Kapitel 51

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Ich fahre übers Wochenende wieder nach Lüneburg. Zehn Wochen sind vergangen, seit Kian gegangen ist. Zehn Wochen, in denen ich versucht habe, mein Leben irgendwie weiterzuleben, obwohl er nicht mehr da ist. Ich habe meine Stelle in der Kaserne sofort gekündigt, an dem Tag, als er gegangen ist. Ich konnte es nicht ertragen, jeden Tag an dem Ort zu sein, der mich so sehr an ihn erinnerte.

Als ich an der Haustür meiner Eltern klopfe, öffnet meine Mutter mit einem breiten Lächeln und zieht mich in eine feste Umarmung. "Da bist du endlich", sagt sie, ihre Stimme warm und liebevoll. "Wir haben dich wirklich sehr vermisst."

"Ach ja, sehr vermisst," antworte ich kühl, "deshalb wollt ihr mich mit diesem Karim verloben." Ich sehe den Schock in den Augen meiner Mutter, als sie meinen kalten Blick spürt. Ich gehe ins Wohnzimmer, wo der Tisch bereits gedeckt ist. Meine Mutter hat mein Lieblingsessen gekocht, eine Geste, die mich sonst immer erfreut hat, doch heute nicht.

"Komm, setz dich", sagt mein Vater und deutet auf den Stuhl vor mir. Meine Mutter sitzt bereits und beginnt, meinen Teller zu füllen. "Nein, ich möchte nichts essen", sage ich und schiebe den Teller von mir.

"Schau dich doch mal an, Arin. Du siehst total krank aus," sagt sie besorgt.

"Ich habe wirklich keinen Appetit," entgegne ich. Ein Kloß bildet sich in meinem Hals, aber ich schlucke ihn hinunter. "Ich muss euch etwas sagen." Beide meiner Eltern schauen mich aufmerksam an, die Spannung im Raum wird fast greifbar. "Ich werde heiraten," sage ich schließlich und halte inne, um ihre Reaktionen zu sehen. "Aber nicht mit Karim."

Die Blicke meiner Eltern sind unbeschreiblich, voller Überraschung und Unverständnis. "Arin, wir wollen nicht, dass du heiratest, weder mit Karim noch mit sonst wem", sagt meine Mutter panisch. "Ich habe das nur gesagt, damit du keinen Quatsch machst."

"Was hat es dir gebracht, Mama?" frage ich scharf. "Ich bin euer Kind, nicht euer Feind. Er ist Iraner und arbeitet bei der Polizei in Berlin. Ich will weder eine große Hochzeit noch irgendetwas anderes. Die Uni schließe ich demnächst auch ab und werde in Berlin bleiben."

Meine Mutter steht abrupt auf, ihre Augen füllen sich mit Tränen. "Nein, das kommt nicht in Frage. Du wolltest nach deinem Studium wieder nach Hause, Arin. Wie kannst du nur so etwas sagen?"

"Es ist eure schuld! Hättet ihr mich von Anfang an in Ruhe gelassen, und würdest du, Mama, wie eine Mutter hinter deiner Tochter stehen, wäre das alles hier nicht passiert." Meine Stimme zittert, und ich versuche, nicht zu weinen. "Du hast zugesehen, wie Rayan mich geschlagen hat. Du warst vor der Tür und hast nichts getan, nicht ein Wort gesagt. Als ob das nicht genug wäre, kommt dieser Hund nach Berlin und versucht, mich erneut zu schlagen. Habt ihr je etwas dagegen unternommen? Ihr zwei seid schlechte Eltern, und ich werde es euch niemals verzeihen. So gerne ich es auch will, ich werde nie wieder nach Lüneburg ziehen. Merkt euch meine Worte!"

Ich atme schwer und sehe die Enttäuschung und den Schmerz in den Gesichtern meiner Eltern. "Sagt ruhig zu euren Verwandten, dass ich mit einem Mann aus einem guten Haus heiraten werde, damit ja bloß keiner etwas Schlechtes sagen kann. Ah, noch was: Er hat genug Geld, da braucht ihr euch auch keine Sorgen zu machen."

"Willst du ihn uns nicht vorstellen? Wir hätten doch wenigstens eine kleine Verlobung feiern können, und er ist auch noch Iraner und nicht mal Kurde..." Meine Mutter versucht verzweifelt, die Situation zu retten, doch ich unterbreche sie.

"Es hat doch alles keinen Sinn. Ja, er ist Iraner, aber das spielt überhaupt keine Rolle." Ich schaue meine Eltern fest an und frage: "Seid ihr damit einverstanden?"

Mein Vater seufzt und steht langsam vom Tisch auf. "Du hast dich doch schon längst dafür entschieden," sagt er resigniert. Meine Mutter weint leise, ihre Tränen fallen auf den Tisch, aber das ist mir egal. Ich gehe zu ihr und umarme sie dennoch. "Es tut mir leid, Mama, aber es ist nicht meine Schuld. Ich werde euch sicherlich wieder besuchen kommen. Ich hoffe, dass unsere Beziehung irgendwann besser wird und dass du mich irgendwann verstehen wirst. Aber jetzt kann ich dir nicht alles erzählen."

𝐏𝐟𝐥𝐢𝐜𝐡𝐭 𝐮𝐧𝐝 𝐒𝐞𝐡𝐧𝐬𝐮𝐜𝐡𝐭Wo Geschichten leben. Entdecke jetzt