Kapitel 29

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Lucinda versteifte sich und stiess Matthew in die Seite. „Schau!", zischte sie alarmiert. Ein Mann ging gemächlich auf den Waffenladen zu, um die Schulter die Tasche, die Lucinda im Café damals gesehen hatte. Lucinda kannte den Mann gut, aber es war nicht die Person, die sie erwartet hatte. Denn da betrat nicht gerade der Mörder selbst das Waffengeschäft, sondern der Typ, der ebenfalls im Café gesessen hatte! Das vermeintliche Opfer war womöglich ein Komplize!

„Oh mein Gott", flüsterte Matthew neben ihr. „Und für einen Moment wollten wir ihn vorwarnen."

„Der Mörder ist echt intelligent", musste Lucinda zugeben. „Er schickt ein Komplize, damit wir ihn nicht aufspüren können. Und weil er vielleicht keinen Waffenschein mehr hat." Augenblicklich gefror ihr das Blut in den Adern, als ihr ein anderer Gedanke kam.

„Matthew!", keuchte sie an ihn gewandt. „Schreib sofort Lizzie. Ich will wissen, wo sie ist und dass sie in Sicherheit ist!" Was, wenn der Mörder deshalb nicht hier war, weil er hinter Lizzie her war? Lizzie, die gerade alleine ein Mädchen aus der Schule traf? Zwar hatte Matthew sie zu ihr begleitet, aber wer weiss, wo sie jetzt waren?

Matthew wurde bleich und mit zitternden Fingern zog er sein Handy aus der Hosentasche. „Wenn Lizzie...", wisperte er, aber er brach ab. „Danke, Luce, ..." Er tippte schnell etwas auf dem Handy ein und wusste anscheinend nicht, was er sagen sollte.

„Schon okay", meinte Lucinda. „Ich weiss, was du meinst." Wenn Lizzie jetzt zu Schaden kam, während die beiden den Laden beobachteten... Lucinda konnte es ebenso wenig in Worte fassen, was sie empfinden würde. Doch eine ballende Wut in Kombination mit Schmerz und Sorge brannte sich in ihrem Bauch ein und wurde immer grösser. Sie wollte Lizzie um alles in der Welt beschützen, das war klar. Und Matthew, der ihr Bruder war und ausserdem von Natur aus beschützerisch... er musste das wohl noch viel heftiger empfinden.

Doch auf einmal entspannte sich Matthew neben ihr sichtlich und er rutschte etwas tiefer in die Bank. „Ihr geht es gut. Sie hat mir ein Foto, ihren Standort und einen Namen eines Buches geschickt. Sie lesen zusammen."

Lucinda atmete aus, erst jetzt merkte sie, dass sie die Luft angehalten hatte. „Gut." Sie warf einen Blick zum Laden. Der Komplize war immer noch drinnen und stand beim Schaufenster. „Wo ist sie denn?"

Matthew steckte das Handy weg. „Immer noch bei dem anderen Mädchen zu Hause. Ihre Mutter war auch da."

„Gut", wiederholte Lucinda. Da konnte wirklich nicht viel passieren. Ihr Blick glitt wieder zum Laden. Der Komplize redete nun mit dem Verkäufer und reichte ihm dann die Tasche. Lucinda beugte sich etwas vor, damit sie jede Bewegung mitbekam, und sah, wie er den Inhalt der Tasche auf der Theke ausleerte. Dabei fiel ein Zettel zu Boden, es könnte eine Quittung sein, dachte sich Lucinda. Sie war selbst überrascht, wie gut sie das Geschehen beobachten konnte von ihrem Standpunkt aus. Der Verkäufer nahm die Waffen an sich, es waren allesamt Stichwaffen. Dann besprachen die beiden Männer wieder etwas und der Komplize zog sein Porte-Monnaie aus der Tasche.

„Sollen wir ihn nachher verfolgen?", fragte Matt neben ihr, der mit derselben Anspannung wie sie die Szene musterte. „Vielleicht führt er uns zu dem Mörder."

Lucinda überlegte kurz, sie sah immer noch den Zettel auf dem Boden. „Ich weiss nicht...", sagte sie und presste dann beschämt die Lippen zusammen. Matthew ärgerte sie stets, wenn sie zugab, dass sie etwas nicht wusste. „Sie haben einen Zettel verloren. Ich will wissen, was da drauf steht." Sie machte eine Pause und sagte dann, den Blick immer noch auf dem Laden: „Ich denke, Verfolgen macht keinen Sinn. Weil wenn der Mörder schon intelligent genug war, einen Komplizen zu schicken, wird er wohl kaum zu ihm rennen. Da wäre der Witz dahin."

„Welcher Witz", murmelte Matthew, widersprach aber nicht. „Okay, dann lassen wir ihn gehen und schauen uns nachher den Zettel an?", fragte er dann nach.

Lucinda nickte. „Ja." Das hatte sie doch gerade eben gesagt.

Der Komplize hatte mittlerweile bezahlt und nahm die Tasche wieder an sich. Sich kurz im Laden umsehend, verliess er ihn schliesslich. Und er kam genau in die Strasse, in der Lucinda und Matthew sassen. Zwar sah er sie dank dem Werbeschild noch nicht, aber das würde sich schlagartig ändern.

Angsterfüllt drehte sich Lucinda zu Matthew um.

„Scheisse! Er kommt genau in unsere Strasse!", fluchte Matthew und sah hektisch von dem Mann zu Lucinda. Er kam immer näher, wegrennen konnten sie längst nicht mehr. Auf keinen Fall durfte er ihre Gesichter sehen, sonst würde er sie erkennen! Mit wachsender Panik hörte Lucinda, wie die Schritte in die Nähe kamen. Sie musste etwas machen, und zwar schnell. Wenn sie alleine gewesen wäre, hätte sie einfach davonfliegen können, verdammt! Aber mit Matthew würde das nicht gehen, nicht, wenn er unvorbereitet war und ihre Schulter würde ihr ebenfalls einen Strich durch die Rechnung ziehen.

Also tat sie das Einzige, das ihr noch in den Sinn kam: Sie beugte sich vor, breitete ihre Flügel aus und legte Matthew eine Hand an die Wange, sorgfältig eine hektische Bewegung mit ihrem rechten Arm umgehend. Dann küsste sie Matthew auf die Lippen. Er war logischerweise überrascht, aber er riss sich nicht los, sondern erwiderte den Kuss nach anfänglichem Zögern. Seine Lippen waren sanft und er roch gut und als er sich näher zu ihr bewegte, begann Lucindas Herz zu pochen. Nun legte er ihr eine Hand um die Schultern, zog sie zu sich heran und der Kuss wurde heftiger. Lucinda beugte sich tief in seine Umarmung, mit der einen Hand fuhr sie durch seine Haare, ihre Lippen kribbelten angenehm. Ihr Bauch machte einen Hüpfer und sie spürte, wie Hitze in ihr hochkam, aber sie küsste ihn weiter, presste ihre Lippen an seine und genoss die Wärme und die Hand, mit der er sie an sich drückte.

Und dann war der Moment vorbei. Der Kuss wurde sanfter, sie löste ihr Lippen von seinen und schlug die Augen auf, die sie geschlossen gehabt hatte. Sein dunkelblauer Blick durchbohrte ihren und sie könnte schwören, dass er errötete.

„I-ist er weg?", fragte sie mit rauer Stimme, nicht wissend, was sie sonst sagen sollte. Langsam faltete sie die Flügel wieder auf ihrem Rücken zusammen. Mit einem Mal fühlte sie wieder alles an ihr wie zuvor und als er seine Hand von ihren Schultern nahm, merkte sie, dass der Schmerz während dem Kuss nachgelassen hatte.

Matt brach abrupt den Blickkontakt ab. „Ja", bestätigte er, nachdem er kurz die Strasse gecheckt hatte. Sein Tonfall war monoton und Lucinda hatte keine Ahnung, was er gerade dachte. Etwas verwirrt nahm sie ihre Hände wieder zu sich und drehte sich um, dabei sah Matthew sie aber keine Sekunde lang an. War der Kuss etwa so schlecht gewesen? Sie rutschte so weit von ihm weg, dass ihre Beine sich nicht mehr berührten und sah ihn einen Moment lang an.

***

UUUUND? Was sagt ihr zum Kuss? Hach, findet ihr Küsse auch so aufregend?

Engelsschwingen - AusgestossenGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt