Kapitel 62

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Ich werde von gepolter auf der Treppe geweckt. Kurz darauf wird meine Zimmertür mit Schwung geöffnet. "Louisa aufstehen. In fünf Minuten gibt es Frühstück unten" und schon ist Aiden aus der Tür verschwunden. Er hat mich nicht mal angeschaut.

Verunsichert mache ich mich für den Tag bereit und gehe mach unten. Ich habe Angst. Grosse Angst. Mir ist sogar etwas Übel. Gestern haben sie herausgefunden, dass ich mich geritzt habe. Einige meiner Brüder sahen sehr wütend aus...
Auf zittrigen Beinen und mit schnellem Herzschlag betrete ich die Küche. Dort wartet ein Teller mit zwei Toast auf mich. "Aufessen in den nächsten zehn Minuten. Wag es nicht etwas woanders verschwinden zu lassen als in deinem Magen, verstanden?" "Ja", gebe ich leise und eingeschüchtert von mir. Aiden macht mir Angst. Er hat mich immer noch nicht angeschaut. Er schaut immer neben mir vorbei, wenn er mit mir spricht. Das tut weh.
Ich kämpfe mit den zwei Toasts. Gerade habe ich mein erstes gegessen und das war bereits schwer. Ich gönne mir eine kleine Pause, aber das macht es nicht besser... Im Gegenteil. Ich kann mich nicht überwinden einen weiteren Biss herunterzuschlucken. In zwei Minuten kommt Aiden zurück. Er wird mich zwingen, aber es wird nicht funktionieren. Mir kommen schon die Tränen. Ich kann mit diesem enormen Druck und dieser Angst unmöglich weiteressen. Um weiteren Konflikten aus dem Weg zugehen, nehme ich die Toastscheibe in meine Hosentasche. Eklig, ich weiss... Aber es ist der einzige Ausweg, der mir in den Sinn kommt. Im Kücheneimer werden sie es finden, deshalb möchte ich es die Toilette runterspülen.
Gerade als ich meinen Teller in die Spülmaschine lege, kommt Aiden wieder in die Küche. Er schaut mich misstrauisch an. Das erste Mal blickt er mir in die Augen, seitdem er herausgefunden hat, dass ich mich ritze... Er schaut im Abfalleimer nach, ob er mein Brot findet, als dort nichts ist, nickt er knapp und ignoriert mich wieder. Ich versuche schnellstmöglich zu einer Toilette zu kommen. Auf dem Weg treffe ich auf Mason.

"Guten Morgen kleine Schwester" Er zieht mich in eine Umarmung, ich will gerade wegziehen, als mir in den Sinn kommt, dass es nicht darum geht, was ich will, sondern die anderen. Mir bleibt somit nichts anderes übrig als zitternd die Umarmung zu erwidern. Meine Hände beginnen zu schwitzen..

"Ich hab dich lieb" flüstert er mir ins Ohr und lässt mich dann endlich los. Er schenkt mir ein freundliches und aufmunterndes Lächeln und geht dann weiter. Ich muss zuerst durchatmen und mein rasend schlagendes Herz beruhigen.

Endlich in einem Badezimmer angekommen, schliesse ich die Tür ab. Und schon hängt mein Kopf über der Schüssel. Mit meinem Zeigefinger helfe ich nach und schon würge ich und das ganze Frühstück kommt wieder raus. Ich spüle alles zusammen mit meinem Toast weg. Dann putze ich die Zähne. Leider erhasche ich einen Blick im Spiegel. Sofort kommen negative Gedanken in meinem Kopf. Ich bin einfach nur hässlich und fett.

Kurze Zeit später klopft es an der Tür. Schnell klatsche ich mir eine ordentliche Portion Wasser ins Gesicht und verlasse dann das Badezimmer. Ich drücke mich an Noah vorbei, der ungeduldig vor der Tür steht. Er mustert mich mit einem kritischen Blick und verschwindet dann schnell im Badezimmer um sein Geschäft zu erledigen.
Ich liege auf meinem Bett. Ratlos darüber, was ich tun oder denken soll. Aus dem Nichts kommen die Tränen. Ich heule in mein Kissen rein, niemand soll etwas bemerken. Ich bin unendlich traurig und verzweifelt. Ich spüre den Schmerz in meinem Herzen. Den Schmerz dass ich von meiner Familie getrennt bin, dass ich mich hier nicht wohl fühle, dass ich keine Freunde habe, dass ich nicht mehr weiter weiss. Es ist überwältigend. Ich weiss nicht, wie lange ich so da gelegen habe, aber ich fühle, dass ich etwas tun muss. Ich gehe ins Badezimmer und will meinen Rasierer nehmen, als mir einfällt, dass ich ihn ja nicht mehr habe. Argh! Was soll ich tun?!

Ich beginne mit meinen Fingernägel über meine Armen zu fahren. Mit immer mehr Druck. Es fühlt sich gut an. Befreiend. Als es an der Tür klopft, ziehe ich schnell den Ärmel wieder zurück. Mein erster Gedanke ist, dass ich mich am Besten verstecken sollte, ich sehe definitiv verheult aus. Da aber offensichtlich jemand etwas von mir möchte, sollte ich mich nicht verstecken. Nach einem kurzen inneren Kampf gebe ich schliesslich nach. "Ja", rufe ich schwach. Ich wollte meine Stimme stark klingen lassen, aber das ist unmöglich. Ich drehe mich aber mit dem Rücken zur Tür, so dass die Person nicht als erstes meine verheulten Augen sieht. Ich höre, wie sich die Tür langsam öffnet. Die Person die dort steht bewegt sich für einen Moment nicht. "Louisa", höre ich schliesslich Nick's Stimme. Na toll. Der wird sicher mehr wissen wollen. "Ich muss für die nächsten paar Tage wegfahren. Am Mittwoch bin ich aber wieder zuhause. Ich wollte dich nur bereits jetzt informieren. Heute Nachmittag werde ich losfahren. Bitte höre auf deine Brüder. Es tut mir Leid, dass es gerade jetzt ist, aber ich kann nichts ändern."

Oh Mann! Das wird was... Ich bin ja mal gespannt. 

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