"Ich kann nicht fassen, dass wir das wirklich tun müssen", fluchte Leyna, die mit mir auf dem Sofa im Wohnzimmer saß. "Ist es denn wirklich so schlimm?"Ich kaute nervös auf meiner Unterlippe herum und wünschte mir, McCann wäre derjenige, der sich hinter der Tür befand, und auf mich wartete. "Es war Zeitverschwendung." Sie seufzte und schaute ungeduldig auf die Uhr auf ihrem Handy. Ihre Stunde war bereits vorbei. Jetzt wartete sie ungeduldig darauf, dass Eric langsam fertig wurde. Ich schaute auf die unscheinbar wirkende Tür am Anfang des Seitenflurs, hinter der sich das Büro des Therapeuten befand. Es war die Tür neben Petras Büro. Beide Türen waren sonst immer Abgeschlossen. Josh war am Morgen dran gewesen, als wir noch geschlafen hatten, und ich wurde das Gefühl nicht los, das er das auf irgendeine Art und Weise mit Absicht so eingefädelt hatte. "Noah ist noch gar nicht da", sagte ich und sah durch die Glastür auf den Vorgarten. Wir hatten zwei Tage zuvor einen Zeitplan am Kühlschrank hängen gefunden, der uns die Zeiten vorgab, an denen wir in Alarics Büro auftauchen sollten. Noah hatte noch eine Stunde, nachdem Eric war, doch er tauchte nicht auf, was bedeutete, dass ich als nächstes gehen musste. Eric war nun schon weit über eine Stunde in dem Zimmer, aber Leyna hatte mir gesagt, das man bei Alaric erst fertig war, wenn es für richtig hielt. Man konnte also nie wirklich einschätzen, wie lange jemand bei ihm brauchen würde.
Ich wurde immer nervöser und wippte mit meinem Fuß auf und ab. "Du musst nicht so aufgeregt sein, es ist echt nicht spannend," versuchte Leyna mich zu beruhigen, genau in dem Moment, in dem sich die Tür öffnete und Eric herauskam. Leynas besorgter Gesichtsausdruck mir gegenüber, wurde sofort von einem Lächeln ersetzt, als sie ihn sah. "Noah!" rief eine tiefe Stimme aus dem Zimmer, und ich stand langsam auf. Ich verfluchte Noah dafür, dass er nicht aufgetaucht war und mir damit noch ein paar Minuten verschaffte, in denen ich mich beruhigen konnte. Ich warf Leyna noch einmal einen hilfesuchenden Blick zu, aber sie war bereits in ihrer eigenen Welt und hakte sich bei Eric ein. Ich verdrehte die Augen und machte mich auf den Weg in das Zimmer. "Noah sollte jetzt eigentlich dran sein, aber er ist nicht da," sagte ich, als ich eintrat. "Komm, setz dich." Alaric hatte eine ruhige Stimme. "Er kommt also öfter nicht zu seinen Sitzungen?" fragte ich neugierig, weil er nicht überrascht wirkte. Der Mann lächelte ohne zu antworten. Er war nicht besonders alt, vielleicht 35, und hatte dunkelbraune Augen. Seine dunklen Haare waren ein bisschen zu kurz und passten nicht zu seinem eleganten Anzug. "So, Claire." Er legte ein Stück Papier, das er bis eben noch in der Hand gehalten hatte auf den Tisch und schaute mich erwartungsvoll an. "Was erwartest du heute von dir, wenn du am Ende unseres Gesprächs das Zimmer verlässt?" Ich runzelte die Stirn. "Ich weiß es nicht." "Gibt es etwas, das du dir erhoffst, nach unserem Gespräch zu erreichen?" "Nein, ich denke nicht." Er sah mich nur kurz an und nickt dann, bevor er sich dem Stück Papier zuwandte, das vor ihm lag."Ich habe hier deine Akte vor mir liegen." "Kann ich mal sehen?" Ich setzte mich neugierig auf. "Ich denke," fuhr er fort, "du müsstest eine Menge zu bereden haben." "Sie wissen doch überhaupt nicht, ob ich über irgendetwas reden möchte oder nicht." Er sah zur mir auf. "Aus diesem Grund bin ich hier, Claire, um dir zu helfen." "Mich bedrückt aber nichts," sagte ich und schaute auf die leise tickende Wanduhr hinter seinem Tisch. Bei McCann gab es keine Tische, Anzüge oder tickende Wanduhren. Diese gespielte Art von ihm konnte ich überhaupt nicht leiden. Genauso wenig wie dieses wissende 'mitfühlende' Lächeln. "Wäre da etwas, das dich bedrückt, was wäre das?" Ich schnaubte. "Das weiß ich nicht." "Mir scheint, als wüsstest du nicht besonders viel." Dieser Satz traf mich wie ein harter Schlag, tief in die Magengrube. Ich sackte leicht zusammen. "Ja, ich weiß nicht besonders viel. Was erwarten Sie denn von jemandem mit Gedächtnisverlust? Und das, obwohl Sie meine Akte vor sich liegen haben. Ist das eine neue Therapietechnik? Die 'Heilen wir unsere Patienten, indem wir sie fertig machen'-Technik? Wenn das so ist, dann ist diese Sitzung für mich hiermit beendet." Er beobachtete mich mit schräg liegendem Kopf und ich wurde das Gefühl nicht los, das er mich mit Absicht aus der Reserve locken wollte. "Lass deine Wut ruhig raus, Claire. Das hilft beim Verarbeiten." Ich hob frustriert die Hände. "Beim Verarbeiten von was?" Sein Gesicht blieb regungslos als er erwiderte: "Ich kann dir nicht in den Kopf gucken. Darüber müsstest du mit mir sprechen." "In meinem Kopf gibt es nicht viel zu sehen." "Nun gut." Er streckte den Oberkörper durch. "Reden wir über das, was dir zugestoßen ist." Ich ging auf Abwehr, als ich sagte: "Ich denke nicht zurück. Niemals denke ich wieder an das, was passiert ist." Und wie fühlst du dich in deinem neuen Umfeld?" Ich dachte einige Sekunden darüber nach. "Besser natürlich. Ich hatte ja keine andere Wahl." Schweigend schätzten wir einander ab. "Bist du glücklich?" Eine seltsame Frage. "Wären Sie es?", antwortete ich. "Wären Sie glücklich an meiner Stelle?" Ich schluckte schwer. "Ich gebe mein Bestes, so zu tun, als wäre nichts, denn Trauer lässt Menschen seltsam werden. Das, was mir passiert ist, macht mich traurig. Die Unwissenheit macht mich traurig. Die Tatsache, dass ich keine Wahl hatte und habe. Ich bin gefangen und ich weiß nicht, wie ich mich befreien soll. Doch eins weiß ich mit Sicherheit, wenn ich nicht zurückdenke und einfach hinnehme, was passiert ist, kann ich es vielleicht schaffen und glücklich werden. Irgendwie." Alaric, schreib sich etwas auf das Papier, und aus einem mir unerklärlichen Grund, machte mich das unendlich wütend. "War das offen genug für Sie?" Ich sprang auf und ging Richtung Tür. Dieser Mann machte mich so wütend. Ich wollte McCann zurück. "Claire, beruhige dich und setze dich bitte wieder hin." "Sie können mich mal." Ich riss die Tür auf und stolperte direkt auf Noah zu. Er sah schuldbewusst beiseite. "Ich hoffe, die Vorstellung hat dir gefallen," fauchte ich. Ich wollte gar nicht wissen, wie lange er schon da stand und lauschte. Die Tür fiel laut hinter mir ins Schloss. Noch bevor er antworten konnte, sagte ich ihm das, was er zuvor auch schon zu hören bekommen hatte: "Weißt du was? Du kannst mich mal." Dann stapfte ich wütend die Treppe hoch und knallte die Tür meines Zimmers mit voller Wucht ins Schloss. Ich warf mich sauer auf mein Bett und schrie in mein Kissen. Es half mir mehr, als dieser blöde Therapeut. Ich schmiss das Kissen quer durch das Zimmer und atmete dann ein paar Mal tief ein und aus. Es war ganz ruhig im Zimmer. Ich seufzte und wollte gerade aufstehen um das Kissen aufzuheben, da klopfte es leise an der Tür. "Ja?" sagte ich, und erwartete bereits Leyna oder Eric, die meinen Wutausbruch gehört hatten und nun schauen wollten, ob alles okay bei mir war, aber es war jemand, den ich nicht erwartet hatte. "Hey" sagte Noah zögernd. Ich antwortete nicht und funkelte ihn an. Er hatte zwei dampfende Kaffeetassen in der Hand. Ich nahm ihm eine ab und schwieg "Willst du mir jetzt wirklich nicht antworten?" Ich nickte bloß. "Okay, kann ich reinkommen?" Ich nickte wieder und Noah trat ein. Wir setzten uns auf das Bett. "Ich war hier noch nie drinnen." Er schaute sich interessiert um. Ich hob eine Augenbraue, genauso wie er es immer tat und hoffte, es hatte den selben Effekt bei ihm wie bei mir. "Sehr hübsch eingerichtet." Ich verdrehte die Augen. "Jedenfalls wollte ich dir sagen, dass ich nicht mit Absicht gelauscht habe." "Nicht mit Absicht?" fragte ich sarkastisch, und lies die Idee mit dem schweigen direkt wieder fallen. "Jeder hätte es gehört, Claire. Du warst sehr laut." Ich verzog den Mund und versuchte mich an dem Kaffee. "Was genau hast du denn gehört?" "Sie können mich mal," sagte er und machte den Tonfall nach, mit dem ich Alaric beleidigt hatte, und ich musste lachen. "Du musst wirklich gut zugehört haben", sagte ich. "Du kannst meinen Tonfall perfekt nachahmen." Noah zuckte mit den Schultern und nahm ebenfalls einen Schluck von seinem Kaffee. "Wieso gehst du nicht zu deinen Sitzungen?" fragte ich ihn dann neugierig, um vom Thema abzulenken. "Es gibt die Art von Mensch, dem diese Gespräche wirklich helfen, und dann gibt es die, für die es einfach keinen Sinn macht." Er biss die Zähne zusammen. "Und zu welcher Sorte gehörst du?" fragte ich zögern. "Dreimal darfst du raten", gab er zurück und schnaubte. "Oh wirklich? Ich darf?" Ich schaute ihn augenverdrehend an, und er schmunzelte. "Was ist mit dir?" fragte er dann, obwohl er die Antwort schon kannte. "Ich bin wirklich leicht zu durchschauen", sagte ich ohne ihm eine richtige Antwort auf seine Frage zu geben, und er verstand den Wink mit dem Zaunfahl. Er lächelte mich schief an. "Nein, eigentlich überhaupt nicht." Ich nahm einen Schluck und dachte daran, wie schwer es war Noah zu durchschauen. Er war wie ein Puzzle. Nur wollten sich die Puzzleteile nicht so richtig zusammenfügen. Ein Teil passte nicht zum nächsten, und das machte ihn so kompliziert. "Ich glaube, Josh helfen die Gespräche mit Alaric", sagte Noah plötzlich aus dem nichts. Er sprach so leise, das ich das Gefühl hatte, er sprach mehr zu sich selbst als zu mir. Ich blinzelte ein paar Mal, ich war so in Gedanken versunken gewesen. Und wieder fragte ich mich, warum er und Josh sich gestritten hatten und warum genau die beiden hier war. Wieso Noah so verschlossen war. Er ging uns ständig aus dem Weg. Ich musterte ihn schweigend. Eine kleine Falte bildete sich auf seiner Stirn, während er so in Gedankenversunken dasaß. Seine Augen spiegelten eine tiefe Traurigkeit wider, als hätten sie schon lange keinen Grund mehr gehabt, glücklich auszusehen. "Noah?" fragte ich und er schaute auf. "Ja?" Er schaute mir offen in die Augen. "Weil dir diese Sitzungen nicht wirklich helfen..., also ich meine, wenn du mit jemandem reden möchtest...-" begann ich, doch genau in diesem Moment wurde meine Tür aufgerissen und ich ließ beinahe meine Tasse fallen. Noah zuckte nicht einmal mit der Wimper. "Was ist hier los?" Josh stand, ganz außer Atem, im Türrahmen. "Nichts," gab Noah trocken zurück. Ich sah immer noch verdattert zu Josh, der im Türrahmen stand. Ich hatte ihn Tagelang nicht zu Gesicht bekommen, und ausgerechnet jetzt, dachte er sich, wäre der passende Moment gekommen, zu mir ins Zimmer zu kommen um..., was genau wollte er eigentlich von ihr? "Was ist denn los, Josh?" Ich schaute ihn fragend an. "Ich wollte sagen, das wir Essen bestellt haben und Alaric weg ist." Er sah zu Noah. "Said und Jake sind unten und warten auf dich." Noah stand auf und ich tat es ihm gleich. "Ihr habt Pizza bestellt, oder?" fragte ich und Josh grinste breit. "Mit extra viel Zwiebeln, so magst du es doch am meisten, oder?" Ich schlug ihm mit meinem Ellenbogen in die Seite und lachte. "Du bist gemein, ich hasse Zwiebeln." Er verzog schmerzverzerrt das Gesicht und tat so, als hätte ihm mein Seitenhieb tatsächlich wehgetan. Ich verdrehte die Augen und bemerkte erst dann, dass Noah schon vorgegangen war. Jedes Mal, wenn einer der beiden auftauchte, verschwand der andere.
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Lost in a Perfect Nightmare
AcakWisst ihr wie es ist die Neue zu sein? Ganz von vorne Anzufangen und sein Altes Leben hinter sich zu lassen? Claire tut es, denn sie ist diejenigen, die ihr altes Leben hinter sich lassen muss, um neu anzufangen. Und eine Wahl hatte sie nicht .
