Kapitel 6

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Draco stöhnte innerlich auf. Der Aufsatz für McGonagall sollte eine ganze Rolle Pergament fassen und das schon an ihrem ersten Schultag, diese Frau kannte wirklich kein Erbarmen. Nach dem Unterricht ging er in seinen Schlafsaal, legte sich einige Minuten auf sein Bett und versuchte, seine Augen nur für einen winzigen Moment zu schließen. Als Longbottom einige Zeit später auch in ihr gemeinsames Zimmer kam, setzte Draco sich schnell auf und setzte seine altbekannte, stoische Miene auf. Niemand sollte ihn in einem so schwachen Moment erleben, schon gar nicht der Trottel Longbottom. Sie sahen sich einen Moment zu, bis Draco höflich in Nevilles Richtung nickte, um sich für seine bösen Gedanken zu entschuldigen. Der ehemalige Gryffindor schien überrascht, lächelte seinen Gegenüber jedoch erleichtert an. Draco nahm seine Schultasche und machte sich auf den Weg in die Bibliothek. "Streber", so dachte er, "schreiben ihre Aufsätze in der Bibliothek, um in den Fachbüchern recherchieren zu können. Vor allem schieben sie die Arbeit nicht vor sich her, sondern erledigen alle Hausaufgaben noch am selben Tag." 

Er setzte sich an einen Tisch, der relativ nah am Eingang der Bibliothek stand. Von dort aus konnte er Granger beobachten, die scheinbar auch gerade ihren Aufsatz für Verwandlung anfertigte. Draco musste feststellen, dass das verstrubbelte Mädchen alle Bücher auf ihrem Tisch liegen hatte, die für das Thema der Hausaufgabe brauchbar waren. Er saß einige Minuten still da und beobachtete das Mädchen subtil. Sie arbeitete eine Zeit lang sehr konzentriert, doch plötzlich schweiften ihre Augen von ihrem Pergament zu einem Briefumschlag, der bisher zwischen ihren Büchern untergegangen war. Granger zögerte kurz, nahm jedoch den Brief und öffnete ihn vorsichtig. Plötzlich fiel Draco auf, was er hier gerade tat. Er beobachtete  gerade die unerträglich besserwisserische Streberin aus Gryffindor. Er schüttelte seinen Kopf, um die Gedanken an die kleine Hexe zu verdrängen und versuchte, sich wieder seinen Unterlagen zuzuwenden. Draco fokussierte sich auf diverse Verwandlungsarten für Fortgeschrittene.

Als er etwa ein Viertel seines Pergamentes vollgeschrieben hatte, hörte ein leises Schluchzen. Er wusste, dass es Grangers Schluchzen gewesen war, er konnte ihre Stimme heraushören. Draco dachte einen Bruchteil einer Sekunde darüber nach, aufzustehen, zu ihr herüber zu gehen und ihr die Hand auf die Schulter zu legen. Wieder musste er sich zur Ordnung rufen. "Sie kommt aus dem schlimmsten Haus von allen und was noch viel schlimmer ist: Sie ist Potters beste Freundin." Daran, dass sie eine Muggel-Geborene war, dachte er nicht, Blut spielte seit dem "Quasi-Tod" seines Vaters keine Rolle mehr für Draco. Es waren seine Vorfahren gewesen, die ihm Tag aus Tag ein eingebläut hatten, dass Reinblüter das Einzige seien, was in die Zaubererwelt gehöre. Bei näherer Überlegung ergab diese Meinung für Draco keinen Sinn mehr. Er wollte sich nicht mehr über Andere erheben, am liebsten wäre er einer von Vielen gewesen, um in der Menge der Menschen  zu verschwinden, damit niemand über ihn und seine Familie redete. 

Draco schaute langsam hoch und sah, wie Granger den Kopf auf ihre Arme gelegt hatte. Ihr entfuhren immer noch leise Schluchzer. Der ehemalige Slytherin fragte sich, was wohl in dem Brief gestanden hatte, was diese unerschütterliche Hexe so aus der Bahn werfen konnte, dass sie so auf die Nachricht reagierte. "Ob wohl etwas mit ihren Eltern nicht stimmte? Ob Potter oder dem Wiesel etwas zugestoßen war? Oder ob Wiesel sie gar verlassen hatte?" Nach einer gefühlten Ewigkeit konnte er sich dazu aufraffen, ein Taschentuch mit Malfoy-Emblem aus seiner Schuluniform zu ziehen und es vorsichtig auf den Tisch zu legen, an dem Hermine Granger in diesem Moment saß. Schnell zog er sich wieder zurück und setzte sich mit dem Rücken zu ihr an seinen eigenen Arbeitsplatz.  Hermine hob den Kopf und musterte die smaragdgrünen Buchstaben, die auf dem Tuch zu sehen waren. Leise packte sie ihre Sachen zusammen und nahm die nette Geste Dracos an. Mit dem Taschentuch in der einen und der Pergamentrolle in der anderen Hand verschwand Hermine schnell aus der Bibliothek. "Ein Gutes hat die Sache ja", dachte Dracos mit einem Schmunzeln, "Jetzt wo sie weg ist, kann ich mir die Lehrbücher für Verwandlung schnappen und meinen  dämlichen Aufsatz  endlich zu Ende schreiben."

Nach zwei vollen Stunden war Draco mit seinem Werk zufrieden und machte sich auf den Weg zur Großen Halle, wo er zu Abend essen wollte. Nicht viele der Achtklässler waren dort, worum er auch froh war. Er hatte keine allzu große Lust auf die zur Gewohnheit werdenden neugierigen Blicke oder gar ein Gespräch mit einem seiner neuen Klassenkameraden. Auch wenn bis jetzt noch niemand es gewagt hatte, Draco anzusprechen, wollte er kein Risiko eingehen und setzte sich an den äußersten Rand des Achtklässler-Tisches. Er ließ seinen Blick schweifen und suchte vergeblich nach den buschigen braunen Haaren einer kleinen Hexe. Sie tauchte auch die nächste Stunde nicht auf. Womöglich schämte sie sich zu sehr, war zu sehr von der Rolle oder es war doch etwas Schlimmeres passiert, das sie dazu veranlasste, ihr Zimmer an diesem Abend nicht mehr zu verlassen. Bei seiner Observation entdeckte er zwar nicht Hermine Granger, aber Lavender Brown, die ehemalige Freundin des Wiesels. Sie sah sehr glücklich aus und lachte viel mit einigen Hufflepuff Mädchen. Longbottom sah sie genervt, fast böse an und verdrehte bei jedem ihrer Worte die Augen. Draco konnte sich nicht daran erinnern, Longbottom je wütend gesehen zu haben, vielleicht bis auf den Tag, an dem der Krieg um Hogwarts stattfand. Er dachte darüber nach, später seinen Zimmerkameraden zu fragen, was dieser an Lavender Brown auszusetzen hatte, aber verwarf den Gedanken wieder. Draco wollte sich nicht in die kindischen Angelegenheiten seiner Klassenkameraden hineinziehen lassen. Er war aus anderen Gründen wieder nach Hogwarts zurückgekehrt. Er hätte nur gerne Hermine wieder gesehen, um sein Tuch von ihr zurückzufordern. Eventuell auch, um zu sehen, ob es ihr wieder gut ging. Aber das gestand Draco Malfoy sich nicht ein.

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