Kapitel 32

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Ungeduldig tippte ich auf die Armlehne meines Sessels. Eigentlich hatte ich mich hierhin gesetzt, um ganz entspannt und noch genauso sadistisch zu wirken, wie unter dem Fluch. Ich empfing meine Gäste, um einen höflichen Plausch über ihre Zeit in England zu halten, was unterm Strich hieß, ich würde sie ein weiteres Mal foltern.
Allerdings wollte es nicht so ganz klappen. Durch meine Nervosität konnte ich kaum still sitzen, doch es war besser, als zu stehen. Bis vor einer Minute war ich noch ungeduldig von den Fenstern des Salons hin und her gerannt.
Die Tür wurde nach einem höflichen Klopfen geöffnet. Ich zwang mich dazu, mich ganz langsam und in Ruhe dort hinzudrehen, so als wäre es zweitrangig, wer jetzt gerade kam. Im Eingang erblickte ich Finnlay, Azura und Wurmschwanz. Die beiden Gefangenen mussten nach unserer Folteraktion gestern, doch unter den Genuss von Heilzaubern gekommen sein, jedenfalls sah ich keine der blutigen Verletzungen mehr. Finnlay konnte außerdem auf eigenen Beinen stehen, was mit dem offenen Beinbruch sicherlich nicht möglich gewesen wäre. Auch meine Verwandte wirkte wieder um einiges fitter. Sie musste zwar von dem amerikanischen Auror gestützt werden, doch ihr Blick war klar und aufmerksam, nicht mehr glasig.
Mir fiel ein Stein vom Herzen. Azuras Kopf war durch die Folter also noch nicht so durcheinander wie die von Alice und Frank Longbottom. Ihr ging es den Umständen entsprechend gut. Jedenfalls auf den ersten Blick.
„Die Gefangenen, Basílissa", murmelte Wurmschwanz unterwürfig, während er sich tief vor mir verbeugte.
„Das sehe ich. Verschwinde, Wurmie! Geh mit den Katzen spielen!", riet ich dem Mann. Bevor er überhaupt die Gelegenheit hatte zu reagieren, förderte ich den ehemaligen Schulfreund meiner Eltern auch schon mit einem Zauber aus dem Raum. Die Tür schlug vor seiner Nase zu, das Schloss drehte sich. Damit waren Azura, Finn und ich hier eingeschlossen ... oder Wurmschwanz ausgeschlossen, je nachdem wie man es sehen wollte. Als Nächstes sah ich zu den Fenstern, durch welche noch das helle Tageslicht hereinkam. Ein weiterer Zauber und die dicken Vorhänge zogen sich davor, während an der Decke die Kronleuchter angingen.
Mir tat es ein wenig für Finn und Azura leid. Nach den zwei Tagen im Keller gönnte ich ihnen eigentlich jedes bisschen Sonnenlicht. Ich konnte es ihnen nur nicht bieten. Das Risiko, jemand würde durch die Fenster in den Raum sehen, war wirklich viel zu groß. Gerade bei Bellatrix, welche noch immer viel zu misstrauisch war.
Ich sah wieder zu den beiden Gefolterten. Sie hatten sich bisher keinen Millimeter bewegt. Stattdessen beobachten sie mich misstrauisch, als könnten sie noch gar nicht abschätzen, wie ich reagieren würde. Und so ganz konnte ich es gerade selbst nicht einschätzen.
In meiner Brust schlugen momentan zwei Herzen. Ein Teil von mir wollte sich einfach mit den beiden wieder vertragen und den Verrat vergessen. Ich wollte die Zeit mit den beiden genießen, solange ich es noch konnte. Die andere Seite in mir wollte beide gerne jetzt und hier erwürgen. Oder wenigstens eine neue Schimpftirade auf die beiden loslassen, damit sie genau wussten, wie sehr sich mich verletzt hatten. Allerdings würde ich mich bald für eins von beiden Entscheiden müssen. Ewig konnten wir uns nicht stumm gegenüber stehen und uns anschweigen.
„Gefällt euch die Gastfreundschaft hier?", witzelte ich, weil es mir wie das beste Zwischending vorkam. Im nächsten Moment bereute ich es allerdings auch schon. Sarkastische Fragen waren wirklich das unpassendste gerade.
