Kapitel 24

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(SERGEY)

Angespannt stand Sergey vor der Haustüre und horchte einen Moment. Er hörte keine Schläge von innen und auch Stimmen drangen nicht zu ihm hindurch. Das hiess entweder, dass sie leise diskutierten, oder, dass sein Vater noch einen Grund sucht, um zu streiten oder sich noch am Besaufen war. Oder vielleicht suchte er ein Motiv, während er sich betrank.

Sergey öffnete möglichst leise die Türe und legte den Schlüssel auf die Kommode. Noch war nichts zu hören und keiner seiner Eltern hatten ihn bemerkt. Unauffällig warf er einen Blick ins Wohnzimmer, wo er seine Mutter am Telefon erblickte und sein Vater nebendran, eine volle Flasche in der Hand und die Adleraugen auf seine Frau gerichtet. Meistens wenn Sergeys Mutter mit einer Freundin telefonierte, sass sein Vater nebendran und hörte zu, damit sie nichts gegen ihn sagen konnte, ohne dass er es mitbekam. Sergey verabscheute es, dass seine Mutter keine Privatsphäre hatte, aber er wüsste auch nicht, wie er das verhindern konnte. Lieber wollte er in sein Zimmer und seine Ruhe haben, bevor sein Vater ihn entdeckte.

Er drehte dem Wohnzimmer den Rücken zu und trat dabei auf eine Petflasche, die am Boden lag. Mist.

„Sergey!", bellte sein Vater wie auf Knopfdruck. Er zuckte zusammen. „Willst du dich etwa davonschleichen, ohne hallo zu sagen?!"

Sergey verdrehte die Augen. An dieses Argument hatte er nicht gedacht. „Natürlich nicht, Papa", sagte er beschwichtigend. „Ich wollte nur meine Schultasche in mein Zimmer bringen. Er legte die Schultasche neben die Kommode und machte sich auf alles gefasst. Er kannte diesen Ton bei seinem Vater und schon hörte er, wie er näher kam. Langsam drehte sich Sergey um.

Mit zusammengekniffenen Augen und der Flasche in einer Hand schwenkend, kam sein Vater zu ihm herüber. Sergeys Mutter warf ihm einen überraschten Blick zu und senkte die Stimme beim Telefonieren. Immerhin konnte sie jetzt sagen, was sie wollte. Doch Sergey spannte sich an, als er die Miene seines Vaters sah, der wie ein Raubtier auf der Jagd auf ihn zukam. Er würde ausflippen und Sergey würde nichts tun können. Für einen Moment wünschte er sich, er hätte nicht geraucht.

Sergeys Vater kam nah an ihn heran, näher, als es normal war zwischen zwei Menschen. Aber er hatte noch nie viel von Distanz verstanden. „Du sollst deine Eltern ehren, hörst du?", sagte er mit leiser, rauer Stimme und Sergey befürchtete, dass er jeden Moment explodierte. Sein Vater hielt inne. „Und hast du geraucht, hm?!", fuhr er seinen Sohn dann an, blitzschnell fuhr seine Hand nach vorne und packte Sergeys Arm, Sergey stolperte rückwärts und fand an der Kommode im Gang halt.

„Nein, nein, hab ich nicht", stammelte Sergey hastig. Warum nur hatte er nicht wenigstens einen Kaugummi gegessen? „Das waren nur die um mich herum." Anfangs hatte das gestimmt, aber Sergeys Vater auch nicht aufgehalten, ihn zusammen zu prügeln.

Eine Hand blitze auf und Sergeys Wange wurde heiss. Erst danach hörte er das Klatschen der Ohrfeige und spürte den brennenden Schmerz. Adrenalin jagte augenblicklich durch seinen Körper.

„Lüg mich nicht so frech an!", brüllte sein Vater los und holte erneut aus. Sergey ging mit dem Schlag mit, um ihn anzufangen und wollte sich losreissen, aber die Kommode versperrte ihm den Fluchtweg. Sein Vater nahm die Hand von Sergeys Arm und ging einen Schritt zurück, um ihn einzuberechnen. Die Flasche, die er zuvor noch in der Hand gehabt hatte, stand nun plötzlich auf dem Boden.

Sergey wollte seine Chance nutzen und hechtete nach links auf sein Zimmer zu, doch er kam keine zwei Schritte weit, bis sein Vater ihn am Arm packte, zurückriss und kräftig ins Gesicht schlug. Sergey biss die Zähne zusammen und riss das Knie hoch, um es ihm zwischen die Beide zu rammen. Für einen Moment lang sah er nichts, aber er schlug blindlings zu. Sein Vater sah es kommen, doch das Knie fand dennoch den Weg zu seinem Bauch und er krümmte sich unter dem Schlag. Sergey riss sich los, sein Blut war in Wallungen und er sah nur noch rot vor den Augen.

Engelsschwingen - AusgestossenGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt