Kapitel 55

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Als ich Kian im Schlafzimmer gegenüberstehe, merke ich, wie die Situation immer angespannter wird. Seine Anwesenheit, seine Nähe, es bringt alles hoch, was ich so lange versucht habe zu verdrängen. Wir beide sind hier, direkt nebeneinander, während unser Sohn friedlich schläft, und doch liegt da diese unsichtbare Mauer zwischen uns. Eine Mauer aus Schmerz, Geheimnissen und unausgesprochenen Worten.

"Du findest ihn sicherlich süß, weil er mein Baby ist," sage ich sarkastisch, versuche, die Spannung mit einem lockeren Kommentar zu entschärfen. Doch sein Gesichtsausdruck bleibt unverändert. Er schaut erst hinunter auf Araz und dann wieder hoch zu mir, seine Augen voll von Fragen, die er nicht ausspricht. Gerade als er etwas sagen will, lege ich ihm schnell die Hand auf den Mund.

"Willst du, dass er wach wird?" flüstere ich. Es ist eine Ausrede, aber ich will verhindern, dass er etwas sagt, was alles noch komplizierter machen könnte. Ich ziehe meine Hand zurück und spüre, wie der Raum immer enger wird. Zum Glück hören wir plötzlich, wie die Tür aufgeht, Meran ist zurück. Kian und ich verlassen das Schlafzimmer und gehen ins Wohnzimmer.

"Da bist du ja wieder," sage ich mit einem Grinsen zu Meran, während ich versuche, die Nervosität zu verbergen, die in mir aufsteigt. Ich merke, wie Kian mich aus dem Augenwinkel beobachtet, aber ich weigere mich, ihn anzusehen. Es ist einfacher so.

"Ich habe beim Späti nach weißen Buenos gesucht," erklärt Meran, "du magst die doch so gerne, aber die hatten keine." Doch dann zieht er plötzlich einige aus seiner Jackentasche hervor.

"Oh, Meran, hast du wirklich die ganzen Spätis abgeklappert, nur um mir weiße Buenos zu holen?" Ich kann nicht anders, als zu lächeln. Er nickt stolz, und überreicht es mir. Kian räuspert sich plötzlich. "Ich werde dann jetzt gehen," sagt er. Seine Stimme klingt ruhig, aber ich höre die leise Spannung darin.

"Warum, Bruder? Es ist doch noch zu früh," fragt Meran überrascht.

"Ich muss noch was erledigen," antwortet Kian und schaut mich dabei an. Ich halte seinen Blick nicht aus und wende mich schnell ab, tue so, als würde er mich nicht interessieren. Es ist zu viel. Als er schließlich die Wohnung verlässt, spüre ich, wie die Anspannung langsam nachlässt. Aber es hinterlässt eine Leere.

"Ich werde jetzt auch gehen," sagt Meran, nachdem er noch kurz ins Schlafzimmer geschaut hat, um Araz zu sehen. "Schau ihn dir mal an, wie groß er geworden ist. Ich erinnere mich noch, als er gerade auf die Welt gekommen ist. Er war so klein." Er lächelt und streicht sanft über Araz' Wange. "Du fühlst dich bei deinem Vater richtig wohl," flüstert er und grinst dabei, und in seinen Worten liegt etwas, das mich tief trifft.

"Wann willst du es ihm denn endlich sagen?" fragt er mich und verschränkt die Arme. Ich spüre, wie mir plötzlich die Kehle eng wird.

"Gar nicht," antworte ich kühl.

"Was? Wieso? Das kannst du nicht tun, Arin," sagt er, sichtlich überrascht.

"Und ob ich das kann," antworte ich trotzig. "Araz ist mein Kind."

„Und auch seins," erwidert Meran bestimmt. Ich verdrehe die Augen. "Meran, ich sage es ihm erst dann, wenn ich sehe, dass Kian sich verbessert hat. Erinnerst du dich nicht an das, was vor ein paar Tagen passiert ist?" Ich zeige auf die Wunden in Merans Gesicht. Es ist meine Art, mich zu schützen, mich vor der Wahrheit zu drücken. Die Wahrheit, die irgendwann ans Licht kommen muss.

Meran reibt sich müde die Augen. "Gut, ich werde dann jetzt nach Hause gehen. Aber ich komme morgen wieder vorbei. Ich weiß nicht, aber wenn ich Araz einen Tag nicht sehe, fühle ich mich richtig schlecht." Ich muss lachen. Es ist so typisch für Meran, immer so fürsorglich zu sein.

𝐏𝐟𝐥𝐢𝐜𝐡𝐭 𝐮𝐧𝐝 𝐒𝐞𝐡𝐧𝐬𝐮𝐜𝐡𝐭Wo Geschichten leben. Entdecke jetzt