Der Schnee knirschte unter meinen Winterstiefeln, während ich mich mit wild klopfenden Herz auf dem Weg zum Gebäude machte. Eigentlich sah es ziemlich nett aus. Es handelte sich um ein großes, altes, graues Steinhaus. Direkt daran war ein moderner Wintergarten gebaut worden, welcher fast bis an das Ufer des Loch Ness reichte. Im Sommer konnte man wahrscheinlich die gläsernen Seitenwände aufschieben und so eine Terrasse direkt am See erschaffen. Der Rauch, der aus dem Schornstein stieg, ließ auf ein warmes Inneres hoffen und auch das warmweiße Licht, welches das Innere erleuchtete, wirkte ziemlich einladend.
Doch egal wie einladend die Szenerie auch wirkte und wie wenig Gefahr mein Kopf an dieser Situation auch finden konnte, mein Herz schlug mir trotzdem bis zum Hals. Meine Aufregung drohte mir sogar die Luft abzuschnüren, während meine Puddingbeine mich langsam zur Eingangstür, über der ein leuchtendes Schild den Restaurantnamen verkündete, führten.
Ich erreichte das Gebäude. Noch einmal tief durchatmen, dann glitt ich durch die Eingangstür.
Obwohl das Restaurant von außen so riesig wirkte, herrschte drinnen doch eine sehr angenehme Atmosphäre. Man hatte die ehemalige Raumaufteilung, die wahrscheinlich noch aus Vorrestaurantzeiten stammte, erhalten. Zwar waren von den Türen nur noch Türrahmen übrig, trotzdem hatte dies zu Folge, dass immer nur relativ wenig Leute in einem Raum saßen und es keine so große Geräuschkulisse gab, wie in anderen Betrieben. Alles war in liebevoller Kleinarbeit dekoriert und hergerichtet worden, sodass man sich sogar ein wenig heimlich fühlen konnte.
Direkt hinter der Eingangstür fiel man auch nicht sofort in den Restaurantbereich. Man hatte Sitzecken eingerichtet, sodass man gemütlich auf Sofas und Sesseln auf seine Begleitung warten konnte. Direkt hinter der Tür wurde man allerdings erstmal von einem Mann in Kellneruniform in Empfang genommen, welcher hinter einem Pult mit dicken Buch stand. Auf den Seiten hatte man vermutlich die Reservierungen für die nächsten Tage und Wochen eingetragen.
„Guten Abend, Miss", wurde ich in diesem Moment von dem freundlich lächelnden Mann in Kellneruniform begrüßt. „Kann ich ihnen behilflich sein?"
„Nein danke. Ich sehe schon meine Begleitung", stellte ich mit einem wahrscheinlich noch viel breiteren Lächeln fest und nickte in Richtung von Finn, welcher gemütlich auf einem Sessel saß und meine Ankunft beobachtete. Ich fand es etwas unangenehm, dass der junge Mann schon wieder auf mich warten musste. Gestern war er schließlich schon von mir versetzt worden. Aus diesem Grund war ich heute auch extra fünf Minuten zu früh gekommen, damit ich dieses Mal auf ihn warten musste. Hatte nicht ganz geklappt.
Ich lief am Empfang vorbei und auf meinen – ja, was war Finn jetzt eigentlich genau? Mein Ehemann? Freund? Bekannter? Liebhaber? – auf jeden Fall lief ich auf ihn zu. Er stand von seinem Sessel auf, nur um mich in seine Arme zu schließen.
„Ich bin froh, dich endlich wieder bei mir zu haben", wurde mir zu gemurmelt.
„Tut mir leid, dass ich dich gestern versetzt habe", gab ich kleinlaut zu.
„Ach, das ist doch kein Problem. Azura und ich hatten –", Finn schien kurz nach den richtigen Worten zu suchen, „– einen interessanten und aufschlussreichen Abend."
Das war wenigstens schon mal keine Lüge. Trotzdem machte mich das Finden von Worten ziemlich nervös. Als Erstes war ihm definitiv eine andere Beschreibung des Abends in den Sinn gekommen.
Für Finn schien das Thema mit diesen Worten allerdings abgehakt zu sein. Er drückte mir einen kurzen Kuss auf die Lippen, strich mir eine Haarsträhne hinters Ohr, bevor er mit einem Blick zum Empfangskellner meinte: „Wollen wir mal deinen Wintermantel loswerden und uns dann zu unserem Tisch führen lassen?"
Ich nickte nur stumm, noch etwas unsicher, ob ich es nun zulassen sollte, dass Finn vom Thema ablenkte oder nicht. Ich konnte es beim besten Willen nicht einschätzen, ob er einfach nicht sauer war und Azuras Ausrede von gestern ihm ausreichte oder ob er einfach nur keinen Streit anfangen wollte.
Meine Reaktion schien dem jungen Mann vollkommen auszureichen. Er half mir dabei, den Wintermantel auszuziehen, und übergab ihn an den Empfangskellner. Dieser hing ihn in eine angrenzende Kammer, in welcher man schon viele andere Jacken hängen sah, bevor er uns zu unserem Tisch führte. Wir wurden durch ein paar der gemütlichen Räume geführt, doch in den meisten war schon kein Platz mehr. Schließlich kamen wir beim Wintergarten an, wo tatsächlich noch direkt an den Fenstern in Richtung See ein Tisch für zwei Personen frei war.
„Ihr Tisch", wurde uns höflich mitgeteilt.
„Vielen Dank", erklärte meine Verabredung und zog auch schon für mich einen Stuhl zurück. Mich überraschte ein wenig sein Gehabe. Solche Dinge kannte ich eigentlich nur von den reinblütigen Kindern in Hogwarts, welche das perfekte Benehmen schon mit ihrer Muttermilch aufgesaugt hatten. In Amerika hatte sich Finn noch nicht die Mühe gemacht, Stühle für mich zurechtzurücken. War das ein Zeichen, dass er gestern doch Angst hatte, ich würde ihn für immer sitzenlassen? Wollte er seine Angst damit überkompensieren?
Der Empfangskellner verabschiedete sich, kaum dass wir saßen. Stattdessen kam augenblicklich ein anderer Kellner, welcher uns die Speisekarten reichte und schon einmal unsere Getränkebestellung aufnahm.
„War es wirklich in Ordnung, dass ich gestern Azura geschickt habe? Ich meine, ihr habt euch lange unterhalten, also kann es nicht ganz schrecklich gewesen sein, aber ...", hakte ich noch einmal etwas verunsichert nach.
Auf Finns Gesicht erschien ein kleines Grinsen. Anstelle sich auf die Speisekarte zu konzentrieren, legte er sie noch einmal bei Seite, griff über den Tisch nach meiner Hand und drückte sie.
„Ich gebe zu, mir ist das Herz in die Hose gerutscht, als ich gemerkt habe, dass sie an deiner Stelle gekommen ist. Aber wir haben uns lange Unterhalten, die Fronten sind geklärt und wir werden wohl auch in Zukunft gut miteinander auskommen, solange ich mich benehme. Wenn nicht will sie mir eigenhändig das Herz herausreißen."
Jetzt musste ich auch grinsen. Ja, das hörte sich wirklich so an, als wäre der Abend so verlaufen, wie Arienne es vermutet hatte. Ihre Schwester hatte sich meinen neuen Partner vorgeknöpft, um ihn ein wenig auf den Zahn zu fühlen und ihn zu bedrohen.
„Das höre ich gerne. Und ich bin froh, dass du anscheinend nett genug bist, um nicht sofort getötet zu werden. Ich treffe mich sehr gerne mit dir und es ist eine sehr angenehme Ablenkung von dem Stress in meinem restlichen Leben", gab ich zu. Meine Gedanken drifteten wieder zu den Leuten in Deutschland ab. Andromeda, der ich mit meiner Bitte gestern im übertragenen Sinne ins Gesicht geschlagen hatte. Die Mitglieder der Nymphenfamilien, die nun dort ebenfalls mehr oder weniger freiwillig lebten, während ihre Familien zu Hause um sie trauerten. Ich merkte, wie mein Lächeln leicht verrutschte. Ja, in meinem restlichen Leben gab es wirklich genug Stress.
Auch Finns Lächeln wirkte für eine kurze Zeit etwas angespannter als vorher. Er schien seine düsteren Gedanken allerdings schneller bei Seite schieben zu können. Jedenfalls drückte er meine Hand und meinte: „Hier ist eine sorgenfreie Zone. Außer du willst mir erzählen, was dich so stresst."
„Nein, eigentlich bin ich froh, mal ein paar Stunden nicht darüber nachdenken zu müssen", gab ich kleinlaut zu. Sehr zu meiner Überraschung schien es Finn kein wenig zu stören. Er nickte verständnisvoll, drückte noch einmal meine Hand, bevor sein Blick zur Speisekarte glitt.
„Die Forelle hört sich doch gut an", erklärte er gut gelaunt, als wären wir nie zu irgendwelchen unangenehmen Gesprächsthemen abgedriftet.
Ich merkte, wie ich rot anlief. Bisher hatte ich noch nicht einmal in die Speisekarte gesehen.
„Ich soll dir übrigens von Azura ausrichten, dass die Erdbeertorte sehr lecker und schokoladenfrei ist", wurde noch hinzugefügt, weshalb ich lachen musste.
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Hexagramm - Phönixruf
FanfictionDreizehn Nymphen, dreizehn Flüche. Sieben Horkruxe, drei zerstörte. Tahnea ist besiegt, Patricias Fluch ist gebrochen. Doch nun bleibt ihr nur kein Jahr, bevor sie stirbt. Kein Jahr, um die Vorgängernymphen und ihren Vater aus der Zwischenwelt zu be...