„Die Betten sind ungemütlich", kam von Finn eine ebenso sarkastische Antwort, weshalb ich erleichtert aufatmete. Kein Murren wegen meines unpassenden Verhaltens, sondern er ließ sich einfach darauf ein.
„Die Sofas sind gemütlich", stellte ich fest und deutete auf eine Sitzgelegenheit mir gegenüber. Tatsächlich setzte sich Finn in Bewegung. Er machte ein paar wackelige Schritte in meine Richtung. Azura stolperte ungeschickt neben ihm her, doch er konnte sie kaum halten. Ein Wunder, dass sie es überhaupt hochgeschafft hatten.
Ich sprang von meinem Platz auf, um den amerikanischen Auror wenigstens meine Verwandte abzunehmen. Er blieb wieder stehen, kaum einen Meter von der Tür entfernt. Vorsichtig übergab er mir Azura, welche sich eiskalt anfühlte. Das war nicht gut.
„Hey, Welpe", wurde mir ins Ohr gemurmelt, weshalb sich mein Herz zusammenzog. Dieser Spitzname war viel zu lieb, wenn man bedachte, was hier gestern los war.
„Ich bringe dich zum Sofa", erklärte ich der jungen Frau, während wir langsam einen Schritt nach den anderen machten. „Da kannst du dich ausruhen. Ich habe eine Decke für dich und auch einige Medikamente. Ich hoffe, ich kann euch am Leben halten, bis ihr befreit werdet. Befreien kann ich euch aber nicht. Es ist zu riskant. Tut mir leid."
„Du tust, was du kannst", wurde gemurmelt, weshalb ich unwillkürlich den Kopf schüttelte. Nein, das tat ich nicht. Ich könnte die beiden hier herausholen. Vielleicht würde ich es sogar schaffen, ohne die Mission gegen die Wand zu fahren. Der Kosten-Nutzen-Faktor sprach einfach nur nicht dafür.
Endlich erreichten wir das erste Sofa. Ich verfrachtete Azura darauf. Ein leises Stöhnen entfuhr ihr dabei. Als Nächstes rief ich meine Handtasche zu mir, welche noch immer neben meinen Sessel lag. Sie sah eigentlich sehr klein aus, doch im inneren war sie vergrößert worden. Daher hatte ich problemlos Decken, Kissen und Medikamente hereingekriegt, welche ich nun wieder herauszog. Ich machte es Azura auf dem Sofa möglichst bequem, packte sie schön warm ein.
„Ich hatte Angst um dich", stellte ich kleinlaut fest. „Gestern dein Blick ... ich will nicht, dass du wie die Longbottoms wird."
„Ich halte noch ein wenig mehr aus, Welpe. Keine Sorge. Die müssen noch eine Schüppe drauflegen, um meinen Verstand klein zukriegen", murmelte sie erschöpft. Sie sah dabei aus, als könnte sie kaum die Augen aufhalten.
Ich seufzte leise. Das wirkte gestern allerdings beim besten Willen nicht so. Der leere Blick ging mir einfach nicht mehr aus dem Kopf. Egal, wie sauer ich auf Azura war. Ich war nicht bereit dafür, sie so gehen zu lassen. Wenn wollte ich sie erwürgen und nicht von jemand anderen erwürgen lassen.
„Ich habe dich wirklich lieb, Welpe, und es tut mir leid, dass ich dir nicht von Finn erzählt habe", wurde mir bestimmt mitgeteilt, weshalb ich schwer schluckte. Eigentlich fühlte ich mich für dieses Gespräch noch lange nicht bereit. Nicht, bevor ich eine Entscheidung getroffen hatte, ob ich ihr verzeihen konnte. „Ich wollte dir damit nicht wehtun, sondern ihm die Chance geben, das alles mit dir zu klären. Es war die falsche Entscheidung, aber ich hatte dabei nur das Beste für dich im Sinn. Er hat sich dich so glücklich gemacht und ich dachte, wenn eure Beziehung halten soll, muss er mit dir darüber reden. Nicht ich.
Und ich will auch wirklich nicht, dass du mich nach diesem Krieg in Ruhe lässt. Hörst du? Du wirst schön brav bei mir bleiben, Welpe, und mir auf die Nerven gehen. So wie es sich für kleine Schwestern gehört."
Ich brummte leise. Dazu konnte ich beim besten Willen nichts sagen. Es war vollkommen egal, ob ich es nun wollte oder nicht. Das würde niemals passieren. Ich würde sterben, noch bevor dieser Krieg zu Ende war. Ihr zu versprechen, es würde ein nach all dem hier geben, wäre eine glatte Lüge, die mir nur ordentlich Kopfschmerzen bereitet hätte.
„Und was gehört sich für große Schwestern?", hakte ich nach, um über meine fehlende Reaktion hinwegzutäuschen.
„Dass sie ihre kleine Schwestern schützen wollen und dabei etwas über das Ziel hinaus schießen", wurde mir mit einem leichten Zwinkern mitgeteilt.
Ich brummte erneut. Die Antwort passte jetzt etwas zu gut. Aber ich wollte mich nicht beschweren. Zumindest redete sie wieder.
„Rede mit Finn. Ich bin mir sehr sicher, du wirst merken, wie gern er dich hat. Und dann wirst du auch verstehen, warum ich es ihm überlassen wollte, mit dir zu reden."
„Was er nicht gemacht hat."
„Er war ein kleiner Feigling", gab Azura zu. „Ändert aber nichts daran, dass er dich gerne hat und du mit ihm reden solltest."
Automatisch glitt mein Blick zum anderen Sofa, doch es war noch leer. Also sah ich nun zur Tür herüber, wo tatsächlich noch immer Finn war. Anstelle Azura und mir zu folgen, hatte er sich dort an die Wand gelehnt hingesetzt. Er hielt eine Stelle am Bauch ungefähr dort, wo der Brustkorb aufhörte. Jetzt gerade wirkte er noch viel schwächer, als zu dem Zeitpunkt, wo er noch Azura tragen musste.
„Ich kümmere mich fertig um dich und dann versorge ich ihn. Die Zeit hat er, um sich zu rechtfertigen", bestimmte ich und schraubte auch schon das erste Fläschchen mit einem Trank zur Stärkung auf. Kraft konnte sie die nächsten Tage gut gebrauchen.
„Hast du noch irgendwelche schweren Verletzungen? Ich habe gesehen, ihr wurdet geheilt."
„Die blutigen Verletzungen, die sich entzünden können, wurden geheilt. Narzissa hat erwähnt, wie dreckig es dir im dritten Schuljahr ging. Dass du dir eigentlich zusätzlich zur Entzündung eine ordentliche Lungenentzündung eingefangen hattest, hat sie wohl unter den Tisch fallen lassen."
Ich seufzte leise. Auch wenn ich diese Aktion von Narzissa sehr nett fand, war sie auch gefährlich. Azura und Finnlay sollten hier keine offensichtliche Sonderbehandlung kriegen. Die Argumente für die Heilung standen im Raum. Sie sollte sich nur nicht zu oft schützend vor die beiden stellen.
„Ich werde mit ihr reden, dass sie sich mit solchen Aktionen zu weit aus dem Fenster lehnt. Das war aber keine Antwort auf meine Frage."
„Keine Verletzungen, die du heilen solltest. Ich kann hier schließlich nicht gesund herauslaufen."
Ich seufzte leise. Dann würde ich wohl mal mein Versprechen einhalten müssen und jetzt nach Finnlay sehen. Dabei hatte ich nicht wirklich Lust darauf, mit ihm zu reden. Ich wusste noch nicht einmal, ob ich Azura verzeihen konnte, dass sie mir nichts gesagt hatte. Dabei fand ich die Begründung für ihre Entscheidung durchaus logisch.
Um noch etwas Zeit zu schinden, öffnete ich erneut meine Tasche. Dieses Mal holte ich das mitgebrachte Essen und Getränke heraus. Ich wusste, gerade Ersteres war im Keller eher Mangelware. Man ließ die Gefangenen zwar nicht verhungern, aber zumindest hungern.
„Du solltest etwas essen und trinken." Ich drehte mich wieder zu Azura, um ihr die Sachen zu überreichen, allerdings reagierte sie gar nicht auf meine Worte. Sehr zu meinem Schreck waren ihre Augen geschlossen. Waren ihre Verletzungen doch so schlimm, dass sie bewusstlos geworden war? Hatte das Hochbringen nun ihrem Körper endgültig zum Aufgeben gezwungen und meine Hilfe kam zu spät?
