Kapitel 54

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Ich stehe nun genauso wie vor einem Jahr, wieder vor dir.

Es fühlt sich an, als hätte sich nichts geändert, als hätte sich die Zeit nur im Kreis gedreht und uns genau an diesen Punkt zurückgebracht. Die Tränen, die ich so mühsam unterdrückt habe, bahnen sich ihren Weg, und während ich die restlichen Spuren davon von meinen Wangen wische, spüre ich Kians durchdringenden Blick auf mir, selbst im Dunkeln.

"Ich will nicht, dass du stirbst," flüstere ich mit einer Stimme, die kaum mehr als ein Zittern ist und versuche, die restlichen Tränen wegzuwischen.

Doch Kian bleibt stumm, sein Gesicht unlesbar, seine Augen wie dunkle Wälder, die mich verschlingen wollen.

"Soll ich sterben, damit du mit Meran ein sorgenfreies Leben leben kannst?" Seine Worte sind wie Dolche, die sich in mein Herz bohren, und ich kann nur hilflos stottern. "Was? Nein, natürlich nicht."

Doch er lässt nicht locker, seine Augen brennen sich in meine Seele, und bevor ich mich versehe, hat er beide Hände auf mein Gesicht gelegt. Seine Berührung fest, fast schmerzhaft.

"Wie konntest du mir nur so etwas antun?" Seine Stimme ist nun leiser, aber voller Bitterkeit. "Mit Meran, meinem eigenen Bruder? Wie konntet ihr beide mir nur so etwas antun?"

Meine Gedanken rasen, mein Herz schlägt schneller. Wer hätte gedacht, dass es jemals so weit kommen würde? Ich halte seine Handgelenke fest, flehe ihn an, doch er scheint nicht mehr bei Verstand zu sein. "Bitte, hör auf damit," flehe ich ihn an. "Lass mich gehen."

Aber er bleibt stur, seine Augen funkeln vor Enttäuschung. "Bitte, Kian," wiederhole ich, diesmal fast weinerlich. Seine Antwort ist kalt, wie ein eisiger Windstoß. "Nimm meinen Namen nicht in deinen dreckigen Mund."

Ich zucke zusammen, meine Lippen zittern, doch bevor ich etwas erwidern kann, fährt er fort: "Ihr Frauen... ihr seid wirklich gefährlich, weißt du das?" Ich schüttle nur den Kopf, unfähig, etwas zu sagen. Dann schubst er mich plötzlich leicht weg, und ich stolpere, die Balance kurzzeitig verlierend.

Minuten vergehen. Stunden scheinen zu vergehen, während wir uns gegenüber sitzen, ich an der einen Wand, er an der anderen. Die Stille zwischen uns ist drückend, fast erdrückend. Ich spüre erneut, wie meine Brust schmerzt, ein Zeichen, dass ich den ganzen Tag nicht gestillt habe. Aber diesen Schmerz kann ich jetzt nicht beachten.

Mein Handy vibriert in meiner Tasche, ich ziehe es heraus. Mehrere verpasste Anrufe von Meran und eine Nachricht, "Arin, wo bleibst du?" Ich atme tief durch und tippe eine schnelle Antwort, "Meran, bitte komm schnell. Kian ist komplett außer Kontrolle. Ich bin mit ihm in einer leerstehenden Wohnung, aber ich habe keine Ahnung, wo, außerdem hat er den Schlüssel aus dem Fenster rausgeworfen."

Seine Antwort lässt nicht lange auf sich warten. "Alles klar, ich weiß Bescheid. Bin gleich da."

In dem Moment, als ich aufstehen will, um in Kians Richtung zu gehen, hebt er plötzlich die Waffe vom Boden auf und schaut sie sich an. Mein Herz setzt einen Schlag aus. Wann hört dieser Wahnsinn nur auf? Ich knie mich vor ihm nieder, lege meine Hand vorsichtig auf seine. "Kian, ich muss wirklich gehen... mein..." Doch er unterbricht mich erneut und steht auf. Wir stehen nun voreinander.

Er dreht mich plötzlich um, seine Hände packen mich fest, sodass ich mit dem Rücken zu ihm stehe. Er hält mich mit einem Arm eng an sich, so dass ich seinen Atem an meinem Nacken spüren kann. In seiner Stimme liegt eine unbändige Bitterkeit, als er mit leiser, bedrohlicher Stimme sagt: "Wie kann ich sterben, wenn ich sowieso innerlich schon tot bin? Das ist mein Schicksal, meine Strafe. Egal, wie oft du dir wünschst, dass ich sterbe, ich sterbe nicht."

Seine Worte hallen in meinem Kopf wider, jede Silbe dringt tief in mich ein, als ob er seine eigene Zerstörung akzeptiert hat.

"Ich weiß schon, dein Kind wartet auf dich. Das Kind, das du mit Meran gezeugt hast" sagt er kalt. Seine Worte sind Gift, sie brennen in meinen Ohren. Ich greife nach seinem Arm, versuche das Gespräch mit ihm zu suchen. "Nein, hör auf damit", flehe ich ihn an.

𝐏𝐟𝐥𝐢𝐜𝐡𝐭 𝐮𝐧𝐝 𝐒𝐞𝐡𝐧𝐬𝐮𝐜𝐡𝐭Wo Geschichten leben. Entdecke jetzt