Drei weitere Tage vergingen, bevor Flo mit seinem Koffer vor dem Krankenhaus stand und auf Dani wartete, der ihn abholen und nach Hause fahren wollte, wo er für zwei Nächte bleiben würde, bevor er am Tag darauf nach Köln in eine Reha Klinik ziehen würde. Sein Bruder verspätete sich, er hatte eben angerufen und ihm gesagt, dass er im Stau festsaß. Deshalb ließ sich Flo auf eine Bank direkt neben dem Ein-/Ausgang des Krankenhauses fallen und die Sonne ins Gesicht scheinen. Er blickte auf, als sich jemand neben ihn fallen ließ.
Linda schaute ihn an: „Hey."
Flo legte den Kopf in den Nacken und starrte in den Himmel: „Na."
Für einen Moment herrschte Schweigen. Dann fragte Linda: „Freust du dich auf zu Hause?"
„Ist das denn mein zu Hause?", erwiderte Flo. „Ich war noch nie da. Ich kenn nur das hier."
„Zu Hause ist da wo deine liebsten Menschen sind", antwortete Linda.
Flo musste lachen: „Immer wieder toll deine Kalendersprüche zu hören. Aber mal ernsthaft, woher weiß ich denn solche Sachen? Ich hab keine Ahnung von meinem alten Leben, was wenn ich mich komplett verändert habe, aber es nicht mal merke, weil ich denke so bin ich?"
Wieder war Linda einen Moment still, bevor sie sagte: „Ich glaube du darfst gar nicht so sehr versuchen wieder der alte Flo zu sein, wer auch immer das war. Wenn du denkst so bist du, dann bist du das auch. Weißt du, dadurch dass du dein Gedächtnis verloren hast, bist du wirklich genau du, ohne zu wissen, durch was du vorher beeinflusst wurdest oder warum du früher vielleicht dieses und jenes getan hast ohne es zu wollen. Und deshalb tust du auch genau, was du willst."
„Aber woher soll ich denn wissen, was ich will?", er merkte selber wie verzweifelt er klang.
Sie legte eine Hand auf die Schulter und schaute ihn fest an, auch wenn er den Blick nicht erwiderte, sondern weiter in den Himmel starrte. Die Wärme ihrer Hand drang durch sein T-Shirt und löste eine Gänsehaut aus. „Das weißt du. Ganz tief in dir drinnen weißt du, was du willst und wer du bist. Du musst dich nur trauen es hervorzuholen."
Er erwiderte nichts darauf. Sie saßen schweigend da, bis ein schwarzes Auto vor der Bank hielt und dessen Fensterscheibe hochgefahren wurde. Dani lehnte sich lässig aus dem Fenster, die Sonnenbrille auf der Nase: "Naaa."
Linda lachte. "Hi." Flo stand auf, konnte sich allerdings nicht dazu durchringen ebenfalls ein wenig zu lächeln. Zu viele seiner Sorgen sprangen immer noch in seinem Kopf herum: "Hey." Dani öffnete die Tür und stieg aus, um seine Koffer einzuladen, während er sich von Linda verabschiedete.
Sie umarmte ihn: "Also, denkst du dran was ich dir gesagt hab?" Er nickte: "Ich werd's versuchen." Sie lächelte. "Immerhin etwas." Sie blieben für einen Moment voreinander stehen, zögerten den Moment hinaus, in dem sie sich endgültig voneinander verabschieden mussten. Doch dann schlug Dani die Kofferraumklappe mit einem lauten Knall zu und Flo zuckte zusammen: "Ich glaube ich muss dann wohl." Sie nickte: "Mach's gut Flo." "Tschau Linda." Er ging zur Beifahrerseite, öffnete sie und winkte ein letztes Mal um Abschied, bevor er einstieg.
Auch Dani verabschiedete sich schnell, dann stieg er hinter's Steuer und startete den Wagen.
Als sie davonfuhren schaute Flo zurück. Linda schaute ihnen nach, die Arme um den Körper geschlungen, als wäre ihr kalt. Erst in diesem Moment wurde Flo bewusst, dass er gar keine Nummern mit ihr ausgetauscht hatte.
Später, als sie auf der Autobahn waren, ergriff Dani das Wort: "Also... Was läuft da zwischen euch?" Flo hob die Augenbrauen: "Soll das jetzt so'n großer Bruder, kleiner Bruder Gespräch werden?" Dani grinste, antwortete jedoch nicht, bis Flo seufzte und antwortete: "Nichts läuft da. Und das wird es auch nicht." "Warum?", Dani grinste. "Also Mum plant schon eure Hochzeit."
Flo schnaubte. "Ich hab noch nicht mal ihre Handynummer."
Dani klappte der Mund auf: „Wie bitte?!"
„Du hast schon richtig gehört."
