Es war ein ziemliches komisches Gefühl, die Verwandten der Nymphen durch den Wald zu scheuchen, welche die letzten Monate im Schloss von Apollon gelebt hatten. Sie wieder wie Gefangene zu behandeln, anstelle wie Gäste. Nur bei Pedro fühlte es sich relativ normal an. Schließlich hatten wir ihn die letzten Monate eingesperrt. Jessica hatte sich zwar mühe gegeben, nett zu sein, allerdings hatte es nicht wirklich etwas gebracht. Jetzt war es allerdings fast vorbei. Bald wäre er wieder frei.
Wir erreichten erneut die Lichtung. In der Mitte hatte man ein Lagerfeuer errichtet, welches nun alle in ein flackerndes Licht tauchte. Im Kreis darum hatten sich Todesser und andere verbündete versammelt. Zwei Riesen saßen unter anderem am Rand. Parkinson und Greengras waren wieder hier, genauso wie noch viele weitere Todesser, welche im Schloss gekämpft hatten. Allerdings fehlte von Fred Weasley oder den anderen Nymphen jede Spur. Remus hatte dafür wieder seine Augen offen. Außerdem hatte man anscheinend den Wildhüter Hagrid gefangen, denn dieser saß nun neben Remus gefesselt auf den Boden. Auch er hatte einige oberflächliche Verletzungen, allerdings nichts offensichtlich Schlimmes.
„Ich nehme mal an, mein Geschenk ist in Hogwarts angekommen."
„Wie ihr es wolltet, Basílissa", wurde mir mitgeteilt.
Mir fiel ein Stein vom Herzen. Fred Weasley war wieder in Hogwarts. Er war in Sicherheit. Madam Pomfrey würde ihn hoffentlich wieder zusammenflicken. Jetzt mussten wir nur noch auf die anderen Nymphen und Harry warten. Sie hatten nur noch zwanzig Minuten Zeit. Hoffentlich würden sie diese auch nutzen. Hatte ich mich geirrt? Wollten sie ihre Angehörigen doch nicht so dringend wieder haben? Ich meine, es war auch schon ziemlich viel verlangt, Hades als Gegenleistung für ihre Freilassung aus der Unterwelt zu holen. Hatte ich die Liebe überschätzt?
Ich meine, ich konnte es irgendwo verstehen. Hades zurückzuholen war einfach nur verrückt. Aber wäre ich bereit, Marlon zu opfern? Nein, eindeutig nicht. Ich würde mir überlegen, wie ich beides kriegen könnte. Meine Liebsten retten und Hades in der Unterwelt halten.
„Sie lassen sich wohl Zeit", murrte ich und sah zu Voldemort. Hinter ihm schlängelte sich Nagini in einen glitzernden magischen Käfig. Seine Hände hatte er um den Zauberstab gefaltet, während er stumm vor sich hinzählte. Auf mich ging er gar nicht ein.
Als Nächstes sah ich zu den Malfoys herüber, welche eng zusammenstanden. Lucius wirkte niedergeschlagen und verängstigt, seine Ehefrau eher argwöhnisch. Trotzdem hatte sie schützend die Arme um ihre Tochter gelegt, welche ein wenig so wirkte, als würde sie gleich in Tränen ausbrechen. Von Draco fehlte noch immer jede Spur. Hoffentlich war er in Sicherheit. Vielleicht saß er schon längst bei Finn in meiner Wohnung und sah mit Fernsehen.
Ich hatte das Gefühl, die Sekunden würden extra langsam verstreichen. Die weiteren zwanzig Minuten, in denen auch noch unsere anderen Verbündeten kamen. Judy McCauley, die Feuernymphe und Königin von Kanda, kam nach weiteren zehn Minuten zusammen mit meiner kleinen Schwester. Sie gaben ein etwas skurriles Pärchen ab. Die Mittfünfzigerin wirkte mal wieder einfach königlich. Sie trug eines ihrer langen wunderschönen Gewänder, ihre roten Haare waren perfekt gestylt und die Krone mit ihnen befestigt. Meine kleine Schwester hingegen, wirkte mal wieder eher wie eine Rockerbraut. Aber wenigstens trug sie Sachen, welche die Kobolde für sie angefertigt hatten. Sie wäre also zumindest vor ein paar Flüchen sicher.
Doch auch, wenn ich mich eigentlich sehr über die Ankunft der beiden freute, reagierte ich nicht auf sie. Jetzt war keine Zeit für Nettigkeiten. Ich würde es nicht versauen. Nicht auf der Zielgraden.
