Kapitel 10

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In dieser Nacht schlief Draco das erste Mal seit einem ganzen Jahr komplett ruhig und fühlte sich am nächsten Morgen sogar wirklich ausgeruht. Er wusste nicht wieso, aber während dieser Nacht hatte ihn kein einziger Alptraum geplagt und er war nicht einmal kurz aufgewacht. "Vielleicht brauche ich den dämlichen Trank von Slughorn gar nicht!", dachte Draco mit einem Grinsen und schlug die Decke zurück. Nachdem er aufgestanden war, begrüßte er gut gelaunt Longbottom, der ein verdutztes Gesicht machte. Draco lief ins Badezimmer, duschte ausgiebig und schaute dann auf sein dunkles Mal. Es war schon viel heller geworden als noch vor einem Jahr. Jeden Morgen, sofort nach dem Aufstehen, hatte Draco einen bestimmten Zauber angewandt, den seine Mutter ihm beigebracht hatte. Dieser sollte dafür sorgen, dass die Erinnerung an seine nicht allzu glorreichen Tage irgendwann ganz verschwinden sollte. Bevor er nach Hogwarts gekommen war, hatte seine Mutter erwähnt, dass es nicht mehr lange dauern konnte, bis nichts mehr zu sehen war. Draco war sehr glücklich darüber. Nicht, weil er das ungeschehen machen wollte, was in seiner Vergangenheit passiert war, sondern weil er von Menschen, die ihn nicht persönlich kannten und ihn nur zufällig auf der Straße sahen, nun nicht mehr sofort in eine Schublade gesteckt werden konnte. Der Zauber war etwas schmerzhaft, aber Draco glaubte, diesen Schmerz verdient zu haben, für alles, was früher durch ihn verschuldet worden war.

Als er in die große Halle kam, registrierte er, dass erneut ausschließlich Granger am Tisch der neuen Achtklässler saß. "Außer uns beiden gibt es wohl keinen Frühaufsteher in unserem Jahrgang", dachte Draco. Er setzte sich nicht allzu weit von ihr und fing an, sich ein wenig Rührei auf den Teller zu schaufeln. Plötzlich hörte er, wie Hermine leise: "Guten Morgen", zu ihm sagte. Er erwiderte ihren Gruß und sah ihr in die Augen. Wie am Vortag hatte sie starke Augenringe und sah sehr blass aus. "Ich hoffe, dass du einigermaßen ausgeruht bist. Wir müssen den Trank heute abgeben", sagte Draco, da er das Gefühl hatte, die Stimmung etwas auflockern zu müssen. "Oh, keine Angst, ich kann immer meine Topform abrufen, wenn es um gute Noten geht. Das Ohnegleichen ist uns fast schon sicher, solange du keinen Mist baust.", entgegnete sie und grinste verschmitzt. Draco war überrascht; wahrscheinlich hatte er noch nie so ein normales und alltägliches Gespräch mit Hermine Granger geführt. Er musste jedoch zugeben, dass ein zivilisierter Wortwechsel meist deshalb nicht zustande gekommen war, weil er spätestens nach jedem sechsten Wort eine Beleidigung einfließen lassen musste. Sein verdutzter Gesichtsausdruck ließ sie nur noch breiter grinsen. In diesem Moment betrat auch Longbottom die große Halle, woraufhin Draco schnell seinen Kopf wegdrehte, um keine unangenehmen Fragen beantworten zu müssen. 

Nachdem er zu Ende gegessen hatte, machte er sich auf den Weg zu seiner ersten Stunde. Er sah zwei Siebtklässlerinnen auf dem Gang, die leise miteinander tuschelten und kicherten. "Doch im Ernst, Weasley hat sie wieder für diese laute Achtklässlerin mit dem riesigen Vorbau verlassen. Du siehst doch, dass sie seit Tagen aussieht wie eine Leiche..." Draco konnte es absolut nicht fassen. Also hatte das idiotische Wiesel Granger doch verlassen und dann noch für so einen Bauerntrampel. Nur deshalb weinte sich die sonst so unerschütterliche Hexe seit Tagen die Augen aus. Das Wiesel war noch geschmackloser als Draco bisher angenommen hatte. Wie konnte man so ein lautes, tollpatschiges Mädchen jener kleinen, klugen Dame vorziehen? Draco dachte jedoch nicht nur an Ron Weasley, sondern auch an alle, die im Schloss bereits Bescheid wussten und sich darüber die Mäuler zerrissen. Kein Wunder, dass Granger nicht mehr klar denken konnte. Er beschloss, ab jetzt freundlich zu Hermine zu sein und sich ihr gegenüber nicht mehr wie ein Vollidiot zu verhalten. Sie hatte schon genug durchgemacht. 

Als Draco die ersten 4 Stunden überstanden hatte, in denen er Unmengen an Essays aufbekommen hatte, konnte er sich endlich auf die Doppelstunde Zaubertränke freuen. Endlich würde er den Trank bekommen, auf den er so lange gewartet hatte- keine Alpträume mehr, keine Kopfschmerzen wegen zu wenig Schlaf, keine Augenringe und hoffentlich auch keine Schuldgefühle mehr. Hermine wartete bereits an ihrem gemeinsamen Tisch auf ihn. Erneut grüßte er sie, setzte sich und bereitete den Arbeitsplatz vor. Wie auch schon am Tag zuvor arbeiteten die beiden stumm vor sich her und ergänzten sich gegenseitig. Nach etwa 30 Minuten waren sie die ersten, die den Trank fertig gebraut hatten. Sie riefen Slughorn zu sich, damit er ihr Ergebnis bewerten konnte.  Langsam hinkte der alte Mann auf sie zu. Als er ihn den Kessel geschaut hatte und einen winzigen Tropfen des Gebräus probiert hatte, lächelte er erfreut. "Sehr gelungener Trank ihr beiden! Miss Granger, das nächste Mal sollten sie ihren Partner jedoch auch etwas zu der Arbeit beitragen lassen." Hermine schaute hoch und antwortete: "Um genau zu sein, hat Draco die meiste Arbeit erledigt, Professor. Wie Sie vielleicht sehen können, bin ich heute nicht so ganz auf der Höhe." Draco konnte nicht wirklich registrieren, was Hermine gerade gesagt hatte. Er war viel zu perplex, weil sie seinen Vornamen benutzt hatte. Draco konnte sich nicht daran erinnern, sie ihn jemals gesagt gehört zu haben. "Na gut, wenn das so ist..", Slughorn schaute nun auch Draco freundlich an, "Es freut mich, zu sehen, dass Sie sich Mühe geben, dem Haus Slytherin nun auch positive Aufmerksamkeit zukommen zu lassen, Mister Malfoy. Wenn die Hauspunkte für alle Achtklässler nicht abgeschafft worden wären, würde ich Sie für Ihre Leistung belohnen. Weiter so!" Slughorn nahm den Kessel vom Feuer und trug ihn nach vorne zu seinem Pult, um seinen Inhalt in ein kleines Fläschchen zu fülle, das er dann wieder auf das Pult der beiden stellte. "Danke... Hermine", sagte Draco und schaute ihr in die Augen. 

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