„Aber... ihr habt doch so oft zusammen rumgehangen."
„Ich weiß", Flos Stimme wurde langsam genervt.
"Hast du dich da mal nicht erkundigt?"
"Nein hab ich nicht. Wir haben über andere Themen geredet", antwortete Flo. "Außerdem gibt es da immer noch diesen Malcolm. Gegen den hab ich sowieso keine Chance, selbst wenn ich wollte."
"Auf mich hat sie aber nicht so begeistert gewirkt", sagte Dani und setzte den Blinker.
Flo schwieg einen Moment, bevor er antwortete: "Ist bestimmt nur eine Krise. Hat das nicht jedes Paar mal?" Tatsächlich hatte er sich mehr Gedanken um Malcolm gemacht, als er wollte. Der Typ war ihm nicht ganz geheuer.
Dani zuckte mit den Schultern: "Dann war das aber eine ganz schöne tiefe Krise, so sauer wie sie aussah."
Flo zuckte nur mit den Schultern.
Den Rest der Fahrt sprachen sie nicht mehr viel, Flo verbrachte die Zeit damit aus dem Fenster zu starren und sich zu fragen, wie das alles weitergehen würde. Das Einzige worüber er sich sicher war, war dass er unbedingt wieder Fußball spielen wollte. Bei dem Rest hatte er keine Ahnung. Ging das Allen in seinem Alter so? Er hatte keine Pläne, die über einen längeren Zeitraum als einen Monat hinausgingen, mal abgesehen von seiner Karriere. Aber forderte die nicht schon einen großen Teil seines Lebens ein? Er dachte an Lindas Worte. War das wirklich er der das wollte? Oder sprach irgendwo der 'alte' Flo aus ihm? Wer wusste denn, ob er wirklich echtes Interesse hegte?
Er schreckte aus seinen Gedanken auf, als Dani das Auto anhielt. Er hatte gar nicht gemerkt, dass sie angekommen waren. Sie standen in der Auffahrt eines zweistöckigen Hauses Es war weiß verputzt, in zwei der Fenster brandte Licht. Dani stellte den Motor ab und schaute ihn von der Seite an: "Bereit?"
Flo nickte, schnallte sich ab, atmete tief durch und stieg aus. Er wusste selbst nicht warum er so aufgeregt war. Er kannte seine Familie, besser als irgendjemand anderen und es war ja auch nicht so, als wäre er noch nie hier gewesen. Er wusste es nur einfach nicht mehr.
Dani öffnete den Kofferraum, holte sein Gepäck heraus und sagte, ohne sich zu ihm umzudrehen: "Geh schonmal zur Tür klingeln. Es wird schon jemand aufmachen."
Flo tat, was er sagte, zum einen weil er sich nicht sicher war was er sonst tun sollte und zum anderen, weil er wirklich gerne seine Mutter wiedersehen wollte. Sobald sie da war fühlte er sich wohl. Doch zu klingeln brauchte er gar nicht mehr. Er war noch 5 Meter von der Tür entfernt, als diese aufgerissen wurde und ihm seine Mutter strahlend entgegenblickte. Hinter ihr erkannte Flo kurz Niki blonden Schopf, bevor er wieder in der Wohnung verschwand, um drinnen auf sie zu warten.
Seine Mutter kam ihm entgegen, umarmte ihn zur Begrüßung und schickte ihn dann vor in die Wohnung, während sie Dani half das Gepäck zu tragen. Als Flo sagte, er wolle auch helfen, schüttelte sie nur den Kopf: "Der Arzt hat gesagt du sollst schonend mit Sport anfangen. Da zählt Koffer schleppen mit Sicherheit nicht dazu." "Aber ich kann doch wenigstens meinen Rucksack nehmen", protestierte Flo. "Das mach ich schon", antwortete sie. "Keine Widerrede."
Damit schob sie ihn ins Haus, wo er schon von Niki erwartet wurde, der am Treppengeländer lehnte. "Naa", er grinste. "Hey", sagte Flo, zog eine Grimasse und setzte sich auf die Treppe, um die Schuhe auszuziehen. Als er fertig war und sich umblickte, deutete Niki auf ein Schuhregal neben der Tür, durch die in ebendiesem Moment Dani und hinter ihnen ihre Mutter kamen: "Dahin."
"Niki, kannst du Dani helfen die Koffer hochzutragen?", fragte seine Mutter keuchend. "Ich muss wieder in die Küche, euer Vater ist zwar da, aber" - sie grinste - "dem will ich lieber nicht zu viel zutrauen." "Hey!", die Stimme seines Vaters kam aus einem Raum rechts von Flo. Seine Mutter kicherte, dann lief sie los, um ihr essen zu retten.
Dani starrte ihr hinterher: „Ich hab sie seit Ewigkeiten nicht mehr so glücklich erlebt", sagte er gedankenverloren. Flo lächelte. Es gefiel ihm, dass sie ihn behandelten, als wäre er nur mal kurz für ein paar Tage weg gewesen und sich nicht um ihn kümmerten, als wäre er ein Schwerkranker, der bald sterben würde. Mal abgesehen von dem Kofferschleppen natürlich.
„Willst du mit hoch?", fragte Niki. „Dann können wir dir gleich dein Zimmer zeigen." Flo nickte: „Klar gerne." und versuchte sich unauffällig seinen Rucksack zu schnappen, um wenigstens irgendetwas zu tragen. Dani beobachtete ihn mit einem Grinsen auf dem Gesicht: „Hat Mum nicht eben noch gesagt du sollst dich schonen?" „Ich...", setzte Flo an, doch Dani unterbrach ihn sofort wieder: „Ich mach nur Spaß. Mir soll's Recht sein, wenn ich's dafür nicht tragen muss." Auch Niki zuckte nur mit den Schultern und so machten sich die drei auf den Weg nach oben.
Die Holztreppe knarrte bei jedem Schritt und durch die Vertäfelung, ebenfalls aus demselben dunklen Holz, war es dunkel auf der Treppe, doch das störte Flo nicht. Er hatte die sterile, weiße Helle des Krankenhauses definitiv satt.
Oben angekommen konnte Flo vier Türen sehen. Dani blieb kurz stehen und deutete auf die hinterste: „Das ist das Bad" - sein Finger wanderte eine Tür weiter - „Nikis Zimmer" - noch eine weiter - „Meins" - er war bei der vordersten Tür angekommen - „Und das ist deins." Ohne zu zögern öffnete er die Tür und trat gefolgt von Niki ein. Auch Flo machte entschlossen ein paar Schritte vorwärts, bis er in seinem Zimmer stand.
Es war nicht besonders groß. Den größten Raum nahm ein Bett, ein Schrank und ein Schreibtisch ein. An der Wand hing ein Regal, auf dem allerdings nichts stand. Auch der Rest des Zimmers war relativ leer. Bevor Flo die Frage stellen konnte, wo alles war, antwortete Dani auch schon darauf: „Der Rest ist alles in deiner Wohnung in Mönchengladbach." „Achso", murmelte Flo und drehte sich einmal um die eigene Achse.
Es war wirklich fast nichts mehr da. Nur an der Tür, die Niki geschlossen hatte und an der er jetzt lehnte, erkannte er ein Poster, auf dem die Bayern Spieler abgebildet waren, soweit er sehen konnte. Als Dani seinen Blick bemerkte grinste er: „Das hab ich dir geschenkt, als du 7 Jahre alt warst. Du hast es geliebt." Auch Flo lächelte, wusste allerdings nicht, was er darauf antworten sollte.
Zum Glück hörte er in diesem Moment seine Mutter von unten rufen: „Kinder, essen!"
Niki grinste. „Flo, wir zeigen dir jetzt eine alteingesessene Tradition." Und mit diesen Worten sprintete er aus der Tür, dicht gefolgt von Dani, der ebenfalls losrannte. Flo, der nicht wusste was er sonst tun sollte, folgte ihnen in langsameren Tempo. Als er unten ankam, saßen schon alle um den Tisch, der einzige freie Platz, der für Flo bestimmt war, war neben seinem Vater, der am Kopfende saß und Dani, der sich schon die erste Kelle Nudeln aufschöpfte. Offenbar hatte er gewonnen, dachte Flo grinsend, als er sah dass Niki mit verschränkten Armen auf seinem Sitz schmollte.
Nach dem Essen beschlossen sie sich einen Film anzusehen. Flo genoss die Zeit mit seiner Familie. Er passte fast nicht auf, was auf dem Fernseher passierte, sondern war einfach glücklich mit ihnen lachen und reden zu können. Er wäre wohl nie freiwillig ins Bett gegangen, doch seine Mutter bemerkte, wie müde er war und schickte ihn ins Bett - was sich definitiv so anfühlte als wäre er 5 und nicht 22 -, mit der Begründung er wäre immer noch krank.
Auch Dani und Niki kamen mit nach oben und nachdem sie noch ein wenig geredet hatten, lag Flo schließlich in seinem Bett und starrte in die Dunkelheit. Das war bis jetzt der schönste Tag gewesen, den er gehabt hatte. Lächelnd schloss er die Augen. Es würden noch viele mehr kommen...
- 07.06.21
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Angelfoot
FanfictionEin junger Prinz, dazu bestimmt seine Jahre auf der Erde zu verbringen. Ein Unfall, der ihm das Gedächtnis raubt. Ein Team für das er alles gibt. Ein außergewöhnlicher Weg zu sich selbst zurück. Ein Leben, das ihn für immer verändern wird. ...
