaß haben würde. Mit hochgezogenen Augenbrauen schaute er Chris noch einmal fragend an, der allerdings nur grinsend mit den Schultern zuckte und sich wieder umdrehte. Na gut dachte Flo. Dann eben nicht. Und drehte sich um, um wieder zu Dr. Hertl zurückzugehen, der ihn lächelnd erwartete.
Sie sprachen nicht, während der Doktor ihn durch die Gänge führte. Flo gab sich Mühe, sich alles genau anzusehen und sich den Weg zu merken. Er war sich sicher, dass er hier in Zukunft noch oft lang laufen müsste und Chris hatte bestimmt keine Lust ihn immer überall hin zu begleiten (auch wenn er vermutlich etwas anderes behaupten würde). Schneller als gedacht blieb Dr. Hertl stehen und hielt ihm mit den Worten „hereinspaziert" eine Tür zu einem Raum auf, der Flo ein wenig an Alex' Kraftraum in der Reha erinnerte. Mal abgesehen davon, dass überall Kabel, Messgeräte und anderes Zeug herumhing, dass ihn eher an sein Intensivzimmer denken ließ.
In der Mitte des Raumes drehte er sich einmal um die eigene Achse. Ein Fahrrad, ein Laufband, verschiedene Gewichte und natürlich Bälle. In der Ecke stand ein kleiner Tisch mit einem Computer. Insgesamt war der Raum nicht besonders groß, auch wenn er wahrscheinlich kleiner aussah, weil er so vollgestellt war.
Der Arzt hatte, während Flo sich umgeschaut hatte, irgendwoher ein Klemmbrett und einen Hocker gezaubert, auf den er sich nun setzte und Flo den restlichen Plan erklärte: „Also; ich mache jetzt erstmal ein paar generelle Untersuchungen, gucke wie alles bei dir aussieht, deine Verletzungen und so weiter und dann", er warf einen kurzen Blick auf das Klemmbrett, „schauen wir mal nach deiner Kondition." Er grinste: „Vermutlich wird das der anstrengende Teil. Aber wenn du danach noch genug Kraft hast, kannst du mit den anderen aufs Feld und da noch ein bisschen laufen. Andernfalls würde ich sagen wir machen Schluss. Welches Bein war das, dass du dir gebrochen hattest?" Statt einer Antwort hob Flo sein rechtes Bein. „Hmhm", machte der Arzt, stand von seinem Hocker auf und kniete sich vor ihn, um die Bruchstelle abtasten zu können. „Wo war der Bruch genau?" Flo zog mit dem Finger eine Linie ungefähr in der Mitte seines Oberschenkels. „Das war die komplizierte Stelle. Der Knochen war verschoben." Dr. Hertl nickte. „Das hab ich in deiner Akte gelesen." Flo stockte kurz, nickte ebenfalls, erzählte dann aber weiter. „Aber mein Knöchel hat auch was abbekommen. War aber nur ein Haarriss. Ich hatte Glück, dass mein anderes Bein nicht auch noch was abbekommen hat, sonst hätte ich eine Zeit im Rollstuhl verbringen können."
Der Arzt schaute von seinen Händen auf, lächelte und fragte, während er aufstand: „Merkst du noch irgendwas von dem Bruch?" Flo überlegte: „Ganz selten, meistens wenn ich wirklich viel zu viel auf einmal mache. Das ist dann so ein dumpfer Schmerz. Aber mein Arzt aus der Klinik hat sehr darauf geachtet, dass ich nicht zu schnell wieder anfange." Dr. Hertl nickte: „Es kann gut sein, dass du das jetzt dein Leben lang immer mal wieder spürst. Aber es wird mit der Zeit besser. Wir müssen halt nur darauf achten dich nicht zu überfordern. Wer war dein Arzt denn?" „Dr. Harrison", antwortete Flo. „Hmhm", machte der Arzt wieder. „Und wie gehts deinem Kopf?" Flo seufzte. Er hatte gewusst, dass diese Frage kommen würde: „Dem gehts wieder gut. Ich hatte 'ne Zeit lang immer Kopfschmerzen, aber die hatte ich in letzter Zeit auch nicht mehr." „Keine Gedächtnislücken oder so?" Flo überlegte kurz und schüttelte dann den Kopf. „Na gut", Dr. Hertl atmete einmal tief durch und seufzte: „Ich will dir nichts vormachen. Es wird noch ein bisschen dauern, bis du wieder ein Spiel spielen kannst. Grade wegen deiner Problematik mit dem Bein, würde ich schätzen es dauert noch mindestens 2 oder 3 Monate." Flo zuckte mit den Schultern und lächelte: „Hauptsache ich stehe irgendwann wieder auf dem Platz." Der Arzt erwiderte sein Lächeln: „Das ganz bestimmt. Du hast es jetzt schon so weit geschafft, da machen die paar Monate auch nichts mehr. Wollen wir loslegen?"
Flo nickte und lächelte. Es tat verdammt gut wieder hier zu sein.
Eine Stunde später hatte er alle Tests durchlaufen, die sie machen wollten. Es war tatsächlich anstrengend gewesen, allerdings hatte Alex mit ihm in den letzten Einheiten nicht viel weniger gemacht, deshalb fühlte er sich noch fit genug für eine kleine Laufeinheit. „Aber übertreib es nicht", mahnte der Arzt, während er seine Sachen zusammenpackte. „Mach ich nicht", versprach Flo, der aus Vorfreude schon strahlte. „Findest du allein zurück?", Flo, schon an der Tür, nickte und verabschiedete sich: „Tschau, bis morgen." „Tschüss", antwortete Dr. Hertl, der seine Tasche gerade schloss. Flo wartete nicht ab, bis er damit fertig war, sondern joggte zielstrebig die Gänge entlang, wobei er bemerkte, dass sein Orientierungssinn nicht von schlechten Eltern war. Er bog kein einziges Mal falsch ab und spätestens, als er seine Teamkameraden am anderen Ende des Ganges reden hörte, legte er noch einmal einen Zahn zu. Chris, der ganz hinten hinter den Spielern herlief und sich mit Lars Stindl unterhielt, drehte sich um, als er ihn kommen hörte. „Heyy! Grade noch rechtzeitig. Wir wollten grade rausgehen." Flo strahlte: „Zum Glück hat Dr. Hertl rechtzeitig Schluss gemacht." Der Capitano neben Chris lachte leise: „Ja, so ist er. Um Punkt 10 Uhr wird die Einheit beendet, keine Minute davor oder danach." Flo grinste: „Stimmt."
Die Mannschaft lief den Gang entlang, durch den Flo und Chris schon gekommen waren und durch dieselbe Tür nach draußen. Flo schlenderte neben Chris und Lars her, die über alles Mögliche redeten und genoss den Moment. Er war gerade mal einen Tag zurück und schon fühlte er sich wieder wie ein Teil des Teams. Die Sonne hatte sich tatsächlich durch die Wolken gekämpft und auch wenn es immer noch kalt war, versprach der Tag doch noch ein schöner zu werden. Das Team überquerte gemeinsam mit den Coaches, die ganz vorne liefen und sich ebenfalls unterhielten, den Parkplatz und lief durch ein Tor auf das umzäunte Trainingsgelände. Ein Blick auf ein Schild, das an der Metallumrandung des Platzes hing, sagte ihm, dass sie sich auf Platz 2 befanden.
Die Spieler verteilten sich im Kreis um die Coaches, die den weiteren Plan für heute erklärten. Flo ließ seine Gedanken abschweifen, denn er würde ja sowieso eine einzelne Einheit absolvieren, bis er plötzlich seinen Namen hörte: „Flo, du weißt was du zu hast?" Adi Hütter schaute ihn fragend an. Flo nickte schnell. „Ok", so schnell, wie er die Aufmerksamkeit der Mannschaft bekommen hatte, so schnell verschwand sie auch wieder. „Dann los gehts." Die Spieler verteilten sich auf dem ganzen Spielfeld, jeweils in 6er Gruppen. Flo beobachtete sie einen Moment und sah, dass sie 4 gegen 2 zu üben schienen.
Plötzlich klopfte ihm jemand auf die Schulter. Er drehte sich erschrocken um und sah Adi, der zu ihm gekommen war. „Ich bin stolz auf dich Junge", sagte sein Trainer. Flo lächelte: „Danke." Adi erwiderte das Lächeln und zwinkerte ihm einmal zu. Dann klopfte er ihm noch einmal auf die Schulter: „Auf gehts." Das ließ Flo sich nicht zweimal sagen. Als er losjoggte und seine Füße in regelmäßigen Abständen auf das Gras trafen, konnte er sich ein kleines Lachen nicht verkneifen.
Er war wieder zurück.
DU LIEST GERADE
Angelfoot
FanfictionEin junger Prinz, dazu bestimmt seine Jahre auf der Erde zu verbringen. Ein Unfall, der ihm das Gedächtnis raubt. Ein Team für das er alles gibt. Ein außergewöhnlicher Weg zu sich selbst zurück. Ein Leben, das ihn für immer verändern wird. ...
