Draco bemerkte traurig, dass Hermine am letzten Novemberwochenende nicht auf Hogwarts war. Er vermutete, dass sie entweder die Weasleys besuchte oder bei Potter Zuhause war. Da sie Ronald vermutlich immer noch nicht sehen wollte, war Draco davon überzeugt, dass sie ihrem besten Freund einen Besuch abstattete. Einerseits war Draco froh, Hermines Avancen wenigstens für zwei Tage entgehen zu können, da es so einfacher war, nicht schwach zu werden, andererseits vermisste er es, die kleine Hexe beobachten zu können.
Auch nach dem verhängnisvollen Abend der Halloween-Party bei Professor Slughorn bat Marietta Draco weiterhin um Nachhilfestunden. Sie schien enttäuscht gewesen zu sein, dass Draco sie nicht mehr nach einer weiteren Verabredung gefragt hatte, aber sie versuchte wohl, sich das nicht anmerken zu lassen. Auch an dem Samstag Ende November, als Hermine vermutlich bei Potter weilte, trafen die beiden sich in der Bibliothek, um Zaubertränke durchzugehen. Marietta war inzwischen schon bei dem Lehrbuch der Zweitklässler angekommen; Draco sah wirklich, dass sie sich ins Zeug legte, um Fortschritte zu machen – oder vielleicht auch nur, um ihrem Nachhilfelehrer zu gefallen. „Draco, ich wollte dich noch fragen...", sagte Marietta vorsichtig, um Dracos Reaktion auszuloten, „ob wir vielleicht versuchen sollten, noch einmal richtig miteinander auszugehen. Der Abend vor ein paar Wochen fand ja ein jähes Ende. Anfangs hatte ich noch gehofft, dass du zurückkommen würdest oder zumindest im Gemeinschaftssaal auf mich warten würdest, aber du warst den Rest der Nacht unauffindbar." Draco wusste nicht, was er sagen sollte. Er empfand ausschließlich freundschaftliche Gefühle für Marietta und dieser Zustand hatte nicht einmal etwas mit Hermine Granger zu tun, die pausenlos in seinem Kopf herumschwirrte. „Marietta, es tut mir wirklich leid, aber im Moment suche ich eigentlich nicht nach einer Beziehung. Entschuldige bitte, wenn ich dir mit meiner Einladung ein falsches Bild vermittelt habe. Ich muss mich jetzt erst einmal auf meinen Abschluss konzentrieren. Es wäre dir gegenüber einfach nicht fair, mit dir zusammen zu sein, während ich den Kopf voll mit anderen Dingen habe", sagte Draco und hoffte, dass diese Erklärung Marietta genügen würde, damit sie keine weiteren Fragen stellte. „Natürlich", sagte sie sarkastisch und von dem schüchternen Mädchen der letzten Wochen war nichts mehr zu spüren. „Was willst du damit andeuten?", fragte Draco und sah sie verwirrt an. „Wir wissen doch beide, was der wahre Grund dafür war, dass du mich zu Slughorns Party eingeladen hast. Du konntest deine Augen nicht von ihr lassen. Jedes Mal, wenn ich versucht habe, ein Gespräch mit dir zu führen, hat sie dich abgelenkt. Und als sie dann, voll wie sie war, beim Tanzen hingefallen ist, hast du deine Chance genutzt, um sie nach draußen zu bringen. Wofür war ich gut? Wolltest du sie mit mir eifersüchtig machen? Herzlichen Glückwunsch, das hast du geschafft", sprudelte es aus Marietta heraus und Draco war absolut perplex, da der wütende Tonfall nicht zu dem Mädchen passte, das er in den letzten Wochen kennengelernt hatte. „Marietta, ich...", stammelte Draco, um sie beruhigen, doch sie unterbrach ihn, „Wo warst du, wenn ich fragen darf? Du hast nicht in deinem Zimmer geschlafen, Neville hat dich dort zumindest nicht gesehen. Hast du die Nacht mit ihr verbracht?" Draco war wütend darüber, dass Marietta ihm Vorwürfe machte. Natürlich war es nicht fair gewesen, sie für seine Zwecke auszunutzen, aber trotzdem hatte sie noch lange kein Anrecht auf ihn. „Ich denke wirklich nicht, dass dich das etwas angeht", sagte Draco in altbekanntem, stoischem Ton. Auch Marietta war überrascht über das plötzlich veränderte Verhalten ihres Gegenübers. Vor dem Draco Malfoy, der zum Todesser wurde, hatte sie wohl doch noch Respekt oder sogar Angst? Der ehemalige Slytherin stand auf und packte seine Sachen zusammen; er war nicht gerade erpicht darauf, noch mehr Fragen über seine Beziehung zu Hermine zu beantworten – vor allem deshalb, weil er wahrscheinlich keine befriedigenden Antworten parat hatte.
Beim Frühstück des nächsten Tages erreichte ihn ein Brief seiner Mutter. Er las die zierlichen, geschwungenen Buchstaben:
Lieber Draco,
ich habe leider keine erfreulichen Nachrichten für Dich. Gestern Nacht erreichte mich ein Brief aus Askaban. Dein Vater ist gestern um 01.52 Uhr verstorben. Ich weiß, dass er der Zaubererwelt und vor allem Dir unverzeihliche Dinge angetan hat, aber er war trotz allem Dein Vater. Ich bitte Dich, dass du Deine Schulleiterin darum bittest, Dir am nächsten Wochenende Freigang zu erteilen, damit Du ihm die letzte Ehre erweisen könntest. Ich habe ihr bereits eine Nachricht zukommen lassen. Wenn Du es nicht für ihn und auch nicht für dich selbst tust, sei für mich da.
Ich liebe dich mein Schatz,
Narcissa
Draco war wie gelähmt. Er konnte nicht fassen, was seine Mutter ihm mitgeteilt hatte. Auch wenn sein Vater bereits wie tot gewesen war, traf ihn sein Ableben doch mehr, als er zuvor gedacht hatte. Ohne einen Blick nach rechts oder links zu werfen, stand Draco vom Tisch der Achtklässler auf und machte sich auf den Weg in sein Zimmer. Er war heute nicht mehr dazu in der Lage, sich seinen Schularbeiten zu widmen.
Nach vier Stunden, in denen er nur auf seinem Bett gesessen und ausdruckslos an die Decke gestarrt hatte, die er magisch verzaubert hatte, sodass sie der in der großen Halle glich, hörte er, wie die Tür sich langsam öffnete und sein Zimmergenosse eintrat. „Hallo Draco", sagte Neville langsam und schaute ihn an, „Professor McGonagall bat mich, nach dir zu suchen und dich zu ihr zu schicken, sie möchte dringend mit dir sprechen. Das Passwort für ihr Büro ist diese Woche Animagus." Draco bedankte sich bei seinem Zimmergenossen für die Auskunft und machte sich auf den Weg zu seiner Rektorin.
„Guten Tag, Mister Malfoy. Zunächst möchte ich Ihnen mein herzlichstes Beileid aussprechen. Ich kann mir nicht vorstellen, wie Sie sich ob dieses Verlustes fühlen mögen. Ihre Mutter hat mich darum gebeten, Sie für das nächste Wochenende für den Unterricht zu entschuldigen. Im Hinblick auf Ihre Lage stelle ich es Ihnen auch frei, die gesamte nächste Woche bei Ihrer Mutter zu verbringen."
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Warum Er?
FanfictionHermine kehrt nach dem Kampf um Hogwarts wieder an ihre alte Schule zurück, um ihr siebtes Schuljahr zu vollenden. Da Harry und Ron beschließen, nicht mit ihr zusammen zu gehen, fühlt sie sich zunächst einsam. Doch dann lernt sie einen ehemals verha...
