Kapitel 52

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Meran hebt den Maxi-Cosi vorsichtig aus dem Auto. Ich stehe an der Haustür und sehe zu, wie er sich von mir verabschieden will. In diesem Moment kann ich nicht anders, als seinen Arm zu greifen. "Warte, wohin gehst du?" frage ich ihn, meine Stimme klingt dringlicher als beabsichtigt.

Er schaut mich verwirrt an. "Zu meiner Katze, Ori", sagt er und hebt eine Augenbraue.

"Meran, du triffst dich aber nicht jetzt mit ihm, oder?" Ich sehe ihm fest in die Augen und deute mit einem Nicken auf den Maxi-Cosi. "Wenn er das hier erfährt...", meine Stimme wird leiser, "Ich will mir gar nicht vorstellen, was dann passieren wird."

Meran seufzt, die Schwere der Situation sinkt sichtbar auf seine Schultern. "Arin, wenn er sich in den nächsten Tagen nicht bei mir meldet, muss ich es tun", sagt er, seine Stimme ruhig und bestimmt. "Kian ist nicht nur mein bester Freund, sondern mein Bruder."

"Ich weiß", antworte ich leise und lasse seinen Arm los, "Aber du kennst ihn besser als ich. Wir beide wissen, dass er ausrasten wird, wenn er erfährt, dass ich ein Kind habe... Er darf es auf gar keinen Fall jetzt erfahren."

Meran nickt langsam. "Wer hätte gedacht, dass er wirklich so früh wieder zurückkommt?" sage ich. Er seufzt erneut und zuckt mit den Schultern. "Ich dachte, er würde in fünf Jahren wiederkommen. Vielleicht würde er es dann besser verkraften. Aber keiner hat damit gerechnet, dass er heute wieder hier ist."

Ich schüttle den Kopf und kann kaum glauben, was passiert ist. "Das war so unwahrscheinlich. Ein Jahr ist nicht lange genug, um alte Wunden zu heilen."

"Mach dir keine Sorgen", sagt Meran und versucht, mich mit einem Lächeln zu beruhigen. "Er wird schon nichts machen."

Ich versuche, ihm zu glauben, nicke nur und sehe zu, wie er sich abwendet und die Straße entlanggeht. Das Gefühl der Sorge lässt mich jedoch nicht los.

Später liege ich im Bett, das Baby schläft neben mir. Er wird bald vier Monate alt, die Zeit scheint zu fliegen. Sein friedliches Gesicht beruhigt mich ein wenig, doch die Gedanken an Kian lassen mich nicht los. Warum muss ich heute auch noch an dich denken, Kian? Warum musste ich dich heute wiedersehen? Ob er wohl auch jede Nacht an mich denkt? Scheiße, das kann mir doch egal sein, rede ich mir selbst ein, doch die Wahrheit ist, dass es mir eben nicht egal ist.

Der nächste Morgen beginnt wie jeder andere. Ich folge meiner Routine, mache mich fertig und packe alles für Kani zusammen. Als ich Meran anrufe, um ihn zu fragen, ob wir heute gemeinsam essen gehen können, scheint er bereits eine Idee zu haben. Das Wetter ist gut, die Sonne scheint, aber es ist dennoch kalt. Ich ziehe mir einen braunen Rollkragenpullover an, dazu eine helle Hose und meinen Mantel. Meine Haare lasse ich offen und schminke mich schnell. Dann nehme ich Kani in die Babytrage und küsse seine Wangen. "Mein süßes Baby, wie süß kann man nur sein?" flüstere ich ihm zu und lächle. "Du wirst genauso gut aussehen wie dein Vater", sage ich und gebe ihm noch einen Kuss.

Wir treffen uns im Mall of Berlin, und kaum sehe ich Meran, streckt er auch schon die Arme nach Kani aus. Ohne mich zu begrüßen, murmelt er etwas auf Persisch zu Kani. "Delam barát tang shodeh". Ich runzele die Stirn und grinse. "Ich verstehe nichts, was du da sagst."

"Ich meinte zu Kani, dass ich ihn vermisst habe", erklärt Meran mit einem Lächeln.

Ich lache leise und sehe die Einkaufstüten in seinen Händen. "Meran, sag nicht, du hast schon wieder teure Klamotten für das Baby gekauft."

"Ja, habe ich", gibt er gelassen zu. Ich schüttele den Kopf und seufze. "Nein, hör auf damit! Er hat doch schon genug. In ein paar Wochen wird er sowieso nicht mehr in die Sachen passen."

Meran lacht und zuckt mit den Schultern. "Hey, hör auf so böse zu gucken. Das steht dir nicht." Er grinst und ich kann nicht anders, als zurückzulächeln.

𝐏𝐟𝐥𝐢𝐜𝐡𝐭 𝐮𝐧𝐝 𝐒𝐞𝐡𝐧𝐬𝐮𝐜𝐡𝐭Wo Geschichten leben. Entdecke jetzt