Noch immer nagten die Ereignisse des Tages an mir. Das Bild von Finns MACUSA-Ausweis hatte sich in mein inneres Auge eingebrannt. Noch immer herrschte aufgrund des Fundes in mir ein Gefühlschaos. Ich fühlte mich traurig, wütend, verraten und mittlerweile hatte sich auch noch eine weitere Erkenntnis in mir breitgemacht: Ich war eine Schwerverbrecherin.
Wirklich überraschend war das natürlich nicht. Ich wusste, was ich unter dem Fluch getan hatte. Die ganzen Toten, die auf mein Konto gingen. Es klebte viel Blut an meinen Händen und ich würde es nie wieder abgewaschen kriegen. Dass ausländische Regierungen mich lieber früher als später stürzen wollten, war daher eigentlich selbstverständlich.
Trotzdem fraß sich die Erkenntnis immer tiefer in meine Seele und als ich in den Spiegel sah, um zu sehen, ob ich die Tränenspuren alle weggewaschen hatte, sah ich dort wieder den Teufel in Person. Ich hatte so viel Macht und konnte so viel gutes Tun und ich hockte den ganzen Tag hier herum. Mein weißer Umhang, mit welchem ich als Lyra unterwegs war, hing die allermeiste Zeit unberührt in einem Geheimfach. Bei den allermeisten Sachen schritt ich nicht ein, weshalb ich ihn eigentlich nicht mehr brauchte. Mein Eingriff war riskant und hatte kaum Nutzen für die Sache. Ich musste immer aufs genauste abwägen, wann ich eine Information dafür einsetzte, jemanden zu retten. Nicht, dass noch jemand auf die Idee kam, die Frau in weiß könnte Informationen direkt aus den Reihen der Todesser erhalten.
Obwohl ich aus einem guten Grund nicht jedes Mal losrannte, wenn jemand in Gefahr war, hasste ich mich gerade dafür. Ein guter Mensch würde nicht solche Entscheidungen treffen. Dabei war ich mir sicher. Und ein guter Mensch hätte wahrscheinlich auch nicht Azura so angemeckert.
Ich zwang mich dazu, mich von dem Spiegel wieder abzuwenden. Es brachte nichts, wenn ich jetzt in Selbsthass anstelle von Selbstmitleid verfiel. Ich hatte schon genug Zeit damit verbracht, heulend im Bett zu liegen. Jetzt hieß es wieder, Krone zurechtrücken und die Mission beenden, damit ich möglichst schnell aus diesem Leben wieder herauskam, welches mich mittlerweile langsam aber sicher zerfraß.
Die Badezimmertür war gerade wieder zu, als es mal wieder an meiner Wohnungstür klopfte. Ich seufzte leise. Entweder hatte Azura meine Freunde informiert, die nun kommen wollten, um mir den Kopf zu tätscheln oder es war irgendetwas passiert, worüber ich informiert werden sollte.
Anstelle in mein Arbeitszimmer zu laufen, machte ich mich auf dem Weg zur Wohnungstür. Diese riss ich auf, weshalb Snape zum Vorschein kam. Na dann musste es wirklich wichtig sein.
„Das tägliche Update, Basílissa", schnarrte der Schulleiter, weshalb ich mir beschämt auf die Lippe biss. Während unseres üblichen Treffens hatte ich hier gerade heulend im Bett gelegen. Ich war also nicht nach oben gegangen, um zu fragen, was es Neues außerhalb dieser Mauern gab. Wahrscheinlich hatte ich Snape damit einen ordentlichen Schrecken eingejagt.
Wortlos trat ich bei Seite, damit der Mann eintreten konnte. Der Schulleiter kam auch der stillen Aufforderung nach. Wie selbstverständlich lief er an mir vorbei zu meinem Arbeitszimmer. Wahrscheinlich wollte er herausfinden, woran ich heute schon wieder gearbeitet und deshalb die Zeit vergessen hatte.
„Es tut mir leid, dass ich nicht gekommen bin", gab ich kleinlaut zu.
„Ich nehme an, sie hatten etwas Wichtiges zu tun."
Ich sah beschämt auf den Boden. Nein, das hatte ich nicht wirklich. Ich hatte nur mein dummes gebrochenes Herz betrauert und meine Wunden geleckt. Das war alles andere als wichtig.
„Sie hatten einen Durchhänger", stellte Snape fest. „Mal wieder."
„Ich werde die Mission bis zum Ende durchziehen", murrte ich. Ich hatte wirklich keine Lust, schon wieder darüber zu diskutieren, ob ich mich mit dem ganzen Mist hier übernommen hatte. Das brachte mich nicht weiter.
„Man hat beschlossen, gegen Neville Longbottom vorzugehen", berichtete Snape, der sich wohl dazu entschieden hatte, meinen erneuten Nervenzusammenbruch einfach zu ignorieren. Vermutlich wusst er selber, dass wir viel zu nahe am Ziel waren, damit ich noch abbrechen würde. „Zu diesem Zwecke hat der dunkle Lord befohlen, heute Abend Alice und Frank Longbottom nach Malfoy Manor zu holen."
Mir gefror das Blut in den Adern. Hatten die beiden ehemaligen Auroren nicht schon genug gelitten? Man hatte sie um den Verstand und fast zu Tode gefoltert. Reichte das nicht? Musste man sie jetzt auch noch aus dem St. Mungos entführen? Und vor allem was hätte das für Folgen?
Die Gefangenschaft im Keller der Malfoys war selbst für gesunde Menschen schon zerstörend. Mr Ollivander, der schließlich schon über ein Jahr dort lebte, war nur noch ein Schatten seiner selbst. Er war ganz abgemagert und hatte kaum noch Kraft für irgendetwas. Mittlerweile erwartete ich schon fast, dass sein Körper bald aufgab, und auch Luna baute wohl körperlich langsam aber sicher immer weiter ab. Wie sollte es das Ehepaar Longbottom schaffen, wenn sie eigentlich durchgängig ärztliche Aufsicht brauchten? Oder würden sie es besser überstehen, weil sie gar nicht verstanden, was mit ihnen geschah? Die Frage war allerdings auch, wollte ich es ausprobieren? Eigentlich eher nicht.
Schon fast wie ein Roboter lief ich zu dem Geheimfach in der Wand, hinter welchem sich mein weißer Vorhang versteckte. Ich musste die Longbottoms einfach retten, egal wie riskant und auffällig das war. Ich musste einfach mal wieder etwas Gutes tun, um kein von der MACUSA gejagtes Monster mehr im Spiegel zu sehen.
Das Fach öffnete sich, weshalb das Kostüm von Lyra zum Vorschein kam. Daneben stand noch immer das Foto von Finn und mir sowie die leere Schmuckschatulle für meinen Ehering. Erneut zog sich mein Herz zusammen. Buckley würde ich schon zeigen, dass in mir viel mehr steckte, als dass ich nur eines der Monster war, welches er für die amerikanische Regierung umbrachte.
Ich war vielleicht nicht die Superheldin der Geschichte. War ich nie und würde es auch nicht sein. Aber ich war eben auch nicht der Bösewicht, sondern irgendetwas dazwischen.
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Hexagramm - Phönixruf
FanfictionDreizehn Nymphen, dreizehn Flüche. Sieben Horkruxe, drei zerstörte. Tahnea ist besiegt, Patricias Fluch ist gebrochen. Doch nun bleibt ihr nur kein Jahr, bevor sie stirbt. Kein Jahr, um die Vorgängernymphen und ihren Vater aus der Zwischenwelt zu be...
