Kapitel 22

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Draco brach sein Herz entzwei, als er Hermine dabei beobachtete, wie sie nach vorn zu Slughorn ging und anschließend aus den Kerkern stürmte. Er hatte gesehen, dass Tränen in ihre Augen gestiegen waren. Er wollte sie nicht so verletzen, aber ihm blieb keine andere Wahl, er musste Hermine auf Abstand halten, damit sich die Situation vom Vortag nicht wiederholen konnte.

So vergingen die nächsten Wochen. Draco blieb stark, er war weiterhin unfreundlich zu Hermine und sprach immer nur das Nötigste mit ihr, wenn sie Fragen in Zaubertränke stellte, von denen Draco wusste, dass sie sie mit Leichtigkeit selbst beantworten konnte. Sie war so drauf wie in den ersten Tagen, nachdem Ron sie verlassen hatte. Sie wandelte wie ein Geist durch Hogwarts' Hallen und war nur im Unterricht auf der Höhe.

An einem Montag saßen sie wieder in den Kerkern und brauten gemeinsam einen Erinnerungstrank. Hermine fragte ihn nach verschiedenen Zutaten und wie man sie am besten zubereitete, um den Saft nicht zu verlieren. Draco war sich sicher, dass sie nur seine Stimme hören wollte und er konnte es ihr nicht verübeln, jedes Mal, wenn sie seinen Namen hörte, hüpfte sein Herz ein klein wenig. Er konnte zwar aufhören, mit ihr befreundet zu sein, aber er konnte nicht seine Gefühle ihr gegenüber abstellen. Nachdem die beiden auch mit diesem Trank viel früher fertig geworden waren, als sie anderen, kam Slughorn an ihren Tisch und lobte sie für ihre Arbeit. „Miss Granger, Mister Malfoy, der Slug-Club wird wieder zusammengeführt! Ich feiere eine kleine Halloween-Party. Sie wird etwas größer sein als das die letzte Zusammenkunft. Sie dürfen auch sehr gerne noch einen Gast mitbringen. Sie kommen doch oder?" „Ich werde da sein Professor", sagte Hermine leise. Es gab Draco einen Stich, dass sie nicht wie letztes Mal für sie beide gesprochen hatte, aber was hätte sie tun sollen? Sie dachte, dass er sie nicht mehr leiden konnte. „Ja, ich komme auch Professor", sagte Draco. „Sehr schön, sehr schön", Slughorn rieb sich die Hände und entließ die beiden aus der Stunde. Hermine lief Richtung Bibliothek, Draco ging in die entgegengesetzte Richtung.

Beim Abendessen saß Draco wieder abseits von den anderen, da er Abstand zu Hermine halten wollte. Meistens kam sie jedoch gar nicht zum Essen in die große Halle, sie wollte ihn wohl nicht sehen. Draco war in sein Buch vertieft, als Marietta auf ihn zukam, er hatte ihr in den letzten Wochen immer mal wieder bei den Hausaufgaben geholfen, deshalb war Draco nicht verwundert, als sie auf ihn zukam. „Hallo Draco", sagte sie und lächelte. „Zum Glück sieht Hermine uns nicht", dachte Draco. „Hallo Marietta", antwortete er und sah auf, sie hatte sich wohl zurecht gemacht, da sie viel auffälliger geschminkt war als sonst. Wenn ihm nicht zum Heulen zumute gewesen wäre, hätte er lachen müssen. „Ich habe gehört, dass Slughorn eine Halloween-Party schmeißt, zu der man jemanden mitbringen darf. Du bist doch eingeladen oder?", fragte sie und Draco wusste genau, worauf das hinauslief. Er wollte auf keinen Fall mit Marietta dort auftauchen. Hermine war doch schon eifersüchtig geworden, als er ihr nur Nachhilfe gegeben hatte. Plötzlich kam ihm eine Idee: „Marietta, würdest du mich gerne begleiten?", fragte er. „Wenn Hermine mich mit ihr sieht, wird sie sich mich aus dem Kopf schlagen", dachte Draco; das war zumindest der Plan. „Ja, liebend gern!", sagte Marietta und strahlte über das ganze Gesicht. Draco hatte zwar ein schlechtes Gewissen, weil er Marietta für sein Vorhaben ausnutzte, aber der Zweck heiligte doch die Mittel oder?

