Abende wie diese hatten sich wiederholt. Immer wieder unternahmen die zwei etwas miteinander und es war eine seltsame Symbiose zwischen den Mädchen entstanden. Lucinda erklärte Lizzie Dinge, die sie in ihrem Alter noch nicht wissen konnte und Lizzie ihrerseits klärte Lucindas Unwissen über die Stadt auf. Sie gingen spazieren, einkaufen, essen und verbrachten mehr Zeit miteinander, als es Lucinda mit anderen Freunden tat.
Lizzie und Lucinda sprachen über alles möglicher, bloss vermied Lucinda ihre Vergangenheit in der Akademie. Zwar konnte sie nicht bestreiten, dass sie neu in der Stadt war, aber Lizzie wusste nicht, woher sie kam. Was aber seltsamer war, war Lizzies Reaktion auf Fragen zu ihrem Wohnort. Lucinda hatte ganz unverfänglich wissen wollen, wo sie denn wohne, aber Lizzie wollte das auf keinen Fall sagen. Ebenso hatte Lucinda eines Tages, als Lizzie schon den ganzen Tag mit ihr unterwegs gewesen war, gefragt, was denn ihre Eltern dazu sagen, dass sie ständig ausser Haus waren. Lizzie hatte gemeint, dass ihre Eltern arbeiten, nur ihr Bruder hatte auch Ferien. Aber das kleine Mädchen wich dem Thema aus, wieso sie praktisch nie zu Hause war und einmal sagte sie sogar, dass sie nicht nach Hause gehen wolle. Lucinda erschrak eine solche Aussage, denn ein Mädchen in ihrem Alter sollte ihr Daheim doch schätzen. Lizzie aber schien gar nicht zu Hause zu sein wollen, merkte Lucinda mehr und mehr. Doch um sie nicht zu drängen oder in Verlegenheit zu bringen, liess sie Lizzies Zuhause in Ruhe und sie sprachen über andere Dinge.
Es war ein komischer Moment gewesen, als sich Lucinda einmal hatte entscheiden müssen zwischen Lizzie und einer anderen Freundin aus dem Büchercafé. Völlig unabhängig davon, dass jemand auf Lizzie aufpassen sollte, da sie noch ein Kind war – auch wenn Lizzie betonte, dass sie gut zurechtkam und ihr Bruder gut auf sie aufpasse – hatte sich Lucinda schnell für das sechs Jahre jüngere Mädchen entschieden. Als die Büchercafé-Freundin gefragt hatte, ob es ihre Schwester sei, hatte sie vehement den Kopf geschüttelt, denn das war es nicht, was ihre Beziehung ausmachte. Es war eine normale Freundschaft, aber eine der tiefen Sorte, hatte Lucinda in dem Moment realisiert. Sie mochte die Zeit mit Lizzie. Sie liebte die witzige und aufgeweckte Art des Mädchens, sie amüsierte sich über ihre unschuldigen Bemerkungen und bewunderte sie gleichzeitig für ihre frühe Reife. Und Lizzie fühlte sich wirklich wohl bei Lucinda.
So verging Woche um Woche und Lucinda dachte nicht mehr an die Missionen, die Akademie der Erlöser und selbst der seltsame Angreifer zu Beginn war aus ihren Gedanken verschwunden.
Es war ein schöner Sommersonntag, als Lizzie frühmorgens aufgeregt anrief, kaum hatte sich Lucinda angezogen. Verwundert nahm Lucinda ab. So früh rief sie sonst nie an.
„Lizzie, alles okay?", meldete sich Lucinda. Im Gegensatz zu ihr schlief Lizzie normalerweise lange aus an Sonntagen.
„Alles bestens", sagte Lizzie sogleich, sie klang munter. „Hast du den Wetterbericht von heute gesehen?"
Lucinda runzelte die Stirn und schaute aus dem Fenster. Die Sonne schien schräg hinein und der Himmel war strahlend blau. Obwohl Lucinda noch in ihrer Wohnung war, sah sie auf den ersten Blick, dass das Wetter wunderschön und herrlich warm war. „Nein, aber ich habe lange Fenster, schon vergessen?", gab Lucinda sarkastisch zurück und lächelte, auch wenn Lizzie sie nicht sehen konnte.
„Ja, und weisst du, was du auch noch hast?", meinte Lizzie am anderen Ende und Lucinda hörte ihr das vorfreudige Strahlen an. Was um Himmels Willen hatte das Mädchen im Sinn?
„Nein...?", meinte Lucinda gedehnt.
„Flügel", meinte Lizzie und liess ein Lachen hören. „Und mir versprochen, dass du mit mir ausfliegst." Sie betonte ihre neue Kreation des Wortes ‚ausgehen', nämlich ‚ausfliegen'. Sie war immer noch von Lucindas Flügeln begeistert, obwohl sie sich seit bereits zwei Monaten kannten.
„Ach, das meinst du!", rief Lucinda aus und lachte ebenfalls. Mit der einen Hand hielt sie sich das Handy ans Ohr, mit der anderen schlüpfte sie in ihre Sandalen. „Du hast mich echt neugierig gemacht, Kleine."
„Und, sagst du ja? Bitte, Luce?", bettelte Lizzie am anderen Ende und korrigierte sie ausnahmsweise nicht für ihren Spitznamen. Ob Lucinda es wollte oder nicht, rutschte ihr der Kosename manchmal heraus.
„Okay, soll ich zu dir kommen?", fragte Lucinda statt einer Antwort und strahlte. Natürlich sagte sie ja! Nur zu gerne flog sie mit dem Mädchen aus und zeigte ihr mehr als bloss die Stadt, in der sie lebte. Sie wollte ihr den See zeigen und das tolle Gefühl demonstrieren, das einen überkam, wenn man in den Lüften war. Aber gleichzeitig erinnerte sie sich daran, dass Lizzie ein junges Mädchen war, das Eltern und einen Bruder hatte, die auf sie aufpassten. Unmöglich konnte sie mit ihr ausfliegen, ohne die Familie zu benachrichtigen. Sie übernahm damit eine grosse Verantwortung und wollte sichergehen, dass das für Lizzies Familie in Ordnung war.
„Nein, wieso auch? Wir fliegen ja weg, ich komme zu dir!", widersprach Lizzie und etwas in ihrer Stimme veränderte sich.
Lucinda seufzte. Sie wollte nicht zu sehr in Lizzies Leben eingreifen oder sie zu etwas zwingen, was ihr nicht behagte, aber genau so wenig konnte sie sie mir nichts, dir nichts packen und mit mehr als zehn Höhenmetern davonfliegen. „Hör mal, Klei-, Lizzie", begann sie und holte tief Luft. „Ich kann dich nicht einfach mitnehmen, ohne dass deine Familie davon weiss. Ich habe eine Verantwortung, weisst du?"
Einen Moment lang war Lizzie still, dann sagte sie leise: „Aber meine Mutter ist im Moment gar nicht zu Hause."
„Und dein Vater?", fragte Lucinda nach und betete inständig, dass jemand zu Hause war. Sie wollte ja gerne mit ihr ausfliegen, aber sie musste vernünftig sein. Sie wusste nicht mal, ob Lizzie wirklich die Wahrheit sagte über ihre Mutter.
„Der ist auch nicht da. Nur Matthew", meinte Lizzie betrübt. „Mein Bruder, meine ich."
Lucinda holte erneut tief Luft, als sie ihre Meinung den Umständen anpasste. „Na gut", gab sie nach, denn der traurige Tonfall schnitt ihr ins Herz. Mist, bestimmt war sie eine gute Schauspielerin. „Bring deinen Bruder mit zu mir. Ich möchte ihn kurz sehen und ihn benachrichtigen, das reicht schon." Vielleicht würde sie dann herausfinden, warum Lizzie nie zu Hause sein wollte.
Wieder herrschte Stille und Lucinda befürchtete schon, dass Lizzie nicht einverstanden war, als sie ein lautes „Yeah!" durch das Handy hörte. „Lu, du bist die Beste! Danke!", rief Lizzie und Lucinda hörte ein Geräusch, als würde sie auf und ab hüpfen.
„Gerne, meine Kleine", sagte sie leise lachend. „Machst du dich auf den Weg? Ist dein Bruder schon wach?" Bei dem Gekreische erledigte sich letzteres beinahe von selbst.
„Ja, wir gehen jetzt gleich aus dem Haus", klärte Lizzie sie auf. „Bis gleich!" Dann legte sie so eilig auf, dass sich Lucinda nicht mehr verabschieden konnte.
Hastig ass Lucinda ein kleines Frühstück und verräumte dann gerade rechtzeitig das Geschirr in der Spülmaschine, als es an der Haustüre klingelte. Lucinda öffnete und vor ihr stand eine strahlende Lizzie und ein Junge mit denselben dunkelbraunen Haaren wie Lizzie sie hatte. Wobei ‚Junge' die falsche Bezeichnung wäre, Lucinda vermutete, dass er gleich alt oder älter war als sie. Lizzies Bruder hatte fürsorglich einen Arm um seine Schwester gelegt, nahm diesen jedoch weg, sobald er Lucinda erblickte.
***
Was denkt ihr bis jetzt über Lizzies Bruder?
Und könnt ihr Luce verstehen, dass sie ihn sehen wollte?
Wie findet ihr eigentlich Lizzie? Ich mag sie, aber das sagt ja noch nichts über euch aus^^
Was denkt ihr, kommt als nächstes...;)?
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Engelsschwingen - Ausgestossen
ParanormalLucinda hat Flügel, aber sie ist kein Engel. Vielmehr hat sie die Aufgabe, Menschen aus ihrem Leidwesen zu erlösen - die Seele des Menschen entscheidet, ob sie leben oder sterben werden. In der Akademie der Erlöser werden neben ihr noch massenhaf...
