Kapitel 43

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Ich fühlte mich ruhig. Vollkommen ruhig. War das normal? Sollte nicht mein Überlebensinstinkt einsetzen? Sollte nicht irgendetwas in mir nun anspringen und mir raten, zu fliehen?
Doch das tat es nicht. Ich hatte schon lange meinen Frieden damit gemacht, dass ich heute sterben würde. Jetzt zu wissen, wieso und wann ich sterben würde, war irgendwie befriedigend. Als gäbe es nichts mehr auf der Welt, was mir etwas anhaben konnte. Allerdings stimmte es auch. Ich würde sterben. Was sollte mir daher ansonsten noch passieren?
Anstelle die Flucht anzutreten, löste ich die Axt von meinem Rücken. Der Griff fühlte sich vertraut in meiner Hand an, weil ich sie schon so oft durch die Luft gewirbelt hatte. Ein alter Freund, der mit mir untergehen würde. Wir beide zusammen gegen den Rest der Welt.
Und dann rannte ich los.
Anstelle zu fliehen, rannte ich wieder in Richtung der Todesser. Flüche wurden mir entgegengeworfen. Um ihnen auszuweichen, sprang ich von links nach rechts und wieder zurück. Einige musste ich auch mit Schildzaubern abblocken. Ich machte mir nicht die Mühe, selbst Flüche auf meine Gegner zu werfen. So naiv war ich nicht, dass ich glauben würde, mit meiner Magie gegen sie anzukommen. Sie waren mir zahlenmäßig weit überlegen und magisch nicht unbegabt. Mit fünfzehn Leuten würden sie meine Flüche abwehren. Außerdem brauchte ich meine Magiereserve, um selbst Schutzzauber zu errichten und die Mauer aufrecht zu erhalten. Mit Muggelwaffen wären sie allerdings wie fast alle Zauberer einfach überfordert.
Im Kopf zählte ich die Sekunden, die vergingen und überlegte, wo wohl gerade die anderen waren. Wie sie ihre Flucht durch den Wald fortsetzten, so schnell sie konnten und den Abstand zu uns vergrößerten.
Der Abstand zu meinen Gegnern jedoch verringerte sich immer weiter. Sie schienen noch nicht realisiert zu haben, dass ihre Zauber gerade nutzlos waren. Obwohl ganz stimmte es nicht. Sie raubten mir meine Magiereserven und verlangsamten mich auf den Weg zu ihnen. Doch retten würde sie das Ganze nicht.
Endlich erreichte ich den ersten unserer Verfolger. Ohne zu zögern, holte ich mit der Axt aus und zielte auf seinen Arm. Mit einer klaffenden Wunde darin würde er kaum noch einen Zauber hinkriegen. Der Todesser wich zurück, weshalb mein Schlag ins Leere ging. Ich sprang einfach hinterher, holte erneut aus und traf dieses Mal.
Der Todesser schrie auf. Im nächsten Moment viel auch schon der Zauberstab zu Boden. Ich trat darauf, sodass er in zwei nutzlose Hälften zerbrach. Als Nächstes ließ ich die Axt herumwirbeln. Gezielt donnerte ich den Griff gegen den Kopf meines Gegners, sodass er bewusstlos zusammensackte. Einer erledigt, blieben nur noch vierzehn.
In meinem Kopf zählte ich weiterhin die Sekunden. Selbst mit dem langsamen Tempo der anderen müssten sie jetzt ungefähr den Geheimgang in meine Wohnung erreicht haben.
Ich wirbelte zu meinem nächsten Gegner herum, während die Zauber gegen mein Schutzschild knallten. Ich wusst genau, eigentlich verpulverte ich gerade zu viel meiner Magie. Vierzehn Flüche abzuwehren, war selbst für mich nichts, was man einfach nur mit einem Fingerschnipsen machen konnte. Unter anderen Umständen würde ich versuchen, meine Magie zu sparen, und erstmal den Rückzug antreten, um sie dann einer nach den anderen zu erledigen. Da es hier allerdings nicht um meinen Sieg sondern ums Zeitschinden ging, ignorierte ich einfach, wie kräftezehrend meine Aktion gerade war.
Noch drei weitere Gegner erledigte ich auf gleiche Art und Weise. Hinrennen, Zauberstab zerstören und niederschlagen. Dann weiter zum Nächsten. Es war eigentlich ziemlich einfach.
In meinem Kopf zählte ich weiter die Sekunden und schätzte die Positionen der anderen ab. Mittlerweile waren sie ziemlich sicher im Geheimgang verschwunden. Sie waren in Sicherheit. Da war ich mir sicher.
Ich machte auf den Absatz kehrt. Mein erstes Ziel war erreicht. Die anderen waren entkommen und konnten sich nun auf die Vernichtung von Voldemort vorbereiten. Und ich? Ich könnte diesen Kampf jetzt etwas klüger angehen. Gerade war es relativ egal, wenn mir einer entkam und ich ihn später aufspüren musste. Vermutlich würde ich ihn dann zuverlässig am Schloss finden.
Anstelle die nächste Person auszuschalten, rannte ich nach rechts davon. Ab in den Wald, weg von den ganzen Leuten. Die Flüche schossen mir hinterher, weshalb ich erneut im Zickzack laufen musste. Ich musste sie abschütteln.
Zielsicher rannte ich durch den Wald. Jetzt gerade war ich sehr froh darüber, dass ich so viel von meiner Freizeit hier drinnen verbracht hatte. Das Verstecken vor den Mitschülern, das Hinterherspionieren von Kira und Mary, und das Herumstromern mit den Mädchen aus der Kriegsnymphenfamilie hatte doch irgendeinen Sinn gehabt. Ich kannte den Wald jetzt wie meine Westentasche, weshalb ich gefühlt blind hier herumrennen konnte. Anders als meine Verfolger, welche immer wieder über Wurzeln und andere Unebenheiten stolperten. Dadurch wurde der Abstand zwischen uns wieder um einiges größer.
Ich lief in einen Teil des Waldes, welcher immer dichter bewachsen war, sodass es schwieriger wurde, mich im Blickfeld zu behalten. Nun schlug ich nicht mehr nur Haken, um den Flüchen zu entkommen, sondern auch damit man mich aus den Augen verlor. Die Jagd durch den Wald ging höchstens eine Minute, doch als ich hinter ein paar Büschen in Deckung ging, brannte trotzdem meine Lunge vor Anstrengung.
Anstelle keuchend möglichst viel Luft wieder in meine Lunge zu bringen, zwang ich mich dazu, möglichst flach zu atmen. Ich wollte kein Geräusch von mir geben, welches meine Position verraten konnte. Nur gut, dass es nicht so kalt war, dass mein Atmen keine kleinen weißen Wölkchen bildete.
Die Todesser gaben sich nicht so viel Mühe, ihre Position zu verschleiern. Man hörte ihre Schritte auf den Boden donnern, das Rascheln der Blätter und das Knacken der Äste. Immer wieder hörte man auch das leise Fluchen eines Todesser, welcher in der Dunkelheit eine Wurzel übersehen hatte und stolperte. Ein paar Flüche wurden auch noch in die Gegend geschossen. Sie erhellten die Umgebung, trafen aber nur Bäume weit von mir entfernt.
Meine Gegner kamen immer näher. Bisher schienen sie noch nicht bemerkt zu haben, dass ich aus ihrem Blickfeld verschwunden war. Wenn man bedachte, wo die Flüche gerade einschlugen, kannten sie meinen Standort auch wirklich nicht. Oder feuerten sie daneben, um mich in Sicherheit zu wiegen?
Die ersten Todesser traten in mein Sichtfeld und verlangsamten ihre Schritte. Ich hielt den Atem an, als könnte das leise ein- und ausatmen meinen Standort verraten, während ich gleichzeitig meine Muskeln anspannte. Meine Axt hatte ich mittlerweile durch zwei Wurfmesser ausgetauscht, welche sich genauso vertraut anfühlten.
Und dann kam die erlösende Frage.
„Wo ist sie hin?", rief einer der Todesser nach Luft schnappend.
„Sie ist verschwunden", stellte ein anderer fest, während er sich suchend umsah. Da mittlerweile allerdings keine Flüche mehr abgefeuert wurden, war es nun definitiv zu dunkel, damit sie mich sehen konnten.
„Wir sollten uns aufteilen und sie suchen. Lumos", erklärte eine Frau. Im nächsten Moment erleuchtete auch schon der Schein eines Zauberstabs den Wald. Die dazu passende Todesserin konnte ich allerdings nicht sehen, weil sie hinter einem Baum stand.
„Aufteilen?", rief der Erste entsetzt. „Das will die doch!"
Enttäuschend das einer genug Grips hatte, nicht alleine loszulaufen. Es wäre doch wirklich schön gewesen, würden sie mir diesen Gefallen tun. Allerdings hatte ich nicht damit gerechnet, dass sie so dumm waren. Voldemort hatte sicherlich nicht nur dumme Schläger dagelassen, um mich zu überwältigen.
„Er hat Recht. Sie ist vor uns als Gruppe geflohen. Wir waren zu viele für sie. Das dümmste, was wir jetzt machen können, ist es, uns zu trennen. Dann wird sie uns einfach nacheinander ausschalten. Wir bleiben eng beieinander, während wir sie suchen."
Man hörte noch ein paar Mal jemanden Lumos rufen, weshalb immer mehr Lichtkugeln an den Spitzen von Zauberstäben die Dunkelheit vertrieben. Die Todesser setzten sich erneut in Bewegung, während sie Ausschau nach Hinweisen auf mich hielten. Das Knacken und Rascheln ging wieder los. Die Gruppe schob sich langsam durch den Wald, während sie etwas planlos in eine Richtung losgingen. Sie steuerten zwar nicht direkt in meine Richtung, kamen aber immer näher und näher. Noch immer wagte ich es nicht, richtig zu atmen. Wenn sie mich entdecken würden, hätte ich zu vorhin gar nichts gewonnen.
Der Abstand verringerte sich immer mehr. Aus zehn Metern wurden fünf, dann schließlich vier, drei und dann war die Gruppe nur noch zwei Meter entfernt. Vielleicht sollte ich mich einfach auf sie stürzen, bevor mich entdeckten. Dann könnte ich wenigstens noch den Überraschungsmoment ausnutzen.
Und dann hörte man weiter im Wald ein leises Knacken.
Die Todesser wirbelten sofort herum und rannten in die Richtung. Hielten sie mich wirklich für so blöd, bei einer solchen Aktion auf einen Ast zu treten? Na ja, ich wollte mich nicht beschweren. Schließlich hatten sie mich deshalb nicht entdeckt.
Ich ließ der maskierten Gruppe einen Vorsprung, bevor ich wieder aus dem Gebüsch kroch. Anstelle ihnen nachzurennen, schlich ich allerdings in den Schatten des nächsten Baumes und lauschte. Die Todesser hatten wieder angehalten und waren am Streiten.
„Die kann doch nicht spurlos verschwunden sein!", regte sich die Frau auf.
„Sucht nach Spuren von ihr!", befahl der zweite Mann.
Man hörte wieder das Knacken von Ästen, während die Todesser erneut nach Spuren von mir suchten. Damit würden sie allerdings kein Glück haben. Dort hinten war ich schließlich gar nicht gewesen. Mal abgesehen davon, konnte ich mich wesentlich besser im Wald bewegen, ohne ständig auf Äste zu treten und somit eine Spur zu hinterlassen. Sie kamen aber auch nicht auf die Idee, wieder in diese Richtung zu kommen.
Ich musste grinsen. Diese Situation gefiel mir gerade sehr gut. Auf genau so eine Situation hatte ich gehofft. Viel Abstand und vor allem wussten meine Gegner nicht, wo ich gerade war. Ich steckte die Wurfmesser wieder in den Gürtel um stattdessen eine andere Waffe von meinem Rücken zu lösen. Meinen Bogen. Mit diesem in der Hand huschte ich in Richtung der Todesser, genau darauf bedacht mich in den Schatten der Bäume zu halten und kein Geräusch zu erzeugen.
Schließlich war ich nah genug an den Leuten dran, um wieder die Lichtkegel ihrer Stäbe zu sehen. Das Licht reichte allerdings noch lange nicht bis zu mir, weshalb ich mich weiterhin perfekt in den Schatten verstecken konnte. Ich legte einen Pfeil ein, zog die Sehne meines Bogens zurück und trat hinter dem Baum hervor. Gerade so lange, wie ich brauchte, um zu zielen und die Waffe abzufeuern. Während ich wieder in den Schatten verschwand, zischte mein Pfeil durch die Luft. Ein schmerzerfüllter Schrei war zu hören, als er in den Körper eines Gegners einschlug. Zwar wusste ich nicht, wo ich getroffen hatte, aber ich hatte es.
„Sie hat Greengras erwischt!", schrie die Frau panisch.
„Aber uns auch ihre Position verraten. Findet sie!"
Ich verdrehte die Augen. Als würde ich hierbleiben. Ganz sicher nicht. Deshalb waren doch die Angriffe aus der Ferne so praktisch. Erst angreifen und dann schnell wieder in den Schatten verschwinden, nur um das Spiel wieder von vorne zu spielen.
Ich entfernte mich wieder von der Gruppe und lief dabei nach rechts. Erneut achtete ich darauf, meine neue Position nicht zu verraten. Keine Stöcke zertreten und in den Schatten halten. So schwierig war es doch wirklich nicht.
„Der Pfeil kam irgendwo von hier!", brüllte die Frau, als sie tatsächlich fast meine alte Position erreicht hatte. Nur blöd, dass ich mittlerweile wieder gut zehn Meter entfernt war. Nicht so weit weg wie noch vor meinem ersten Angriff aber doch weiter. Und von jemanden mit einem Pfeil im Körper war nichts zu sehen. Vermutlich hatte ich meine Gegner auf zehn reduziert.
Ich holte weitere Munition aus dem Köcher, um einen weiteren Zauberer auszuschalten. Sehne spannen, aus dem Schatten treten, auf das Licht zielen und Schuss. Erneut flog mein Pfeil, nur damit die nächste Person aufschrie. Da waren es nur noch neun.
„Die Richtung!"
Erneut verschwand ich in die Schatten, während die Todesser in meine Richtung gerannt kamen. Sichere Position suchen, Pfeil einlegen und ein weiterer Schuss. Ein Schrei war wieder zu hören. Drei Schüsse, drei Treffer. Eine perfekte Quote.
„Jetzt reicht es mir. Bombada!"
Der Sprengzauber schlug einige Meter von mir entfernt ein. Auch wenn ich nicht direkt getroffen wurde, musste ich ein Schutzschild heraufbeschwören, um weder von der Druckwelle noch von den herumfliegenden Teilchen Steinen oder Ästen getroffen zu werden. Einem umkippenden Baum konnte ich allerdings trotzdem nicht ganz ausweichen. Der Stamm erwischte mich am linken Arm und hinterließ auf der gesamten Länge eine Schürfwunde. Außerdem musste irgendetwas Spitzes an der Rinde sein, weshalb er einmal über die gesamte Länge aufgeschlitzt wurde. Ich biss mir auf die Lippen, doch ein Knurren aufgrund des Schmerzes konnte ich mir nicht verkneifen.
Mal abgesehen von meiner Verletzung hatte der Sprengzauber noch einen weiteren Nachteil. Die ganzen Bäume waren umgekippt, sodass meine wichtigsten Schattenspender nun auf dem Boden lagen. Keine Möglichkeit mich erneut zu verstecken. Mal davon abgesehen wusste ich nicht, wie gut ich mit meinem linken Arm noch schießen konnte. Wenigstens hatte ich sie schon um drei weitere Personen reduziert. Dann eben wieder die harte Tour.
Auch wenn ich mir nicht sicher war, wie viel es bringen würde, legte ich einen weiteren Pfeil ein, nur um ihn auf die Todesser zu schießen, während ich auch schon wieder auf sie zulief. Aus dem Hinterhalt war der Fernkampf ja mein Ding, doch so war es mir lieber, nah an den Todessern zu sein. Denn dann mussten sie aufpassen, sich nicht gegenseitig über den Haufen zu schießen.
Dieses Mal hatte ich allerdings nicht so gut mit dem Bogen gezielt. Jedenfalls hörte ich keine Schmerzensschreie.
„Lasst sie nicht an uns heran!", befahl die Frau, welche sich wohl nicht auf meine Bedingungen einlassen wollten. Im nächsten Moment wurde mir auch schon der nächste Sprengzauber entgegengeschleudert. Dieses Mal war er allerdings besser gezielt.
Der Zauber knallte in mein Schutzschild, an welchem er verpuffte. Die anderen Todesser schienen die Anweisung der Frau sehr ernst zu nehmen. Weitere knallten in mein Schild und dann ... mein Zauber zerbrach. Zwar erwischte der Fluch mich nicht direkt, doch der Druckwelle schon. Ich wurde durch die Luft geschleudert, zusammen mit Steinen und Stöcken, welche gegen mich schlugen und meine Haut noch weiter aufschlitzten. Die Alarmglocken warnten mich überall vor Gefahr.
Ich schlug wieder hart auf dem Boden auf. Zwar war ich klug genug gewesen meinen Kopf auf die Brust zu legen, sodass ich nicht auf diesen fiel, allerdings schmerzte nun auch mein Rücken schrecklich.
Ich wollte mich wieder aufrappeln, doch bevor ich dazu die Gelegenheit hatte, schlug unweit von mir ein weiterer Sprengzauber ein. Erneut wurde ich in die Luft gehoben, zusammen mit all den Stöckern und Steinen.
Und dann bohrte sich einer der umherfliegenden Äste in meinen Bauch.
Ich schrie vor Schmerzen auf, während ich auch schon erneut auf den Boden aufschlug. Sämtliche Luft wurde mir aus der Lunge gepresst. Ich versuchte, tief einzuatmen. Es tat höllisch weh und der ganze Staub brachte mich zum Husten. Automatisch hielt ich mir die Hand vor den Mund und merkte sofort, es kam irgendwie zu viel Flüssigkeit aus meinem Mund. Als ich sie wieder wegnahm, klebte Blut an ihr.
Das war es. Jetzt war es vorbei. Der Stock hatte meine Lunge verletzt, weshalb sie sich gerade mit Blut anstelle von Luft füllte. Ich würde ersticken. Obwohl ich wusste, dass es nicht mehr viel bringen würde, versuchte ich reflexartig erneut Luft zu holen. Anstelle, dass sich meine Lunge wirklich mit Luft füllte, begann ich erneut zu husten.
„Wir haben sie –", rief die Frau, gab dann allerdings einen Schmerzensschrei von sich. Noch immer Blut hustend zwang ich mich dazu, in die Richtung zu sehen. Die Todesserin war von einem Pfeil getroffen worden, welchen ich sicherlich nicht abgeschossen hatte.
Im nächsten Moment schoss auch schon der nächste Pfeil aus dem Dickicht. Die Todesser wandten sich von mir ab, um ihren neuen Gegner im Wald zu finden. Erneut wurde ein Sprengzauber abgeschossen. Anscheinend hatten sie etwas durch den Kampf mit mir dazugelernt.
Als sich erneut der Staub legte, konnte man Susanne erkennen, welche es geschafft hatte, den Sprengzauber abzuwehren. Sie zögerte keine Sekunde und rannte in Richtung der Todesser.
Im ersten Moment versuchte ich noch das Geschehen zu verfolgen, allerdings merkte ich, wie mir langsam durch den Sauerstoffmangel schummrig wurde. Mein Körper schien nun doch noch auf den Überlebensmodus schalten zu wollen. Husten und nach Luft schnappen wechselten sich miteinander ab, als würde es irgendetwas an dem Blut in meiner Lunge ändern. Gleichzeitig spürte ich, wie sich die Magie in meinen Adern aktivierte, als würde sie in dieser Situation irgendwie helfen können.
„Avada Kedavra!"
Ein grüner Lichtblitz war zu sehen. Im nächsten Moment rechnete ich schon damit, er würde mich treffen, doch das tat er nicht. Stattdessen knallte Susanne nur einen Meter von mir entfernt auf den Boden. Ihre Augen starrten leer in den Himmel, während man auf dem Gesicht einen ziemlich grimmigen Ausdruck sehen konnte. Ein paar Messer blutige Messer und ihr Bogen lagen neben ihr auf den Boden verteilt.
„Und jetzt zu dir, Kriegsnymphe", hörte ich den ersten Mann zischen, welcher sich im nächsten Moment auch schon über mich beugte. Sein Zauberstab war auf mich gerichtet. Meine Magie brachte mich dazu, hochzuschnellen. Irgendwann musste ich ein Wurfmesser von meinem Gürtel gelöst haben, jedenfalls rammte ich es den Mann in den Oberschenkel, nur um es dann wieder herausziehen. Warmes Blut spritzte aus der Wunde, während er in die Knie ging. Ich nutzte meine Gelegenheit, mit dem Messer die Kehle durchzuschneiden.
Eigentlich erwartete ich, dass sich dafür ein anderer Todesser einschaltete, doch es blieb ruhig. Nur mein Husten war abwechselnd mit meinem Schnappen nach Luft zu hören. Und dann wurde alles schwarz.

Als ich meine Augen wieder aufschlug, war ich im ersten Moment verwirrt. Der Raum, in dem ich gemütlich im Bett lag, kam mir nicht bekannt vor. Die Einrichtung ähnelte ein wenig meinem Zimmer bei Marlon. Teure Musikanlage, eine dazu passende Musiksammlung, neben dem Schreibtisch war ein Schrank, in welchem sich Malsachen stapelten und ein Sofa stand unter einem Fenster. Fotos klebten an den Wänden und zeigten die lächelnden Gesichter von meinen Freunden, meiner Familie und mir in verschiedenen Lebensphasen. Die meisten von ihnen waren niemals aufgenommen worden. Ein Bild von Sirius, Carolin und mir, welches mich bei meiner Einschulung zeigte zum Beispiel nicht. Oder Jayden und Caitlin Howarth neben mir, als ich meine türkisfarbenen Haare hatte.
Und dann viel es mir wie Schuppen von den Augen. Doch ich kannte diesen Raum. Damals war er allerdings noch anders eingerichtet gewesen. Kindlicher vor allem. Das hier war mein Zimmer bei den Howarth gewesen.
Ich war in der Zwischenwelt. Das wurde mir in diesem Moment klar. Das erste Mal war ich wirklich in meiner. Carolin war fort, also konnte ich nicht mehr zu ihr, und anscheinend war auch niemand anderes von meinen liebsten hier. War das nun eine gute Nachricht, weil sie unverletzt waren?
In diesem Moment wurde mir ein Kissen an den Kopf geworfen. Ich sah zum Sofa, auf welchem jetzt Sue saß und gerade das andere Sofakissen nah, vermutlich um es ebenfalls auf mich zu pfeffern.
„Hey!", beschwerte ich mich.
„Du hast nicht das Recht, jetzt wegzusterben, Patricia!", wurde ich angefahren, weshalb ich amüsiert grinsen musste. Diese Information war natürlich jetzt gerade sehr hilfreich, wo wir beide noch etwas an meinem Zustand ändern konnten. Wie lange hatte ich wohl noch, bevor mein Körper endgültig aufgeben würde, weil der Sauerstoff fehlte? Nur noch wenige Minuten, das stand fest. Es war also äußerst unwahrscheinlich, dass jemand rechtzeitig meinen leblosen Körper mitten im Wald finden würde. Und dann musste man natürlich noch das Blut aus meiner Lunge entfernen, damit dort wieder Luft hereingelangen konnte. Also wenn mich nicht zufällig ein Heiler fand, war meine Überlebenschance gleich null.
„Dir hatte ich es auch verboten", stellte ich fest und warf das Kissen zurück, anstelle weiter auf meinen nahenden Tod einzugehen.
„Als deine Antheia ..."
„Wenn ich gestorben bin, fragen wir mal die echte Otrere und die echte Antheia, wie sie zu dem Thema stehen", unterbrach ich Susanne.
„Wenn du entgegen meiner Anweisung stirbst, musst du erstmal mit Otrere ein Duell abhalten. Ich will dann endlich wissen, wer von euch beiden stärker ist. Danach kannst du deine unwichtigen Sachen klären."
Ich verdrehte leicht die Augen. Natürlich. Susannes Wissensdurst war viel wichtiger als meiner. So wie immer.
„Wenn wir schon über Anweisungen reden. Warum warst du im Wald? Ihr solltet doch am Schloss sein." Der Plan war es gewesen, dass die Kriegsnymphenfamilie dort half, sobald der Zauber gesprochen war. Niemand sollte in den Wald zur Hilfe kommen, außer ich aktivierte die Ortungsfunktion an meinem Armband. Das hatte ich allerdings nicht getan.
„Als ich hörte, dass du dich mit fünfzehn Todessern alleine angelegt hast, musste ich zu dir, um dir die Ohren langzuziehen. Selbstmordmissionen sind noch immer mein Job."
„Tja, jetzt sind wir beide tot. War nicht sonderlich klug."
„Ich kann dir die Ohren langziehen."
Und ich hatte geglaubt, wenn ich abtreten würde, würde ich endlich meinen Frieden finden. Doch was war? Susanne wollte mir die Ohren langziehen und mich zu einem Duell mit Otrere zwingen. Ob ich wohl im Totenreich irgendwo untertauchen konnte?


Hexagramm - PhönixrufWo Geschichten leben. Entdecke jetzt