Kapitel 57

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"Hast du mich nicht gehört?" Die Stimme von Kians Vater hallt wie ein dumpfer Schlag durch den Raum, bricht die Stille, die sich zwischen uns gelegt hat. Kian steht wie erstarrt vor ihm, sein Gesicht ausdruckslos. Keine Antwort. Keine Regung. Der Raum fühlt sich auf einmal zu klein an, zu stickig, als wäre die Luft von unausgesprochenen Gefühlen und unauslöschlichen Erinnerungen erfüllt.

"Ich habe dich gehört. Du brauchst dich nicht zu wiederholen," sagt Kian schließlich, seine Stimme leise, aber klar. Die Spannung in seiner Haltung ist fast greifbar. Ich spüre sie wie eine Klinge, die in der Luft hängt, bereit, zuzuschlagen, wenn das nächste Wort fällt.

"Es tut mir leid, mein Sohn," beginnt sein Vater, seine Stimme brüchig, die Last der Jahre, der Fehler, all der unausgesprochenen Entschuldigungen wie ein Gewicht auf seinen Schultern. "Es ist meine Schuld, dass du deine Gefühle nicht offenlegen kannst. Meine strenge Erziehung hat dich zu dem gemacht, was du heute bist. Verzeih mir."

Kians Blick bleibt starr, als würde ihn das Geständnis seines Vaters nicht berühren. Keine Emotion ist in seinen Augen zu erkennen. Ich sehe, wie sein Vater die Schultern hängen lässt, als hätte er den Kampf längst verloren, bevor er ihn überhaupt begonnen hat. "Deine Mutter hat dich bis zu deinem 14. Lebensjahr so erzogen, dass du immer ein lieber Junge warst. Aber nur in ihrer Nähe." Die Stimme seines Vaters wird leiser, fast flüsternd. "Es ist meine Schuld, Kian. Meine Schuld, dass du diese Wut in dir trägst. Wenn du sie vor ihrem Tod nicht mehr sehen willst, kann ich das auch nicht ändern."

Ich stehe noch immer mit Araz hinter Kian und beobachte, wie seine Hand sich langsam zu einer Faust ballt. Die Spannung in seiner Haltung wird stärker, als würde er sich mit jedem Wort seines Vaters weiter in sich selbst zurückziehen.

Langsam drehe ich mich zu Kians Vater und gebe ihm Araz in die Arme. "Onkel, in der Tasche hinten sind Araz' Sachen, Essen und alles, was er braucht. Pass bitte auf ihn auf, bis wir wiederkommen." Meine Stimme zittert ein wenig, aber ich halte den Blick fest, während ich auf Kian zugehe. Ich ziehe ihn sanft am Arm. Er schaut mich verwirrt an, als wäre er aus einem Traum erwacht.

"Komm mit," befehle ich ihm, meine Stimme ruhig, aber bestimmt.

"Was wird das jetzt?" fragt er, seine Stirn in Falten gelegt.

"Halt einfach die Klappe und komm mit," antworte ich scharf, während ich ihn nach draußen ziehe.

Draußen vor der Tür sehe ich, wie er seine Augen schließt und tief einatmet. Gut so. Ich habe keine Lust auf einen seiner Ausraster, schon gar nicht vor Araz. "Hast du dich beruhigt?" frage ich ihn, meine Stimme etwas weicher.

"Nein, habe ich nicht," antwortet er knapp.

Ich drücke mit all meiner Kraft gegen seinen Rücken und schiebe ihn in Richtung seines Autos. "Los, einsteigen," sage ich, ohne auf seinen Widerstand zu achten.

"Wohin?" fragt er, die Ungeduld in seiner Stimme.

"Steig einfach ein!" sage ich, und ohne ein weiteres Wort steigt er ins Auto.

Ich sehe, wie er seine Hände vor das Gesicht hält. Weint er etwa? Nein, das passt nicht zu Kian. Nicht zu dem Kian, den ich kenne. "Fahr nach Hause," sage ich schließlich, und sofort tritt er aufs Gas, als hätte er nur auf diesen Befehl gewartet.

"Langsamer," mahne ich ihn, "oder willst du, dass dein Sohn ohne Eltern groß wird?"

Zu meiner Überraschung spüre ich, wie er den Fuß vom Gas nimmt. Araz als Ausrede funktioniert tatsächlich bei ihm, denke ich, und ein leichtes Lächeln schleicht sich auf mein Gesicht. Doch das Lächeln verschwindet schnell, als ich in seine Augen schaue und die Wut darin sehe, eine Wut, die ich noch nie zuvor bei ihm gesehen habe.

𝐏𝐟𝐥𝐢𝐜𝐡𝐭 𝐮𝐧𝐝 𝐒𝐞𝐡𝐧𝐬𝐮𝐜𝐡𝐭Wo Geschichten leben. Entdecke jetzt