Kapitel 19

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Zufrieden sah ich auf das Gelände von Hogwarts herab. Ich hatte ganz vergessen, wie schön es war, sich auf dem Dach vom Astronomie-Turm zu setzen, um die Welt von oben zu betrachten. Wie friedlich und einfach alles wirkte. Und wie normal. Ein paar wetterfeste Schüler liefen trotz des starken Windes über das Gelände. Die Hufflepuffs hatten gerade Quidditch-Training und wurden ganz gut durch die gegen geweht. Durch mein Omniglas von der Quidditchweltmeisterschaft konnte ich all das perfekt beobachten.
Allerdings musste ich zugeben, ich hatte auch schon gemütlicher hier oben auf dem Dach gesessen, um mich ein wenig von der Welt abzukapseln. Eigentlich hatte ich meine Haare zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden, allerdings wurden sie immer wieder herausgezogen. Mein Besen drohte immer mal wieder wegzufliegen, weshalb ich ihn inzwischen hier angebunden hatte.
Ich richtete mein Omniglas auf den verbotenen Wald. Vielleicht konnte ich ein paar der Tiere dort drin beobachten. Eigentlich hatte ich schon Lust, den Wald mal wieder zu betreten, allerdings traute ich mich nicht. Als Tahnea hatte ich mich nicht für die Wesen dort drinnen interessiert, also würde ich jetzt auch nicht wieder damit anfangen. Aber Leute beobachten konnte ich wohl notfalls gut begründen.
Neugierig suchte ich den Waldrand heran und versuchte, durch die Lücken zwischen den Baumwipfeln einen Blick in den Wald zu erhaschen. Immer wieder zoomte ich heran und dann wieder heraus und schließlich fand ich auch tatsächlich eine Lücke. Durch mein Omniglas konnte ich zwischen ein paar ungefähr zwanzig Meter vom Waldrand entfernt stehenden Bäumen in den Wald linsen.
Sehr zu meiner Überraschung war der Wald allerdings nicht leer oder voller Tiere. Zwei Personen standen dort. Ich zoomte noch ein wenig heran, um herauszufinden, wer sich gerade in den verbotenen Wald gewagt hatte. Ich tippte auf zwei Personen aus Dumbledores Armee.
Als ich erkannte, wer dort zusammen herumstand, musste ich grinsen. Draco und Astoria saßen zusammen auf dem Stamm eines umgekippten Baumes. Sie waren offensichtlich ziemlich in ihr Gespräch vertieft. Mein Klassenkamerad hatte dabei seinen Arm um die Fünftklässlerin gelegt. Seine andere Hand und eine von Astoria waren verschränkt. Ein süßes, glückliches Pärchen in vertrauter Zweisamkeit. Für ein paar Sekunden beobachtete ich sie noch beim herumturteln, bevor ich wieder heraus zoomte. Auch wenn ich nicht davon ausging, sie würden gleich zu Sex übergehen, hatte ich gerade das Gefühl, etwas furchtbar Intimes zu beobachten. Etwas noch viel Intimeres als unsere Stunden der Zweisamkeit.
Daher richtete ich mein Fernglas wieder auf den See, wo gerade ein paar Erstklässler miteinander tobten. Die Kleinen wirkten komplett unbeschwert, als würden sie gar nicht wahrnehmen, was um sie herum passierte.
Die Morde und das Verschwinden von Menschen außerhalb dieser Mauern konnten sie kaum übersehen. Es gab eigentlich keinen Menschen in diesem Schloss, der nicht irgendjemand kannte, der auf der Abschussliste der Todesser stand und deshalb entweder Tod, entführt oder untergetaucht war.
Mal ganz abgesehen von den Vorkommnissen hier drinnen. Folter als Bestrafung war noch immer keine alltägliche Strafe. Die anderen Lehrer ließen die Schüler lieber laufen, als sie an die Carrows zu übergeben. Aber sie wurde angewandt und mittlerweile hatte wahrscheinlich jeder einmal zusehen müssen. Vom kleinen Erstklässler bis zu den Siebtklässlern, welche bei den Bestrafungen helfen durften. Oder besser gesagt mussten. Denn wer nicht auf Kommando half, wurde ebenfalls bestraft.
Doch obwohl die Welt außerhalb der Mauern gerade unterging, blieben die Kleinen vollkommen ruhig. Sie tobten, lachten und hatten einfach Spaß, als wäre alles in bester Ordnung. Noch einmal so jung sein müsste man. Auf der anderen Seite flirteten Draco und Astoria auch gerade im verbotenen Wald, während ich mit elf Jahren schon vollkommen verkorkst war. Also vielleicht musste man nicht wieder jung sein, sondern einfach nur ... nicht ich. Ich war einfach kein unbeschwerter Mensch.
Ich ließ mein Omniglas sinken. Richtig, ich war kein unbeschwerter Mensch. Und ich würde es auch nie wieder sein. Ich war mir nicht einmal sicher, ob ich es jemals gewesen war. Ich erinnerte mich nur an Zeiten, in denen ich auf Natasha aufgepasst hatte. Leute dabei zu beobachten, wie sie es schafften, die Situation um sich herum zu vergessen, half mir nicht weiter. Ich hatte eine Mission zu erfüllen. Und an der sollte ich arbeiten, anstelle meine begrenzte Zeit, hier zu verschwenden.

Hexagramm - PhönixrufWo Geschichten leben. Entdecke jetzt