Beunruhigt flog Lucinda nach Hause. Die ganze Diskussion mit Matt war seltsam gewesen. Zum einen nervte er sie mit seinem Misstrauen und seiner passiven Art. Wenn sie einen Mörder im selben Haus wohnte, würde sie etwas unternehmen, und sich nicht einer Drohung hingeben! Und zum anderen wusste sie dennoch nicht, was sie machen sollte. Was sie brauchte, war, erst einmal aktuelle Daten über den Killer zu haben. Denn die Akten hatte sie zwar noch, aber sie waren nicht mehr neu und das könnte gefährlich werden, wenn sie deswegen etwas übersah. Sobald sie diese hatte, musste sie an ihn herankommen, um ihn zu erlösen. So schwierig konnte das ja nicht sein, dachte sie sich. Immerhin hatte sie in ihrer Zeit als Erlöserin eine grosse Menge an Leuten erlöst und nie grosse Probleme gehabt. Aber früher hatte sie auch die Hilfe der Akademie im Rücken gehabt und diese war jetzt für immer fort. Sie konnte niemanden mehr um Rat fragen, konnte mit niemandem üben und hatte vor Allem keine Übung mehr. Zwei Monate durfte man nicht unterschätzen. Wie auch immer Lucinda nun handeln würde, beschloss sie, als sie langsam zum Steilflug ansetze und vor ihrer Wohnung auf dem Boden landete, dass sie ab sofort wieder trainieren würde. Notfalls in dem Flugraum in ihrem Café.
Sie faltete gerade ihre Flügel zusammen und wollte die Tür zum Mehrfamilienhaus öffnen, als sie eine Bewegung aus den Augenwinkeln sah. Reflexartig duckte sie sich und entkam knapp einem Messer, das über ihren Kopf segelte und dann scheppernd auf den Boden fiel. Blitzschnell schaltete Lucinda auf Gefahr um, aber bevor sie etwas tun konnte, spürte sie einen Schlag in ihren Bauch und sie kippte nach hinten. Sie liess sich fallen, rutschte auf dem Boden und bekam mit einer Hand das Messer zu fassen. Schnell packte sie es und rappelte sich wieder auf. Dabei sah sie endlich ihren Angreifer, der auf sie zukam, das Gesicht grimmig verzerrt. Er war gross und stämmig, doch Lucinda hatte ihn noch nie gesehen. Sie stand wieder auf beiden Beinen, als er erneut auf sie losging, sie packte und gegen die Wand schleudern wollte. Sie fasste seinen Arm mit ihrer freien Hand und drehte sich in den Ellbogen hinein, dann zog sie ruckartig ihr Knie hoch und rammte es ihm in den Bauch. Er krümmte sich und Lucinda nutzte die Chance und versetzte ihm einen kräftigen seitlichen Kinnhaken. Sein Kopf flog nach hinten, aber er fasste sich schnell wieder, da er grösser und schneller war. Bevor Lucinda wegrennen konnte, hatte er sie wieder an der Hand gepackt. Das Flügelmädchen holte mit dem Messer aus, das sie immer noch in der Hand hatte, und steckte es ihm in die Hand. Er schrie auf, liess sie los und zog heftig fluchend das Messer wieder heraus, Blut lief seine Hand hinunter. Doch nun hatte er wieder das Messer und bevor er überlegen konnte, wie er nun wieder angriff, hatte Lucinda die Flügel ausgebreitet und hob ab. So schnell es ihre Muskeln erlaubte, flatterte sie hoch, aus den Augenwinkeln beobachtete sie den Mann, der ein Fussmensch war. Er hob den Kopf, schrie etwas, was sie nicht verstand. Soll er doch schreien, dachte sich Lucinda, doch in dem Moment holte er aus und warf das Messer erneut nach ihr. Lucinda musste in letzter Sekunde ausweichen und sie knallte im Flug gegen die Hauswand. Ihr Arm schürfte auf, als sie ein paar Meter nach unten sackte. Fluchend schlug sie mit den Flügeln und flog ein paar Meter von der Mauer weg. Sollte sie fliehen, oder den Mann konfrontieren? Sie sah, wie sein Messer wieder runter fiel und wirkungslos am Boden aufkam, doch der Mann stürzte sich augenblicklich darauf. So ein Mist. Er würde nicht aufgeben. Sie schaute zu, wie er das Messer wieder warf, doch dieses Mal war sie vorbereitet. Sie legte blitzschnell die Flügel an und stützte sich von oben wie ein Greifvogel auf ihn, das Messer segelte in eine ganz andere Richtung. Doch sie hatte ihn am Kopf gepackt, liess ihre Beine nach unten schwingen und kickte ihre Schuhe mit aller Kraft in seine Brust. Er wurde nach hinten geworfen und schlug rücklings auf dem Boden auf, weiter entfernt landete das Messer. Lucinda kam mit den Beinen am Boden auf und hastete zu dem Mann, der sich auf dem Boden wand und ihr wüste Beschimpfungen an den Kopf warf. Lucinda ignorierte seine dreckige Sprache und fragte: „Was zur Hölle willst du von mir?" Er starrte sie an. „Ich habe dir nichts angetan! Wer schickt dich?" Wieso wurde sie unvermittelt von irgendeinem wildfremden Mann angegriffen? Das ergab keinen Sinn! Und sie war sich nun sicher, dass sie ihn noch nie gesehen hatte! Aber mit einem Mal fiel ihr ein, dass das nicht das erste Mal war, dass sie hier angegriffen wurde. Ganz am Anfang nach ihrer Ankunft in der Stadt war sie neben den Café, in dem sie nun arbeitete, auch schon von einem Mann angegriffen worden, der sogar ein besserer Nahkämpfer gewesen war als dieser hier.
