Lucinda jedoch begnügte sich mit einem Schnauben und ging mit dem Wasser raus, gleichzeitig hielt sie nach dem neuen Gast Ausschau - eine gute Trainingsmethode, übrigens. Mit Carmen wollte sich Lucinda nicht zerstreiten, immerhin war sie ihre Arbeitsgeberin und sie gingen schon viel offener miteinander um, als das für Chef und Angestellte üblich war. Als Lucinda bei Matthew ankam, hatte sie auch den neuen Gast ganz hinten rechts entdeckt und nickte ihm zu, zum Zeichen, dass sie bald da sein würde.
„Es ist gefährlich, aber nicht gefährlicher, als das Leben, das ihr jetzt führt", erklärte Lucinda Matthew, der bei ihrem Kommen aufsah. „Sei doch dankbar, dass ich euch helfe." Bevor er antworten oder tatsächlich danke sagen konnte, war Lucinda wieder weg und ging den anderen Kunden bedienen. Matthew nervte sie langsam wirklich! Wenn er doch nur ein paar Stunden warten könnte, könnten sie normal reden, ohne Zeitdruck und Carmen im Rücken.
Aber nein, er blieb strikt dort sitzen, als habe er sich fest vorgenommen, Lucinda zu nerven. Zum Glück sagte er nicht mehr viel, sondern beobachtete sie und las ein paar Seiten in seinem Buch, aber Lucinda fühlte sich unwohl unter seinen Blicken und wich Carmens Blick aus, der sie ständig fragend ansah. Mit Freude übernahm Lucinda ein paar Arbeiten in der Küche, damit sie nicht rausmusste und Matthew ins Blickfeld kam.
Als sie endlich frei hatte, zog sie erschöpft die Schürze aus, die sie obligatorisch für die Arbeit im Café tragen musste, und verabschiedete sich von Carmen. Dann lief sie schnurstracks zu Matthew und befahl ihm mit einer Handbewegung, dass er aufstehen sollte.
„Hör mal, deine Schwester kommt gleich. Was willst du mir also sagen?", fragte sie mit gedämpfter Stimme und führte ihn um die Ecke des Cafés, damit keiner zuhörte.
„Von mir aus kann sie zuhören", meinte Matthew achselzuckend in normaler Lautstärke. „Du willst den Mann da erlösen, sagst du?", fragte er dann, was ihm wohl schon lange auf der Zunge lag.
Lucinda nickte und bog um die nächste Ecke. In weniger als einer Minute würden sie auf der anderen Seite beim Bücherladen ankommen, wo sie mit Lizzie abgemacht hatte. „Ja, das ist mein Plan."
Matthew schnaubte. „Dein Plan. Super. Hört sich echt toll an." Sein Ton triefte vor Spott und Sarkasmus.
Lucinda fuhr abrupt zu ihm herum. Den ganzen Tag schon sass er auf ihr herum und selbst jetzt hatte er nichts Besseres zu tun, als sie zu verspotten? „Sag mal, hast du etwa eine bessere Idee?!", fauchte sie ihn an und blieb stehen. Ihr Blut kochte vor Wut. „Du sitzt in diesem beschissenen Haus und über dir wohnt ein Mörder und das Einzige, was du machst, ist Trübsal blasen?! Und wenn ich dir jetzt schon helfen möchte, kannst du mich immerhin tun lassen! Das ist mein Job, verdammt nochmals!" Die letzten Worte schrie sie ihm entgegen und sie bemerkte, dass ein paar Passanten erstaunt den Kopf drehten. Aber im Moment war ihr das egal, am liebsten würde sie Matthew den Kopf abreissen und im Wald versenken.
Matt stand verblüfft da und öffnete den Mund, doch er kriegte keinen Ton heraus. Zweimal räusperte er sich, dann stammelte er: „E-es tut mir leid." Sein Gesicht wurde rot. „Ich finde nur, du sollst einen genaueren Plan haben, weil es sonst zu gefährlich ist!"
Jaja, sein Mitgefühl kann er sich sonst wo hin stecken. „Mein ganzes Leben lang tue ich nichts anderes, als exakte Pläne schmieden", entgegnete Lucinda scharf, ihr Blick war tödlich. „Warum also bist du hier? Um mich zu warnen?"
„Nein, ich möchte dir helfen", sagte Matthew, jetzt war seine Stimme fest und bestimmt. Das stand ihm viel besser. „Ich möchte Lizzie helfen."
Lucindas Miene wurde augenblicklich weicher, als die Lizzies Namen hörte. „Wegen Lizzie muss ich noch etwas sagen", murmelte sie und dachte an ihre schlaflose Nacht. „Aber okay, Matthew, wenn du willst, können wir das gemeinsam durchziehen." Zögernd blickte sie ihn an und fragte sich, ob er eine Entschuldigung erwartete, weil sie ihn angeschrien hatte. Nicht, dass sie vorhatte, ihn um Vergebung zu bitten. Aber er schien vielmehr erfreut über Lucindas Zustimmung als beleidigt.
„Du lässt mich mit dir zusammenarbeiten?", fragte er ungläubig nach, ein Mundwinkel hob sich.
Lucinda musste lachen. „Sollten wir etwa gegeneinander für dasselbe arbeiten", konterte sie, ohne direkt auf seine Frage zu antworten.
„Gut", sagte Matthew und schaute wieder ernst drein. „Das ist gut."
Hastig schaue Lucinda auf die Uhr. Bald sollte Lizzie da sein. „Matthew, ich muss dich aber warnen", meinte sie beunruhigt.
„Die Mission ist gefährlich? Das sage ich dir schon seit sechs Stunden."
„Das ist mir bewusst", erklärte Lucinda hart. „Aber gestern wurde ich angegriffen, von einem Menschen, ein Mann." Automatisch rieb sie sich den linken Arm, wo die Verletzung beinahe nicht mehr zu sehen war. Kurz legte sie ihr Gewicht auf das rechte Bein und fühlte noch die blauen Male, die sie davongetragen hatte.
„Wurdest du verletzt?", fragte Matthew sofort.
Lucinda schüttelte den Kopf.
„Kanntest du ihn?", fragte er weiter. Gar nicht so blöde Fragen.
Lucinda schüttelte wieder den Kopf. „Das ist das Problem. Wer auch immer ihn mir auf den Hals gehetzt hatte, muss mich kennen. Oder aber es hat einen anderen Grund. Aber je nach dem, was der Grund ist, könnte er es auch auf euch abgesehen haben", schloss sie ihre Erklärung.
Matt kniff die Augen zusammen. „Willst du mir etwa subtil die Schuld in die Schuhe schieben?"
Lucinda hob die Brauen. „Nein, ich will dir sagen, dass ihr in Gefahr sein könntet!", widersprach sie und überlegte kurz. „Ich wurde schon einmal angegriffen und damals kannte ich zwar Lizzie, aber dich und den Bezug zum Serienmörder noch nicht."
„Was?", sagte eine neue, kindliche Stimme. „Dann bin ich Schuld?"
Lucinda fuhr herum und entdeckte Lizzie, die hinter Matthew zum Vorschein kam. Offenbar hatte sie sich unbemerkt genähert und ihnen zugehört. „Lizzie!", stiess Lucinda hervor und sah sie genauer an. Ihre braunen Haare wehten im Wind und sie trug ein farbiges Hemd über Jeans.
***
Was haltet ihr von den Bedenken bezüglich Lizzie? Von Matt und Luce?
Und habt ihr irgendwelche Spekulationen über die Angreifer?
Könnte jemand tatsächlich "schuld" sein?
Hoffe, es gefällt euch!
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Engelsschwingen - Ausgestossen
ParanormalLucinda hat Flügel, aber sie ist kein Engel. Vielmehr hat sie die Aufgabe, Menschen aus ihrem Leidwesen zu erlösen - die Seele des Menschen entscheidet, ob sie leben oder sterben werden. In der Akademie der Erlöser werden neben ihr noch massenhaf...
