23. Kapitel

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Nächster Morgen, nächstes Training.
Dieses Mal wachte Flo nicht vier Stunden vorher auf, sondern pünktlich mit seinem Weckerklingeln. Dann allerdings stand er ausgeruht auf, gähnte und machte sich in aller Ruhe fertig, bevor er mit seiner Tasche über dem Arm das Haus verließ. Er würde im Café frühstücken, sich ein bisschen mit Melina unterhalten und dann dort von Chris abgeholt werden - zumindest hatten sie das so verabredet. Flo hatte auch angeboten zu Chris zu laufen, er hatte jetzt schon ein schlechtes Gewissen weil dieser ihn noch einige Zeit mitnehmen müssen würde, aber das hatte dieser lachend hatte abgelehnt und gesagt, er würde sich dann eben selbst noch ein Brötchen beim Bäcker mitnehmen.
Melina erwartete ihn schon und auch sein Frühstück stand schon bereit. Er setzte sich an den Tisch, an dem er gestern auch gegessen hatte und nur wenig später ließ sie sich auf den Stuhl neben ihm fallen. Sie strahlte ihn an: „Na, wie war dein erstes Training?" Flo biss zuerst ein Stück von seinem Schokobrötchen ab, bevor er antwortete. „Ich hab noch nicht besonders viel gemacht. Aber es hat echt Spaß gemacht." Melina überlegte einen Moment: „Aber die Presse hat wirklich noch nichts mitbekommen oder?" Flo schüttelte den Kopf: „Nope." Er hatte heute morgen die Nachrichten durchforstet, doch es hatte wirklich keine einzige Nachricht über seine Rückkehr gegeben. Er biss noch ein Stück von seinem Brötchen ab. Es war wirklich himmlisch lecker. „Aber heute ist wieder öffentliches Training. Dann geht's rund." Er grinste. Er konnte selbst nicht fassen, dass er nicht wirklich aufgeregt war. Das Training gestern, die Überraschung, das Team, das Versprechen der Ärzte, er würde wieder auf dem Platz stehen, auch wenn es noch ein paar Monate dauern würde - all das stimmte ihn positiv. Da konnte selbst die Presse, die vermutlich wer weiß was schreiben würde, ihm seine gute Stimmung nicht vermiesen. Und - auch sein Selbstbewusstsein war gewachsen. Er spielte bei einem Bundesligisten, hatte sich trotz Gedächtnisverlust und Koma wieder zurückgekämpft und war vor dem Unfall eines der besten Talente auf seiner Position gewesen. Er hatte wirklich keinen Grund sich zu verstecken.
20 Minuten später öffnete sich die Tür erneut mit einem leisen Klingeln und Chris spazierte herein. „Hi Flo. Melina", er zwinkerte dem Mädchen kurz zu, die ihn ebenfalls anlächelte und dann schnell aufstand, um seine Bestellung aufzunehmen. „Was darfs denn sein?"
Flo konzentrierte sich währenddessen auf sein Handy. Linda hatte ihm geschrieben. Sie hatten ihren Kontakt gehalten, auch wenn es nicht besonders oft war, dass sie schrieben oder telefonierten. Trotzdem erzählte Flo ihr weiterhin so gut wie alles, was interessant in seinem Leben war. Gestern nach dem Training hatten sie zwei Stunden lang telefoniert, wobei es ihm so vorkam, als hätte er die ganze Zeit geredet und sie kein einziges Wort gesagt. Er war froh, dass er jemanden hatte, mit dem er so gut reden konnte. Als würden sie sich schon ewig kennen.
‚Na wie gehts? Lebst du noch oder bist du schon gestorben vor Muskelkater? ;)' allein dieser Satz bewies, wie gut sie ihn kannte. Oder es lag einfach daran, dass er ihr gestern 20 Mal gesagt hatte, ihm täte alles weh. Schnell schrieb er ‚Mir gehts gut... glaub ich' zurück, steckte sein Handy weg und nahm seine Tasche, denn Melina verabschiedete sich gerade von Chris.
Der drehte sich zu ihm um: „Fertig?" Flo nickte, nahm seine Tasche von dem Stuhl, auf dem er sie abgestellt hatte, und stand auf. Auf Weg zum Auto warf Chris ihm einen Blick zu: „Bist du aufgeregt?" Flo zuckte mit den Schultern: „Geht. Weniger als ich gedacht hätte." Chris lächelte. „Na dann ist ja alles gut. Weißt du schon was du heute machen sollst?" „Nö", antwortete Flo, während er die Autotür öffnete. „Ich treff mich gleich wieder mit Dr. Hertl. Dann besprechen wir was wir machen." Er gähnte. Chris neben ihm startete den Wagen. Als sie vom Parkplatz gefahren waren, führte er ihr Gespräch weiter: „Er wird dir doch wohl hoffentlich nicht verbieten noch mit uns zu trainieren, wenn heute öffentliches Training ist oder?" Flo zuckte nur die Schultern: „Keine Ahnung, gestern war er jedenfalls nicht so begeistert mich nochmal raus zu lassen. Mal gucken."
Darauf antwortete Chris nicht mehr und sie verbrachten den Rest der Fahrt schweigend, beide hingen ihren Gedanken nach.
Flo sah bereits von weitem eine Gruppe Fans am Zaun des Trainingsgeländes stehen, die sich unterhielten. Zum Glück mussten sie nicht direkt an ihnen vorbei fahren, er hätte keine Ahnung gehabt, was er tun sollte. So durchquerten sie das Tor zu den Parkplätzen der Spieler ohne Probleme. Flo war froh, sich einen Pulli angezogen zu haben und nicht wie er erst geplant hatte bereits im Trainingsshirt zu kommen, denn obwohl eine strahlende Oktobersonne vom Himmel schien, war das Thermometer gerade mal über 5°C geklettert und er hasste es zu frieren.
Schon als er aus dem Auto ausstieg, spürte er Blicke auf sich. Natürlich hatten die Fans Chris' Fahrzeug bemerkt, aber mit ihm hatten sie wohl eher weniger gerechnet. Flo musste ein Grinsen unterdrücken. Er hatte immer noch keine Ahnung, wieso er auf einmal so positiv gestimmt war.
Er bemerkte, dass Chris schon ein paar Schritte vorausgegangen war und sich dann umgedreht hatte, um auf ihn zu warten. Auch er schien glücklich zu sein. Flo beeilte sich, zu ihm aufzuholen. „Heute wird ein geiles Training", Chris strahlte. „Wir machen wenig Taktik, was bedeutet wir besprechen weniger und spielen mehr." Flo lächelte zurück: „Ich hoffe, ich kann heute auch draußen machen." „Bestimmt", erwiderte Chris.
Wie sich herausstellte war sein Training von Dr. Hertl tatsächlich so geplant worden. „Ich dachte mir gerade heute wirst du wohl viel mehr Spaß mit den Jungs draußen haben, als mit mir hier drinne." Flo grinste, obwohl er spürte, wie seine Wangen roter wurden.
„Ich habe übrigens gestern Abend noch mit deinem Arzt telefoniert", berichtete der Arzt, während er ein paar Unterlagen und geplante Trainings für Flo heraussuchte. „Dr. ... Harrison?" Flo nickte. „Er war sehr begeistert von deinen Fortschritten. Du sollst dich bald mal wieder bei ihm melden." „Mach ich", versprach Flo und stand von dem Stuhl auf, auf dem er Platz genommen hatte, um den Trainingsplan entgegenzunehmen. Danach setzten sie sich wieder, damit der Arzt Flo alles erklären konnte: „Das hier ist der Plan, den die Physiotherapeuten, die du gestern kennengelernt hast, ausgearbeitet haben, damit du möglichst schnell wieder fit bist. Wenn du irgendwelche Fragen dazu hast, frag einfach. Wir werden dich aber natürlich jeden Tag beobachten und den Plan anpassen. Deshalb bekommst du jede Woche einen neuen und hast zwischendurch Termine mit uns, wo wir dich durchchecken. Wenn du irgendwelche Probleme hast, sag bitte unbedingt Bescheid. Das ist besser, als wenn du dich nochmal verletzt und noch länger als sowieso schon ausfällst."
Flo überflog den Plan einmal. Diese Woche hatte er Mittwochs Ruhetag, Samstags war Spieltag, was hieß auch da würde er nicht trainieren und Sonntag stand lediglich eine kleine Lauf- und Krafteinheit an. Die restlichen Tage beinhalteten ein Aufbautraining, dass es schon jetzt, ganz am Anfang, in sich hatte. Aber na gut, er wollte schließlich nicht nur gefördert, sondern auch gefordert werden.
Dann nickte er dem Arzt einmal zu: „Alles klar. Soll ich nachher, wenn wir fertig sind, nochmal vorbeikommen?" Dr. Hertl nickte: „Ja, das wäre gut. Auch wenns nur kurz ist." Wieder nickte Flo, warf noch einen Blick auf den Zettel, was er als erstes zu tun hatte und stand auf. „Bis nachher", rief er als Verabschiedung, was der Arzt mit einem kurzen „Tschau", beantwortete, und schloss leise die Tür hinter sich.
Die Gänge zu den Umkleiden waren verlassen, offenbar waren die anderen bereits auf dem Trainingsplatz. Flos Tasche, die Chris freundlicherweise für ihn mit in die Kabine genommen hatte, damit er sie nicht mitschleppen musste, stand an seinem Platz. Ab heute musste er die Sachen nicht mehr mit nach Hause, sondern würde sie stattdessen hier deponieren. Bevor er sich umzog, schaute er noch kurz auf sein Handy. Zwei Nachrichten von Linda... der würde er später antworten. Und Chris hatte ihm Bescheid gesagt, dass sie schon draußen waren, wie Flo vermutet hatte. Wir sind auf Platz 2. Genieß deinen großen Auftritt gleich ;)
Flo lächelte in sich hinein, zog sich so schnell es ging um und ging dann schnellen Schrittes den Weg zum Ausgang entlang. Obwohl die Gänge alle gleich aussahen hatte er sich den Weg bereits eingeprägt. Während er nach links um die Kurve bog, überlegte er ob das wohl an seinem alten Gedächtnis lag. Früher war er den Weg täglich entlang gegangen, konnte doch gut sein, dass irgendetwas davon in seinem Unterbewusstsein noch vorhanden war... oder nicht? Doch dann verscheuchte er den Gedanken. Sein Gedächtnis war verloren, und zwar für immer. Das war die Wahrheit. Punkt. Jetzt hieß es das Beste aus der Situation machen. Und wenn er darüber nachdachte, tat er das nichtmal schlecht.
Plötzlich kam ihm der Weg nach draußen unendlich lang vor. Obwohl er zügig lief, schien es Minuten zu dauern, bis er endlich um die letzte Ecke bog und vor sich die verglaste Tür sah, durch die immer noch die goldene Oktobersonne strahlte. Er wusste, dass ihn die Zuschauer des Trainings von hier noch nicht sehen konnten, er würde erst ein paar Meter gehen müssen, bevor die Wände ihn für die Blicke und Kameras freigaben. Außerdem würden sie wahrscheinlich sowieso auf das Team konzentriert sein, das kleine Spiele veranstaltete. Trotzdem war er froh über den kleinen Zaun, der die Fans davon abhielt auf ihn zuzustürmen und zu begrüßen. Er wollte zuerst einmal ein bisschen Dampf ablassen, bevor er sich Fragen von ihnen stellte.
Kurz bevor er die Tür erreichte, blieb er noch einmal stehen, in dem Wissen, dass dies der letzte Moment war, bevor die Öffentlichkeit erfahren würde, dass er zurück war und atmete tief durch. Er konnte das und er wusste es. Also warum wurde er mit einem Mal doch wieder nervös? Egal. Ein zurück gab es sowieso schon lange nicht mehr. Er trat kurz auf der Stelle, lockerte seine Muskeln und atmete noch einmal ganz ruhig ein und aus, bevor er den letzten Schritt machte und die Klinke der Tür packte. Als er sie öffnete, blies ihm eine kühle Brise entgegen, die ihn frösteln ließ. Trotzdem trat er ohne zu zögern nach draußen und ging mit entschlossenen Schritten den Weg entlang, in Richtung Platz 2.

- 24.06.22

AngelfootWo Geschichten leben. Entdecke jetzt