Ich rieb mir über die Ohren. Ich hatte ganz vergessen, wie unangenehm das Druckgefühl kurz nach der Landung war. Ich fragte mich wirklich, warum es manche Menschen vorzogen, so zu reisen anstelle zu apparieren. Solche Probleme hatte ich noch nie nach einer magischen Reise. Obwohl die Portschlüssel auch nicht unbedingt angenehm waren. Dafür aber schön schnell. Acht Stunden hätten wir mit einem Portschlüssel nicht von Flughafen zu Flughafen gebraucht.
Das Flugzeug kam nun endgültig auf der Rollbahn zum stehen. Die Anschnall-Zeichen erloschen. Die Leute konnten es anscheinend kaum erwarten, endlich aus dieser Blechbüchse herauszukommen. Sie schnallten sich ab, sprangen auf, nur um ihr Handgepäck aus den Fächern über den Köpfen zu holen und zur Flugzeugtür zu eilen.
Anstelle es ihnen gleich zu tun, streckte ich mich auf meinem Platz. Die Tür wäre jetzt sicherlich eh verstopft, bis die Koffer abgeholt werden konnten, dauerte es auch noch etwas, also wofür der Stress. Natasha, welche auf dem Gangplatz neben mir saß, stand auf und streckte sich erstmal ausgiebig. Auch sie machte keine Anstalten den anderen Leuten sofort in Richtung Tür zu folgen.
Erst als der Strom zur Tür etwas nachgelassen hatte, holten wir unser Handgepäck aus den Fächern und machten uns ebenfalls auf den Weg. Auch Caleb und Michael standen von ihren Plätzen auf. Sie hatten auf der anderen Seite des Ganges gesessen.
Natashas leiblicher Vater war mit uns hierher zurückgeflogen. Am Flughafen parkte sein Auto, mit welchem er uns später ins Hotel bringen würde, bevor er in seine eigene Wohnung weiterfahren würde. Caleb würde zwar mit uns im gleichen Hotel schlafen – Natasha und er teilten sich ein Zimmer, während ich eines für mich alleine hatte – tagsüber wollte er allerdings wie angekündigt ehemalige Freunde treffen. Ich hoffte nur, er ließ sich von denen nicht wieder in irgendwelche illegalen Aktivitäten verstricken.
Zusammen liefen wir durch die Gangway in den Flughafen herein. Neugierig betrachtete ich die Umgebung. Seit meinem Urlaub mit Marlon hatte sich nicht wirklich viel geändert. Die Wände waren wohl mal gestrichen worden, jedenfalls wirkten sie in meiner Erinnerung dreckiger. Außerdem hatte unser Flugzeug damals drei Plätze weiter rechts gestanden.
„Patricia, jetzt mustere hier nicht alles so genau. Hier sind bestimmt keine Todesser, die uns verfolgen", rief Natasha und stupste mir in die Seite.
„Ich suche keine Todesser. Ich glaube nur, die Wände wurden seit meinem letzten Besuch überstrichen und wir sind drei Plätze weiter rechts angekommen."
„Die Wände wurden vor ungefähr einem Jahr in der gleichen Farbe wie vorher überstrichen", berichtete mir Michael Cruz.
Ich nickte zufrieden. Dann hatte ich also Recht gehabt. Die Wände waren wesentlich sauberer als damals. Jedenfalls jetzt noch. In drei Jahren waren sie wahrscheinlich wieder ziemlich dreckig. Das blieb nun mal nicht aus.
„Jetzt konzentriere dich nicht auf solche Dinge. Wir sind in New York. Es gibt wirklich bessere Dinge, die man sich einprägen kann", stellte meine kleine Schwester fest.
Ich zuckte mit den Schultern. Wenn sie nicht irgendetwas nennen konnte, was ich verpasst hatte, hatte ich meine Gehirnleistung nicht verschwendet. Ich hatte nun einmal ein fotografisches Gedächtnis.
Wir liefen zu dem Gepäckband, auf welchen schon die ersten Koffer unseres Fluges lagen und auf ihre Besitzer warteten. Runde um Runde fuhren sie teilweise, während andere sofort heruntergenommen wurden. Der Koffer von Natasha lag schon auf dem Band, auf die anderen mussten wir allerdings noch warten. Mein Blick glitt zu den Schaltern, an welchen man das Sperrgepäck abholen konnte. Bei meinem ersten Urlaub hier hatten Marlon und ich Antiope dort in Empfang genommen. Heute würde ich dort allerdings nicht hinmüssen. Mein Hund war bei Adina und Draco. Es wäre einfach zu auffällig gewesen, mein Haustier mitzunehmen, wo ich mich doch offiziell nicht für sie interessierte. Auch wenn es mir wehtat.
„Wir werden einen wunderschönen Urlaub haben", wurde mir von Natasha in einem mitleidigen Ton versichert. „Und nach den Ferien wird Antiope sich über deine Rückkehr freuen. Da bin ich mir ganz sicher. Dieser Hund ist doch verrückt nach dir."
„Ich vermisse meine Kleine", gab ich zu.
„In zwei Wochen kuschelt ihr wieder", wurde mir versichert, was ich mit einem leisen Seufzen kommentierte. Das wusste ich, aber trotzdem tat es mir gerade weh. Ob ich wohl abends mal nach England apparieren konnte, um Antiope zu streicheln? Allerdings war das Risiko eigentlich viel zu hoch.
„Ja, in zwei Wochen", bestätigte ich daher.
„Die zwei Wochen sind vorbei, bevor du dich versiehst", versicherte mir Michael. Ich nahm die Worte mit einem Nicken zur Kenntnis. Unterm Strich machte ich mir auch keine Sorgen, ich würde noch lange Antiope vermissen. Sobald Natasha und ich die Stadt erkunden würde, hätte ich wieder andere Dinge im Kopf. Nur jetzt, wo ich gerade den Schalter sah, vermisste ich sie sehr und vermutlich auch, wenn ich nachts alleine in meinem Hotelbett lag.
„Ich bin sicher, unsere Ausflüge werden mich ablenken. Ich freue mich trotzdem über unseren Urlaub", gab ich zu.
„Sobald wir eure Koffer haben, kann es losgehen. Ich fahre zum Hotel, ihr bringt eure Sachen auf die Zimmer und wenn ihr wollt, kann ich euch danach auch noch irgendwo anders absetzen, bevor ich nach Hause fahre."
„Du könntest uns bei Lady Liberty absetzen", stellte Natasha sehr zu meiner Überraschung fest. Ich hätte gedacht, sie würde ihren leiblichen Vater nach den gemeinsamen Tagen wieder loswerden wollen. Aber anscheinend fand sie die Zeit mit ihm nicht so anstrengend wie ich die Zeit mit meiner leiblichen Familie.
„Das mache ich noch sehr gerne."
„Und bevor wir weiter nach Las Vegas fahren, um herauszufinden, wie viel Geld wir mit Patricias fotografischen Gedächtnis machen können, könnten wir ja vielleicht noch mal zu viert essen gehen."
Ich biss mir auf die Unterlippe, um nichts zu diesem Vorschlag zu sagen. Eigentlich passte es mir gar nicht, jetzt einen Abend mit Natashas Vater teilen zu müssen. Reichte es nicht, dass manchmal Caleb dabei war? Allerdings wollte ich den beiden auch nicht im Weg stehen. Vor allem weil ich diese Beziehung angestoßen hatte.
„Sehr gerne. Sagt einfach, wann ihr Zeit für mich habt."
„Das werden wir", versprach ich schweren Herzens, um meine Unterstützung für die Idee auszusprechen.
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Hexagramm - Phönixruf
FanfictionDreizehn Nymphen, dreizehn Flüche. Sieben Horkruxe, drei zerstörte. Tahnea ist besiegt, Patricias Fluch ist gebrochen. Doch nun bleibt ihr nur kein Jahr, bevor sie stirbt. Kein Jahr, um die Vorgängernymphen und ihren Vater aus der Zwischenwelt zu be...
