Kapitel 33

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„Du bist aber auch bescheuert", eröffnete ihr Carmen.

Lucinda schaute sie perplex an. Sie standen nebeneinander im Bücherladen, gerade war wenig los, nur ein paar Stammkunden waren gekommen und im Moment waren die beiden Frauen alleine. Lucinda hatte ihrer Chefin heute so viel Bücher-tragen wie es ging überlassen, da ihre Schulter immer noch protestierte, wenn sie sie zu lange belastete. Das war erniedrigend, aber wenn sie sich nicht schonte, würde es auch nicht besser werden. Immerhin konnte sie noch gut fliegen. Aber offenbar hatte man ihr ihre bedrückte und verwirrte Stimmung angesehen, denn Carmen hatte nach einer Weile Beobachten gefragt, was los sei. Und darauf hatte Lucinda ihr von Matthew erzählt – natürlich nicht die ganze Geschichte und kein Wort über irgendwelche Morde -, aber den Kuss hatte sie ihr anvertraut. Sie hatte es sogar hinbekommen, bezüglich des Grundes ein wenig zu schwindeln. Ohne gross rot zu werden hatte sie Carmen gesagt, sie haben sich vor seinem Lehrer versteckt, weil Matthew am Schwänzen gewesen war. Dabei hoffte sie, dass Carmen nicht wusste, dass gerade Ferien waren in dieser Stufe. Es hatte gut getan, jemandem davon zu erzählen, der nicht voreingenommen war wie Lizzie. Jetzt aber war Carmen nicht etwa einfühlsam und tröstend, sondern sie machte sich tatsächlich über Lucinda lustig.

„Wie bitte?", empörte sich das Flügelmädchen. „Warum bin ich denn bescheuert?"

Carmen seufzte und begann gleichzeitig, ein paar Bücher aus einer Kiste zu nehmen und in die Regale zurückzustellen. „Du hast ihn geküsst und er hat den Kuss erwidert, stimmt's?", fragte sie und wischte das Cover eines dicken Buches ab.

Lucinda runzelte die Stirn. „Ja...", antwortete sie, nicht wissend, auf was Carmen hinauswollte. Das hatte sie gerade erzählt. Das war ja das Komische daran. Wartend lehnte sie sich an die Theke.

„Und dann hast du gefragt, ob der Lehrer weg sei?", gab Carmen Lucindas Erzählung wieder und erwartete wieder eine Antwort.

Lucinda nickte und zog die Augenbrauen zusammen. „Das sagte ich doch eben."

„Ja, aber er wurde erst verschlossen, als du fragtest, ob der Lehrer weg sei!", rief Carmen aus, als probiere sie Lucinda seit Stunden zu erklären, dass zwei und zwei vier gab.

Lucinda jedoch hatte es immer noch nicht begriffen und errötete leicht, als Carmen wieder seufzte.

„Du gabst ihm damit zu verstehen, dass du ihn nur geküsst hast, weil du dich verstecken wolltest", erklärte sie jetzt ganz langsam. „Und das wiederum heisst, dass der Kuss für dich nichts bedeutet hatte. Und das hat ihn wahrscheinlich gestört."

Lucinda hob die Augenbrauen. „Aha...!", machte sie verstehend. Das war einleuchtend. Offenbar hatte er nicht gedacht, dass es nur zur Tarnung gewesen war. Aber das war doch offensichtlich gewesen? Oder war es vielleicht doch ein kleines bisschen wegen eigenem Willen geschehen?

„Ja, was hat es denn für dich bedeutet, Lucinda?", fragte Carmen irritiert, als Lucinda keine Regung machte, sondern sie nur anglotzte wie ein Fisch im Aquarium.

Lucinda schüttelte den Kopf. „Keine Ahnung", sagte sie mechanisch. „Es war zur Tarnung gewesen. Aber es war auch ein guter Kuss gewesen, muss ich zugeben."

Carmen schüttelte ihrerseits ungläubig den Kopf. „Du bist kompliziert", sagte sie. „Du musst einfach für dich entscheiden, was du ihm vermitteln willst und dann dem entsprechend handeln bei der nächsten Begegnung."

„Hm", machte Lucinda wenig überzeugt und nahm abwesend ein Buch in die Hand, das Carmen ihr weitergab. Sie erinnerte sich an Matthews Gesichtsausdruck, als er sie das erste Mal gesehen hatte. Als sei sie etwas Gefährliches, etwas Fremdes. „Was, wenn er mich wirklich hasst?", rutschten ihr ihre Bedenken heraus. Ihre blonden Haare hingen ihr ins Gesicht und sie machte sich nicht die Mühe, sie wieder wegzukämmen.

„Dann hast du halt eine Person weniger in deinem Umfeld", meinte Carmen schulterzuckend. Wenn das bloss so einfach wäre. „Ausserdem ist das sehr unwahrscheinlich."

Lucinda sagte nichts mehr, sondern nahm ein altes Buch aus der Kiste, froh, kurz wegschauen zu können. Carmen wusste nicht die ganze Geschichte. Allzu unwahrscheinlich war es nicht, dass Matthew sie hasste. Und sie würde ihn wohl oder übel in ihrem Umfeld haben müssen, wenn sie den Mörder beseitigen wollte. Und, wenn sie weiterhin mit Lizzie befreundet sein wollte. Und nie im Leben würde sie wegen Matthew den Kontakt mit Lizzie abbrechen! Lizzie war wie die kleine Schwester für sie, die sie nie gehabt hatte. 

Carmen machte eine hektische Bewegung und fing das Buch auf, das Lucinda beinahe losgelassen hatte. „Pass auf!", sagte Carmen erschrocken und riss Lucinda damit aus ihrer Trance. Carmen hielt ihr das Buch hin, in der anderen Hand zwei weitere.

Beschämt nahm Lucinda ihre Lektüre wieder an sich und stellte sie ins Regal. „Tut mir leid." Dennoch war ihre Stimme noch abwesend und ihre Gedanken wollten sich nicht mehr gänzlich auf den Bücherladen konzentrieren. Was sollte sie nur damit machen? Warum hatte sie ihn geküsst? Hätte sie nicht eine andere Ablenkung finden können?!

„Hör mal, wenn dir etwas an ihm liegt, dann geh nach der Arbeit zu ihm", hörte sie Carmens Stimme.

Lucinda rieb sich die Schulter und nickte. „Ja, mach ich", sagte sie. Sie war sich selbst nicht ganz bewusst, was sie damit sagen wollte.

***

Seid ihr da Carmens Meinung?

Oder was wäre euer Rat für Lucinda? xD

Engelsschwingen - AusgestossenGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt