Kapitel 44

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Carolins P.o.V.:
Ich hatte das Gefühl, ein unsichtbares Seil würde mich durch einen grellen Raum ziehen. Weg von der Blumenwiese, welche seit mehr als sechzehn Jahre mein zu Hause gewesen war. Weg von meiner Familie und meinen ganzen verstorbenen Freunden. Ein Teil von mir wollte es nicht. Ich hatte mich so daran gewöhnt, bei ihnen zu sein, und jetzt war unsere gemeinsame Zeit vorbei. Schon wieder.
Natürlich freute ich mich auch darauf, auf die Erde zurückzukehren. Endlich wieder frei zu sein. Auch wenn ich gelernt hatte, durch die verschiedenen Zwischenwelten zu springen, war die meiste Zeit meine Welt auf die von uns zwölf Nymphen beschränkt gewesen. Keine besonders große und vor allem nicht unbedingt abwechslungsreiche Welt.
Allerdings war mir auch bewusst, was mich hier erwarten würde. Oder besser gesagt, was mich nicht erwarten würde. Meine Bewegungsfreiheit hatte ich wiedergewonnen, aber mein Leben verlor ich gerade ein weiteres Mal. Auf der Erde war einfach alles weitergelaufen. Mein Arbeitsplatz im St. Mungos war neu besetzt, meine Töchter beiden erwachsen und auch meine restliche Familie hatte sich etwas ohne mich aufgebaut. Zwar ging ich davon aus, dass sich Samuel, Remus, Jean und auch Elaina sehr über mich freuen würden, aber ich wäre erstmal ein Fremdkörper in ihrer zusammengeschweißten Familie. Ein seltsamer Gedanke. Wenigstens hatte ich noch Sirius und die anderen Nymphen, welchen es genauso ging.
Das grelle Licht ließ nach, weshalb ich sehen konnte, wo ich gelandet waren. Im verbotenen Wald, genau an der Stelle, wo unsere ganzen Nachkommen den Zauber gesprochen hatten. Die anderen Nymphen, Sirius und ich standen alle in der Mitte des großen Kreises, welcher die dreizehn kleineren mit unseren Symbolen verband. Die Schüssel, in der das Blut, die Phönixtränen und das Einhornblut vermischt waren, stand noch immer in dem vierzehnten kleinen Kreis und wurde von einer Art goldenen Käfig geschützt.
„Wir sind zurück, Carolin!", rief Sirius begeistert und trete sich um die eigene Achse, als könnte er es noch gar nicht glauben, dass wir wieder hier waren. „Wir sind zurück!"
„Und wenn du so weiter brüllst, sind wir es nur ganz kurz, weil uns die Todesser hören und umbringen", fuhr Maélys meinen Ehemann an, der sofort schuldbewusst zu Boden sah.
Zu meinen Füßen war ein leises Mauzen zu hören. Bubble, welche wohl mit mir gezogen worden war, lief zu Sirius herüber, um ihn leise schnurrend um die Beine zu streichen. Sie war wohl der Meinung, mein Ehemann müsste mal getröstet werden, womit sie auch nicht ganz unrecht hatte.
„Wir sollten zusehen, dass wir in Patricias Wohnung kommen", stellte Marlene fest, während sie wie alle anderen auch nervös die teilweise angesengten Büsche und Bäume um uns herum beobachtete.
Zustimmendes Gemurmel war um uns herum zu hören und auch ich war froh, wenn wir dort waren. Nicht nur, dass die anderen Nymphen, Samuel und Remus dort waren, ich war auch nicht scharf darauf gleich Flüche um die Ohren gefeuert zu kriegen. Auch wenn es heute eher nicht ausbleiben würde, war es mir lieber, wenn wir dann Waffen hätten.
„Carolin, frage die Bäume, ob uns jemand auflauert", wies mich Maélys an. Sie sah sich ebenfalls suchend um, beobachtete allerdings nicht so aufmerksam die Schatten, sondern eher den Boden. Als würde sie erwarten, dass uns dort irgendetwas auflauern würde oder für uns zurückgelassen wurde.
Ich nickte ergeben. Kurz konzentrierte ich mich auf die Natur, um von ihr zu empfangen, ob ihre Ruhe gestört wurde. Ich konnte allerdings nichts wahrnehmen, was mich auf eine aktuelle Gefahr hinwies. Ein paar Bäume und Sträucher waren noch in Aufruhr, weil nicht unweit von uns Kämpfe stattgefunden hatten, doch sie beruhigte sich auch schon wieder. Es war vorbei und niemand war mehr in unserer Nähe.
„Auf einer Lichtung dort drüben wurde vor kurzem noch gekämpft", stellte ich fest und zeigte in die Richtung. „Wenn jemand überlebt hat, dann beunruhigt er nicht die Natur."
Maélys Augen fingen an zu glänzen, als sie hörte, dass nicht unweit von hier Kämpfe stattgefunden hatten. Ohne noch auf uns zu warten, lief sie auch schon los. Marlene und ich wechselten kurz Blicke. Wir wussten beide, dass sie in der Zwischenwelt Langeweile geschoben hatten und dass man in ihrer Waffen und einen Trainingsplatz zur Verfügung hatte, sprach auch Bände. Trotzdem wäre es mir lieber, wenn sie nicht ganz so glücklich dabei wirkte, wenn sie zum Schauplatz eines Kampfes lief.
Wir anderen folgten ihr wesentlich zögerlicher. Wenn ich eine Sache an meinem Beruf nicht vermisst hatte, war es der Anblick von Leuten, die bei einem Todesserangriff verletzt worden waren. Noch immer träumte ich manchmal davon, wie Sirius nach dem Angriff auf die Winkelgasse in St. Mungos gebracht worden war. Das Blut, welches über sein Gesicht aus der Kopfwunde lief, das gebrochene Bein und vor allem wie James mich angesehen hatte, während er seinen eigenen Bruder dorthin schleppte.
Ich schob den Gedanken an meinen verletzten Ehemann bei Seite, während ich mich darauf vorbereitete, was wohl gleich auf der nächsten Lichtung zum Vorschein kommen würde.
Sehr zu meiner Überraschung war der Anblick gar nicht mal so schlimm. Es lagen zwar ungefähr zehn Todesser regungslos auf den Boden, doch wenn man bedachte, wie gerne Patricia Leute mit Messern aufschlitzte, hatte ich definitiv mit mehr Blut gerechnet. Zwei waren wohl durch Sprengzauber erwischt worden. Andere hatten Brandnarben, als wären sie durch eine glühend heiße Peitsche erwischt worden. Die Verbrennungen waren allerdings sicherlich nicht tödlich gewesen. Vermutlich hatte Natasha die Leute erwischt. Patricia hatte Sirius und mir mal bei einem Besuch ganz begeistert berichtet, dass sie momentan Waffen für sie entwickelten. Unter anderem hatte sie von der Idee einer stromleitenden Peitsche gesprochen, welche anscheinend in die Tat umgesetzt worden waren. In drei von ihnen steckten allerdings auch ein paar von Patricias Wurfsternen und -messern. Maélys war dabei sie breit grinsend zu entfernen, ohne sich darum zu kümmern, ob man hier wohl noch jemanden retten konnte.
Ohne zu zögern, lief ich zu der maskierten Person, aus welcher meine Freundin gerade die Waffen zog. Während sie an dem schwarzen Umhang das Blut abwischte, fühlte ich nach dem Puls. Nichts.
„Lass sie einfach liegen, Patricia. Verschwende keine Heilzauber an Personen, die dir als dank einen Todesfluch aufhalsen wollen", belehrte mich Maélys.
Als Antwort warf ich ihr einen bitterbösen Blick zu. Ja, es herrschte Krieg, doch ich würde weder Feind noch Freund hier sterbend zurücklassen. Die Todesser gehörten ins Gefängnis und nicht getötet. Natürlich gab es genug Situationen, in denen man keine wirkliche andere Wahl hatte. Wenn ich nur so eine Gefahr für mich und meine liebsten abwenden konnte, würde ich sicherlich auch zum Messer greifen. Doch hier Leute sterbend zurückzulassen, war eben nicht notwendig. Also würde ich es auch nicht.
Ich war wohl auch nicht die Einzige mit dieser Meinung. Sophia fühlte ebenfalls schon bei einem Todesser nach dem Puls. Maélys verdrehte leicht die Augen, gab allerdings kommentarlos nach. Sie begann bei unserer Suche zu helfen, vermutlich damit wir hier nicht zu viel Zeit verschwendeten.
Tatsächlich lebten auch noch die beiden Todesser, die durch den Sprengzauber getroffen wurden, und einer, der mit einem Messer erwischt worden war. Alle drei waren zwar bewusstlos, allerdings unterm Strich nicht sonderlich schlimm verletzt. Die Messerstiche heilte ich zwar zur Sicherheit trotzdem, allerdings auch nicht mehr.
„Schleppen wir den Ballast mit oder darf ich ihn an Bäume ketten?", fragte die Kriegsnymphe ungeduldig in die Runde.
„Kette sie hier an Bäume fest. Wir holen sie später ab", seufzte ich. In Hogwarts konnten wir sie nicht gebrauchen. Das sah ich ja ein. Sie würden sich höchstens erneut auf die Seite unseres Gegners stellen und an einem Gefängnis kamen wir nun mal nicht vorbei. Ich traute mich auch nicht, sie einfach in irgendeinen Raum zu sperren, ohne zu wissen, ob es nicht vielleicht einen Geheimgang daraus gab.
Maélys wirkte aufgrund meiner Entscheidung ziemlich zufrieden. Mit Hilfe von Deborah und Sirius zog sie die drei Bewusstlosen zu einem Baum, überprüfte noch einmal, ob sie irgendwelche Waffen bei sich hatten, bevor sie erneut zu mir sah. Ich seufzte erneut leise. Natürlich. Wir hatten gerade keine Seile zur Verfügung, also musste ich wieder ran. Ein weiteres Mal griff ich nach meiner Magie und wandte sie auf den Baum an. Die Äste wuchsen weiter und schlangen sich dabei um die drei Todesser.
„Dann mal weiter", bestimmte Maélys, sobald ich meine Magie wieder losließ. „Ansonsten findet die Schlacht noch ohne uns statt."
Ich verdrehte die Augen. Das waren natürlich schreckliche Aussichten.

Hexagramm - PhönixrufWo Geschichten leben. Entdecke jetzt