Flo war lange nicht mehr so aufgeregt gewesen, wie an diesem Montag. Chris strahlte ihm bereits entgegen, als er die Autotür öffnete und begrüßte ihm mit einem einzigen Wort: „Teamtraining!" Flo nickte. Er hatte ein Kribbeln im Bauch, aber auch bei ihm war das Grinsen nicht mehr aus seinem Gesicht zu kriegen, wie auch Melina, bei seinem morgendlichen Besuch in der Bäckerei, bemerkt hatte.
„Stimmt", antwortete er Chris und atmete einmal tief durch. Dann schlug er die Hände vors Gesicht und stöhnte: „Oh Gott, ich bin so aufgeregt." „Brauchst du nicht", erwiderte Chris, ließ sein Auto anrollen und warf ihm einen Seitenblick zu. „Das wird erst kritisch vor deinem ersten Spiel, vertrau mir." Flo schnaubte, konnte aber einen kleinen Lacher nicht verhindern. „Wenn ich davor nicht sterbe..."
Als sie am Borussia-Park ankamen, sah Flo schon von weitem einige Autos. Es war das erste Training nach der Winterpause und Ferien und war dementsprechend gut besucht. Er und Chris fuhren den üblichen Weg zu ihren Parkplätzen, aber mittlerweile versuchte Flo nicht mehr, sich irgendwie zu verstecken. Dazu war er bereits zu sehr an die Blicke der Fans gewöhnt.
Als sie ankamen, führte ihr erster Weg in das Gebäude, weil es erstens kalt draußen war (und Flo hasste Kälte) und Daniel Farke zweitens angekündigt hatte, zuerst eine Ansprache halten zu wollen, bevor es auf den Platz ging . Aus Erfahrung wusste Flo, wie lange so eine Ansprache bei seinem Trainer dauern konnte und deshalb hatte er sich noch einen Kaffee mitgebracht, den er währenddessen trinken würde.
Später dachte Flo, dass dieser Nachmittag irgendwie einen Wendepunkt in seiner Geschichte geworden war, auch wenn er es zu diesem Zeitpunkt noch nicht wusste. Er dachte oft an diesen Augenblick zurück, mit einem lachenden, weil er endlich seiner Leidenschaft wieder nachgehen konnte, aber auch einem weinenden Auge. Ab dem Moment, in dem er den Trainingsplatz gut eine Stunde später betrat, begann etwas, von dem er, ohne es zu wissen, die Hauptrolle spielen würde.
Die Woche verging schnell und schon bald war die Trainingswoche vorbei. Flo trainierte mit und das, zur Begeisterung aller Ärzte und Physiotherapeuten, ohne Probleme. Den Bruch in seinem Bein spürte er kein einziges Mal und er fühlte sich fitter als jemals zuvor. Trotzdem war er sich eines Kaderplatzes nicht sicher gewesen, bis Daniel Farke ihn mittwochs zur Seite genommen und erklärt hatte, er werde auf jeden Fall auf der Bank sitzen. „Ich kann nichts versprechen, aber 5 oder 10 Minuten zum Schluss lassen sich bestimmt einrichten", fügte er hinzu, zwinkerte Flo einmal zu und ging weiter, um sich seinem Trainerteam anzuschließen.
Flo war sprachlos stehen geblieben und starrte ihm hinterher, bis Chris ihn von hinten anstupste: „Was ist denn?" Flo drehte sich mit einem strahlenden Lächeln zu ihm um: „Ich bin diese Woche wieder im Kader." Auch auf Chris' Gesicht breitete sich ein Grinsen aus: „Nein, wie cool. Ich hab doch gesagt du bist schneller zurück, als du denken kannst." Gemeinsam setzten sie sich wieder in Bewegung. Flo seufzte und ließ den Kopf in den Nacken fallen. Die Januarsonne, die passenderweise vom Himmel strahlte, wärmte seine Wangen, die taub von der Kälte geworden waren. „Ich bin einfach nur so glücklich darüber", antwortete er Chris, der ihm lächelnd einen Seitenblick zuwarf: „Ich auch."
Das blieben sie auch für den Rest der Woche. Die Stimmung im Team war super, erst recht als auch die anderen die Neuigkeiten von Flo erfuhren. Alle freuten sich auf den Rückrundenauftakt, die ganze Woche war das Wetter großartig gewesen und sie hatten gleich zu Beginn ein Heimspiel. Seine Familie würde zu dem Spiel kommen, das hatten sie ihm am Telefon versprochen, als er ihnen berichtet hatte. Auch Linda wusste Bescheid und selbst Doktor Harrison hatte Flo angerufen.
Es gab nichts, was ihm im Moment die Laune verderben konnte.
Das letzte Training war nichts besonderes. Daniel Farke schärfte ihnen noch ein paar letzte Dinge ein - worauf sie zu achten hatten, wie die Gegner (Mainz) normalerweise spielten (zum wiederholten Male), was für eine Taktik in gewissen Fällen nötig war. Danach hieß es nur noch warten. Und irgendwie erschien Flo ein Tag und eine Nacht viel länger, als ein halbes Jahr Training. Er bekam kaum ein Auge zu in dieser Nacht, obwohl er wusste, dass er Schlaf brauchen würde und als er endlich einschlief, war der nächste Tag schon angebrochen.
Sein Wecker klingelte um 11 Uhr morgens. Er gähnte, drehte sich zu Seite und schaltete ihn aus, bevor er sich wieder auf den Rücken legte. Immerhin hatte er noch ein paar Stunden Schlaf bekommen, auch wenn es nicht viel gewesen war. Trotzdem war er sofort hellwach. Er spürte schon jetzt Aufregung in sich hochsteigen, zwang sich allerdings tief durchzuatmen. Bis Anpfiff waren es noch viereinhalb Stunden. Und er würde sowieso nicht in der Startelf spielen, also gab es keinen Grund sich unnötig zu stressen. Trotzdem konnte er nicht weiter liegen bleiben, deshalb stand er auf, ging in die Küche und machte sich ein einfaches Früchte-Joghurt-Frühstück. So gern er Melina auch mochte, jetzt gerade hatte er keine Nerven für ihr Geplapper, deshalb blieb er zu Hause und ging nicht in die Bäckerei.
Beinahe wäre er zu seiner morgendlichen Joggingrunde aufgebrochen, wie er es immer tat um den Kopf freizubekommen, bis ihm einfiel, dass das wohl nicht die schlauste Idee war. Deshalb begann er irgendwann nervös in der Wohnung hin und her zu tigern. Chris wollte ihn gegen halb 2 abholen. Bis dahin blieb ihm noch eine Dreiviertelstunde. Sein Finger fuhr nervös über das Tattoo an seinem Handgelenk. Als er es bemerkte, ließ er es sofort bleiben. Er hatte sich diesen Tick angewöhnt, als er frisch in der Reha gewesen war und er hasste es. Dieses Tattoo blieb sowieso das größte Rätsel seiner Vergangenheit. Auf alles hatten entweder seine Eltern oder seine Geschwister eine Antwort gehabt, aber niemand hatte dieses Tattoo oder das Motiv jemals zuvor gesehen. Außerdem wurde er das Gefühl nicht los, dass es irgendeine besondere Bedeutung hatte. Er war davon überzeugt, dass er sich niemals ein Tattoo ohne Grund hätte stechen lassen - zumal er nur diese eine hatte. Kopfschüttelnd vertrieb er den Gedanken aus seinem Kopf. Er konnte - und wollte - sich jetzt keine Gedanken darüber machen.
Als es bei ihm an der Tür klingelte, war es erst 20 nach eins. Flo fuhr sich nervös einmal durch die Haare, bevor er die Tür öffnete. Chris stand dort und strahlte ihn an. „Aufgeregt?" Flo schluckte: „Und wie. Ich kann das nicht." Er trat einen Schritt zurück, um Chris reinzulassen. Sie würden sich erst um 2 im Park treffen, bis dahin hatten sie noch ein paar Minuten Zeit. „Ach quatsch", sagte Chris, während er an ihm vorbeiging und sich die Schuhe auszog. „Du könntest wahrscheinlich jeden Fehler dieser Welt machen, die Fans würden dir alles verzeihen." „Beruhigend", erwiderte Flo trocken. Chris warf ihm nur einen Blick zu und grinste, bevor er in die Küche lief. Flo folgte ihm. Er hatte ganz vergessen, wie gut Chris sich hier auskennen musste. Er war vor dem Unfall sicher oft hier gewesen.
Plötzlich hatte er ein schlechtes Gewissen, weil er nicht einmal daran gedacht hatte, ihn mal zu sich einzuladen, und wenn es einfach nur war, um ihm seine Dankbarkeit zu zeigen, für alles, was er getan hatte. In der Küche angekommen, ergriff er deswegen schnell die Initiative und holte zwei Tassen für einen Tee aus dem Schrank, bevor er den Wasserkocher anstellte. Chris ließ sich auf einen der einzigen 3 Stühle, die er besaß, fallen und schaute ihm zu. „Wie lange bist du schon wach?", fragte er. „Seit 11", antwortete Flo und lehnte sich gegen den Küchenschrank, während er darauf wartete, dass das Wasser kochte. „Ich konnte nicht einschlafen." „Glaub ich dir", erwiderte Chris und schaute ihm dabei zu, wie er Teebeutel aus seinem Schrank holte und Wasser darauf goss.
Als sie eine halbe Stunde später den Gang zu den Umkleiden betraten, war Flo so nervös, dass er fast durchdrehte. Chris und er redeten gar nicht. Sein Freund schien zu spüren, dass er das mit sich selbst ausmachen wollte - und musste. Flo versuchte sich dadurch zu beruhigen, dass er sich sagte, dass es nichts brachte, sich Gedanken zu machen, weil es ein zurück sowieso nicht mehr geben konnte. Selbst wenn er doch noch einen Rückzieher machen wollte, würde er es nicht über sich bringen. Es gab so viele Menschen die an ihn glaubten und die er enttäuschen würde, wenn er das tat.
