Die Atmosphäre war hell, ein Kontrast zu den dunklen Regalen im Bücherladen vorne. Zwar gab es hier auch Regale mit Büchern, nur waren sie weiss gestrichen und nicht braun und die Bücher waren wahllos aufeinander gestapelt. Doch die Regale an den Wänden war nicht das Besondere am Raum. Sondern er war ansonsten völlig leer. Es stand nirgends ein Tisch rum, keine Lampe, keinen Teppich, nichts. Aber der Raum war hoch, mindestens drei Stockwerke hoch.
„Hier haben wir Nachschub an Büchern", erklärte Carmen und deutete auf die Wände, doch dann machte sie eine grosse Geste durch den restlichen Raum. „Aber das Wichtige daran ist, dass hier ein leerer Raum ist, in dem wir mit Sotíras fliegen lernen."
Verwundert sah sich Lucinda im Raum um und breitete ihre Flügel aus. Es könnten drei ausgewachsene Sotíras die Flügel nebeneinander aufschlagen und man konnte etwa fünf Flügelschläge hinter sich bringen, ehe man in die nächste Wand knallte. Das war nicht das, was Lucinda als Training ansah. „Das ist doch viel zu klein dafür?", fragte sie verwirrt und faltete die Flügel wieder zusammen.
Carmen warf ihr einen Blick zu. „Nein, nicht für Erwachsene, für Kinder", berichtigte sie und lächelte leicht. „Und wenn das Wetter es zulässt, gehen wir auch raus."
„Achso", sagte Lucinda erleichtert und versuchte auch ein Lächeln. Für einen Moment hatte sie befürchtet, dass man hier als Sotíra immer noch benachteiligt war und nicht einmal eine gute Ausbildung bekam.
„Da ich ja nicht fliegen kann, kommen jeweils externe Lehrer hier her", fügte sie hinzu, um Lucinda zu beruhigen – mit Erfolg.
„Habt ihr deswegen diese Schwingen auf der Tür?", fiel da Lucinda die Bemalung wieder ein.
Carmen nickte. „Auch, weil wir am meisten Literatur darüber haben", fügte sie stolz hinzu. „Und wir hatten mal zwei Angestellte, die Flügelwesen waren – diese sind dann immer zu den Regalen hochgeflogen", sie lachte ein wenig, „aber leider haben sie gekündigt."
„Oh", machte Lucinda, nicht wissend, was sie sonst sagen sollte. „Dann könnte ich ja eine der beiden ersetzen", meinte sie hoffnungsvoll und lächelte einnehmend.
Carmen nickte, so, als habe sie das schon von Anfang an gedacht. „Genau, das wollte ich dir vorschlagen, Flügelmädchen."
„Ich heisse Lucinda", korrigierte Lucinda die Frau leicht verärgert. Es war seltsam, wie Carmen sich gegenüber der Flügelwesen verhielt. Einerseits waren sie darauf spezialisiert und stellen einen Raum dem Training zur Verfügung, aber andererseits bezeichnete sie die Sotíras stets nach ihrer Gattung, als besässen sie keinen Namen. Schliesslich sagte Lucinda ihr auch nicht Fussmensch.
Carmens Züge zuckten kurz, dann sagte sie: „Also, Lucinda, dann zeige ich dir noch das Café." Sie reichte ihr die Hand und führte sie durch den Raum, auf deren gegenüberliegenden Seite ebenfalls eine Türe war. Sie war noch kleiner als die andere und Lucinda zog vorsorglich den Kopf ein, auch wenn sie wahrscheinlich hindurch gepasst hätte. Doch sie wollte nicht noch mehr Verletzungen an einem Tag einholen, als sie es jetzt schon hatte. Als sie durch die Türe trat, fand sie sich auf der Strasse wieder. Es war jedoch eine andere Strasse, Lucinda vermutete, dass der Bücherladen durch den gesamten Block ging und sie jetzt wieder hinten raus gekommen sind. Hier war jedoch nicht einfach eine Strasse, sondern ein besetztes Café. Leute in jeder Altersklasse sassen an runden Tischen, tranken Kaffee oder Tee und mehr als die Hälfte las ein Buch. Kellner mit und ohne Flügel servierten den Leuten ihre Bestellung und verschwanden dann in einer Küche links neben dem Bücherladen.
„Hier dürfen unsere Gäste die Bücher des Bücherladens sozusagen für ihren Besuch im Café ausleihen. Wenn sie wieder gehen, müssen sie die Bücher zurückgeben", sagte Carmens Stimme neben Lucinda, während diese fasziniert das Geschehen beobachtete. All das war neu für sie und sie wunderte sich, warum sie nicht noch erstaunter war. Wie zur Demonstration erhob sich ein männlicher Gast, der gerade gezahlt hatte, und gab dem Kellner sein Buch zurück. Der Kellner, ein Sotíra, erhob sich vom Boden, schlug ein paar Mal mit den Flügeln und flog dann über das Haus auf die andere Seite, wo er höchstwahrscheinlich durch die Kundentür in den Bücherladen ging.
„Und wo soll ich arbeiten?", fragte Lucinda an Carmen gewandt. Ihr würde jeder Job recht sein, egal, ob als Buchhändlerin oder Kellnerin.
„Wo du willst", meinte Carmen schulterzuckend.
Das half jetzt auch nicht weiter. Lucinda knetete grübelnd ihre Hände und fragte dann: „Kann ich abwechseln?" Hoffnungsvoll lächelte sie. „Montag bis Mittwoch im Café, Donnerstag bis Samstag im Bücherladen oder umgekehrt?"
Carmen hob überrascht die Augenbrauen und überlegte kurz. „Also...", sagte sie zögernd. „Ich denke schon. Willst du denn Vollzeit arbeiten? Das ist anstrengend, sag ich dir", warnte sie.
„Wie viel verdiene ich dann?", wollte Lucinda wissen und rechnete im Kopf nach, wie viel sie pro Woche brauchte, um durchzukommen, aber sie verrechnete sich mehrmals und fing wieder von vorne an.
„Komm, ich zeig dir den Vertrag und erkläre alles Formale", unterbrach Carmen ihre virtuelle Mathematik und führte sie wieder durch den Trainingsraum in den Bücherladen. Liebend gerne wäre Lucinda wie der Kellner über das Gebäude geflogen, aber sie folgte der Frau brav innen durch.
Lucinda war zwar ein spontaner Mensch, aber sie hatte ihr Leben lang mit Akten gearbeitet und las den Vertrag entsprechend genau durch. Schliesslich hatten sie sich dafür geeinigt, dass Lucinda von Montag bis Mittwoch im Café Halbzeit arbeiten würde und von Donnerstag bis Samstag würde sie Vollzeit im Bücherladen arbeiten, der jedoch weniger lang geöffnet war als das dazugehörige Café. Carmen hatte über ihre kritische Begutachtung des Vertrages und der Regeln gelächelt, aber schliesslich war es auch nicht sie, die unterschrieb.
Gut gelaunt und ihre schmerzende Schulter und den Angriff beinahe vergessen, verliess Lucinda den Laden und versprach, nächste Woche am Montag pünktlich zu erscheinen. Lucinda strahlte, als sie wieder auf die Strasse trat. Sie hatte einen Job, sie hatte Leute um sich herum und sie hatte eine Wohnung und all das in einer Woche! Sie fühlte sich um mehrere Kilo leichter, nun, da sie ihr Leben wieder einigermassen im Griff hatte. Zwar wusste sie, dass das alles keine Lösung für immer sein würde, aber einen Anfang war es auf jeden Fall und diese Tatsache brachte sie in Hochstimmung. Sie hatte ganz alleine geschafft, sich die Grundsteine für ein neues Leben aufzubauen und sie freute sich ungemein darauf. Die Akademie der Erlöser konnte sie mal! Sie würde sie vergessen und einen Neustart machen, wie so viele Sotíras es nach der Ausbildung ebenfalls taten.
Als sie noch ein letztes Mal zum Bücherladen zurücksah und schon die Flügel ausbreitete, um nach Hause zu fliegen, entdeckte sie im Schaufenster einen Spruch: „Bücher verleihen Flügel". Naja, dachte sie sich, drehte dem Laden den Rücken zu und hob ab, ganz einverstanden war sie damit nicht. Aber das war das kleinere Übel, fand sie.
***
Hier ist das dritte Kapitel auf dem Laptop zu Ende :).
Und, wie gefällt es euch bisher?
Was denkt ihr über Lucindas aufsteigendes Leben? Job, Wohnung, Freunde...
Denkt ihr, die Flügel beeinträchtigen sie oder helfen sie sogar?
Freue mich über Kommentare, Votes, Feedbacks und Adds zu den Leselisten! :)
DU LIEST GERADE
Engelsschwingen - Ausgestossen
ParanormalLucinda hat Flügel, aber sie ist kein Engel. Vielmehr hat sie die Aufgabe, Menschen aus ihrem Leidwesen zu erlösen - die Seele des Menschen entscheidet, ob sie leben oder sterben werden. In der Akademie der Erlöser werden neben ihr noch massenhaf...