Und dann knackte es endlich im Unterholz. Ich wirbelte herum, nur um Dolohow und Yaxley zu erblicken. Alleine. Ohne die anderen Nymphen und Harry. Und dabei lief in genau dieser Sekunde die Zeit der anderen zum Kommen ab.
„Keine Spur von ihnen, Herr", wurde uns von Dolohow mitgeteilt.
Voldemorts Gesichtsausdruck änderte sich nicht. Die roten Augen schienen im Licht des Feuers zu glühen. Langsam zog er den Elderstab zwischen seinen langen Fingern hervor.
„Herr –", setzte Bellatrix zum Reden an. Der dunkle Herrscher hob seine Hand und befahl ihr damit zu Schweigen.
„Ich dachte, sie würden kommen", erklärte Voldemort mit seiner hohen, klaren Stimme, den Blick auf die lodernden Flammen gerichtet. „Ich habe erwartet, dass sie kommen."
Das hatte ich auch erwartet. Wirklich. Und mein ganzer schöner Plan scheiterte. So kurz vor dem Ziel. Dabei war schon der zweite März. Ich hatte also keine Zeit mehr. Ich würde heute sterben. Noch heute. Vielleicht in einer Minute, vielleicht hatte ich auch noch wenige Stunden. Auf jeden Fall nicht mehr lange.
„Ich habe mich, wie es scheint ... geirrt", zischte die Hades-Nymphe.
„Hast du nicht."
In diesem Moment sprangen alle Todesser gleichzeitig auf. Die Riesen brüllten, die Menschen schrien, keuchten oder gaben ein kaltes Lachen von sich. Voldemort stand vollkommen reglos da, genauso wie ich. Eigentlich wollte ich am liebsten einen Freudentanz machen. Sie waren doch tatsächlich gekommen.
Harry, der gesprochen hatte, und die Nymphen traten in die Mitte des Kreises aus Todessern. Kira und Mary sahen dabei ängstlich nach links und rechts, machten aber keine Anstalt, einen Rückzieher zu machen.
„Harry! Nein!", schrie Hagrid, welcher versuchte, sich gegen seine Fesseln zu wehren. Die Äste von dem Baum, an dem der Halbriese gebunden worden war, wurden geschüttelt. Blätter regneten auf ihn und Remus herab. „Nein! Nein! Harry, was willst'n –?"
„Ruhe", schrie Rowle und ein Schlenker seines Zauberstabs brachte den Wildhüter zum Schweigen. Kira und Mary sahen hilfesuchend zu Samuel, der wieder im Rollstuhl saß, und Remus. Als könnten die beiden gerade alles zum guten Drehen.
„Willkommen bei der Party!", rief ich gespielt fröhlich. „Wir haben euch schon erwartet."
„Lass unsere Familien frei, Patricia!", rief Kira.
„Du hast es aber eilig. Nach dem Zauber, Schwesterherz. Ich lasse sie nach dem Zauber gehen."
„Du vergisst, wir sind hier im verbotenen Wald. In meinem Element!"
Ich spürte, wie sich hinter mir erneut die Äste und Blätter bewegten. Dieses Mal allerdings nicht, weil ein Windhauch durch sie hindurchfuhr oder ein Halbriese sich befreien wollte, sondern weil sie sich zum Angriff bereit machten.
„Als hätte ich damit nicht gerechnet, Pflanzenmädchen. Versuchs und wir werden hier alles abfackeln. Judy muss nur einmal mit den Fingern schnipsen. Oder Adina entzieht der gesamten Flora hier das Wasser. Also sei ein liebes Kind und höre auf deine Schwester."
Das Rascheln hörte wieder auf. Stattdessen sah Kira beschämt zu Boden. Hatte sie ernsthaft die Hoffnung gehabt, so einfach die Oberhand zu kriegen? War sie wirklich so naiv? Ein wenig mehr hatte ich eigentlich schon von ihr erwartet. Aber ich wollte mich nicht beschweren. Je schneller wir das alles über die Bühne brachten, desto besser. Schließlich lief meine Zeit ab. Ich sah auf meine Armbanduhr. Kurz nach vier Uhr morgens. Und ich lebte noch. Allerdings war ich laut meiner Geburtsurkunde auch erst um 4:43 Uhr geboren. Wenn man es genau nahm, war ich also noch keine achtzehn Jahre alt.
„Wir haben schon alles für den Zauber vorbereitet!", verkündete ich und zeigte hinter mich in den Wald herein. Nur wenige Meter von uns entfernt war noch eine weitere Lichtung, auf welcher schon alles bereit war. Wir hatten einen Kreis gezeichnet, mit welchem früher einmal die Macht der dreizehn Götter gebündelt wurde und eine Schüssel, in welcher wir die Zutaten für den Zauber mischen würden.
„Folgt mir!", befahl ich den Nymphen.
Und tatsächlich setzen sich alle in Bewegung. Brav wie eine Entenfamilie folgten mir alle. Na ja, bis auf Voldemort, welcher sogar noch vor mir lief. Natasha beschleunigte ihre Schritte, sodass sie zu mir aufschloss. Eine Tatsache, die ihr einen ziemlich bösen Blick von Kira und Mary einbrachte. Das schien sie aber nicht zu stören. Stattdessen grinste sie mich glücklich und zufrieden an. Was sie wohl mehr freute? Dass ihre Mutter bald zurück war oder sie den Todessern ordentlich in den Arsch treten durfte?
Wir traten auf die andere Lichtung. Zwischen den Bäumen und Büschen sah man noch das Feuer auf der anderen. Hier war es um einiges düster. Nur das Mondlicht sorgte dafür, dass es nicht vollkommen finster war. Auf den Boden hatten wir mit weißer Kreide das frühere Symbol der dreizehn Götter gezeichnet. In dreizehn kleinen Kreisen war jeweils das Symbol eines Gottes zu sehen. Ein wesentlich größerer Verband alle miteinander. Außerdem führte von jedem Kreis eine Linie in die Mitte zu einem vierzehnten kleinen Kreis. Der Ort, an dem Harry und die anderen Zutaten stehen würden.
Ohne zu zögern, lief ich zu dem mittleren Kreis. Harry zog ich kommentarlos hinterher. Mein ehemaliger Klassenkamerad stolperte mir mit leerem Blick hinterher. Es wirkte so, als hätte er schon längst aufgegeben. Er hatte sich damit abgefunden, dass er jetzt und hier sterben würde. Ob er wohl herausgefunden hatte, dass er ein Horkrux war?
„Stellt euch auf!", befahl Voldemort und zeigte auf die ganzen anderen Kreise.
Die gegnerischen Nymphen waren sich hilfesuchende Blicke zu. Allerdings schien niemand eine Idee zu haben, was sie noch tun konnten. David Simos war der Erste, der zum richtigen Kreis lief. Kein Kampfgeist. Genauso wie seine Ehefrau.
In der Mitte angekommen fesselte ich Harry. Das Letzte, was ich gebrauchen konnte, war, dass er den Zauber ruinierte, indem er etwas Unüberlegtes tat. Als Nächstes griff ich nach der Schüssel. Mit einen meiner Messer schnitt ich mir in die Hand. Sofort floss Blut aus dem Schnitt, welches ich hereintropfen ließ. Potter starrte mit diesem leeren Blick auf meine Wunde. Was er wohl sagen würde, wenn ich als Nächstes ihn aufschlitzte, um eine weitere Zutat zu sammeln?
Ich drehte mich wieder zu ihm. Tatsächlich gab er keinen Mucks von sich, als ich auch in seine Hand schnitt und das warme Blut an ihr herunter Floss, nur um von seinen Fingerspitzen in die Schüssel zu tropfen. Irgendwie hatte ich etwas anderes erwartet. Gegen mich gerichtete Flüche oder so.
Ich wandte mich von den Gryffindor wieder ab. Stattdessen lief ich der Reihe nach die Nymphen ab. Kira und Mary musste ich beinahe dazu zwingen, mir ihr Blut zu überlassen, andere wie David streckten mir widerstandslos die Hand hin. Natasha schlitzte sich sogar selbst in die Hand und ließ mit einem strahlenden Lächeln das Blut in die Schüssel Tropfen. Schließlich stellte ich sie wieder in die Mitte bei Harry ab, kippte noch die Phönixträne und das Einhornblut in die Schüssel und schon war alles fertig.
Zurück auf meinem Kreis zog ich den Zettel mit den altgriechischen Worten heraus. Wie oft hatte ich sie im letzten Jahr mit Ares geübt, um sie richtig auszusprechen? Immer und immer wieder hatte ich sie aufgesagt, um diesen Moment nicht zu vermasseln. Ich konnte sie schon so lange auswendig, trotzdem hatte ich Angst, sie jetzt falsch zu sagen. Daher las ich sie mir noch dreimal durch, bevor ich schließlich zu sprechen begann.
„Pforte zur Zwischenwelt, lass durch, was hier gebunden ist. Gib zurück, was nicht zu dir gehört."
Zwei kurze altgriechische Sätze. Nicht mehr. Einfach nur zwei Sätze. Sie wirkten irgendwie so unscheinbar, doch ich wusste genau, das waren sie nicht. Die Schale in der Mitte begann rot zu leuchten und gleichzeitig hatte ich das Gefühl, etwas würde an mir ziehen. Auf der einen Seite war es so stark, dass es mich fast von den Füßen riss, auf der anderen Seite hatte ich aber nicht das Gefühl mich einen Millimeter bewegen zu müssen. Es fühlte sich einfach seltsam an.
Ich sah zu Voldemort, doch diesem schien nicht aufgefallen zu sein, dass ich die Pforte zur Zwischenwelt geöffnet hatte, nicht die zur Unterwelt. Allerdings hatte ich bisher auch nicht das Gefühl gehabt, er würde Altgriechisch verstehen. Stattdessen zog er nun begierig seinen Zauberstab heraus, richtetete ihn auf Harry und sprach die Worte:
„Avada Kedavra."
Der Zauber löste sich aus seinem Stab. Er raste auf den Gryffindor zu, welcher nicht einmal aufsehen konnte, bevor er mitten in der Brust getroffen wurde und auf den Boden knallte. Dort blieb er einfach liegen. Wenigstens riss er nicht die Schüssel um. Bis meine Eltern zurück waren, würde sie niemand anfassen.
Durch die Reihen der Nymphen ging ein entsetzter Schrei. Kira schlug sich die Hände über den Mund zusammen, während sie mit vor Entsetzen geweiteten Augen auf die vermeintliche Leiche von Harry starrte. Natasha wirkte eher ein wenig verwirrt. Erst sah sie zu Harry und dann wieder zu mir, als würde sie erwarten, dass ich mich erklären würde. Von diesem Teil des Plans hatte ich ihr extra nicht erzählt, damit ihre Reaktion möglichst echt war.
Mein Blick glitt zu Voldemort. Nicht nur Harry war von den Füßen gerissen worden, sondern auch der dunkle Zauberer. Auch er lag am Boden. Ein Teil von mir wollte jetzt die letzten paar Meter überwinden, um ihn das Messer in die Brust zu rammen. Auch wenn ich wusste, wie sinnlos es war. Solange noch Nagini lebte, würde er nicht sterben.
Die Todesser schienen mein Bedürfnis allerdings nicht zu haben. Einige brachten mit Zaubern die gegnerischen Nymphen unter ihre Kontrolle, andere – allen voran Bellatrix – liefen zu Voldemort herüber, um nach ihn zu sehen.
„Herr .... Herr ..." Ihre Stimme hörte sich so an, als würde sie zu einem Geliebten sprechen. Wirklich affig. Dabei hatte er sie an mich verkauft. Selbst wenn sie hoffte, es würde nie so weit kommen, dass ich sie umbringen durfte, ich hatte sie in den letzten Monaten genug gequält. Und er hatte zufrieden dabei zugesehen.
„Herr ..."
„Das genügt", rief der dunkle Lord.
Die Todesser machten sofort einige hastige Schritte zurück. Nur Bellatrix, die sich neben Voldemort gekniet hatte, blieb zurück.
„Herr, lasst mich –" Sie machte eine Geste, als wolle sie ihm wieder auf die Füße helfen. Das schien er allerdings nicht wirklich zu schätzen.
„Ich brauche keine Hilfe", sagte Voldemort kalt und ignorierte Bellatrix ausgestreckte Hand. „Der Junge ... ist er tot?"
Mein Blick glitt zu Harry, der noch immer leblos am Boden lag. Eine Frage, die mich auch interessierte? Spielte er jetzt tot oder war er es wirklich? War mein Plan schiefgegangen? Hatte ich ihn umgebracht? Ich meine, an und für sich war das kein riesiger Verlust ... na ja, außer dass ich es mir wahrscheinlich den Rest meines Lebens in der Totenwelt anhören durfte. Nervig. Ob es wohl für eine Basílissa angemessen war, den Puls zu fühlen?
„Du", sagte Voldemort und schmiss einen Zauber auf Narzissa Malfoy, die einen kurzen spitzen Schmerzensschrei von sich gab. „Untersuch ihn. Sag mir, ob er tot ist."
Ich sah dabei zu, wie die Malfoy Mutter langsam in den Kreis trat. Wie in Zeitlupe schien sie zu Harry zu laufen, sich neben ihn zu knien und sich über ihn zu beugen. Dann legte sie ihre Hand auf seine Brust. Es dauerte ein paar Sekunden, doch schließlich richtete sie sich auf. Ihr Blick glitt vom dunklen Lord zu mir, bevor sie endlich das Wort ergriff.
„Es ist alles nach Plan verlaufen."
Die Todesser stimmten Triumphgeheul an und stampften mit den Füßen auf. Zur Feier von Harrys Tod ließen sie auch noch rote und silberne Lichtblitze in die Luft schießen. Der Nachthimmel wurde von ihnen erleuchtet, als wäre es Feuerwerk.
Und auch ich konnte nicht anders, als laut loszulachen. Es verlief alles nach Plan. Das hatte die Malfoy-Mutter gesagt. An mich gerichtet. Ganz bewusst an mich. Das hätte sie nicht gemacht, wenn er wirklich tot wäre. Sie konnte sich wahrscheinlich denken, dass Harrys Tod in meinem Plan nicht vorkam.
„Seht ihr?", kreischte Voldemort durch den Lärm. „Harry Potter ist von meiner Hand gestorben und nun ist keiner mehr unter den Lebenden, der eine Gefahr für mich sein könnte! Sehr her! Crucio!"
Für einen kurzen Moment verkrampfte sich mein Magen. Ich ging fest davon aus, jetzt würde es doch noch auffliegen, dass er lebte. Harry würde aufgrund des Folterfluchs anfangen zu schreien. Dann würde hier ein Kampf entbrennen. Ich gegen Voldemort und die Todesser, damit die anderen fliehen konnten. Würde ich deshalb sterben?
Doch sehr zu meiner Verwunderung gab Harry keinen Mucks von sich. Er wurde durch den Zauber in die Luft geschleudert. Seine Brille flog davon und verfehlte die Schale mit dem Zauber nur knapp. War er bewusstlos und reagierte deshalb nicht? Auch wenn ihn der Todesfluch nicht umgebracht hatte, hieß es ja noch lange nicht, dass er unbeschadet war.
„Rona!", hörte ich Natasha meinen früheren Spitznamen schreien. Als ich mich zu ihr wandte, wurde ich flehend angesehen. Sie wollte, dass ich eingriff. Jetzt gab es keinen Grund mehr, es nicht zu tun. Also abgesehen davon, dass es viel zu gefährlich war.
„Nicht jetzt, Natasha", fuhr ich meine kleine Schwester an.
„Aber ..."
„Kein aber. Es läuft alles nach Plan. Sei still."
Kurz starrten wir uns gegenseitig an. Ein paar der Todesser hoben ihre Stäbe, als überlegten sie, meine kleine Schwester zu überwältigen. Doch schließlich gab die Gewitternymphe mit einem leisen Seufzen nach. Allerdings wirkte sie nicht beruhigt, sondern noch immer sehr misstrauisch. Obwohl wir uns so lange nicht gesehen hatten, war Vertrauen zwischen uns nie eine ernsthafte Baustelle gewesen. Während Harry ein drittes Mal durch einen Cruciatus-Fluch in die Luft geschleudert wurde, wandte sie sich von mir und dem Geschehen ab.
„Nun denn", sagte Voldemort, als Harry ein weiteres Mal auf den Boden aufschlug, „gehen wir zum Schloss und zeigen ihnen, was aus ihrem Helden geworden ist. Wer schleppt die Leiche? Nein – wartet –"
Erneut brach Gelächter aus, während in mir noch mehr Zufriedenheit aufkam. Er würde gehen, um seinen Triumph zu feiern. Das hieß auch, ich konnte die Nymphen einfach freilassen. Würde ich doch überleben? Oder würde die zweite Runde der Schlacht mein Leben kosten?
„Der Halbriese trägt ihn!", beschloss die Hades-Nymphe. Unter großen Gejohle strömten ein paar der Todesser zurück zur anderen Lichtung, von wo aus sie mit dem Wildhüter wiederkamen. Dem Mann liefen tatsächlich stumme Tränen über die Wange.
„Du trägst ihn", verkündete Voldemort dem Mann, um die Situation noch schlimmer zu machen. „In deinen Armen wird er sich hübsch machen und gut sichtbar sein, nicht wahr? Nimm deinen kleinen Freund hoch, Hagrid. Und die Brille – setzt ihm die Brille auf – man muss sehen können, wer es ist."
Sofort rannte einer der Todesser mit der Brille zu Harry und drückte sie ihm unsanft auf die Nase. Der Halbriese lief ebenfalls dorthin, nur um den Gryffindor vorsichtig auf den Arm zu nehmen und dort wie ein Baby hin und her zu wiegen.
„Ich werde mich hier um unsere Gäste kümmern", flötete ich und warf auch noch demonstrativ mein Messer in die Luft. Kira spannte ihren gesamten Körper an, als könnte es sich jederzeit in ihr Fleisch bohren. Na gut, hätte ich es gewollt, hätte ich problemlos mit meiner Magie die Flugbahn abändern können.
„Bleibt hier!", befahl der dunkle Lord in Richtung einiger seiner Männer. Ich war mir ziemlich unsicher, wer alles gemeint war. Die Todesser schienen es allerdings zu wissen. Ungefähr zwei Dutzend blieben auf der Lichtung zurück, während die anderen zu ihrem Siegesmarsch in Richtung Hogwarts aufbrachen.
Mir war sofort klar, dass sie nicht nur als Wachen für die gegnerischen Nymphen gedacht waren. Es waren gerade einmal sieben Nymphen, die unter Kontrolle gehalten werden mussten. Dazu waren schon einmal fünf Nymphen hier. Dazu kam, dass wir auf unserer Seite eher die Kräfte versammelt hatten, die fürs Kämpfen praktisch waren. Feuer und Blitze taten eindeutig mehr weh, als es bei der Friedens- oder Familiennymphe der Fall war.
„Bringt sie zurück zu den anderen!", befahl ich an die zurückgebliebenen Todesser gewandt.
Tatsächlich setzten sie sich sofort in Bewegung. Ich sah dabei zu, wie die Nymphen herübergetrieben wurden. Kira versuchte noch einmal, mit Hilfe von den Pflanzen um sich herum, die Todesser zu überwältigen. Adina und Judy reagierten allerdings sofort. Während die Wassernymphe dem Boden und den Pflanzen ihr Element entzog, legte die andere Nymphe ein kleines Feuer. Gleichzeitig flogen auch schon die Schockzauber der Todesser. Meine Schwester verwandelte sich allerdings in irgendein winziges Tier und war somit aus unserem Sichtfeld verschwunden.
„Sie wird die anderen nicht zurücklassen. Versammelt sie auf den Platz!", wiederholte ich meinen vorherigen Befehl. „Bewacht die Gefangenen. Schockt jeden, der eine falsche Bewegung macht."
Ich sah dabei zu, wie der Rest der Nymphen wieder zur anderen Lichtung getrieben wurde. Ich hingegen blieb mit Natasha zurück. Es gab zwei mögliche Ziele für meinen Zwilling: Die anderen Gefangenen und den Zauber. Jetzt gerade würde ich erstmal die Schüssel zerstören, in der Hoffnung, damit Hades Rückkehr aufhalten zu können. Die anderen Gefangenen würde ich schließlich sehr wahrscheinlich nicht einfach umbringen, sondern sie erstmal foltern.
Ich richtete meine Handflächen auf die Schale und begann leise Worte zur Murmeln. Im nächsten Moment erschien um sie herum schon ein goldener Käfig, ähnlich wie der, in dem Nagini gefangen war.
„Was wollen wir noch hier?", zischte mir in diesem Moment Natasha zu und packte mich am Arm. „So war das nicht abgemacht. Der Zauber ist gesprochen. Nächster Schritt war es, alle frei zu lassen und dem dunklen Lord ein Messer in die Kehle zu rammen. Jetzt ist Harry tot."
„Ist er nicht. Voldemort hat sich selbst zu einer Art positiven Horkrux von ihm gemacht. Solange unsere Lordschaft noch lebt, tut Harry es auch.
Hör zu, Natasha. Der Plan ist noch der Gleiche. Aber gerade hätten wir alleine gegen sämtliche Todesser antreten müssen. Jetzt haben wir nur noch zwei Dutzend als Gegner. Also vertraust du mir?"
Das Zögern von Natasha entging mir nicht. Sie war sich nicht sicher, ob sie noch mit ja auf meine Frage antworten konnte. Doch auch wenn sie sich unsicher war, am Ende beruhigte mich ihre Antwort trotzdem:
„Du bist meine Schwester. Wenn hier alles gesichert ist, sollten wir rüber gehen und endlich die Leute zu dir bringen."
Ich nickte ergeben. Es gab keinen Grund mehr, meine Tarnung aufrecht zu erhalten. Hoffentlich würde Kira nur nichts Dummes tun. Sie sollte ihrer Familie bei der Flucht helfen und meine Leute nicht dabei aufhalten. Wenigstens würde sie nicht einfach den Zauber zerstören können.
Natasha und ich liefen zurück zur anderen Lichtung. Mittlerweile saßen auch die gegnerischen Nymphen gefesselt bei ihren Angehörigen. Mary hatte sich dicht an ihren Vater gedrängt, den man aus dem Rollstuhl gezerrt hatte. Wahrscheinlich ging man davon aus, dass er so überhaupt keine Chance hatte, zu entkommen. Eigentlich eine kluge Entscheidung. Die Todesser hatten sich erneut im Kreis aufgestellt. Ein tödliches Netz, welches sich blitzschnell zusammenziehen würde, wenn eine Person einen falschen Schritt machen würde.
Adina wirkte mal wieder ziemlich nervös. Ihr Blick glitt immer wieder über die Todesser und den Wald hinter ihnen. Wovor sie wohl mehr Angst hatte? Vor Kira oder vor den bevorstehenden Kampf.
Auch wenn ich wusste, wie gefährlich es war, trat ich in die Mitte des Kreises. Natasha folgte mir, als wäre es das Selbstverständlichste der Welt. Aus dem Augenwinkel sah ich allerdings, wie sie etwas in der Größe meines Messers aus ihrem Ärmel in ihre Hand gleiten ließ. Sie war bereit.
„Na dann", murmelte ich. Im nächsten Moment warf ich auch schon mein Messer in Richtung von Remus. Ich hatte so gezielt, dass es seine Fesseln durchschneiden würden. Kurz bevor sie durchtrennt wurden, wuchs allerdings ein Ast und verhinderte es somit. Nicht wirklich überraschend allerdings trotzdem ärgerlich. Zumindest war jetzt ein Messer in seiner Reichweite. Damit würde er sicherlich etwas anfangen können.
„Du hast versprochen, sie zu verschonen!", hörte ich Kira links aus dem Wald schreien.
„Abhauen ist kein Teil von einer Kapitulation", rief ich zurück, während Remus das Messer in dem Ast dicht neben sich betrachtete. Es war ziemlich weit hereingetrieben worden, allerdings gleichzeitig noch so weit draußen, dass er damit seine Fesseln durchtrennen konnte. Mit der scharfen Klinge würde es höchstens eine Millisekunde dauern.
„Basílissa", hörte ich einen Todesser warnend rufen, allerdings zu spät. Der Werwolf durchschnitt seine Fesseln und zog das Messer aus dem Ast. Sofort kamen aus allen Richtungen Schockzauber auf ihn zugeflogen. Ich ließ ein Schildzauber, um die Gefangenen erscheinen. Zauber für Zauber knallte dort gegen. Die Ersten fühlten sich noch an, als würde man versuchen, eine Scheibe mit Wattebällchen einzuwerfen, doch mit jedem Neuen wurde es anstrengender. Aus der Watte wurden Kiesel bis es sich eher wie richtige Steine anfühlte. Allerdings hielt das Schild.
Remus zögerte keine Sekunde. Er nutze die Zeit, die er hatte, um auch noch die Fesseln von den Leuten in seiner Nähe zu durchschneiden. Samuels und Marys waren durchtrennt, als sämtliche Zauber eingeschlagen waren.
Als Nächstes richteten sich die Zauberstäbe der Todesser auf mich. Kein Wunder, wenn man bedachte, dass ich gerade eines der Opfer geschützt hatte, anstelle mir einfach mein Messer zurückzuholen und ihm die Kehle durchzuschneiden.
Jessica, Adina und Natasha reagierten sofort. Es wurden Schutzschilde um die Fläche geschaffen, sodass auch die weiteren Zauber uns nicht erreichten. Gleichzeitig zogen die Nymphen ihre Waffen heraus und weitere Fesseln fielen.
„Dad?", hörte ich Mary verwirrt fragen.
„Steh auf!", hörte ich Samuel seiner Tochter befehlen.
„Aber ..."
„Wir reden später."
Ich wagte einen vorsichtigen Blick über die Schulter. Samuel stand mittlerweile auf den Beinen. Er wirkte wackelig, genauso wie bei seinen Laufübungen im Schloss, aber er stand. Ich hielt nach seinem Rollstuhl Ausschau, allerdings war er nirgendwo zu sehen. Das war schlecht. Für eine Flucht war er definitiv noch nicht bereit.
„Adina, bring sie weg!", befahl ich. Im nächsten Moment warf ich auch schon ein Sprengzauber in die Menge an Todessern. Zwei erwischte ich damit. Die Männer wurden durch die Luft in den Wald geschleudert und tauchten nicht wieder auf. Andere hatten mehr Glück und konnten ausweichen, doch trotzdem entstand ein Loch in ihrem Kreis. Eines, durch welches wir entkommen konnten.
Zara und Moa sprangen an Samuels Seite, um den ehemaligen Rollstuhlfahrer dabei zu helfen, sich schneller von hier fortzubewegen. Auch Remus musste von David Simons gestützt werden, weil er etwas wackelig auf den Beinen gestützt wurden. Sie würden Zeit für die Flucht brauchen. Etwas, was wir nicht hatten.
Im nächsten Moment gingen die Todesser schon erneut zum Angriff über. Sie schmissen Zauber in unsere Richtung und versuchten das Loch in ihren Netz zu schließen. Erneut erwachte der Wald zum Leben und wuchs langsam, um die Gegner zu erreichen. Allerdings zu langsam, um jemanden von ihnen aufzuhalten. Als Ablenkungsmanöver war es durchaus zu gebrauchen.
Ich war nicht die Einzige mit dem Gedanken. Natasha sprang gleichzeitig mit mir vor und ließ dabei eine lange Peitsche aus Metall um sich wirbeln. Sie war unter Strom gesetzt, sodass sie wie eine Art Elektroschocker fungierte. Nur ein wenig tödlicher. Ich hingegen hatte mal wieder meine Messer gezückt, bereit jeden aufzuschlitzen, der mir zu nahe kam.
Die Todesser wichen zurück. Anscheinend stellten wir in ihren Augen die größere Gefahr dar, als der Wald, welcher anscheinend zum Leben erwacht war. Dünne Äste schlangen sich um Arme und Beine einiger Gegner, bis sie sich kaum noch bewegen konnten. Das Loch im Netz blieb somit offen und wir konnten herausschlüpfen. Heraus aus dem tödlichen Kreis.
Dadurch waren wir allerdings noch lange nicht entkommen. Weiterhin schossen Flüche auf uns. Manche waren schlecht gezielt, weshalb sie in Bäume oder den Boden einschlugen, andere konnten wir nur mit Mühe und Not abwehren. Die Todesser folgten uns und zwar in einer viel höheren Geschwindigkeit, als wir mit Samuel und Remus an den Tag legen konnten. Sie würden uns erneut einkesseln. Da war ich mir sicher. Die Todesser mussten verlangsamt werden. Jetzt sofort.
Abrupt stoppte ich. Zeit. Die anderen brauchten Zeit. Etwas, was uns allen davonlief. Den anderen für die Flucht, mir fürs Leben. Wenn ich auf der Flucht mit den anderen starb, würde das niemanden weiterbringen. Allerdings konnte ich mich den dunklen Zauberern stellen. Ihnen den Weg versperren und somit den anderen die Zeit verschaffen, die sie brauchten.
Ich ließ hinter mir eine Art magische Wand erscheinen. Niemand würde an mir vorbeikommen. Jedenfalls nicht solange ich noch lebte.
Anstelle weiter mit den anderen wegzulaufen, änderte ich nun die Richtung. Ich lief auf den Kampf zu. Es waren noch fünfzehn Todesser übrig. Wenn ich ins Gras biss, dann nur mit ihnen.
„Rona!", hörte ich Natasha hinter mir schreien, ignorierte es allerdings. Das hier war mein Kampf. Nicht ihrer.
Meine kleine Schwester schlug mit der Faust gegen die magisch errichtete Wand. Einmal. Zweimal. Dreimal. Jetzt warf ich doch noch einen kurzen Blick über die Schulter.
„Geh, Tyra", befahl ich ihr.
Im nächsten Moment schloss sich auch schon Jamies Hand um das Handgelenk meiner kleinen Schwester. Er versuchte, sie weiter zu zerren. Im ersten Moment schien die Gewitternymphe zu überlegen, sich freizumachen. Ich sah, wie sich Jamies Lippen bewegten, und dann lief Natasha tatsächlich los. Weg von der magischen Barriere. Weg von mir.
Ich drehte mich wieder nach vorne. Bereit für mein letztes Gefecht.
DU LIEST GERADE
Hexagramm - Phönixruf
FanficDreizehn Nymphen, dreizehn Flüche. Sieben Horkruxe, drei zerstörte. Tahnea ist besiegt, Patricias Fluch ist gebrochen. Doch nun bleibt ihr nur kein Jahr, bevor sie stirbt. Kein Jahr, um die Vorgängernymphen und ihren Vater aus der Zwischenwelt zu be...