Lucinda warf ihm einen misstrauischen Blick zu. „Gibst du jetzt eine Antwort oder nicht, hm?" Er hatte schon nicht mehr solche Schmerzen und Lucinda wollte nicht wieder angegriffen werden, denn ihr Bein und ihr Arm taten weh.
„Kannst du vergessen", spuckte er aus und hatte immer noch seinen finsteren Blick drauf. Er sollte echt mal lächeln, würde bestimmt besser aussehen. „Ich weiss sowieso nichts. Du hast keine Chancen."
„Hä", machte Lucinda ohne nachzudenken. So würde sie nichts herausfinden. Aber sie wollte ihn auch nicht foltern. Höchstens könnte sie versuchen, ihn zu erlösen... Mit einem kleinen, überraschten Lächeln sah sie sich um. Es waren viele Leute unterwegs, die sie jedoch allesamt ignorierten. Da sah man wieder einmal, was die Menschheit gegen Gewalt unternahm. Doch Lucinda hatte ihr Schwert und das Medaillon in ihrem Haus gelassen und bis sie es geholt hätte, wäre er schon längst weg, mit dem zusätzlichen Nachteil, dass er wüsste, wo sie wohnte. Jetzt hatte sie noch etwas Hoffnung, dass er noch nicht geschlossen hatte, wo sie wohnte. Also liess sie ihn da liegen, ging zum Messer und steckte es ein. Dann hob sie ab und flog in die entgegengesetzte Richtung, weg von ihrer Wohnung und weg von dem Angreifer. Sie würde später zurückkommen, aber auf keinen Fall wollte sie vor seinen Augen in das Haus rein gehen. Als sie wieder flog, spürte sie, wie die kalte Luft an ihrem Arm brannte und ihr linkes Bein hing schwerer hinab als das andere, weil der Mann sie dort mehrmals getroffen hatte. Doch ihre Flügel waren zum Glück nicht verletzt, denn diese heilten nicht ganz so schnell wie eine blutende Schürfung, die bei ihr zum Alltag gehörte. Oder besser: gehört hatte. Und vielleicht... kam dieser Alltag auf eine andere Weise wieder zurück. Lucinda zitterte am ganzen Körper, als sie an den zweiten Angriff dachte. Was sollte das? Wer hatte es auf sie abgesehen? Sie musste irgendwelche Zusammenhänge finden... Und wie hatten die beiden Männer sie überhaupt gefunden? Wurde sie etwa beschattet? Lucinda zerbrach sich den Kopf über irgendwelche Verbindungen, aber sie kam auf keine Lösung. Schliesslich wanderten ihre Gedanken zu dem Medaillon, das sie nun zurückhatte. Theoretisch könnte sie zur Akademie zurückkehren und fragen, ob sie wieder aufgenommen würde. Doch als sie daran dachte, widerte sie diese Vorstellung an. Sie wollte nicht mehr an diese Schule zurück, nachdem sie sie so behandelt hatte. Sie hatte sich hier ein gutes Leben aufgebaut und hatte Freunde und einen Job. Nun hatte sie sogar ihre Kraft zur Erlöserin wieder zurück und eigentlich müsste sie sich freuen. Doch jetzt, nach diesem dubiosen Angriff und der Unterhaltung mit Matt und Lizzie, verspürte sie keine Freude mehr bei dem Gedanken daran. Das Leben wurde ernst und das war ein Grund mehr, warum sie nicht wieder an die Akademie der Erlöser zurückgehen wollte. Sie konnte Lizzie nicht im Stich lassen. Sie hatte eine Aufgabe zu erfüllen und sie wollte nicht mehr die Normen der Schule befolgen müssen. Jetzt, da Lucinda frei lebte, wollte sie nicht wieder zeitig im Bett sein müssen, in die Schule gehen, dem Unterricht folgen und das nur um nach eineinhalb Jahren sowieso die Schule wieder abzuschliessen. Zwei – oder drei, je nachdem, wie man zählte – Neuanfänge würde sie nicht verkraften. Erschöpft, aber entschlossen machte Lucinda kehrt, biss die Zähne zusammen und flog schlussendlich nach Hause.
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Was denkt ihr über die Angriffe? :)
Und würdet ihr euch an ihrer Stelle an die Akademie wenden?
Oder hättet ihr gar nicht gewagt, wegen dem Mörder etwas zu unternehmen? - schliesslich ist er ein MÖRDER.
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Engelsschwingen - Ausgestossen
ParanormalLucinda hat Flügel, aber sie ist kein Engel. Vielmehr hat sie die Aufgabe, Menschen aus ihrem Leidwesen zu erlösen - die Seele des Menschen entscheidet, ob sie leben oder sterben werden. In der Akademie der Erlöser werden neben ihr noch massenhaf...
