Kapitel 38

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Schlecht gelaunt sah ich den Brief an, welcher aus Deutschland eingetrudelt war. Mal wieder ein neuer Brief, in welchem mir Jessica von irgendwelchen Sorgen in dem Schloss erzählte. Meistens war es irgendein Kleinscheiß, für deren Lösung ich beim besten Willen keine Nerven hatte. Dass Pedro den ganzen Tag nichts anderes tat, als Fluchtpläne zu schmieden, war wirklich keine neue Information mehr. Das Gleiche galt auch für die immer mal wieder etwas depressiveren Tage der anderen im Schloss. Sich dort zu verstecken, war keine einfache Situation. Die Nerven lagen bei allen blank.
Ich hatte mir wirklich Mühe gegeben, Jessica trotzdem irgendwie zu unterstützen. Neue Unterhaltungsmöglichkeiten für alle im Schloss – gerade der Fernseher hatte dort erstmal für viel Verwirrung und Aufregung gesorgt – Vivienne, die regelmäßig als hauseigene Psychologin vorbeikam, und insgesamt schlug jetzt öfter mal jemand aus der Kriegsnymphenfamilie dort auf, um den Kontakt zur Außenwelt zu spielen. Gerade Azura verbrachte dort mittlerweile viel Zeit, um Elaina aus dem Weg zu gehen, die ärgerlicherweise ständig in Frankreich aufschlug, um sich wieder zu vertragen. Eine Neuerung, die es mir unmöglich machte, selbst mal bei meiner Familie vorbeizuschauen.
Meine Bemühungen schien die Apollon-Nymphe allerdings eher als Aufforderung zu sehen, mir noch mehr von ihren ganzen Problemen zu erzählen. Mit jedem gelösten Problem hatte ich das Gefühl, die Briefe mit einem Neuen kamen etwas öfter. Wenn es so weiterging, würde ich noch stündlich einen Brief kriegen, in dem mir geschildert worden war, was jetzt schon wieder alles schief gegangen war. Die Frage war nur, ob die Apollon-Nymphe dafür genug Eulen besaß.
Anstelle das Schriftstück zu lesen, schmiss ich es einfach auf den Couchtisch, wo er auf ein paar Zeitschriften über Wohnmobile liegen blieb. Ich hatte keine Lust, mich mit dem Mist zu befassen. Finn war hier, weshalb ich mir mal ausnahmsweise selbst eine entspannte Zeit machen wollte.
Mein Freund hatte einer der Zeitschriften in der Hand und markierte alle Wohnmobile, die er für unsere Weltreise nach dem Krieg gut fand, mit einem Post-it. Auch schon in den anderen Katalogen waren welche hereingeklebt worden. Ich kuschelte mich wieder an ihm und beäugte neugierig die Seite. Amüsiert stellte ich fest, dass er aktuell einen beäugte, der eindeutig für zu viele Personen ausgelegt war. Neben dem Doppelbett gab es noch ein Hochbett. Ein Möbelstück, dass wir definitiv nicht brauchten.
„Wen willst du noch mitnehmen?", fragte ich amüsiert. Als ich die Zeitschrift noch in der Hand hatte, hatte ich immer sofort umgeblättert, wenn ich irgendwo ein zusätzliches Etagenbett gesehen hatte. Den Platz dafür konnten wir beide wirklich besser verwenden.
„Überlege ich mir noch", wurde mir mit einem kleinen Grinsen im Gesicht erklärt. Im nächsten Moment wurde allerdings auch schon die Seite umgeblättert. „Ich dachte, ich warte auf dich, solange du noch deinen Brief liest", fügte er dann hinzu. Seinem Blick nach zu urteilen, wollte er mich mit dieser Anmerkung dazu kriegen, dass ich mich wieder mit meiner Post beschäftigte. Das hatte ich allerdings beim besten Willen nicht vor.
„Ich lese ihn später. Ist nur wieder Jessica. Vermutlich sind ihnen die Filme ausgegangen oder so. Ich habe ihr schon tausend Mal gesagt, dass sie so etwas besser meiner Familie schreibt. Am Ende beauftrage ich nämlich nur sie, ihnen Neue vorbeizubringen. Es wäre daher wesentlich effizienter, ihnen zu schreiben", erklärte ich desinteressiert. Um meine Aussage zu unterstreichen, blätterte ich auf die nächste Seite um. Auf der Aktuellen war wieder ein Wohnmobil mit Etagenbett zu finden.
„Wann warst du das letzte Mal in Deutschland?", wurde ich vorsichtig gefragt.
„Als ich die Longbottoms dort abgeliefert habe. Also als ihr gefangen wurdet."
Danach hatte ich das fremde Land gemieden. Die ständigen Diskussionen zwischen Jessica und mir brachten niemanden weiter. Nicht mich, nicht sie.
„Du solltest dort mal wieder aufschlagen. Ich habe das Gefühl, sie will dich mit ihren ganzen kleinen Problemchen nach Deutschland locken."
Ich zuckte mit den Schultern. Konnte gut sein, dass Finn damit recht hatte. Es würde auf jeden Fall vom Zeitpunkt her passen. Die Briefe hatten ungefähr zwei Wochen, nachdem ich die Longbottoms dorthin gebracht hatte, angefangen. Davor war ich eigentlich mindestens einmal in der Woche dort gewesen.
Mein Freund verdrehte leicht die Augen. Anstelle nun einfach das Thema Deutschland ruhen zu lassen. Die Zeitschrift wurde weggelegt. Stattdessen angelte er sich den Brief und riss ihn einfach auf.
„Schon mal was von Briefgeheimnis gehört?", murrte ich, ließ ihn allerdings einfach weitermachen.
„Klar. Zählt aber nicht zwischen Ehepaaren."
Na, das hielt ich aber für ein Gerücht. Trotzdem sparte ich mir eine weitere Beschwerde, als mein Freund den Brief auch noch aufriss. Er überflog kurz die Zeilen, bevor er sich wieder an mich wandte:
„Remus ist in Deutschland mit großen Neuigkeiten. Du sollst kommen, wenn sie dich interessieren."
Ich schnaubte leise. Das würde ich sicherlich nicht tun. Das hier war noch immer Finns und mein Abend. Mal abgesehen davon, dass ich mir schon ziemlich sicher war, welche Neuigkeiten Remus mir mitteilen wollte – alle warteten auf die Geburt von seinem und Nymphadoras Kind – konnte er es mir auch ein anderes Mal erzählen. Und vor allem an einem anderen Ort.
„Hast du Azura nicht gesagt, dass man während eines Kriegs nicht zu lange beleidigte Leberwurst spielen sollte, weil man nie weiß, wie viel Zeit noch für eine Entschuldigung bleibt?", fragte mich mein Freund belustigt.
Ja, dieser Tipp stammte eindeutig von mir. Er galt allerdings dafür, dass man seiner besten Freundin nicht aus den Weg gehen sollte, wenn man sie vermisste. Ich hatte ihr damit sagen wollen, sie sollte sich mit ihrer Elaina vertragen, anstelle so zu tun, als wäre sie für die Rothaarige zwei Jahrzehnte lang die Leibwächterin gewesen. Bisher hatte sie allerdings nicht auf mich gehört. Verständlich. Ich war auch wirklich nicht der beste Anlaufpunkt, wenn es um Tipps wegen einer schwierigen Beziehung ging.
„Das ist etwas ganz anderes. Wir haben kein Streit, sondern ... wir passen einfach alle nicht so gut zusammen. Es ist und war immer eine Zweckgemeinschaft mit den anderen Nymphen. Wir haben einen gemeinsamen Feind, gegen den wir nur gemeinsam kämpfen können. Mehr aber auch nicht.
Die ständigen Meinungsverschiedenheiten von Jessica und mir kosten allen einfach nur Kraft. Es ist daher besser, wenn wir uns aus dem Weg gehen."
Finn schüttelte bestimmt den Kopf.
„Sie sieht es wohl anders. Na komm. Tue allen den Gefallen und höre dir dort Remus Neuigkeiten an. Ich komme auch mit."
Ich sah Finnlay böse an. Meine Taktik, den Brief zu ignorieren und mich morgen um alles zu kümmern, fand ich viel besser. Ich würde Remus einfach erklären, dass mein Freund bei mir gewesen ist und ich ihn erst danach gelesen hatte. Der ehemalige Lehrer hätte dafür sicherlich verständlich. Vor allem weil ja auch Jessica geschrieben hatte. Da ging ich natürlich nicht davon aus, dass Remus mir die Geburt seines Kindes erzählen wollte. Und es wäre auch keine Lüge. Bisher hatte ich den Brief noch nicht gelesen.
„Das wird schon", wurde mir versichert. „Außerdem kannst du mir nicht die Gelegenheit verwehren, endlich mal einen weiteren Teil deiner Familie kennenzulernen."
„Ich hoffe, dieser Teil will dich auch noch verhauen, weil deine Mission es war, mich umzubringen", murrte ich.

Hexagramm - PhönixrufWo Geschichten leben. Entdecke jetzt