Zwei Tage später kam Draco in seinen Schlafsaal, um sich für die Party zurechtzumachen und traf dort auf Neville. „Hi Draco", sagte er, die beiden hatten sich in den letzten Wochen aneinander gewöhnt und sprachen ganz normal miteinander. „Hallo Neville. Wieso bist du noch gar nicht fertig?", fragte Draco seinen Zimmergenossen. „Fertig? Wofür?", Neville sah verwirrt aus. „Gehst du nicht mit Hermine auf die Party?", Draco hatte fest angenommen, dass Hermine Neville fragen würde, ob er sie begleitete. „Sie hat mich nicht gefragt und ich wollte mich nicht aufdrängen. Ich weiß ja, wie schlecht es ihr im Moment geht. Das mit Ron wird sie mehr mitgenommen haben, als ich anfangs dachte", sagte Neville. „Ja...sicher", stammelte Draco und verabschiedete sich ins Badezimmer.

Nach etwa 20 Minuten war er fertig und machte sich auf den Weg in den Gemeinschaftssaal, um sich dort mit Marietta zu treffen. Wenn er nur an sie dachte, legte er die Stirn in Falten, er hatte nicht gerade Lust auf die Party. Als er unten angekommen war, sah er sich um und ihm fiel beinahe die Kinnlade herunter. Vor ihm stand die kleine, brünette Hexe, an die er Tag für Tag, Stunde für Stunde denken musste. Sie trug ein enges, schwarzes Kleid und hatte die Haare glatt, wie bei der letzten Party. Ihre Augen waren auffälliger geschminkt als sonst und sie trug Lippenstift. Sie sah wieder großartig aus, aber dieses Mal etwas verruchter. Draco musste den Kopf schütteln, um wieder klar denken zu können, Hermine lächelte zufrieden und ließ ihn stehen. Als Marietta hereinkam, verspürte Draco nicht ansatzweise dieses Gefühl, auch wenn sie wirklich etwas aus sich gemacht hatte.

Die Party war schon in vollem Gange, als Draco und seine Begleitung ankamen. Er heilt Ausschau nach Hermine, doch sah sie nicht. Draco machte Smalltalk mit den übrigen Mitgliedern des Slug-Clubs und war höflich zu Marietta, wenn auch etwas gelangweilt. Nach zwei bis drei Stunden sah er Hermine das erste Mal. Sie stand zwischen zwei großen und vor allem breiten Männern, die Quidditch-Kleidung trugen. „Wahrscheinlich sind das die Spieler der Chudley Cannons", dachte Draco. Er war nicht gerade begeistert darüber, dass Hermine in ihrer Gesellschaft war. Die beiden Männer gaben ihr ständig neue Drinks aus und die kleine Hexe war wohl schon etwas hinüber. Sie lachte hysterisch und laut, wenn einer der beiden etwas sagte und schaute immer wieder in Dracos Richtung. Marietta versuchte ein Gespräch anzufangen und flüsterte Draco irgendwelche Worte ins Ohr, die er dank der lauten Musik nur mit Mühe verstehen konnte. Sowohl Hermine als auch Marietta versuchten, ihren Begleitern näher zu kommen, nur war ihre Taktik eine andere. Während Marietta schüchtern versuchte, ein Gespräch zu führen, tanzte Hermine und fuhr mit ihrer Hand über die Muskeln der Quidditch-Spieler. Draco konnte sich das Ganze nicht länger ansehen und sagte Marietta, dass er kurz zur Bar gehen würde, um ihnen etwas zu trinken zu holen. Dort traf er auf Slughorn: „Es scheint, als hätte Miss Granger heute sehr viel Spaß", sagte er einerseits belustigt, andererseits hörte man auch seine Sorge hinaus. „Ja Professor, es sieht so aus", antwortete Draco. In diesem Moment fiel Hermine auf den Boden, weil sie sich scheinbar zu ruckartig bewegt hatte. „Mister Malfoy, ich bitte Sie darum, Ihre Laborpartnerin schnell an die frische Luft zu bringen, damit sie nichts tut, was ihr noch leidtun würde", sagte Slughorn und zeigte auf Hermine. Auch wenn Draco lieber Abstand zu einer betrunkenen Hermine halten sollte, nickte er und lief in ihre Richtung. Er half ihr hoch, sie merkte wahrscheinlich nicht, wer sie hinausführte. Draco erklärte Marietta kurz, was passiert war und entschuldigte sich dafür, dass er die Party schon verließ.

Auf halben Weg nach draußen, merkte Hermine wohl, wersie stützte und schaute zu ihm auf. „Draco", flüsterte sie. „Ich bringe dichnach draußen Hermine, du solltest frische Luft schnappen", antwortete er.    

Warum Er?Wo Geschichten leben. Entdecke jetzt