Kapitel 1

190 24 8
                                        

EIN JAHR SPÄTER

Auf einmal ging alles schief.

Es begann wie immer, ohne grosse Probleme, aber mit dem nötigen Kick an Aufregung. Doch dann nahm alles eine falsche Richtung an und als es einmal ins Schlittern kam, hörte es nicht mehr auf.

Lucinda befand sich in einem Mehrfamilienhaus. Leider war der Wohnort der jeweiligen Person der häufigste Tatort, den Lucinda für die Erlösung aufsuchen müsste. So suchte sie auch heute ihr Opfer zu Hause auf - obwohl sie zum Beispiel eine Kirche um einiges lustiger finden würde! Aber es würde mehr Aufmerksamkeit erregen und das wollten Lucinda und die Akademie um jeden Preis vermeiden. Die erste und wichtigste Regel war, dass niemand der Fussmenschen von den Kräften erfahren sollte, damit sie ihre Missionen stets im Geheimen durchführen konnten und nicht als Mittel zum Zweck in der Politik. Ausserdem könnte es Fussmenschen geben, die die Magie des Medaillons fürchten oder beneiden würden und um eine weitere Verfolgungsjagd in der Geschichte vorzubeugen, blieben die Sotíras bei der Anwendung ihrer Kräfte lieber verdeckt.

Lucinda war bereits unbemerkt in das Gebäude eingedrungen, hatte mögliche Kameras abgecheckt und schlich nun die Treppe hinauf. Das Flügelmädchen hatte normale Kleidung an, das Schwert auf dem Rücken und das Medaillon um den Hals. Sie war angezogen wie an jedem normalen Tag, nicht etwa in schwarz und mit Umhang. Das Haus, in das sie eingebrochen war, sah karg aus und das Licht der Deckenlampen gab einen starken Kontrast zur Nacht ab. Schön war es nicht, aber das war auch völlig zweitrangig in ihrer Mission.

Diesmal musste Lucinda in den dritten Stock, wo der Mann wohnte, den sie erlösen musste. Er war ein Serienmörder und seiner Akte zufolge ein unangenehmer Charakter, folglich befürchtete Lucinda, dass er bald das Zeitliche segnen würde. Denn wenn die Seele des Menschen schon völlig verdorben war, starb das Opfer an der Erlösung. Naja, dieses Schicksal hatte Lucinda jedenfalls befürchtet, bevor die Mission schief gelaufen war.

Das erste Problem war, dass im zweiten Stock eine Tür angelehnt war. Lucinda hatte die Türe zum Mehrfamilienhaus gewaltsam aufbrechen müssen und dabei gehofft, dass niemand sie hörte, aber als sie den offenen Spalt im zweiten Stock entdeckte, geriet sie in Alarmbereitschaft. War da jemand, der sie beobachtete? Lucinda stand ganz alleine inmitten des eintönigen Treppenhauses und bis jetzt waren alle Türen verschlossen gewesen, so wie es sich gehörte. Aber diese Tür hier war seltsamerweise offen. Hatte sie da einen Zuschauer? Hatte sie jemand gesehen und wenn ja, wer? Im Gang brannte Licht, doch wenn Lucinda in den Spalt hineinschaute, sah sie nur Dunkelheit. Einen Moment lang blieb sie wie angewurzelt stehen und ihre Flügel wippten aufgeregt auf und ab, damit sie blitzschnell das Weite suchen könnte. Niemand näherte sich ihr und hinter der Türe war Ruhe. Die Stille dröhnte Lucinda in den Ohren und selbst das leise Geräusch, wie ihre Flügel die Luft durchschnitten, war zu hören, währendem sie die Türe anstarrte. Misstrauisch beäugte Lucinda die offene Wohnung und überlegte sich, was es für andere Gründe geben könnte, wieso sie offen war. Vielleicht hatten sie vergessen abzuschliessen oder sie erwarteten Besuch? Möglicherweise sprang die Türe von alleine wieder auf, weil sie kaputt war? Das Flügelmädchen wusste es beim besten Willen nicht, aber sie gab es auf, darin eine Gefahr zu suchen. Sie musste in den dritten Stock und den Verbrecher erlösen und je weniger Zeit sie vor der Türe verbrachte, desto kleiner wurde die Chance, dass jemand sie entdeckte. Also tappte sie auf leisen Sohlen weiter und verfluchte das kleine Treppenhaus dafür, dass sie ihre Flügel nicht ausbreiten konnte, um schlichtweg hochzufliegen. Mit angehaltenem Atem schlich sie also die Treppe hoch, gab sich Mühe, die Flügel ruhig zu halten und keinen Laut von sich zu geben. Die offene Tür hinter ihr verbannte sie aus ihren Gedanken, denn der Mörder da oben war um einiges gefährlicher. Das Treppenhaus war klein und weiss gestrichen, die Stufen waren erstaunlich flach gehalten, sodass auch Kinder mühelos die Treppe runterrennen könnten. Oder Lucinda, wenn sie fliehen musste. Endlich war Lucinda im dritten Stock angekommen und schaute sich sorgfältig um. Der Stock war leer, die Türen zu. Die Türschilder waren von Hand geschrieben, sodass Lucinda teilweise nur erahnen konnte, wer wo wohnte.

Engelsschwingen - AusgestossenGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt