Kapitel 42

4.9K 198 137
                                        

Ich versuche, meine Tränen wegzuwischen. Er ist derjenige, der gelogen hat. Ich war immer ehrlich zu ihm, ich wollte doch nur wissen, warum er so ist. Mit beiden Zeigefingern drücke ich gegen mein Augenlid. Ich gehe wieder den Gang entlang. Wenn ich nicht müsste, würde ich niemals hier nochmal lang gehen. Kian kommt aus seinem Zimmer. Ich bleibe stehen. Scheiße, er kommt auf mich zu.

Ich schaue nervös hin und her, entscheide mich wegzugehen, doch er zieht mich am Handgelenk und innerhalb von ein paar Sekunden zerrt er mich in sein Zimmer und schließt die Tür. "Bist du zufrieden mit dem, was du angestellt hast?" Er schaut auf den Boden, seine Stimme wird lauter. "Antworte!" fordert er mich auf. Ich bleibe still und gebe keinen Mucks von mir. "Ich habe dir seit Tag eins gesagt, lass die Finger von diesen Briefen. Was hast du heute getan?" Er schüttelt den Kopf, während ich hochschaue und unsere Blicke sich treffen. Sein Gesichtsausdruck ist voller Wut. "Ich habe dir gesagt, du sollst antworten!" Ich spüre nur noch, wie seine Faust an meinem Gesicht entlang gegen die Wand hinter mir fliegt.

Ich schließe aus Reflex die Augen und zucke leicht zusammen. Ich schaue seitlich und sehe, dass seine Hand blutet, wahrscheinlich weil er davor auch schon gegen die Wand geschlagen hat. Mein Herz rast. Wenn ich noch länger hierbleibe, weiß ich nicht, was passieren wird. Ich drücke gegen seine Brust, damit ich raus kann. Er hält mich aber auf, indem er mit seiner linken Hand gegen meine Schulter presst. "Wenn du in Zukunft noch einen Brief lesen solltest..." Er atmet aus, bevor er weiterspricht. "Gnade dir Gott, dann wirst du sehen, was ich mit dir anstelle." Meine Augen füllen sich langsam wieder mit Tränen. Ich bin schockiert, mein Mund halb offen, während ich ihn anschaue. "Keine Sorge, dazu wird es nicht mehr kommen," gebe ich von mir und verlasse endgültig sein Zimmer.

Es sind nun mehr als zwei Wochen her, seit meiner letzten Schicht. Ich habe meine Urlaubstage eingesetzt, und die kommende Woche mache ich krank. Nebenbei schaue ich nach anderen Werkstudentenjobs, denn in der Kaserne möchte ich nicht mehr arbeiten. Der Gedanke, ihn wieder dort anzutreffen, bereitet mir große Sorgen. Seine Bedrohungen und die Art und Weise, wie er drauf ist, ich schüttle den Kopf. Ich sollte nicht mehr daran denken. Zur Hölle mit dir, Kian. Ich hasse dich. Ich hasse dich so sehr. Wenn du jetzt hier vor mir stehen würdest... Ich haue gegen mein Kissen. Genauso hätten dich diese Fäuste getroffen.

Ich hole mein Handy raus, um meine Fixkosten erneut zu berechnen. Wenn die neue Stelle mir monatlich 1100 Euro zahlt und ich noch zusätzlich 520 Euro vom Stipendium erhalte, wären das insgesamt 1620 Euro, weniger als das, was ich jetzt bekomme, aber besser, als Kian zu sehen. Dann spare ich eben bei den Einkäufen. Was soll's.

Ich schicke gleich fünf Bewerbungen raus. Hoffentlich kommt etwas Gutes dabei heraus. Abgesehen davon bin ich mitten in der Klausurenphase: zwei Klausuren, drei Hausarbeiten und eine Präsentation. Ich muss auf jeden Fall meine 30 CPs bekommen. Das sollte ich aber schaffen. Die zwei Wochen vergehen wie im Flug. Ich schaffe es, zwei Hausarbeiten abzutippen, die Sozioökonomie-Klausur... verdammte Scheiße, dafür muss ich hart lernen.

Ich habe sowieso vergessen, zum Arzt zu gehen, und jetzt stehe ich mit zittrigen Beinen vor der Kaserne. Bitte, lieber Gott, ich bin so ein liebes Mädchen. Bitte lass mich heute nicht auf Kian treffen. Ich flehe dich an. Ich schleiche mich in die vierte Etage. Es scheint ruhig zu sein.

Auf dem Dienstplan steht, dass ich heute den Fitnessraum etwas aufräumen muss. Jackpot! Ich kreische innerlich. Das heißt, ich werde ihm heute nicht begegnen. Mit schnellen Schritten laufe ich runter. Bevor ich reingehe, nähere ich mich der Tür. Es hört sich so an, als würde jemand dort trainieren. Ich kreuze meine Finger. Hoffentlich ist es nicht Kian. Ich drücke die Türklinke und gehe rein. Mein Blick wendet sich auf den Boden.

Ich atme tief aus. Es ist Meran. Er schaut zu mir rüber. "Die hübsche Azizam ist also wieder da. Wo warst du? Wieso hast du niemandem Bescheid gegeben, dass du Urlaub hast? Ich habe mir Sorgen gemacht," erklärt er mir. Ich kratze an meiner Schläfe. "Nun ja, da haben Sie recht, Herr Baumann. Das war echt spontan, weißt du, auch wegen der Uni," gebe ich von mir. "Wie lange trainierst du noch?" frage ich ihn. "Nicht so lange." Er schaut auf seine Apple Watch. "Noch genau 40 Minuten," sagt er und grinst dabei. "Alles klar. Ich mache hier einfach meine Arbeit. Lass dich nicht stören," sage ich und grinse leicht.

𝐏𝐟𝐥𝐢𝐜𝐡𝐭 𝐮𝐧𝐝 𝐒𝐞𝐡𝐧𝐬𝐮𝐜𝐡𝐭Wo Geschichten leben. Entdecke jetzt