Kapitel 27

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Hat er ihn nicht gehört? Mein Gefühl sagt mir, dass die zwei sich nicht besonders mögen. "Ich wollte dir noch was zeigen", sagt Meran. "Das wird dir sowas von gefallen." Jetzt bin ich richtig neugierig. Meran greift zu seinem T-Shirt, als wollte er es ausziehen. "Was wird das denn jetzt?" frage ich, doch genau in dem Moment sehe ich nur noch Kians Rücken vor meinen Augen. Erst jetzt hat Meran ihn so richtig wahrgenommen.

"Was wird ihr gefallen?", fragt Kian. "Salaam Dādāš", höre ich Meran sagen. Die zwei begrüßen sich. Ich kann nicht viel sehen, versuche von rechts etwas mitzubekommen. "Barādaram", sagt Meran und umarmt ihn. HÄ? Ich bin echt verwirrt. So wie er über Kian gesprochen hat, dachte ich, die würden sich wirklich nicht mögen? Wenn ich ihn richtig verstanden habe, meinte er gerade 'Mein Bruder' zu ihm. Ich hoffe mal, dass die zwei sich jetzt nicht die ganze Zeit nur auf Persisch unterhalten. "Was wolltest du ihr eigentlich zeigen?" fragt Kian. "Du wirst es nicht verstehen, Bruder", sagt Meran und lacht. Kian dreht sich zu mir um. "Ich glaube, die vierte Etage ruft nach dir." "Ja, aber er wollte mir doch noch was zeigen."

"Kein Aber, los", sagt er. Nerviger Typ, immer muss er alles zerstören, gerade wo ich gerne wissen wollte, was Meran mir zeigen wollte. "Wann bist du wieder aus dem Auslandseinsatz zurückgekommen? Wieso hast du mir nicht Bescheid gegeben?" fragt Kian. "Ich bin vor ein paar Tagen gekommen, wollte dich überraschen, Kianush." "Nenn mich nicht so", sagt Kian.

"Kianush", murmle ich grinsend, muss ich mir merken. Ich bemerke, wie die zwei sich weiterhin unterhalten. Ich spitze die Ohren. Worüber reden die zwei jetzt? Ich muss genauer hinhören. "Und, mein Barādar, schickt sie dir immer noch Briefe?" fragt Meran.

Er weiß also auch über diese mysteriösen Briefe Bescheid. Verdammt, ich will doch nur wissen, von wem die Briefe kommen und natürlich auch, was drinsteht. Ich bleibe stehen, um noch mehr zu hören. "Du bist ja immer noch hier", höre ich Kian sagen. Kann der nicht einmal nerven? Deren Gespräch scheint gerade sehr spannend zu sein, und ich wurde einfach weggeschickt. Wieder oben angekommen, stelle ich Spekulationen an, von wem die Briefe kommen könnten.

Meran meinte "schickt sie dir immer noch Briefe", also handelt es sich um eine Frau. Jetzt bin ich extrem neugierig. Wenn er jemanden in seinem Leben haben sollte, warum ist er dann so zu mir? Ich kenne mich da auch null aus, deshalb verstehe ich seine Intention dahinter nicht. Den größten Schock hatte ich sowieso, als ich gesehen habe, dass die zwei so eng miteinander sind. Damit habe ich wirklich nicht gerechnet. Meran und Kian, was für ein Zufall, dass ihr zwei Perser seid und beide bei der Polizei. Ich erledige die letzten Tätigkeiten, bevor ich Feierabend mache. Nachdem ich mit allem durch bin, hole ich meine Kopfhörer raus. Während ich die Treppen runtergehe, kommt Kian hoch. Ich schaue mir sein Gesicht an. Seine Wunden scheinen fast geheilt zu sein, man sieht dennoch einige Stellen.

Über seinen Wangenknochen bemerke ich blaue Flecken. Jetzt, wo er wieder in seinem Trainingsoutfit vor mir steht, habe ich das Gefühl, dass die Hitze mich erschlagen wird. Er weiß ganz genau, dass er gut aussieht, sogar mit seinen Wunden im Gesicht. "Seit wann hast du dich so schnell mit ihm angefreundet?" fragt er. "Meinst du Meran?" "Seinen Namen kennst du also auch schon. Interessant. Wenn du so gerne einen männlichen Oberkörper sehen willst, kannst du doch jederzeit zu mir. Ist ja nicht so, dass du es nicht schon oft genug gesehen hast."

"Hä, was redest du denn jetzt da?" sage ich genervt. "Ich wusste nicht einmal, was er vorhatte, als er sein T-Shirt ausziehen wollte." "Er wollte dir sein Tattoo zeigen. Irgendein Zeichentrickfilm, den ihr beide wohl schaut. Du hast keinen Grund, ihn nackt zu sehen. Deine Neugier müsste jetzt auch gestillt sein, jetzt wo ich es dir erzählt habe." "Anime, kein Zeichentrickfilm", korrigiere ich ihn. "Was auch immer. Sei lieber nicht so freundlich zu ihm", warnt er mich. "Ja ja, du brauchst mich nicht zu belehren."

𝐏𝐟𝐥𝐢𝐜𝐡𝐭 𝐮𝐧𝐝 𝐒𝐞𝐡𝐧𝐬𝐮𝐜𝐡𝐭Wo Geschichten leben. Entdecke jetzt