Kapitel 20

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Ich hatte es mir auf dem Beifahrersitz von Marlons Wagen gemütlich gemacht. Auf dem Fahrersitz saß allerdings nicht mein Onkel-Vater, sondern Susanne. Meine Cousine steuerte in aller Seelenruhe das Auto über die kurvige Straße und summte die Weihnachtslieder mit, welche lautstark aus dem Radio schalten.
Es war der 23. Dezember geworden. Heute Morgen hatte die ganzen Schüler Hogwarts wieder verlassen, um mit dem Zug die Heimfahrt nach London anzutreten. Ich allerdings nicht. Offiziell war ich momentan bei Natasha, um mit ihr die Weihnachtsferien zu verbringen. Der kleinen Schwester Honig ums Maul schmieren, wie es sich gehörte. Inoffiziell war ich nach Frankreich appariert, nur um kurze Zeit später mit Susanne in die Stadt zu fahren, um dort noch ein paar Weihnachtsgeschenke einzukaufen. Morgen würde ich dann hier in Frankreich einen Tag zu früh Weihnachten feiern, nur um den 25. Dezember endlich mal wieder mit Natasha zu verbringen. Mit ihr, Caleb, unserer Fast-Adoptivfamilie und ihrem Vater. Was ein Spaß.
Aber wenigstens den heutigen Tag hatten wir sehr gemütlich verbracht. Die Innenstadt war zwar voller als an normalen Tagen gewesen, aber viele waren noch Arbeiten und hatten daher noch keine Zeit für Weihnachts-Last-Minute-Käufe. Erst als wir gegen halb fünf so langsam Richtung Auto aufgebrochen waren, hatten sich die Straßen gefüllt.
Susanne setzte den Blinker und bog auf die nächste Straße ab. Jetzt waren wir fast zu Hause. In ungefähr zwei Kilometer würde die Abbiegung kommen, welche auf die Straße zum Schloss führte.
Ein neues Lied kam aus dem Radio, welches meiner Cousine wohl so gut gefiel, dass sie nun zum Mitsingen überging. Sie traf nur die Hälfte der Töne, doch ich wollte mich nicht beschweren. Sie wirkte glücklich und zufrieden und ihr Gesang war nicht so schlimm, dass ich ihre gute Stimmung trüben wollte.
In Hogwarts war nicht so wirklich Weihnachtsstimmung aufgekommen. Die Hand der Carrows hatte das nicht zugelassen. Noch immer hatte der Krieg auch das Innere der Schule fest im Griff. Die rebellischen Schüler und die meisten Lehrer stellten sich gegen die neue Herrschaft durch Snape und die Carrows. Allen voran Ginny Weasley, Neville Longbottom und Luna Lovegood. Es gab kaum einen Tag, an dem sie nicht irgendwie Chaos verursachten. Mindestens einmal die Woche wurden sie gefoltert, egal, ob die Carrows sie dabei erwischt hatten oder nicht. Sie gingen einfach davon aus, sie würden schon etwas damit zu tun haben. Manchmal fragte ich mich, ob die drei nach den Weihnachtsferien wiederkamen oder so wie Ron Weasley an einer angeblichen Griselkrätze erkranken würden und verschwanden.
„Da hat sich wohl einer verfahren", rief in diesem Moment Sue und riss mich damit aus den Gedanken über die politische Lage in Hogwarts. Sie sah neugierig zu einem Auto, welches neben der Fahrbahn auf dem Standstreifen stand. Ein Mann stand über der Motorhaube gelehnt, auf der vermutlich eine Straßenkarte ausgebreitet worden war. Jedenfalls leuchtete er mit einer Taschenlampe dorthin, ohne sie geöffnet zu haben. Also kein Motorschaden.
„Na hat der ein Glück, dass wir beide hier lang fahren", stellte ich fest. Normalerweise fuhr hier kaum einer lang. Die Straße führte vor allem durch die Landschaft. Weiter oben gab es zwar ein paar Parkplätze zum Wandern, doch die meisten starteten lieber von anderen Plätzen. Welchen näher an den Städten.
In diesem Moment blickte der Mann auf. Ein erleichtertes Lächeln machte sich auf seinem Gesicht breit. Anscheinend hatte er auch nicht sobald mit einem weiteren Wagen gerechnet. Er wedelte noch ein wenig mit der Taschenlampe, vermutlich weil er Angst hatte Susanne und ich würden einfach weiterfahren.
„Na dann spielen wir mal die Retter in der Not." Meine Cousine bremste langsam ab und hielt auf dem Standstreifen vor dem Mann. Sie stellte den Motor ab, während ich gleichzeitig ein Messer in meine Hand gleiten ließ. Nicht so, dass der Mann es gleich sehen würde. Ich wollte ihm ja keine Angst machen. Nur sichergehen, dass er nicht mehr lange Atmen würde, wenn es eine Falle wäre. Vielleicht etwas paranoid, doch seit dem Vorfall mit Lestrange war ich vorsichtiger geworden.
„Guten Abend", rief Susanne fröhlich, während wir ausstiegen.
„Guten Abend", erwiderte der Mann.
Neugierig musterte ich ihn. Er war ziemlich dick angezogen. Dicke gefütterte Schuhe, eine warme Daunenjacke, Handschuhe und eine Mütze, die seine braunen Haare verdeckten. Trotz der dicken Kleidung zitterte er leicht, was dafür sprach, dass die Kälte schon unter die ganzen Schichten gekrochen war. Er musste also schon etwas länger hier stehen. Dumm von ihm, dass er nicht einfach zurück in die Stadt gefahren war.
„Ich fürchte, ich habe mich verfahren. Kommen sie aus der Gegend und können sie mir vielleicht weiterhelfen?", wurden wir freundlich gebeten.
„Natürlich, Sir", erwiderte Sue. Gemeinsam stapften wir zu dem Mann herüber, welcher sich wieder über seine Karte beugte.
„Wo wollen sie denn hin?", fragte meine Cousine freundlich nach, während ich die Szenerie nur wortlos mit verschränkten Armen betrachtete.
„Wenn ich mich nicht irre, befindet sich hier ganz in der Nähe ein altertümliches Schloss", wurde uns erklärt, weshalb ich mein Messer fester packte. Richtig, hier in der Nähe befand sich nur eines. Das, indem meine Familie und ich wohnten. Touristen hatten dort wirklich nichts zu suchen.
„Das befindet sich in Privatbesitz und ist nicht zu besichtigen. Sie sollten wieder umdrehen und sich für die Nacht ein Zimmer in einem Hotel nehmen. Einfach drehen, an der nächsten Kreuzung nach links und der Straße folgen. Nach ungefähr drei Kilometern kommt auf der rechten Seite eines", informierte Sue den Mann ganz ruhig, als wäre es ihr vollkommen egal, dass der Mann sich für unser Zuhause interessierte. Vermutlich war sie einfach schon an neugierige Touristen gewöhnt, die meinten, sie könnten sich das Schloss ansehen.
„Mir ist bewusst, dass es sich in Privatbesitz befindet. Mein Bruder wohnte dort", wurde uns erklärt.
„Ihr Bruder?", meldete ich mich das erste Mal mit einem spöttischen Ton zu Wort. Niemand in meiner Familie hatte Muggel oder Squibs als Verwandte. Schon gar nicht als Brüder. Mal abgesehen davon, hätte der Mann wohl mindestens Sue erkennen müssen. Oder sie ihn.
„Ja, mein Bruder", wiederholte der Fremde noch einmal.
Hinter seinem Rücken warfen Sue und ich uns gegenseitig fragende Blicke zu. Ich hoffte, sie könnte mich über irgendeinen verschollen Muggel- oder Squib-Bruder aufklären, während sie sich wohl fragte, ob die Worte des Mannes eine Lüge waren. Doch das waren sie nicht. Er glaubte wirklich, ein Bruder von ihm würde bei uns wohnen. Warum auch immer.
„Ich fürchte, sie haben eine falsche Adresse. Sie sind sicherlich kein Teil unserer Familie", erwiderte Susanne nun und stieß sich vom Auto ab. Sie sah das Gespräch wohl als beendet an, was vermutlich auch die richtige Reaktion war. Auch wenn ich nur zu gerne gewusst hätte, wieso der Mann nicht die Adresse seines Bruders kannte. Und wie er darauf kam, er würde in unserem Schloss wohnen.
„Also wohnt bei ihnen kein Marlon Allaire?", wurden wir nun gefragt, weshalb mir das Blut in den Adern gefror. Es gab vielleicht keinen Bruder, der uns jemals mit dem Auto besuchen kommen würde, doch es gab einen biologischen Muggel-Halbbruder. Auch wenn der Fremde so gar nicht wie mein Vater aussah. Die Frage war nur, wie er unsere Adresse herausgefunden hatte. Meines Wissens nach standen wir nicht im Telefonbuch.
Anstelle auf die Frage zu antworten, sahen Susanne und ich uns nur stumm an. Sie wusste vermutlich auch, wer uns gerade gegenüberstand.
„Er muss vor einigen Jahren mal nach unserer Mutter gesucht haben", sprach nun der Fremde von unserem Schweigen verunsichert weiter. „Er ließ damals einen Zettel dort mit der Adresse von dem Schloss. Für den Fall, dass sie sich doch noch dafür entscheidet, Kontakt zu ihm zu wollen."
In mir breitete sich Wut aus. Das mochte ja wahr sein, doch dann war dieses Angebot über zwanzig Jahre alt. Diese Frau hatte Ewigkeiten Zeit gehabt, um sich für ihr leibliches Kind zu interessieren. Jetzt brauchte sie nicht ihren anderen Sohn vorschicken, um die wogen zu glätten. Der Zug war abgefahren.
„Sie sind ganz sicher nicht der Bruder meines Vaters. Höchstens das Kind, welches seine drogensüchtige Mutter nicht in den Müll geworfen hat. Verschwinden sie wieder zu ihr!", zischte ich.
Der Mann schluckte schwer bei meinen feindseligen Worten, während mir Sue anerkennend zu nickte. Ich gab ihr ein Zeichen, dass wir gehen sollten. Solange der biologische Halbbruder meines Vaters noch in seiner Schockstarre war, würde er uns wenigstens nicht folgen. Ich würde ihm sicherlich nicht den Weg zu Marlon zeigen. Eher würde ich das Auto zwei Kilometer auf einem Parkplatz lassen und nach Hause apparieren.
„Ich weiß, die Reaktion meiner Mutter muss verletzend für ihn gewesen sein. Aber es war nicht meine Entscheidung. Bitte. Ich werde sofort wieder fahren, wenn ihr Vater mich nicht sehen will", wurde uns versprochen.
Ich sah fragend zu Sue. Ich war dagegen, den Mann mitzunehmen. Allerdings war ich natürlich auch nicht unvoreingenommen, wenn man an meine Schwierigkeiten mit Familie dachte. Wenn sie glaubte, wir sollten dem Fremden die Chance geben, würde ich mich daran halten.
„Er wird uns so oder so hinterherfahren können", gab Sue flüsternd zu bedenken. „Lass Marlon ihn herausschmeißen. Dann ist er auch definitiv nicht sauer, weil wir die Entscheidung für ihn getroffen haben."
Ich nickte leicht. Dann war es entschieden und wir würden den Fremden erlauben, uns zu folgen. Auch wenn ich mir sehr sicher war, das Kennenlernen mit seinem biologischen Halbbruder würde sehr anders verlaufen, als er momentan erhoffte.

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