Kapitel 59

4.5K 211 143
                                        

Kian steht neben mir, und ich kann spüren, wie angespannt er ist. Er hat sich nicht bewegt, seit wir den Raum betreten haben, und obwohl seine Hand noch in meiner liegt, fühlt sich seine Berührung distanziert an. Ich weiß, dass er mit sich kämpft, mit dem, was er fühlt, mit dem, was er sagen möchte, aber nicht sagen kann.

Die Sekunden ziehen sich, während er starr bleibt, als würde er sich weigern, den Raum oder seine Mutter wirklich wahrzunehmen. Es ist die Frau im Bett, die alles im Raum beherrscht. Ihre Augen, die erst so freundlich und neugierig auf mir ruhen, wandeln sich, als sie merkt, wer neben mir steht.

Kians Mutter. Die Frau, die er so lange nicht mehr gesehen hat.

In dem Moment, in dem sie realisiert, dass der Mann neben mir ihr Sohn ist, verwandelt sich ihr Lächeln. Das Grinsen auf ihren Lippen verschwindet, und ihre Augen füllen sich mit Tränen. Ja, sie hat ihn erkannt, auch wenn sie ihn so lange nicht gesehen hat, auch wenn das Leben sie getrennt hat. Eine Mutter spürt so etwas. Sie muss doch spüren, dass es ihr Sohn ist, oder?

Doch während ich sehe, wie ihre Tränen aufsteigen, bemerke ich, wie Kian sein Gesicht wegdreht. Es ist fast, als würde er sich weigern, von ihr angesehen zu werden. Sein ganzer Körper strahlt diese Kälte aus, diese Verweigerung, sich auf die Nähe zu ihr einzulassen.

"Komm schon, Kian," flüstere ich, fast flehend, aber meine Worte dringen nicht zu ihm durch. Er bleibt starr, unbeweglich.

Seine Mutter wagt es schließlich, leise zu sprechen.

"Mein Sohn, bist du es wirklich?" Ihre Stimme ist leise, brüchig, als ob sie mit jeder Silbe gegen die Schwäche ankämpfen würde, die ihren Körper gefangen hält.

Ich sehe, wie Kian tief einatmet, bevor er hart antwortet. "Nenn mich nicht so", kommt es kalt von ihm.

Ihre Augen, die gerade noch voller Hoffnung waren, füllen sich mit Tränen. Doch sie lächelt weiter, ein echtes, warmes Lächeln, das ihr Sohn nicht erwidert. "Setzt euch doch," sagt sie leise und blickt mich an. Ihre Stimme ist voller Sanftmut, als wäre nichts zwischen ihnen passiert.

Zu meiner Überraschung setzt sich Kian tatsächlich hin. Ich hatte erwartet, dass er einfach geht, ohne ein weiteres Wort zu sagen, aber er bleibt. Doch sein Gesichtsausdruck ist kalt, völlig verschlossen. Seit wir den Raum betreten haben, hat sie ihn nicht ein einziges Mal aus den Augen gelassen. Ihre Liebe ist offensichtlich, auch wenn ich nicht die ganze Geschichte kenne. Sie ist seine Mutter, und egal was passiert ist, ich kann mir nicht vorstellen, dass sie ihn nicht liebt. Auch wenn sie ihn verlassen hat, diese Liebe scheint tiefer zu sein, als Worte ausdrücken könnten.

Ich sitze nervös neben Kian, unsicher, was jetzt kommen wird. Ich hoffe nur, dass es nicht eskalieren wird, denn das wäre etwas, womit ich mich nie abfinden könnte.

Sie streckt die Hand nach ihm aus, ein leises, hoffnungsvolles Lächeln spielt auf ihren Lippen. Doch wenn man Kians Gesichtsausdruck betrachtet, sieht man nur Kälte. Die Distanz zwischen ihnen ist nicht nur physisch, sondern emotional, tief und schmerzhaft. Hasst er sie so sehr? "Kianu, willst du mir nicht deine Hand geben?" fragt seine Mutter und streckt ihre Hand sanft nach ihm aus. "Als Kind wolltest du immer meine Hand halten, erinnerst du dich?"

Ich sehe zu Kian. Er fährt sich mit den Händen durch das Gesicht, als wäre er kurz davor, alles hinzuschmeißen. "Ich werde noch wahnsinnig," murmelt er leise, bevor er endlich antwortet. "Kian, nicht Kianu." Seine Stimme ist scharf, hart, als würde er sich zwingen, jedes Wort zu sagen. "Ich halte nicht nochmal die Hand, die meine losgelassen hat. Vor dir steht nicht mehr der kleine Junge, den du allein gelassen hast. Vergiss das nicht."

Autsch. Das tut weh. Ihre Augen füllen sich erneut mit Tränen, aber sie verliert nicht ihr Lächeln. Ihr Schmerz ist deutlich zu spüren, doch sie bleibt sanft. Ich kaue an meiner Lippe, weil ich nicht weiß, was ich tun oder sagen soll. Kian hat all das Recht, wütend zu sein, aber sie ist seine Mutter, und sie liegt im Sterbebett. Ich verstehe ihn, aber ich verstehe auch sie. Und diese Zerrissenheit in mir lässt mein Herz schwer werden.

𝐏𝐟𝐥𝐢𝐜𝐡𝐭 𝐮𝐧𝐝 𝐒𝐞𝐡𝐧𝐬𝐮𝐜𝐡𝐭Wo Geschichten leben. Entdecke jetzt