Kapitel 21

37 7 0
                                        

Lucinda hatte am Nachmittag mit Lizzie in dem Büchercafé abgemacht. Dann hatte sie frei und sie würde weiterbesprechen, was sie sich zu dem Killer überlegt hatte und dabei Lizzie zwangsläufig über den Angriff aufklären müssen. So ungern sie das Mädchen mit Gewalt konfrontierte, war das wichtig und ausserdem eine gute Vorbereitung auf das, was auf sie zukommen würde. Gerade bereitete Lucinda einen Milchkaffee für einen Kunden vor und dachte sich währendem zum hundertsten Mal ihre Rede aus, die sie Lizzie halten wollte. Zwar kannte sie das Mädchen schon gut, aber sie wusste nicht, wie sie mit der Situation umgehen sollte. Wie viel war Lizzie sich bewusst und wie viel verdrängte sie? Die Tatsache, dass Lizzie nicht gerne zu Hause war, liess darauf schliessen, dass sie eine gesunde Angst hatte. Aber das sagte nichts über ihr Wissen bezüglich des Serienmörders und dessen reale Auswirkungen aus. Würde Lizzie überhaupt noch in die Nähe des Hauses kommen, wenn sie sich tatsächlich bewusst wäre, wie gefährlich dieser Mann war?

In der Nacht hatte Lucinda schlecht geschlafen, wenn nicht sogar gar nicht. Sie hatte sich in Tausend Gedanken verstrickt im Bett hin und her gewälzt und etliche Gräueltaten waren ihr blitzartig vor den Augen erschienen. Auch ihre Verletzungen hatten nicht für ihr Wohlbefinden gesorgt. Irgendwann war sie aufgestanden, hatte sich einen Tee gemacht und war wieder ins Bett gelegen, aber sie hatte kein Auge zugebracht. Sie konnte nicht beurteilen, ob sie nicht ab und zu eingedöst war, aber man sah ihr die Übernächtigung definitiv an, denn Carmen hatte gefragt, ob etwas los sei, als Lucinda sich als erstes verschlafen einen Espresso machte und dabei ihr rechtes Bein entlastet hatte.

Auf dem Weg zur Arbeit war Lucinda auf den Schluss gekommen, dass sie nicht verantworten konnte, das elfjährige Mädchen in die Sache mit einzubeziehen. Matt konnte machen, was er wollte, aber Lucinda wollte die Kleine da raushalten. Sie musste das alleine durchziehen. Sie konnte nicht mit einem Kind die gefährlichste Person erlösen, die sie je hatte erlösen müssen. Sie wollte das Risiko nicht eingehen, dass Lizzie etwas passierte. Dass ihr noch mehr passierte, als ihr nicht sowieso schon passieren könnte! Denn wer weiss, auf wen es die Angreifer von gestern Abend noch abgesehen hatten? Vielleicht auf alle Freunde von Lucinda?

Während sie sich also ihre Worte zurechtlegte, brachte sie den gerade vorbereiteten Milchkaffee auf einem Tablett nach draussen. Verständlicherweise war sie überrascht, als sich auf einmal ein neuer Gast an einem runden Tisch niederliess. Sie war nicht über die Tatsache überrascht, dass sich da jemand mit einem dicken Buch hinsetzte, schliesslich war das Café gut besucht. Aber sie war überrascht, dass es Matthew war.

Beinahe hätte Lucinda den Kaffee ausgeleert und hastig stellte sie ihn dem Gast auf den Tisch, setzte ein Lächeln auf und wandte sich dann wieder zum Gehen. In den Augenwinkeln hatte sie Matthew im Blick, der offensichtlich ihretwegen hier war. Sie kam nicht darum herum, an Matt vorbeigehen zu müssen, als sie in die Küche zurückmusste. Aber mit Schrecken fiel ihr ein, dass auch etwas passiert sein könnte! Sie hielt auf seinen Tisch zu und ihr Herz klopfte vor Angst um Matts Schwester. Was, wenn Lizzie angegriffen worden war? Aber würde er dann so gemütlich hier sitzen?

„Ah, du kannst auch ganz nett lächeln", kommentierte er, als Lucinda neben ihm stand.

Lucinda setzte ebendieses Lächeln auf. „Hallo, willkommen im Büchercafé." Sie zückte den Block und einen Kugelschreiber von ihrem Gürtel um die Hüfte. Allzu ernst wirkte Lizzies Bruder nicht. „Was darf es sein?"

„Ich muss mit dir reden, Luce", sagte er auf einmal leise und beugte sich vor, das Buch lag auf dem Tisch.

Lucinda verkniff sich einen Kommentar wegen ihrem Spitznamen. „Was machst du hier? Ist etwas passiert?"

Matthew schüttelte den Kopf. „Nein, nicht direkt." Die erste Frage überhörte er.

„Eine Drohung?" Lucinda schaute geschäftig auf ihren Block und tat so, als würde sie etwas aufschreiben.

Engelsschwingen - AusgestossenGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt