„D-das hier..." Lizzie legte atemlos ihre Schokolade zur Seite und griff in ihre Hosentasche. Zuerst zog sie ein Sackmesser heraus, doch dann folgte etwas anderes. Es war kaum grösser als Lizzies Hand und glänzte in der Sonne. Die Kette baumelte herunter, als Lizzie das Medaillon unter Lucindas Nase hielt.
Lucindas Herz raste vor Aufregung. Sie war nicht wütend auf Lizzie, noch nicht. Sie war schockiert. „Mein Medaillon!", hauchte sie betroffen und auf einmal kämpfte auch sie mit Tränen. „Oh mein Gott, wie bist du zu dem gekommen?" Ihr Blick fuhr zu Lizzie und diese zuckte zusammen. Zweifellos waren Lucindas Augen hart, aus Wut, aber auch Angst. „Lizzie! Woher. Hast. Du. Dieses. Medaillon?!" Ihre Stimme war kälter als gewollt und Lizzie begann zu stottern: „I-ich habe es, äh, ge-gefunden." Ihre Hand zitterte und Lucindas bereute ihren beissenden Tonfall wieder. „D-du... also, ich nehme an, es warst du... e-es..."
„Atmen, Lizzie, atmen", sagte Lucinda monoton.
„An diesem Abend hab ich jemanden auf der Treppe gesehen und hab die Türe offen gelassen. Und dann sah ich jemanden raufkommen – das warst anscheinend du – und als du weg warst, lag dieses Medaillon auf dem Boden", sprudelte es jetzt auf Lizzie heraus, ihre Hand zitterte immer noch. „Und ich hab gehört, dass du zu diesem unheimlichen Typen gingst und ich hab mir das Medaillon geschnappt..." Ihre Stimme versagte auf einmal und sie setzte neu an. „Ich hab nicht so weit gedacht, es tut mir leid! Ich dachte, es hat etwas mit dem Mann da auf sich!" Tränen schwammen in ihren Augen und sie hörte auf zu reden, sondern schaute Lucinda abwartend an.
„Das warst du...", murmelte Lucinda. „Das Medaillon war meines. Es hätte mir helfen sollen."
„Es tut mir echt leid, Luce", wimmerte Lizzie.
Lucinda legte einen Arm um sie, ohne gross zu überlegen. „Du kannst nichts dafür. Es ist mir runtergefallen. Du hast es mir ja nicht entrissen."
Lizzie drückte sich an Lucinda und fügte eilig hinzu: „Der Verschluss war kaputt. Ich hab ihn repariert." Ihre Stimme schwankte schon nicht mehr so sehr wie zuvor.
Lucinda horchte auf. „Der Verschluss war kaputt?" Wie war das denn passiert? Und... was hatte Lizzie in dem Haus gemacht?
„Ja, schau." Lizzie hielt ihr die Kette vor die Augen und tatsächlich sah Lucinda, dass der Verschluss nun eine etwas andere Farbe hatte als zuvor – Lizzie hatte ihn ersetzt.
„Oh, wow, du hast ihn repariert", meinte Lucinda bewundernd und berührte die Kette mit den Fingerspitzen, als sei sie heiss.
Lizzie nickte nur. „Bist du mir böse?"
Lucinda seufzte. „Nein. Ich wünschte nur, es wäre anders gekommen." Plötzlich stockte sie und das Blut gefror ihr in den Adern. „Du meine Güte! Du wohnst in dem Haus?!"
Lizzie nickte steif.
Lucinda drehte sich so, dass sie Lizzie frontal gegenüber sass und packte sie bei den Schultern. „Im dritten Stock wohnt ein..." Lucinda überlegte. Sollte sie dem Mädchen wirklich sagen, dass über ihr ein Serienkiller wohnte. War das etwa der Grund, warum sie nie über ihr Zuhause reden wollte und warum sich Lizzie überall aufhielt, nur nicht zu Hause?
„Dieser unheimliche Typ, meinst du?", fragte Lizzie nach, als Lucinda verstummt war.
Lucinda nickte. „Er ist gefährlich", sagte sie leise und zog besorgt die Augenbrauen zusammen. „Hat er dir was angetan? Hat er dich bedroht?" Wenn sich Lucinda recht erinnerte, hatte der Mörder es auf Jungs und Männer abgesehen, nicht auf Mädchen, aber man konnte es nie genau wissen.
Lizzie zögerte kurz und schüttelte den Kopf. „Er hat mir nichts angetan", meinte sie und hielt inne. „Aber er sagte, wenn wir zur Polizei gehen, bringt er uns um."
Lucinda war wie erstarrt. Sie hatte zwei Monate mit Lizzie verbracht und nie hatte sie etwas davon erwähnt, dass der Serienkiller sie erpresste. „Hättest du denn einen Grund, um ihn zu melden?", fragte Lucinda, vor Angst um das Mädchen gelähmt.
„Nein, aber er war schon mal in Haft. Und er ist aggressiv und total unheimlich." Lizzie erschauderte. „Und er schaut Matthew immer so komisch an."
„Matthew?" Mist! Fiel Lizzies Bruder etwa ins Raster des Serienkillers?! „Und warum wurde er entlassen?" Immerhin nahm Lucinda an, dass man die Morde zu ihm zurückführen konnte, die Akademie jedenfalls hatte einige Namen nennen können, die durch ihn das Leben gelassen hatten. Aber die Akademie war der Polizei auch in einigen Dingen voraus.
Lizzie zuckte mit den Schultern. „Sie sagten etwas von wegen zu wenig Beweise", meinte sie. „Er ist ein Profi, sagt Matthew."
„Und was sagen deine Eltern?", wollte Lucinda wissen.
„Die sagen nichts", meinte Lizzie. „Sie wissen glaub' gar nicht richtig davon. Sie sind häufig geschäftlich weg und mein Bruder und ich haben Angst, dass der Typ uns etwas antut, wenn wir ihn bei ihnen petzen."
Lucinda nahm die Hände von Lizzies Schultern, seufzte und rieb sich das Gesicht. Das war ja wohl eine konfuse Sache. „Und bei mir hast du keine Angst?", fragte sie. Das war doch unlogisch.
Lizzie lächelte leicht. „Jetzt nicht mehr. Jetzt weiss ich ja, dass das damals du warst und du hattest ein Schwert dabei. Du könntest ihn besiegen."
Ob sich Lizzie bewusst war, dass besiegen in dem Falle töten hiess? Andererseits... Lucindas Blick glitt langsam zum Medaillon in Lizzies Hand. Sie hatte ein Medaillon. Sie konnte ihn einfach erlösen, so wie sie es bisher getan hatte im Auftrag der Akademie. Mit Hilfe dieses magischen Artefaktes konnte sie die Mission durchführen und endlich ihr letztes Opfer für die Akademie erlösen. Ihr Bauch kribbelte vor Aufregung und Freude, als sie realisierte, was dieses wiedergefundene Medaillon für eine Bedeutung hatte.
Sie könnte wieder verdorbene Seelen erlösen gehen. Sie könnte das praktizieren, was sie gelernt hatte – selbst wenn sie keinen Auftrag der Akademie bekam. Ein warmes, vertrautes Gefühl durchflutete sie, als sie das Medaillon aus Lizzies Hand nahm und es sanft mit den Fingerkuppen streichelte. Es lag sanft in Lucindas Hand, das Metall war körperwarm und die Kette baumelte herunter, schwankte leicht im Wind.
„Ich werde das nicht einfach so ruhen lassen", meinte Lucinda mehr zu sich selbst als zu Lizzie, doch diese hörte es zweifellos. „Entweder ich oder jemand anderes - vielleicht die Polizei... Aber du wirst nicht mit ihm in einem Haus leben müssen, das steht fest."
Lucinda schaute immer noch auf das Medaillon, als Lizzie die Hand auf ihre legte.
„Danke", sagte das kleine Mädchen und lächelte.
Lucinda schloss ihre Hand um das Medaillon und Lizzies Finger. „Dank mir erst am Schluss", kommentierte sie und lächelte ebenfalls.
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Wie hättet ihr reagiert?
Wärt ihr wütend gewesen? Erleichtert?
Oder ganz anders als Lucinda reagiert hat?
Und was denkt ihr über die Ganze Sache? Lizzie ist ja plötzlich in die misslungene Mission involviert...
Irgendwelche Ideen, was Luce jetzt machen wird?
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Engelsschwingen - Ausgestossen
ParanormalLucinda hat Flügel, aber sie ist kein Engel. Vielmehr hat sie die Aufgabe, Menschen aus ihrem Leidwesen zu erlösen - die Seele des Menschen entscheidet, ob sie leben oder sterben werden. In der Akademie der Erlöser werden neben ihr noch massenhaf...
