"Nein, bitte nicht, du musst das nicht machen, wirklich nicht," sage ich voller Verzweiflung und ziehe an seinem Arm. "Dann erklär mir, wieso er dich geschlagen hat."
"Ich weiß es nicht, jemand muss mich wohl gesehen haben, als ich aus deinem Auto ausgestiegen bin. Ich habe wirklich keine Ahnung," erkläre ich, meine Stimme zittert vor Angst. "Für so etwas schlägt man doch nicht gleich jemanden. Es ist meine Schuld, ich habe dich dahingefahren," sagt er, sichtbar aufgebracht.
"Nein, nein, ich hätte nicht ahnen können, dass es so eskaliert," versuche ich ihn zu beruhigen, doch mein eigener Herzschlag verrät meine Unsicherheit. "Was ist denn genau passiert? Klär mich auf," fordert er mich auf. "Ich war zuhause, plötzlich ist mein Cousin zu uns gekommen und hat nach mir gefragt." Während ich ihm alles erzähle, spiele ich nervös mit meinen Fingern. "Dann hat er mich als dreckige Hure bezeichnet und mir eine geknallt," gestehe ich und spüre, wie die Scham und der Schmerz mich überwältigen.
"Warte, was? Dieser Bastard, dafür hat er selber Schläge verdient. Was sind das für Ausdrücke? Ich fahre sonst alleine dahin. Gib mir nur seinen Vor- und Nachnamen, den Rest kläre ich auf meine Weise," sagt er, seine Stimme ist jetzt bedrohlich ruhig. "Nein, Kian, bitte nicht. Wenn es rauskommt, darf ich nicht mehr weiter studieren und muss wieder zurück nach Lüneburg. Bitte," flehe ich ihn an und ziehe erneut an seinem Arm. "Meine Familie ist sehr konservativ, wenn es um Jungs, Beziehungen und Ähnliches geht. Selbst wenn du dahin gehst, werden sie denken, dass wir beide irgendetwas miteinander haben, obwohl es nicht stimmt."
Er sieht mich einen Moment lang schweigend an, dann atmet er tief durch. "Eigentlich hat dein Cousin Schläge verdient, aber dieses Mal ziehe ich mich zurück. Wenn aber so etwas wieder vorkommen sollte..." Noch bevor er weitersprechen kann, unterbreche ich ihn. "Ich glaube nicht, aber ich schätze es sehr, dass du so hinter mir stehst. Ich muss jetzt weiter putzen. Falls wir uns nicht mehr sehen sollten, nochmal danke für alles," sage ich und versuche ein schwaches Lächeln. "Du musst dich nicht bedanken," antwortet er und geht schließlich.
Nach der Arbeit fahre ich noch zur Bibliothek, um die letzten Vorbereitungen für die Uni zu machen. Jemand tippt mir auf die Schulter. Ich drehe mich um und sehe Daris hinter mir stehen. "Na sieh mal, wer wieder in der Uni ist," sagt er grinsend. "Hey Daris," sage ich und versuche, freundlich zu klingen, obwohl mir eigentlich nicht nach Reden zumute ist. "Ja, ich wollte bei Moodle meine Kurse sortieren und einige Bücher für die Vorlesung ausleihen." "Das klingt ja spannend," sagt er und setzt sich genau vor mich. "Ich mache dann weiter," sage ich knapp und winke ihm, um zu signalisieren, dass er weggehen kann.
Doch er ignoriert meine Geste und bleibt sitzen. "Wie war dein Wochenende?" fragt er, als ob nichts wäre. "Ganz okay," antworte ich kalt und konzentriere mich wieder auf meinen Laptop. "Nur okay? Du siehst irgendwie müde aus," bemerkt er und beugt sich etwas vor. "Ja, war etwas anstrengend," sage ich, ohne ihn anzusehen. "Willst du darüber reden?" fragt er, offensichtlich besorgt. "Nein, danke. Ich muss mich auf meine Aufgaben konzentrieren," sage ich und hoffe, dass er den Hinweis versteht. "Klar, wenn du sicher bist," sagt er und bleibt trotzdem sitzen. "Ich bin sicher, Daris," antworte ich fest und wende mich wieder meinem Bildschirm zu.
Er seufzt leise, steht schließlich auf und sagt: "Falls du doch mal reden möchtest, du weißt, wo du mich findest." Ich nicke, ohne aufzusehen, und konzentriere mich auf meine Arbeit. Die Welt um mich herum verschwimmt, während ich versuche, die Ereignisse der letzten Tage zu verdrängen und mich auf das Hier und Jetzt zu fokussieren.
Ich sehe Daris aus den Augenwinkeln weggehen, und ein Gefühl der Erleichterung breitet sich in mir aus. Endlich kann ich wieder in meine eigene Gedankenwelt eintauchen.
Doch der Kloß in meinem Hals bleibt. Es fühlt sich an, als hätte sich mein Herz in einen schweren Stein verwandelt, der mich bei jedem Atemzug tiefer in die Dunkelheit zieht. Ich versuche, mich auf die Texte vor mir zu konzentrieren, doch meine Gedanken wandern immer wieder zurück zu dem, was passiert ist. Die Schläge, die Worte, der Schmerz, alles mischt sich in meinem Kopf zu einem unentwirrbaren Knoten aus Wut, Scham und Angst. Wie konnte es so weit kommen? Ich habe nichts falsch gemacht, nichts, wiederhole ich in Gedanken wie ein Mantra, doch es bringt keine Erleichterung.
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𝐏𝐟𝐥𝐢𝐜𝐡𝐭 𝐮𝐧𝐝 𝐒𝐞𝐡𝐧𝐬𝐮𝐜𝐡𝐭
Romance𝐁𝐚𝐧𝐝 𝟏 Arin, eine kämpferische Studentin mit einem Kampfgeist, der größer ist als ihr Bankkonto, findet sich plötzlich als Putzkraft in der Kaserne wieder. Ein Job, der ihre finanzielle Misere lindern soll. Doch als sie auf einen furchtlosen Po...
