Kapitel 22

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Lass dir was einfallen, komm schon, wenn das hier eskaliert, verliere ich bestimmt meinen Job, kann die Miete nicht zahlen und muss Berlin verlassen. So eine Scheiße. Ich schaue noch einmal in die Richtung von Daris, er hat mich noch nicht gesehen, dann drehe ich mich zu Kian. Mit schnellen Schritten gehe ich auf ihn zu und frage: "Hast du noch was zu sagen?"

"Weiß dein Kollege nicht, dass er hier nicht einfach so hereinspazieren kann?" sagt er genervt. "Ich glaube nicht, aber ich gehe jetzt zu ihm und werde es ihm sagen."

"Nein, wirst du nicht," sagt er plötzlich und bestimmt. "Warum denn nicht?" frage ich verwirrt. "Ich erledige das schon," sagt er, während er sich bereit macht, hinauszugehen. "Ich habe gesagt, dass ich es machen werde," sage ich und ziehe ihn am rechten Arm zurück. "Willst du, dass der Vorgesetzte mitbekommt, dass irgendwelche Freunde von dir hierhin kommen und auf dich warten? Du weißt, wie streng geheim das hier alles ist. Willst du das?" Ich überlege kurz. "Okay, aber bitte ohne Gewalt," sage ich. Kian dreht seinen Kopf leicht in meine Richtung und schaut mich verwirrt an. "Wieso sollte ich ihn schlagen wollen?"

"Ich weiß nicht, du schaust gerade so aggressiv aus," erkläre ich. Er schüttelt den Kopf und signalisiert mit der Hand, dass ich nicht weiterreden soll. Ich verstecke mich hinter der Säule, weil ich wirklich keine Lust auf die Begegnung mit Daris habe. Außerdem habe ich ihm weder gesagt, dass er kommen soll, noch dass er mich abholen kann. Warum handelt er eigenständig? Ich verstehe das nicht.

Ich beobachte, wie Kian auf Daris zugeht und ihn anspricht. "Ey Kollege, das hier ist Privatgelände. Du kannst mit deinem Auto hier weder halten noch stehen. Fahr jetzt weg." "Warum sollte ich?" entgegnet Daris. "Ich warte hier auf meine Freundin, dann fahre ich auch schon weg." Was? Hat er gerade gesagt, er wartet auf seine Freundin? Spinnt er jetzt komplett? Seit wann bin ich seine Freundin? Im Vergleich zu Daris schaut Kian sehr streng aus. Allein schon von seiner Statur und der Art und Weise, wie er da steht, sogar in Jogginghose und Basic T-Shirt strahlt er etwas ganz anderes aus. "Das interessiert mich nicht, auf wen oder was du wartest. Ich brauche mich nicht nochmal zu wiederholen, also fahr jetzt weg."

Daris checkt ihn von oben bis unten ab und schüttelt den Kopf. "Bist du bei der Polizei oder warum führst du dich so auf?" Oh nein, das hättest du nicht sagen dürfen, denke ich. So kenne ich Daris überhaupt nicht. Er schien immer sehr sozial und lieb, warum verhält er sich plötzlich so? Ich möchte mir nicht vorstellen, wie die Situation danach aussieht. "Stell dir vor, ich bin es," antwortet Kian. "Alles klar, gib mir meinen Strafzettel, ich kann auch direkt hier vor Ort zahlen," sagt Daris. "Willst du mich verarschen? Deine dummen Späße ziehen nicht bei mir."

Ich kann schon ahnen, was gleich passiert. Ich setze meine Kopfhörer auf und versuche, rauszugehen. Vielleicht sieht mich dieser Idiot Daris und hört auf, Kian weiter zu provozieren. Ich höre aus der Entfernung, wie Daris nur sagt: "Alles klar, ich gehe dann jetzt." Vollidiot, wer hat dich überhaupt hierhin gerufen, denke ich mir.

Er schreibt mir, dass er mich gesehen hat. "Wenn du willst, fahre ich dich nach Hause", schreibt er. "Schon okay, ich muss noch ein paar Sachen erledigen. Vielen Dank," schreibe ich zurück. "Wohin musst du denn? Ich kann dich fahren," schreibt er. Will dieser Junge mich auf den Arm nehmen? Warum ist er so penetrant?

"Danke, Daris, aber ich muss jetzt wirklich schnell los. Bye," schreibe ich und gehe weiter. Wegen ihm bin ich durch den Waldweg gegangen. So ein dummer Junge, was dachte er sich dabei? Ich lasse meine Musik abspielen und gehe und gehe. Ich kenne den Weg zwar nicht, aber irgendwo werde ich sicherlich wieder rauskommen. Ich schaue auf die Uhr, es ist mittlerweile 20 Uhr und ich befinde mich noch immer im Wald.

So eine Scheiße, ich glaube, ich habe mich verlaufen. Alles wegen Daris, dieser dumme Idiot. Ich wollte doch nur nach Hause und meine Serien schauen. Mein Spaziergang hat echt gutgetan, aber ich sollte mir jetzt wirklich Gedanken darüber machen, wie ich aus diesem Wald hier rauskomme. Die Sonne ist auch schon untergegangen und dieser Wald fängt an, gruselig auszusehen. Zwei Wege zeigen sich, und ich entscheide mich für die rechte Seite, einfach so. Es muss schon stimmen, denke ich mir. Doch auch nach einer Stunde komme ich nicht aus diesem verfluchten Wald heraus. Ich fange an, panisch zu werden, nachdem ich realisiert habe, dass ich nur noch 20 Prozent Akku habe.

𝐏𝐟𝐥𝐢𝐜𝐡𝐭 𝐮𝐧𝐝 𝐒𝐞𝐡𝐧𝐬𝐮𝐜𝐡𝐭Wo Geschichten leben. Entdecke jetzt