Panisch ließ ich die Sachen einfach auf den Boden fallen. Zum Glück waren Essen und Getränke in Plastik eingepackt, sodass nichts kaputt ging. Dann tastete ich nach dem Puls der jungen Frau. Langsam, aber gleichmäßig. Das war schon mal beruhigend. Als Nächstes stupste ich meine Verwandte vorsichtig an. Tatsächlich bekam ich auch darauf keine Reaktion. Das sprach eindeutig für Bewusstlosigkeit. Panik stieg in mir auf. Einem Reflex folgend, pikste ich noch einmal zu. Dieses Mal etwas fester und dieses Mal gab Azura als Reaktion ein leises grummeln, während sie sich im Schlaf von mir wegdrehte.
Ich atmete erleichtert auf. Keine Bewusstlosigkeit. Sie war nur noch einmal eingeschlafen. Ich merkte, wie mir vor Erleichterung Tränen in die Augen schossen. Auch wenn mir bewusst war, jetzt sollte ich endlich Finn versorgen, kriegte ich meinen Körper einfach nicht dazu, aufzustehen. Stattdessen blieb ich wie paralysiert neben Azura sitzen, während sich langsam die Tränen der Erleichterung ihren Weg suchten.
Mir wurde vorsichtig eine Hand auf die Schulter gelegt. Im nächsten Moment hatte ich auch schon das Gefühl, jemand würde sich auf mir abstützen. Automatisch griff ich nach dem Arm und wollte schon daran ziehen, doch dann viel mir der dünne goldene Ring auf. Der gleiche, den ich auch besaß. Finnlay war doch zu uns herübergekommen.
Die Amerikaner ließ sich etwas ungeschickt neben mir auf den Boden fallen. So ungelenk, kannte ich ihm beim besten Willen nicht. Außerdem hielt er sich noch immer den Bauch. Dieses Mal konnte ich allerdings genau erkennen, dass er seine Hand auf die unteren Rippen seines Brustkorbs gedrückt hatte.
„Sie ist stark", wurde mir beruhigend mitgeteilt, während er sich auch schon nach vorne beugte, um mir vorsichtig meine Tränen wegzuwischen.
Ich sah etwas überfordert zu dem Körperstück. So ganz wusste ich nicht, ob ich das zulassen wollte oder lieber nicht. Auch hier schlugen wieder zwei Herzen in meiner Brust. Das eine, welches sich so sehr nach der glücklichen Zeit mit Finn sehnte, und das Zweite, welches mir sagte, ich war nur eine Mission.
Die kalte Hand berührte vorsichtig meine Wange. Mir wurde kurz sanft die Tränen weggewischt, was ein angenehmes Kribbeln hinterließ. Dann zog der Auror wieder seine Hand zurück und sah mich erwartungsvoll und auch leicht überfordert an.
„Tut mir leid, dass ich dich gestern gefoltert habe. Meine Tarnung darf nicht auffliegen", gab ich ehrlich zu. Vielleicht mal wieder etwas zu ehrlich.
„Ich fand es sehr nett, dass du dir Zeit vor allem mit Psychospielen vertrieben hast. Die tun nicht so weh."
„Ich wette, Tante Bella war nicht so zurückhaltend. Was ist mit deinen Rippen? Geprellt oder gebrochen?"
„Gebrochen."
Ich schob vorsichtig seine Hände vorbei. Gebrochen war schlecht, weil es innere Verletzungen nach sich ziehen konnte. Zum Beispiel eine Verletzung an der Lunge, die er vermutlich nicht überleben würde. Sie würden da unten im Keller auf gar keinen Fall rechtzeitig Hilfe kriegen.
Als Nächstes schob ich seinen Pullover hoch. Sein geschundener Oberkörper kam zum Vorschein. Es gab kaum eine Stelle, welche sich nicht verfärbt hatte. Blau, grün, lila. Er war wirklich kunterbunt. Wo noch bis gerade die Hand von Finn gelegen hatte, bewegte sich bei jedem Atemzug seine Rippen. Senken und heben, senken und heben.
Ich hob meine Hände, um die Verletzung zu heilen. Ein lockeres Rippenstück war wirklich um einiges gefährlicher als ein paar Schnittwunden, die sich entzünden konnten. Finn hingegen hob abwehrend die Hände.
„Lass es, Patricia", murmelte er benommen.
„Wenn wir die nicht heilen, können sie sich in deine Lunge bohren. Würde das Atmen erschweren. Würde ich nicht empfehlen", stellte ich unerbittlich fest.
„Und wie erklärst du, dass du mich geheilt hast?", wurde ich gefragt.
„Das erkläre ich gar nicht. Es wird keinem auffallen. Oder werden die Gefangenen seit neustem untersucht? Ärztlich versorgt?"
„Nein, natürlich nicht."
„Weiß jemand von den gebrochenen Rippen?"
„Nein."
„Dann merkt es auch keiner."
Ich tippte vorsichtig die Bruchstelle an. Man konnte sehen, wie sich das Rippenstück wieder an seine eigentliche Position schob, wo es sich vermutlich wieder mit dem Brustkorb verband. Jedenfalls hob und senkte es sich nicht mehr bei jedem Atemzug.
„Danke, Patricia", gab Finnlay zu. Er hob die Hand, um mir vorsichtig über die Wange zu streicheln, so wie er es schon so viele Male zuvor getan hatte. Dieses Mal schob ich sie allerdings weg. Er hatte mich belogen und hintergangen. Noch mal würde ich nicht auf ihn reinfallen.
„Boden oder Sofa. Deine Wahl", meinte ich kühl, während ich mich auch schon wieder aufrappelte. Azura hatte mir das Versprechen abgenommen, ich würde ihn Zeit für Erklärungen geben, bis er versorgt war. Die Rippen waren verheilt, also fehlte noch Verpflegung, der Stärkungstrank und die warme Decke. Außer er hatte noch andere schwerwiegende Verletzungen.
„Ich nehme das Sofa", murmelte Finnlay. Er rappelte sich vom Boden auf. Jetzt, wo er nicht mehr auf seine gebrochene Rippe aufpassen musste, wirkte er gleich viel fitter und agiler.
„Hast du noch andere schlimme Verletzungen?", hakte ich zur Sicherheit noch einmal nach, während ich die andere Decke aus meiner Tasche zog und auf das andere Sofa warf.
„Nein. Mein Körper ist nur eine einzige Prellung."
Ich schnaubte leise. Da hielt sich mein Mitleid gerade in Grenzen. Blaue Flecken und Prellungen, die würde er aushalten müssen.
Finn ließ sich auf das Sofa neben die Decke fallen. Er legte sie sich vorsichtig um die Schultern. Kaum war er damit fertig, warf ich ihm auch noch die restlichen Sachen zu. Eine Flasche, den Stärkungstrank und eine Butterbrotdose. Damit war ich fertig. Und seine Zeit war abgelaufen.
„Können wir bitte reden, Patricia?"
„Es gibt nichts mehr zu reden, Bucket. Nichts, was du zu sagen hast, wird wieder etwas zwischen uns ändern. Ich werde mir Mühe geben, euch lebend hier durchzubringen. Und danach werden sich unsere Wege trennen. Außer du willst mein Angebot mit der aufgeschlitzten Kehle annehmen."
„Wenn du uns nicht sofort wieder nach unten verfrachten willst, was wirklich dumm wäre, hast du in der nächsten Stunde eh nichts Besseres zu tun, als mir zuzuhören. Und du kannst mir eh nicht entkommen, wenn ich rede."
„Ich kann dich erneut foltern oder dich stumm zaubern", schlug ich vor. Auf jeden Fall würde ich mir nicht sein Gelaber anhören. Nicht heute und niemals sonst. Ich wollte einfach nur, dass der Scherbenhaufen, der einst mein Herz war, aufhörte weh zu tun. Schon schlimm genug, dass ich ihn jetzt wohl doch noch regelmäßig besuchen musste. Mir ein Ohr abkauen lassen, würde ich definitiv nicht.
„Ich liebe dich, Patricia."
Vier Worte, die mein Herz zusammensetzten, nur um es dann noch einmal in viel kleinere Scherben zersplittern zu lassen.
„Ich sagte, ich will mir deine Lügen nicht weiter anhören!", fuhr ich den Amerikaner an.
„Ich tue es wirklich und du weißt genau, ich lüge nicht. Das würdest du spüren."
Ich wandte mich ab und schnaubte leise. Ja, er hatte leider Recht. Wenn er log, hätte ich es gemerkt. Das half mir allerdings nicht weiter. Stattdessen fühlte ich mich jetzt vor allem verwirrt. Was waren die Konsequenzen daraus?
„Ja, am Anfang war es meine Mission dich zu töten", fuhr Finn einfach unbeirrt fort. „Deshalb habe ich dich damals in der Kneipe angesprochen. Aber ich habe sehr schnell bemerkt, dass du nicht böse bist.
Du bist die wundervollste und stärkste Frau, die ich je treffen durfte. Ich liebe es, dass du dich wie ein Schutzschild vor die anderen stellst, egal, was du tun musst, um die Leute zu beschützen. Nicht viele würden sich das hier zutrauen und du führst so viel hier durch. Du bist ein wunderbarer, großherziger Mensch, Patricia."
Finn zauberte mir mit seinen Worten ein kleines Lächeln aufs Gesicht. Jetzt in diesem Moment wurde mir klar, was mich vor drei Jahren an Blaises Worten gestört hatte. Finn hatte etwas erkannt, was mein Ex-Freund nie sehen wollte. Ich war bereit, über Leichen zu gehen, um meine Ziele zu erreichen. Was mich besser als viele der Todesser machte, war einfach nur, dass ich nicht wahllos jeden tötete, der mir nicht passte. Aber Leute, die mich und meine liebsten bedrohten, würde ich aus dem Weg räumen. Egal wie. Ich wollte nicht geliebt werden, obwohl ich Blut an meinen Händen trug. Ich wollte hören, dass jemand sah, warum es dort war, und ich wollte genau dafür geliebt werden. So wie es bei Finn der Fall war.
Trotzdem wusste ich nicht wirklich, was ich nun mit all den Informationen anfangen sollte. Finn verzeihen? Ihm trotzdem noch die Augen auskratzen? Sagen, was ich noch immer für ihn fühlte? Dass ich ihn liebte, auch wenn ich ihm die Augen auskratzen wollte? Aber würde das etwas ändern, wenn ich nicht über seinen Verrat hinwegkam?
Ich hörte, wie Finnlay wieder aufstand. Erneut kam er zu mir herüber und legte mir vorsichtig eine Hand auf die Schulter.
„Ich weiß, ich habe scheiße gebaut. In Ordnung? Ich würde es gerne rückgängig machen, Babe. So verdammt gerne. Aber ich kann es nun einmal nicht.
Ich habe es dir nicht verschwiegen, weil ich dich verletzen wollte. Du warst nur so verdammt froh, bei mir mal abschalten zu können. Ich wollte es dir nicht kaputt machen, indem dein letzter sicherer Ort auch noch voller Magie ist. Ich wollte einfach weiterhin für dich da sein können.
Und ich weiß, ich habe dadurch das Vertrauen zwischen uns kaputt gemacht. Das weiß ich wirklich. Aber ich werde nicht aufgeben, um es wieder gut zu machen. Ich werde dich nicht aufgeben."
Ich merkte, wie sich mein Hals zuschnürte. Ich wusste beim besten Willen nicht, was ich nicht dazu sagen sollte. Das waren wohl die schönsten Worte, die ich jemals gehört hatte, und trotzdem kannte ich keine Antwort auf sie.
„Und wenn ich will, dass du mich aufgibst?", fragte ich mit brüchiger Stimme.
„Dann musst du mir nur in die Augen sehen und es sagen", kam die plumpe Antwort.
„Und wenn ich es nicht will?"
Anstelle von einer Antwort zog mich Finn an seine Brust und schlang seine beiden Arme um mich, sodass ich nun auch in die Decke eingewickelt war. Der Geruch meines Freundes stieg mir in die Nase, allerdings roch man so langsam, dass er nicht mehr duschen gehen konnte. Vielleicht sollte das nächste Mitbringsel ein Waschlappen sein. Mir zuliebe.
„Ich liebe dich auch. Ich weiß nur nicht, ob das reicht", wisperte ich etwas lahm zurück. Er machte mir ein so tolles Liebesgeständnis und ich sagte nur diese vier netten Worte, gleich gepaart mit einer Klatsche. Ein paar Dinge würden sich wohl niemals ändern.
„Es wird reichen. Wir werden das hier alle drei überstehen und danach, wenn alles vorbei ist, fahren wir zu zweit weg. Wir steigen in das erste Flugzeug aus England raus und sehen uns das Land an, in welchem wir auch immer landen."
Das hörte sich wirklich schön an. Eigentlich hatte ich immer mehr von der Welt sehen wollen. Viel mehr. Allerdings würde es leider niemals geschehen. Ich wäre tot, bevor dieser Krieg zu Ende wäre. Aber momentan wollte ich das nicht laut aussprechen. Zu gerne wollte ich weiter von einer schöneren Zeit tagträumen.
„Ich würde gerne eine Weltreise machen. In einem Wohnmobil", seufzte ich.
„Ich habe als Auftragskiller der MACUSA genug verdient, damit wir den Rest unseres Lebens reisen können", stelle Finn fest.
„Ich glaube, arbeitslos bekommen wir Langeweile." Außerdem wollte ich nicht finanziell von meinem Freund abhängig sein. So war ich einfach nicht.
„Wieso arbeitslos? Ich versuche mich als Fotograf und du dich als Künstlerin. Und wenn mal Langeweile aufkommt, nehmen wir eine Kopfgeldjagd an, um unsere Reisekasse zu erweitern. Nur wir beide, irgendwo in fernen Ländern, wo uns niemand kennt", spann Finn die Fantasie weiter.
„Aber Antiope müssen wir mitnehmen."
„Das tun wir. Und wir werden deine Familie immer besuchen gehen, wenn du sie vermisst."
Ich gab ein zufriedenes Brummen von mir. Vor achtundvierzig Stunden hätte ich ohne Zögern ja gesagt. Jetzt allerdings ... ich wollte es noch immer sagen. Mein Herz sagte mir, ich sollte einfach ihm folgen, doch mein Kopf warnte mich davor. Er erinnerte mich daran, wie sehr mein Herz durch Finnlay zerfetzt worden war. Und ich fragte mich, ob es die richtige Entscheidung war, mich jetzt wieder auf solche Fantasien einzulassen. Wie gut konnten schon die Ratschläge von einem so verletzlichen Organ sein?
„Du solltest wieder auf das Sofa gehen, um etwas zu essen und zu trinken", riet ich Finn und machte mich wieder vorsichtig von ihm los. Träumen war schön, allerdings wollte ich eigentlich erstmal alles sortieren. Ich rappelte mich vorsichtig auf und hielt ihm die Hand hin. Etwas mehr Abstand, aber ich würde auch nicht wieder zu ablehnend wie noch vor zehn Minuten.
„Du brauchst noch Zeit, oder?", fragte mich Finn verunsichert.
Ich nickte als Antwort. Ja, ich brauchte noch Zeit, um all die Geschehnisse zu verarbeiten und eine Entscheidung bezüglich uns zu treffen. Wie ich ihm gesagt hatte. Ich liebte ihn, wusste aber einfach nicht, ob das ausreichen würde. Er hatte mich nun einmal ziemlich verletzt.
„In Bibury auf der Church Road bei der St. Mary's Church. Da findest du die restlichen Leute der MACUSA und auch die Akten über unsere Aktivitäten bezüglich England. Ließ sie dir durch, wenn du dafür bereit bist", forderte Finn von mir.
Die Akten lesen? All die Dinge, die er über mich geschrieben hatte? Wollte ich das denn? Sollte ich es wollen?
„Hätte ich gewusst, dass man so leicht die Adresse von dir kriegt, wäre ich schon beim letzten Mal nett gewesen, anstelle dich zu foltern", scherzte ich, um erneut meine Überforderung zu überspielen.
„Ich hoffe, ich darf trotzdem noch den Inhalt der Dose futtern, auch wenn du hast, was du wolltest", wurde mir genauso scherzhaft geantwortet.
Als Antwort setzte ich den Auror auf dem Sofa ab und hielt ihm die Dose hin. Ich würde ihn definitiv nicht vom Essen abhalten.


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