Als sie in der Kabine ankamen, waren ein paar ihrer Teamkameraden schon da, die meisten fehlten allerdings noch. Flo ließ den Blick über die Trikots wandern, die schon an der Wand bereit hingen. Die anderen schauten auf als er eintrat und begrüßten ihn fröhlich. Flo nickte ihnen zu und ging dann schnell zu seinem Platz, um sich die Aufwärmklamotten anzuziehen. Chris unterhielt sich quer durch die Kabine mit Nico Elvedi, der ebenfalls schon da war, und lenkte damit von Flo ab. Dieser war unendlich dankbar dafür. Er wollte jetzt weder reden, noch Mut zugesprochen bekommen, noch sonst irgendwas.
Darüber hätte er sich jedoch keine Gedanken machen müssen. Als die restlichen Teammitglieder über die nächsten 10 Minuten verteilt eintrafen, gab es anfangs zwar Gespräche und es wurde gelacht, aber dann breitete sich konzentrierte Stille aus. Flo war früh fertig mit umziehen, während die anderen länger brauchten. Er warf einen nervösen Blick auf die Uhr. Ungefähr 5 Minuten und es ging raus zum aufwärmen. Yann Sommer machte sich gemeinsam mit Tobi Sippel bereits auf den Weg, er würde gemeinsam mit dem Torwarttrainer als erstes nach draußen laufen. Kurz darauf war Knippis Stimme zu hören, wie er sie ankündigte und die Menschen, die bereits im Stadion saßen sie bejubelten. Jetzt stand Chris auf: „Los gehts." Die Mannschaft folgte seinem Beispiel und auch Flo schloss sich ihnen an. Draußen wurden sie vom Trainer erwartet, der sie einmal der Reihe nach abklatschte. Als er bei Flo ankam, lächelte er beruhigend und zwinkerte ihm einmal zu, bevor er weiterging.
Danach führte Chris die Gruppe gemeinsam mit Tony Jantschke nach draußen, der Capitano, Lars Stindl, ließ sich zu Flo zurückfallen. „Du siehst sehr ruhig aus, dafür dass wir gleich im Stadion stehen." Flo grinste: „Wirklich? Ich fühl mich genau wie das Gegenteil." Lars lachte. Vor ihnen tat sich der Tunnel auf. Aus dem Stadion drang Gepfeife zu ihnen nach unten. „Mainz ist grade raus", erklärte Lars ihm. „Aber pass auf was passiert, wenn wir gleich rausgehen." Flo nickte, erwiderte aber nichts. Er war sich ziemlich sicher, dass er noch nie im Leben so verdammt nervös gewesen war. Natürlich wussten die Fans, dass er wieder im Kader stehen würde. Daniel Farke hatte ihn auf der Pk bereits angekündigt. Außerdem war es das erste Spiel der Rückrunde. Er konnte die Anspannung im Stadion beinahe spüren. Vorne im Tunnel stand ein Kameramann, an dem sie vorbeiliefen und dann waren sie draußen auf dem Rasen.
„Ich glaub mir wird schlecht", murmelte Flo so leise, dass nur Lars ihn hören konnte. Der lachte. „So geht's mir jedesmal nach der Sommerpause." Sie hatten nun die Hälfte des Tunnels hinter sich gebracht. Flo war dankbar, dass er so tun konnte, als würde er sich mit Lars unterhalten und nicht in die Kamera schauen musste. Er lächelte ihm zu, während Lars weiter redete, als würde er wissen, dass Flo genau das jetzt brauchte. „Aber sobald du einmal auf dem Rasen bis und den Ball am Fuß hast geht das vorbei." Chris und Tony liefen nun die letzten Schritte nach draußen und Flo konnte Jubelrufe im Stadion hören. Der Lautstärkepegel stieg gewaltig an, als auch weitere Teile der Mannschaft einliefen. Flo konnte Lars mittlerweile kaum noch verstehen, was sowohl an den Fans, als auch an dem rauschen lag, das in seinen Ohren eingesetzt hatte. Trotzdem schaute er ihn weiter an und nickte, als wären sie in ein super interessantes Gespräch vertieft und er würde hier gerade nicht vor Aufregung sterben. Sie gingen am Kameramann vorbei, der Flo hinter seinem Gerät einen strahlenden Blick zuwarf. Flo atmete noch einmal tief durch.
Dann betrat er das Stadion.
- 18.09.22
DU LIEST GERADE
Angelfoot
Fiksi PenggemarEin junger Prinz, dazu bestimmt seine Jahre auf der Erde zu verbringen. Ein Unfall, der ihm das Gedächtnis raubt. Ein Team für das er alles gibt. Ein außergewöhnlicher Weg zu sich selbst zurück. Ein Leben, das ihn für immer verändern wird. ...
