Kapitel 10

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Die Suche nach einer Wohnung war mühsam. Lucinda rief überall an, redete höflich mit den Besitzern, machte keine einzige abwertende Bemerkung und würde sich mit jeder noch so kleinen Wohnung zufrieden geben, aber ständig ging etwas nicht auf oder sie bekam Absagen. Sie verbrachte weitere vier Tage auf der Bank auf der Strasse und hatte sich dazwischen in einem öffentlichen Bad duschen können. Zum Glück war es Sommer und es regnete noch nicht, aber auch wenn die Nächte nicht kalt waren, war es hart und unbequem auf der Bank. Morgens war sie jeweils froh, endlich aufstehen zu können.

Verpflegung kaufte sie im Warenhaus, aber einen Job hatte sie auch noch nicht gefunden. Häufig war ihr Alter das Problem oder die Ausbildung, manchmal aber hatte Lucinda auch das Gefühl, dass es mit ihren Flügeln zusammenhing. Aber je mehr Zeit verging, desto hoffnungsloser wurde Lucinda, ob sie sich je ein gutes Leben aufbauen konnte. Lizzie traf sie nicht wieder, aber sie hielt sich auch nicht in der Nähe der Bank von damals auf. Zwar hatte sie die letzten fünf Tage keineswegs stumm verbracht, sondern hatte sich mit diversen Leuten unterhalten, aber sie hatte keine richtigen Freunde gefunden und seltsamerweise schien sie Lizzie zu vermissen. Sie begann, Leute auf der Strasse anzusprechen und fragte Jugendliche nach Teilzeitjobs, doch auch das half nicht gross weiter. Das Informationszentrum in der Stadt konnte ihr auch nicht weiterhelfen. Sie gaben ihr weitere Prospekte, aber mehr war auch von deren Seite nicht zu machen. Also trugen Lucindas Füsse – sie schleppte noch immer ihr Gepäck herum – sie wieder zu der Bank, auf der sie den ersten Tag verbracht hatte. Halb erwartete sie, Lizzie dort wieder zu treffen. Als Lucinda sich unwillkürlich genauer umsah, entdeckte sie hinter der Bank eine Bibliothek und dachte schmunzelnd an das Buch über Engel und Dämonen in Lizzies Hand.

Sie hätte am liebsten Luftsprünge gemacht, als sie plötzlich eine helle Stimme hinter sich hörte. „Lucinda! Bist du das?", schrie ein Mädchen und eine Gestalt rannte auf Lucinda zu.

Diese sprang auf und nahm Lizzie in die Arme, als diese sich lachend auf sie warf. „Ich sagte doch, wir treffen uns wieder!"

Lucinda drückte das Mädchen an sich, Lizzies Kopf reichte bis unter ihr Kinn und als sie sich abrupt aus der Umarmung löste, musste Lucinda aufpassen, dass sie ihr nicht wehtat. „Hallo Kleine!", grüsste sie erfreut strahlend und konnte es sich nicht verkneifen, ihr durch die langen braunen Haare zu streichen. Zwar war Lizzie jünger als Lucinda und noch keineswegs eine Frau, doch schon jetzt sah sie aus wie eine Südseeschönheit und Lucinda zweifelt keine Sekunde daran, dass sie mal etliche Verehrer haben würde. „Was machst du hier? Hast du keine Schule?"

Entrüstet stemmte Lizzie die Hände in die Hüften. Sie trug ein pink-violett kariertes Hemd und eine helle Jeans, genau in Lucindas Style. „He, ich bin nicht klein. Ich bin sogar die Grösste meine Klasse", protestierte sie und Lucinda lachte nur. „Aber ich habe gerade Sommerferien." Sie legte den Kopf schief und schaute zu Lucinda hoch, als habe die einen seltenen Vogel auf der Schulter. „Wo gehst du denn in die Schule, wenn du nicht weisst, dass wir hier Ferien haben?"

Lucinda wurde am ganzen Körper heiss und sie strich sich unruhig durch die Haare, die sie wieder einmal waschen sollte. „Ähm, ich bin neu hier, weisst du?", behauptete sie und war froh, dass es keine Lüge war. Lizzie war zu intelligent, als dass sie ihr eine ihrer schlechten Lügen abgekauft hätte.

„Ah, suchst du deshalb einen Job?", fragte Lizzie prompt, aber als sie die Worte ausgesprochen hatte, riss sie erschrocken die Augen auf und sagte nichts mehr – fast, als habe sie es gar nicht fragen wollen.

Lucinda lächelte. „Ja, genau." Sie sah, wie Lizzies Blick über ihr Gepäck glitt und auch wenn das Mädchen stumm blieb, hörte Lucinda ihre Frage. „Und ich suche eine Wohnung."

Lizzie schaute auf und biss sich auf der Lippe herum. „Oh", machte sie. „Wir haben leider kein Zimmer mehr frei."

Lucinda musste unwillkürlich lachen. „Schon okay, Klei-, äh, Lizzie", beruhigte sie das Mädchen, da sie ehrlich bedrückt schien. Sie wollte sie nicht mit ihren Problemen belasten.

Engelsschwingen - AusgestossenGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt