Kapitel 32

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Die drei sassen wieder einmal auf Lucindas Sofa. Lucinda hatte eine Jeans angezogen und ein luftiges Top, da es über den Tag hinüber immer wärmer geworden war. Gerade rechtzeitig hatte sie ihre Haare noch getrocknet gehabt, bevor Matthew und Lizzie aufgetaucht waren. Zuerst hatte Lizzie noch etwas über ihre Freundin erzählt, doch jetzt kamen sie zur Sache. Lucinda hatte den Einkaufszettel hervorgekramt und in der anderen Hand hatte sie eine kleine Karte. Sie schaute zu den Geschwister, die ihr fragende Blicke zuwarfen.

„Das hier", sagte Lucinda und hob den Einkaufszettel. „Hatte der Kumpel des Mörders dabei." Dann zeigte sie den beiden die Karte und fügte hinzu: „Diese Karte aber gehört jemand anderem." Auf einmal sah sie das Gesicht wieder vor sich. Die erste Person, mit der sie in dieser Stadt geredet hatte. Die erste Person, die so freundlich gewesen war zu ihr. Und dann, wie er in seine Hosentasche gelangt hatte und ihr seine Mailadresse aufgeschrieben. Damals hatte sie bloss die Rückseite des Zettels angeschaut gehabt, da dort die E-Mail-Adresse gewesen war. Jetzt aber, als sie das Zeichen auf dem Einkaufszettel gesehen hatte, hatte sie es auf einmal wiedererkannt und noch bevor Lizzie und Matt gekommen waren, hatte sie hastig die Karte gesucht. Denn auf der Rückseite war dasselbe Zeichen, das auf dem Einkaufszettel war. Schnell erklärte Lucinda ihnen, was es mit dem Zettel auf sich hatte und fuhr dann zum Interessanteren fort: „Die beiden arbeiten offenbar bei derselben Firma. Entweder der Mörder oder sein Kumpel werden dort also zu finden sein und da ich da diesen Kontakt habe, kann ich vielleicht mehr herausfinden."

„Und was für eine Firma ist das?", wollte Matthew wissen, sein Blick stirnrunzelnd auf dem Zettel in Lucindas Hand.

Lucinda nicke. „Das ist eine gute Frage", meinte sie trocken. Das Zeichen bestand aus zwei verschnörkelten Buchstaben, eine typische Marke für eine normale Firma. „Aber das finden wir bald heraus." Sie spürte die Blicke der beiden in ihrem Rücken, als sie in ihr Zimmer ging, um den Laptop zu holen. Sowieso war es ihn im Moment unangenehm, den beiden zu begegnen, da sich beide seltsam verhielten. Matt tat, als würde sie ihn nicht interessieren, aber sie ertappte ihn ständig dabei, wie er ihr unauffällige Blicke zuwarf. Lizzie grinste sie stets zweideutig an, sobald sie kurz zu Matthew schaute und ihre eigenen widersprüchlichen Gefühle machten die Situation nicht besser. Egal, wie sehr sie versuchte, professionell zu sein, die unterschiedlichen Signale aus allen Richtungen lenkten sie ab und immer wieder schweiften ihre Gedanken zu anderen Themen über. Mit ihrem Laptop unter dem Arm setzte sie sich wieder neben Lizzie auf das Sofa und klappte den Laptop energisch auf. Auf Google tippte sie die beiden Buchstaben ein: HH. Das Internet spuckte mehrere Organisationen aus sowie Erklärungen über den Buchstaben H, aber schlussendlich fand Lucinda das Zeichen ihrer Karte wieder. Sie klickte auf die Webseite und merkte gleichzeitig, wie Matthew und Lizzie näher rutschten.

Etwas eingeengt las sie vor: „Human Health, eine Organisation zur Sicherstellung der Gesundheit der Menschheit." Sie überflog die Homepage und meinte dann: „Also, die arbeiten mit erkrankten Menschen und behinderten Menschen. Etwas ironisch, finde ich, für einen Mörder."

„Du weisst ja nicht, ob er dort arbeitet", wandte Matt ein. „Es könnte auch der Kumpel da sein."

Lucinda nickte widerstrebend. „Ich weiss, aber wenn er es wäre. Was ich eher denke, weil es seine Tasche ist."

„Du weisst auch nicht, ob es seine Tasche ist", widersprach Matthew und Lucinda zögerte kurz.

„Na gut, da hast du Recht." Es konnte natürlich auch umgekehrt sein: Der Mörder könnte die Tasche von seinem Kumpel ausgeliehen haben und sie ihm danach zurückgegeben.

„Also ich finde, wir sollten deinem Typen da schreiben", mischte sich da Lizzie leicht drängend ein. Sie klang fast so, als würde sie befürchten, dass sich Matthew und Lucinda wieder in die Haare gerieten. Hatte Matthew sie auch über den Streit aufgeklärt?

„Ja, ich werde das machen", antwortete Lucinda, bevor sie zu sehr in ihren Gedanken versinken konnte. „Und wir sollten übrigens noch das Video schauen."

„Welches Video? Das Café? Das kenne ich schon auswendig", jammerte Lizzie. Das Video des Restaurants damals hatten sie in der Tat zur Genüge angeschaut. Aber das meinte Lucinda nicht.

„Nein, das von heute, Kleine", klärte sie sie auf und war innerlich erleichtert. Allzu viel hatte Matt wohl nicht erzählt. „Wir haben den Laden von weitem gefilmt, damit uns keine Details entgehen."

Zwar war Lizzie auch von dieser Aussicht nicht besonders begeistert, da sie, wie sie sagte, keine Lust mehr hatte, etliche Videos genau zu inspizieren, aber es musste sein. Lizzies Gejammer ignorierend, öffnete Lucinda die Datei.

„Sei froh, dass du nicht noch alle Überwachungsvideos ansehen musst, Lizzie", bemerkte Lucinda mit einem Seitenblick auf ihre Freundin. „Das übernehme ja jeweils ich."

„Ausserdem fällt Luce über einen Schirmständer", warf Matt von der anderen Seite her ein. „Das willst du dir nicht entgehen lassen."

Lucinda bedachte ihn mit einem finsteren Blick. „Vielen Dank aber auch. Das war Absicht."

Lizzie runzelte die Stirn und schaute von ihrem Bruder zu Lucinda, offenbar wusste sie nicht, zu wem sie halten sollte. Lucinda musste zugeben, dass das Mädchen da in einer kniffligen Situation war, wenn sie ständig miterleben musste, wie die beiden sich auf den Keks gingen. Und das, obwohl sich Lucinda eigentlich Mühe gab, vor Lizzie nicht allzu sehr zurückzugeben.

„Wieso fällst du denn mit Absicht um?", wollte Lizzie verständnislos wissen, die dunklen Augen auf Lucinda gerichtet.

„Ich erklär's dir gleich", versprach Lucinda schmunzelnd und drückte auf Play. Lizzie tat ihr allmählich leid. Das Ganze war doch viel zu gross für sie, das Mädchen war ja erst 11! Obwohl dieses Thema eigentlich längst Geschichte war, kam Lucinda nicht drum herum, dass sie ständig an Lizzies Sicherheit dachte, sobald sie nicht wusste, wo sich das Mädchen aufhielt. Angestrengt schaute sie den Bildschirm an und versuchte, dem Video zu folgen. Passiv rieb sie ihre Schulter, die trotz der Dusche bei gewissen Bewegungen noch wehtat.

Doch leider fanden sie nicht mehr über den Laden und den Kumpel heraus als sie nicht schon wussten. Kurz sahen sie erneut das Gesicht des Kumpels, aber auch das war nicht mehr neu. Doch als Lucinda sich über Matthew lehnte und dabei die Kamera mitdrehte, starrten alle drei angespannt auf den Bildschirm. Lizzie begann zu kichern, Matthew jedoch blieb still und beobachtete das Geschehen, als sei er völlig unbeteiligt. Lucinda jedoch verlor sich erneut in einem Strom der Gefühle, als sie daran zurückdachte, wie Matthew den Kuss erwidert hatte. Wie er seine Arme um sie gelegt hatte und wie weich seine Lippen gewesen waren. Sie verstand es nicht. Sie verstand weder seine Reaktion damals noch sein Blick jetzt. Als sie kurz zu ihm spähte, begegnete sie dem dunklen Blau seiner Augen und ihr Herz stockte für einen Moment. Mit klopfendem Herzen sah sie zurück auf dem Bildschirm und verkrampfte ihre Hände am Laptop.

***

Würdet ihr gerne Videos anschauen oder würde es euch wie Lizzie langweilen? ^^

Engelsschwingen - AusgestossenGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt