Kapitel 16

50 10 7
                                        

Tut mir leid, dass so lange nichts mehr kam!

Lucinda war schon lange nicht mehr in Begleitung geflogen.

Es war nicht das erste Mal – dazu lag ihr Lizzies Sicherheit zu sehr am Herzen –, aber sie war eindeutig aus der Übung gekommen. In der Akademie konnten ja alle fliegen, doch selten hatte sie einen Verletzten transportieren müssen oder hatte in der Stadt Kinder mitgenommen. Sobald sie in der Luft waren, schlug Lucinda kräftig mit den Flügeln und sie gewannen an Höhe, sie hörte, wie Lizzie einen überraschten Schrei von sich gab und dann laut lachte. Dabei realisierte sie, wie anders das Gefühl auf den Flügeln war, wenn man mehr als nur die Luft darauf spürte. Das irritierte sie zu Beginn, aber bald gewöhnte sie sich an das zusätzliche Gewicht und sie genoss den Flug. Lizzie hatte unglaublichen Spass daran. Das liess sie Lucinda mit ihrem liebevollen Lachen wissen, aber sie rief auch mehrmals, wie cool es doch war, Flügel zu haben. Das war das erste Mal, dass Lucinda daran dachte, dass manche Fussmenschen vielleicht ... Neid empfinden könnten.

„Dafür kann ich weniger schnell rennen als ihr Fussmenschen", rief Lucinda gegen den Wind zurück, aber der Einwand beeindruckte Lizzie nicht besonders.

Lucinda sah aus den Augenwinkeln, wie das Mädchen auf ihrem Rücken das Gesicht in die Sonne reckte und wie ihre dunklen Haare hinter ihr her wehten. Lizzies Haut war gebräunter als Lucindas und in der Morgensonne leuchtete ihr Gesicht bronzefarben.

Lucinda flog über den Wald zum See dahinter und als sie die vertrauten Bäume unter sich sah, kam auf einmal Wehmut in ihr auf. Wenn sie jetzt nach links fliegen würde, würde sie zur Akademie kommen. Ob sie vielleicht jemandem begegnete? Wie vermutet, hatten sich weder Tim noch Sarah gemeldet. Lucinda hatte zwar nicht vor, in Richtung der Akademie zu fliegen, sondern sie wollte den Wald überqueren und dann zum See abbiegen, aber als sie ihre tägliche Route unter sich sah, wäre es gelogen zu sagen, dass es sie nicht traurig stimmte.

„Lu, was schaust du so traurig?", rief Lizzie fragend von hinten aus.

Lucinda zuckte ein wenig zusammen, sie hatte nicht erwartet, dass Lizzie ihren Stimmungswechsel bemerkte. „Nichts", sagte sie hastig. „Ich kenne diese Route, das ist alles."

„Wie meinst du, du kennst diese Route?", wollte Lizzie verwundert wissen. Das an sich war ja kein Grund, traurig zu sein.

„Von früher, meine ich. Ich kenne den Wald hier von früher", erwiderte Lucinda und verspürte eine Wärme in ihr, als sie dies Lizzie erklärte. Sie wusste nicht, was es war, aber etwas an ihrer Art schaffte es stets, dass es Lucinda gut ging und sie zufrieden war.

„Achso...", machte Lizzie, diesmal leiser, sodass Lucinda sie kaum hören konnte über die Hintergrundgeräusche hinweg. „Aber du kannst ja immer noch in den Wald gehen, oder?", fragte sie dann mit unschuldigem Ton.

Lucinda lächelte leicht. „Ja, das kann ich schon", meinte sie. „Kennst du den Wald denn gut?" Nun war genug Melancholie.

Lizzie bewegte sich etwas auf ihrem Rücken. „Ein bisschen. Ich gehe manchmal hier spazieren mit Matthew oder meinen Eltern", antwortete sie. „Oder mit allen zusammen."

„Ist doch schön", rief Lucinda zurück. „Nennt sich Matthew eigentlich Matt oder Matthew?", fragte sie dann weiter. Er hatte sich mit Matt vorgestellt, aber Lizzie sagte konsequent Matthew.

Lizzie von hinten lachte und Lucinda wusste die Antwort schon bevor sie es sagte. „Er will Matt genannt werden", meinte sie und hielt es offensichtlich für eine überflüssige Abkürzung. „Das ist cooler, findest du nicht auch, Luce?" Da schwang eine grosse Portion Ironie mit.

„Ja, um einiges cooler, ganz deiner Meinung, Kleine", gab Lucinda lachend zurück, und obwohl sie einen sarkastischen Unterton hatte, gab sie Matt im Geheimen recht.

Als Lucinda kurz darauf mit Lizzie beim See landete, glitzerte dieser in der Sonne traumhaft schön. Lizzie rutschte von Lucindas Rücken und sie zog nur kurz eine Schnute, dass sie nicht mehr fliegen durfte. Denn dann sah sie, wo sie angekommen waren und staunend drehte sie sich ein paar Mal im Kreis. Der See vor ihnen war gross, am Horizont sah man gerade noch das Ende der Wassermenge. Darum herum war einigermassen unberührte Natur; es blühten Blumen in allen Farben und Formen und das Gras sah grün und saftig aus. Lucinda war bis ganz ans Wasser geflogen, sodass Lizzie Enten auf dem See entdeckte und eine Schwanfamilie, die in der Nähe ein Nickerchen machte. Lucinda lächelte über die grossen Augen, mit denen Lizzie ihre Umgebung betrachtete und dann setzten sie sich gemeinsam auf einen grossen Stein, den sie am Ufer fanden. Ausser dem Geplätscher des Wassers und Tierlauten war nichts zu hören, Lucinda spürte die warme Sonne im Rücken und bald schon hatte sie ihre Wehmut gegenüber der Akademie wieder vergessen.

Neben ihr packte Lizzie den Rucksack aus und legte den Proviant neben sich auf den Stein. Die Tafel Schokolade, die Lucinda eigentlich für den Nachtisch mitgenommen hatte, packte sie nun grinsend aus.

„Es ist total schön hier, Lucinda", schwärmte Lizzie und reichte ihr ein Stück Schokolade. Nun gut, jetzt, da sie schon offen war, zog auch sie das Dessert vor. Lizzie warf einen Blick zu Lucinda Flügel. „Schade, dass Matt nicht mitfliegen wollte", kommentierte sie dann. „Es würde ihm hier auch gefallen."

„Du kannst ihn ja fürs nächste Mal überreden", schlug Lucinda mit einem verschmitzten Lächeln vor. „Gegen deine Überredungskunst kommt er bestimmt nicht an!"

Lizzie lachte und stopfte sich Schokolade in den Mund. „Ich kann's versuchen", kaute sie, aber sie schien nicht ganz anwesend zu sein. Andauernd schaute sie zum Rucksack, der zu Lucindas Füssen lag.

„Ist was?", fragte Lucinda offen heraus.

Lizzie zuckte leicht zusammen. „Hast du den Rucksack auch von früher?", fragte sie vorsichtig und wich Lucindas Blick aus.

Lucinda stiess besagten Rucksack leicht an. Sie hatte ihn am Anfang ihrer Ausbildung als Erlöserin bekommen, deshalb war auf der Innenseite auch das Zeichen der Akademie aufgezeichnet worden. „Ja, wieso?"

Lizzie senkte den Blick noch mehr und wenn sich Lucinda nicht täuschte, wurde sie rot. „Also, weisst du...", druckste sie herum und sie schien nicht mehr zu wissen, was sie tun sollte.

Berührt legte Lucinda ihr eine Hand auf die Schulter. „Kleine, was ist? Sag schon." Normalerweise wurde Lizzie nur so verlegen, wenn es darum ging, wo sie wohnte... Doch was hatte dieser Rucksack damit zu tun?

„Naja, ich hab etwas Blödes gemacht", gab Lizzie zu und hob ganz kurz den Blick, aber als sie Lucindas Augen begegnete, schaute sie schnell wieder weg. „Ich glaube, ich habe etwas...", sie brach ab und formte den Satz neu. „Also, bitte sei nicht böse...!" Wieder hob sie die Lider an.

Lucinda runzelte die Stirn. „Nein, schon okay. Was hast du denn gemacht? So schlimm kann es doch nicht sein, oder?" Lizzie war so bedrückt wie noch nie und sie tat Lucinda leid. Was auch immer sie angestellt hatte, sie hatte ein furchtbar schlechtes Gewissen deswegen. Was waren die Worte, die eine Mutter ihrer Tochter sagen würde? Lucinda wusste es nicht.

„Ich weiss nicht...", murmelte Lizzie undeutlich und schaute die Schokolade an, als sei sie Gemüse.

„Du hast doch keinen umgebracht?", witzelte Lucinda, aber ihr Herz begann, schneller zu klopfen.

Lizzie riss die Augen auf. „Was?" Sie schien entsetzt und ihre Augen schimmerten. „Nein, aber ich habe etwas, was glaube ich... dir gehört!" Sie biss sich auf die Lippen und wagte einen Blick in Lucindas Richtung.

Langsam bekam Lucinda eine ungute Vorahnung, wo dieses Gespräch hinführen könnte. Lizzie schien den Tränen nahe, weil sie etwas hatte, was Lucinda gehören könnte... und auf diese Idee kam sie, nachdem sie im Rucksack herumgewühlt hatte. Lucinda war nicht blöd, aber obwohl in ihrem inneren Auge auf einmal eine offene Türe auftauchte, wollte sie es noch nicht wahrhaben. „Was hast du denn, was mir gehört?" Lucinda sprach langsam, als würde sie mit einem Hund reden.

***

Uuund was denkt ihr, was es ist?

Könnt ihr euch in die Szene hineinversetzen?

Hoffe, die Geschichte gefällt euch bis hier hin!

Engelsschwingen - AusgestossenGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt