2 Wochen später hatte Flo nicht einen einzigen Tag verbracht ohne fast an Muskelkater zu sterben. Er hatte gedacht, er wäre relativ in Ordnung trainiert - für den Anfang, schließlich war ihm verboten worden Sport zu machen. Auch sein Trainer, Alex, war darüber informiert worden. Nur leider hatte er auch gesagt bekommen, nun konnte Flo wieder voll loslegen.
Als er am Anfang angekommen war, hatte er sich gefreut jemanden zu haben, der ihm persönlich half. Der nur für ihn persönlich da war und voll auf ihn fokussiert war. Jetzt, während er gerade 10 Liegestütze machte, wünschte er sich, er hätte eine Minute Ruhe zwischen ihren täglichen Trainings.
Ihre Begrüßung, als er angekommen war, war gut gelaufen:
Er war in die Halle gegangen, zum Empfangstresen und hatte nicht einmal seinen Namen sagen müssen, die Frau dort hatte ohne nur einmal angeschaut und wusste wer er war. Sie hatte ihn ins zweite Stockwerk geschickt, Zimmer 19. Das war jetzt „sein" Zimmer. Es war ähnlich seinem Stationszimmer im Krankenhaus eingerichtet, wenn auch sehr viel persönlicher. Schon als er hereingekommen war, hatte ein Kalender von Gladbach an der Wand gehangen, die Seite mit Lars Stindl, September, aufgeschlagen. Mittlerweile war Oktober und ihm strahlte Chris Kramer entgegen.
Am ersten Tag hatte er nichts gemacht. Im Nachhinein, dachte er fast täglich, hätte er diesen Tag genießen sollen. Stattdessen hatte er es kaum erwarten können loszulegen. Vorallem als Alex hereingekommen, sich vorgestellt und mit ihm durchgesprochen hatte, wie sie vorgehen würden. Samstags und Sonntags hatte er frei - wie jeder normale Mensch - aber ein Kollege würde sich Samstags um ihn kümmern, denn Flo war ja „etwas ganz besonderes", wie er grinsend gesagt hatte. Sonntags war Flos Ruhetag, obwohl ein bisschen spazieren gehen sicherlich nicht schadete, hatte Alex ergänzt.
Und dann hatte sich ihm die pure Hölle eröffnet. Bereits am ersten Trainingstag hatte Alex schonungslos begonnen. Obwohl Flo, wieder im Nachhinein, dachte, wie einfach diese Übungen im Vergleich zu seinen jetzigen gewesen waren. Vermutlich würde er in noch einmal zwei Wochen genauso denken. Am Abend konnte er nichts anderes machen als ins Bett zu fallen und innerhalb von 5 Minuten einzuschlafen. Und die Joggingrunde am nächsten Morgen machte seinen Muskelkater nicht besser.
Am dritten Tag konnte er sich kaum noch bewegen. Alex hatte ihn gemustert: „Wenn du willst können wir auch einen Tag Pause machen", hatte er gesagt. „Du hast ja gerade erst wieder angefangen." Das war das erste und letzte Mal, dass er ihm so ein Angebot machte, denn als Flo die Zähne zusammenbiss und den Kopf schüttelte, machte er weiter als wäre nichts gewesen. Er hatte sich vorgenommen stark zu bleiben und nicht aufzugeben.
Doch heute sollte sein Entschluss auf die Probe gestellt werden. Wie jeden Morgen kam er nach der Joggingrunde, die ihn Alex mittlerweile alleine laufen ließ, aber auch nur, weil er wusste, Flo würde nicht abkürzen oder lügen, was seine Strecke betraf, in den Kraftraum der Klinik. Er war daran gewöhnt alleine hier zu sein. Höchstens ein, zwei Andere, die meistens nach einer Stunde und ein paar kleinen Übungen wieder verschwanden. Gut, natürlich gab es auch kaum andere in Flos Alter - und schon gar keine, die auf Leistungssport getrimmt werden sollten, sondern meistens ältere, die hier waren, um sich von einer Operation oder ähnlichem zu erholen.
Doch heute erwartete ihn eine Überraschung. Denn Alex wartete nicht alleine auf ihn. Er stand da, hielt ein paar Therabänder in der Hand und unterhielt sich mit einem anderen Jungen, der, seinem Aussehen nach, vielleicht 2, 3 Jahre jünger war als er und sich auf Krücken stützte. Als Alex Flo bemerkte, lächelte er und winkte ihn zu sich. Flo war sich dem Blick des anderen Jungen durchaus bewusst, der ihn jetzt von oben bis unten musterte. Mit einem Mal war ein schüchtern. Wusste er, wer er war? Was passiert war? Natürlich, anscheinend wusste es ja die halbe Welt. Und an Artikeln über ihn hatte es ja auch nicht gerade gemangelt.
Vorsichtig ging er auf die Beiden zu. Alex beruhigendes Lächeln verriet, dass er erraten hatte, was Flo dachte. „Flo: Das ist Kai. Kai: Ich nehme mal an, von Flo hast du gehört." Kai nickte und streckte die Hand aus: „Hi!" Flo lächelte, immer noch ein wenig schüchtern, ergriff aber die Hand und schüttelte sie: „Hey."
„Ihr könnt ja mal ein bisschen quatschten", sagte Alex und zwinkerte Flo aufmunternd zu. „Ich geh in der Zeit mal ein bisschen was vorbereiten." Damit verschwand er fröhlich pfeifend an die andere Seite des Raumes und begann die Bänder an einem alten Laufband festzubinden, das kaputt gegangen war, man aber genau für diese Zwecke benutzte. Flo wusste sofort, dass er sie beide alleine lassen wollte. Er hatte ähnliche Übungen schon vorher machen müssen und es dauerte höchstens 5 Sekunden einen Knoten zu machen.
Etwas unbeholfen kratzte sich Flo am Hinterkopf: „Äh... Alsoo..." „Hast du wirklich dein Gedächtnis verloren?", platzte der Andere in diesem Moment los. Beinahe im selben Moment verwandelte sich sein Gesicht in Tomatenrot. Er schien erst in diesem Moment zu merken, was er da wirklich gefragt hatte. Flo starrte ihn etwas sprachlos an.
„Äh... Tut mir leid wirklich", stammelte Kai, verlegen und wandte den Blick von Flo ab. Dieser realisierte, dass die Situation für sein Gegenüber genauso unangenehm war, wie für ihn und wurde sofort ein wenig lockerer: „Nein, ist schon in Ordnung. Äh... ja, ich hab keine Erinnerungen mehr." Für einen Moment herrschte Stille, dann lächelte Kai mit einem Mal: „Dann sollte ich mich vielleicht mal richtig vorstellen. Ich bin Kai Havertz und ich spiele bei..." „Leverkusen", unterbrach ihn Flo und lachte leise: „Ich weiß." Kai sah tatsächlich geschockt aus: „Aber..." „Ich hatte sehr viel Zeit, als ich im Krankenhaus lag", Flo grinste verlegen. „Und da hab ich so einiges mitbekommen." Plötzlich war ihm das ganze unangenehm. Doch Kai lächelte nur: „Cool!"
Zum Glück kam in diesem Moment Alex zurück: „Na, habt ihr euch kennengelernt?" Flo und Kai warfen sich nur einen Blick zu. „Na, dann kommt mal mit", sagte Alex und führte sie zu dem alten Laufband, an dem er eben die Bänder festgebunden hatte. Danach erklärte er die Übung. Flo hatte sie schon öfter gemacht, deshalb brauchte er eigentlich keine Erklärungen, aber weil Kai sie offensichtlich nötig hatte, wartete er noch einen Moment, um mit ihm gemeinsam anzufangen. Er fühlte sich gut an diesem Tag. Er hatte schon bemerkt, wie viel stärker er in den letzten Wochen geworden war.
„Flo, du machst wie immer 5 Wiederholungen, Kai, mach du mal so lange wie du kannst, ich muss wissen wie lange du durchhältst." Wieder nickte Flo nur und begann dann konzentriert. Das hier war nur eine Übung um die Arme und den Rumpf zu trainieren, wie er wusste. Da konnte Kai auch mitmachen, obwohl er wohl irgendeine Verletzung am Fuß hatte. Flo meinte sich erinnern zu können, dass er gelesen hatte, dass Kai sich in einem Spiel gegen Freiburg einen Achillessehnenriss zugezogen hatte. Äußerst schmerzhaft hatte es in dem Artikel gehießen.
Er tat ihm leid, aber trotzdem bemerkte sofort, dass Kai alles viel leichter von der Hand ging. Seine Bewegungen waren viel flüssiger und sein Atem ging bei weitem nicht so schnell wie Flos. Er versuchte es zu ignorieren, aber es ärgerte ihn, dass ihm nach seinen 5 Wiederholungen bereits der Schweiß auf der Stirn stand und Kai erst nach dem doppelten Pensum zu schwitzen anfing.
Er machte eine halbe Minute Pause, dann wiederholte er alles. Genau wie Alex es gesagt hatte. Kai schien darauf aus zu sein, komplett durchzuziehen und machte selbst dann noch weiter, als Flo schon zum zweiten Mal durch war. Auch Alex schien das zu bemerken und zügelte ihn irgendwann: „Danke, das reicht erstmal. Ich glaube bei dir müssen wir uns nur darauf konzentrieren, deinen Fuß wieder fit zu bekommen. Der Rest von deinem Körper scheint relativ gut in Form zu sein." Kai nickte, bemerkte Flos Blick und lächelte ihm zu. Flo versuchte zurückzulächeln. Er wusste selber, dass er wahrscheinlich eine viel längere Pause gemacht hatte als Kai, aber trotzdem fühlte er sich nicht mehr so gut wie vorher.
Ihm war gerade klar geworden, was für einen weiten Weg er noch zu gehen hatte, bis er auch nur halb so weit war, wie Kai. Vielleicht war es das gewesen, was Max ihm versucht hatte zu sagen. Es war ja nicht einmal gesagt, dass er noch einmal so gut werden würde, wie er mal gewesen war. Er spürte wie ihn das ganze zu überwältigen drohte. „Tut mir leid, ich muss mal kurz...", murmelte er, bevor er hastig auf die Toilette verschwand. Dort angekommen starrte er in den Spiegel. Würde er es wirklich schaffen? Irgendwie schien jeder daran zu zweifeln. Jeder außer ihm... bis jetzt. Er dachte an das Stadion, seine Mannschaft und die Sehnsucht zu ihnen wurde so groß, dass es ihm im Herzen weh tat. Entschlossen schüttelte er den Kopf, atmete einmal tief durch und ging wieder nach draußen.
Kai und Alex standen schon am nächsten Gerät, dieses Mal sah Kai tatsächlich unsicherer aus. „Ist einfacher, als man denkt", sagte Flo. Beide drehten sich um, Kai lächelte wieder, Alex musterte ihn nur einmal, dann wandte er sich um und erklärte weiter die Aufgabe.
Am Abend saß Flo in seinem Zimmer und las sich ein paar Artikel über Kai durch. Er hatte schon über ihn gehört und tatsächlich auch einiges gelesen, er hatte schließlich gewusst wer er war und wo er spielte, aber sich nie richtig dafür interessiert, er spielte schließlich nicht in Gladbach und war „nur" ein Gegner. Aber jetzt war er natürlich neugierig. Kai war etwa 3 Jahre jünger als Flo, hatte fast in jeder Jugendmannschaft in Leverkusen gespielt und sich so hochgespielt. Er spielte wie Flo Mittelfeld, allerdings viel offensiver und hatte deshalb allein letzte Saison 17 Tore geschossen. Flo zog beeindruckt die Augenbrauen hoch. Das war ganz schön viel dafür, dass er so jung war.
In diesem Moment klopfte es an der Tür. Schnell legte Flo sein Handy weg und rief dann: „Herein!"
Die Tür schwang auf und zu seiner Überraschung stand Kai dahinter: „Hi! Kann ich rein kommen?" Flo lächelte: „Klar." Erst als Kai die Tür hinter sich schloss, fiel Flo auf, dass er gar keine Krücken mehr benutzte: „Brauchst du nicht...?" Er deutete mit seinen Händen an was er meinte. „Neee", Kai grinste. „Ich hab normalerweise den hier an:" Er hob seinen Fuß und zeigte Flo eine Schiene, die seinen ganzen Fuß umschloss. „Aber das kann ich beim Training nicht gebrauchen, und weil ich noch schonen muss, mussten es die Dinger sein." Flo nickte.
„Darf ich?", fragte Kai und als Flo ein weiteres Mal nickte, setzte er sich auf einen Stuhl bei dem kleinen Tisch, an dem Flo normalerweise aß.
„Was machst du?", fragte er. „Äh...", Flo kratzte sich verlegen am Hinterkopf und überlegte, wie er das am besten erklären konnte. „'n paar Fußballartikel lesen", sagte er dann wage. „Cool", sagte Kai. „Ich liebe es sowas zu lesen", er lachte. „Obwohl das sicherlich nicht immer stimmt. Aber ich find Vorallem das aus dem Ausland interessant. Hier sitz ich viel zu nah an der Quelle, da weiß ich das Meiste schon, bevor es die Presse mitbekommt."
„Wie sind denn die anderen Ligen so?", fragte Flo wissbegierig. Hätte er nicht darauf geachtet, wäre ihm Kais Zögern nicht aufgefallen, doch so bemerkte er die winzige Sekunde, in der ein Ausdruck von Überraschung und Unglauben über sein Gesicht huschte. Doch dann antwortete er, als wäre es das selbstverständlichste der Welt. „Also...", und begann ihm alles bis ins letzte Detail zu erklären.
Zu Flos Überraschung war es absolut nicht schwer mit Kai zu reden. Sie redeten bis tief in die Nacht, Kai weihte ihn in den ausländischen Fußball ein, bis ihnen beiden die Augen zufielen und sie beschlossen ins Bett zu gehen, um morgen früh nicht zu übermüdet zu sein. Als Flo schließlich im Bett lag und über den Abend nachdachte, lächelte. Er war froh einen Freund gefunden zu haben. Das würde alles irgendwie einfacher machen.
- 28.06.21
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Angelfoot
FanfictionEin junger Prinz, dazu bestimmt seine Jahre auf der Erde zu verbringen. Ein Unfall, der ihm das Gedächtnis raubt. Ein Team für das er alles gibt. Ein außergewöhnlicher Weg zu sich selbst zurück. Ein Leben, das ihn für immer verändern wird. ...
