Ich habe das Cover der Geschichte geändert🙈. Wie findet ihr es? Das alte ist hier oben noch zu sehen☺️.
Saal der Unsterblichkeit wäre passender gewesen, dachte Lucinda als erstes, als sie mit offenem Mund eintrat. Es war unglaublich. Der Saal war riesig, hatte einen zehnfachen Umfang von einem normalen Schlafzimmer. Über Lucinda erhob sich eine hohe Decke, die in der Mitte zu einem Spitz führte und sie fragte sich, ob man früher hier drinnen geflogen war. Gegenüber der Eingangstüre war eine Art Bühne in den Raum integriert und in der Mitte stand ein gewaltiger Thron, völlig in Weiss gehalten. Doch nicht der weisse Boden oder die enormen Dimensionen oder gar Soana, die in einem schneeweissen Kleid auf dem Thron sass, waren das, was Lucinda am meisten erstaunte.
Nein, es waren die Spiegel. Denn die gesamte Wand und auch die kuppelartige Decke waren verspiegelt. Es war kein durchgehender Spiegel, in dem man sich verzerrt wahrnehmen konnte, sondern es waren aneinandergereihte, winzige Spiegelstücke, die einzelnen nicht grösser als Lucindas Hand. Wohin sie sich auch bewegte, sah sie die Bewegung hundert- und tausendmal um sich herum wieder, die Farben ihrer Kleidung hüpfte von einem Spiegel zum anderen und bereits als Lucinda in der Mitte des Saales angekommen war, über ihr nun die Mitte der Kuppel, machten sie die ganzen Spiegel nervös. Nirgends sah sie das gesamte Abbild von ihr, sondern die Spiegel rissen Teile ihrer Selbst in kleine Stücke und gaben sie überall wieder. Wenn man sich hier länger aufhalten würde, würde man zweifellos verrückt werden, denn sie war sich auf einmal nicht mehr sicher, wo hinten, vorne oder gar oben war. Der Saal der Unsterblichkeit war beeindruckend, imposant und wunderschön, aber auch angsteinflössend.
Nur der Thron und die Bühne, die weiss gestrichen waren und aussahen wie aus Holz und Gestein, reflektierten Lucindas Erscheinung nicht und das war ein weiterer Grund, warum sie nach vorne schaute. Auf den Thron und zur Anführerin der Akademie.
„Soana", sagte Lucinda ehrfürchtig und ging demütig in die Knie. Ihre Haare fielen ihr ins Gesicht, aber sie traute sich nicht, sie wieder wegzustreifen, weil sie befürchtete, dass die mehrfache Bewegung in den Spiegeln sie schwindelig machen würde.
Die Anführerin lächelte Lucinda an und auf die Entfernung konnte sie nicht ausmachen, ob das Lächeln echt war oder nicht. Soana breitete die grell weissen Flügel etwas aus, was ihr ein noch engelhafteres Erscheinen verliehen. Ihre Haare waren noch blonder als die von Lucinda und sie war eine wahre Schönheit. Lucinda wusste nicht genau, ob Soana absichtlich ein wenig an einen richtigen Engel erinnerte, oder ob das einfach an ihrer beeindruckenden Ausstrahlung lag. Es war das erste Mal, dass Lucinda sie in Wirklichkeit sah, sonst kannte sie die Anführerin nur von Gemälden. Soanas Haar war lang und gewellt, sie hatte eine geschmeidige Figur und grosse, wachsame Augen. Ihre Nase war unauffällig und ihre Lippen voll, aber weniger unschuldig als Lucindas.
Als Soana Lucinda nun ein Lächeln schenkte, brachte sie das aus der Fassung. Hastig lächelte sie zurück, aber augenblicklich fiel ihr wieder ein, warum sie hier war. Vor lauter Staunen hatte sie für einen Moment den Grund vergessen, aber jetzt wurde es ihr wieder vollauf bewusst und mit einem Mal fragte sie sich, wer die Türe hinter ihr zu gezogen hatte. Denn die grossen Eingangsflügel waren zu, doch Lucinda war es nicht gewesen. Die gesamte Aufregung des Tages brach über ihr zusammen wie ein heftiger Sturm.
„Wie heisst du, Sotíra?", fragte Soana und erinnerte damit an eine Königin, wie sie von ihrem Thron aus auf sie hinunterschaute, mit einem einerseits gütigen, aber auch aufmerksamen Blick. Wo Soana wohl den Tag verbrachte? Im Raum der Unsterblichkeit? Konnte Lucinda deshalb nicht sagen, ob die Anführerin der Akademie zwanzig, dreissig oder vierzig war?
„Lucinda", antwortete das Mädchen nicht sehr gesprächig und ihr Herz begann heftiger zu klopfen.
„Gut, Lucinda, ich habe von deiner Mission gehört", sagte Soana und machte eine Pause, doch es war klar, dass sie keine Reaktion erwartete. „Sie ist dir nicht geglückt. Ist das wahr?"
Ein kalter Schauer fuhr Lucinda über den Rücken, als sie erfolgslos versuchte, echte Emotionen in Soanas Stimme zu lesen. Hastig nickte sie. „Aber es ist das erste Mal, eure Hoheit." In Mangel an einer besseren Bezeichnung entschied Lucinda sich für diese, damit sie auf keinen Fall respektlos erschien.
Soanas Mundwinkel zuckten, entweder wegen ihrem Titel oder der Aussage. „Und wie alt bist du?", wollte sie wissen.
„Sechzehn, eure Hoheit."
„Kannst du mir erklären, wieso die Mission schiefgelaufen ist?", kam Soana endlich auf den Punkt und lehnte sich ein kleines Stück vor.
Lucindas Mund wurde trocken, als sie die richtigen Worte suchte. Sie war es nicht gewohnt, mit einer solch hohen Autoritätsperson zu sprechen. Nicht einmal Lehrern gegenüber brachte sie genügend Respekt zutage, wie sollte sie das bei einer Anführerin meistern? „Ich habe das Medaillon verloren, eure Hoheit." Ihre Stimme schwankte. „Und so war es mir unmöglich, das Opfer zu erlösen."
Soana nickte, schwieg aber, selbst als Lucinda abwartend innehielt. Zögernd fügte sie hinzu: „Ich habe das Medaillon gesucht, es jedoch nirgends gefunden. Es muss im Haus verloren gegangen sein, ausserhalb seiner Wohnung."
Auf einmal erhob sich Soana. Es war eine eindrückliche Bewegung. Sie war nicht besonders gross, aber auch nicht klein. Aber es lag wohl an ihren Flügeln, die sich beim Aufstehen ausbreiteten wie ein Schutzschild und ihre Haare wurden dadurch in Bewegung gebracht. Ihr Gesicht war auf einmal ernst und unwillkürlich wurde Lucindas wieder kalt. Das Bild um sie herum veränderte sich und erst nach einer Weile wurde Lucinda klar, dass die Spiegel Soana nun anders reflektierten und ihre Umgebung deshalb dunkler wurde.
„Du hast unsere Akademie in Gefahr gebracht, Lucinda!", warf Soana ihr entgegen. Ihre Stimme war kalt und leicht erhoben, sodass sie von den Wänden wiederhallte.
„Es tut mir leid, eure Hoheit", beeilte sich Lucinda zu sagen, auch wenn ihr die Entschuldigung widerstrebte. „Ich kann es nochmals suchen gehen!"
„Nein", wiedersprach Soana sofort. Ihr Blick fixierte Lucindas und alle Hoffnung, das Nein könne sich positiv auswirken, schwand sofort. In den Spiegeln zuckte es unangenehm. Auf einmal wollte Lucinda so schnell es ging raus aus dem Saal der Unsterblichkeit, weg von Soana und weg von den Spiegeln. „Du wirst die Akademie verlassen." Naja, aber nicht so raus!
Lucinda starrte Soana verständnislos an. „Was?!", rutschte es ihr entsetzt heraus. Die Anführerin schien zu lächeln, beinahe höhnisch, als hätte sie darauf gewartet, dass Lucinda die Höflichkeiten ablegte.
„Du wirst der Schule verwiesen", erklärte Soana in anderen Worten. „Du wirst in der normalen Welt leben, einen normalen Beruf erlernen und die Akademie hinter dir lassen. Aber wir können nicht riskieren, dass du durch deine Unvorsichtigkeit die Akademie erneut gefährdest."
Fassungslos klappte Lucinda der Mund auf. „Es ist mein allererster Fehler!" Nur weil sie zu viel Angst hatte, schrie sie Soana nicht an. „Sonst habe ich die Missionen alle vorbildlich erfüllt!"
Soana schwieg eine Weile, als würde sie stumm auf fünf zählen. „Du bist im Unterricht negativ aufgefallen, Lucinda. Denk nicht, das bleibt mir verborgen." Nun war ihre Stimme eisig und alle Freundlichkeit und Sympathie war verschwunden.
Aber Lucinda war ausser sich. Wie konnte sie ihr Benehmen im Unterricht mit der echten Welt da draussen vergleichen? Mit Leben und Tod? Das war doch nicht dasselbe!
„Es spielt keine Rolle, was für Vergehen es waren, Lucinda", sagte da Soana, als habe sie ihre Gedanken erraten. „Aber du bist keine Musterschülerin, auch wenn deine Missionen bis jetzt geglückt sind."
So wie sie das sagte, tönte es, als sei es reiner Zufall, dass Lucinda solch gute Arbeit geleistet hatte. „Ich muss aus der Schule?", fragte Lucinda nach und konnte es immer noch nicht glauben.
***
Wie findet ihr das Urteil?
Und was denkt ihr über Soana? Ist sie eine faire Anführerin?
Meint ihr, Lucinda tut, was ihr befohlen wird?
Ich stelle diese Fragen übrigens, weil es mich einfach interessiert, was ihr darüber denkt und weil ich gerne mit euch in Kontakt komme.
Natürlich freue ich mich auch über andere Kommentare, über Votes und über Adds zu den Leselisten!
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Engelsschwingen - Ausgestossen
ParanormalLucinda hat Flügel, aber sie ist kein Engel. Vielmehr hat sie die Aufgabe, Menschen aus ihrem Leidwesen zu erlösen - die Seele des Menschen entscheidet, ob sie leben oder sterben werden. In der Akademie der Erlöser werden neben ihr noch massenhaf...
