XXVI. Tod

499 11 4
                                        

Mit geschlossenen Augen versuchte Arya, das Grauen auszublenden. Sie hatte praktisch Jonathan umgebracht. Mit vier einfachen Worten sein Schicksal besiegelt. Doch es war nötig. Auch wenn ihr Inneres Arya dafür zerfraß, was sicherlich auch Durzas Absicht gewesen war.
Ihr Gewissen wurde auch nicht davon verbessert, dass Jonathan die ganze Zeit wimmernd neben ihr lag. Sein Körper war blutüberströmt, sein Blick leer.
Irgendwann brachte Arya es über sich: ,,Jo ... Jonathan?" Sie versuchte, den Kopf zu drehen, aber das getrocknete Blut an ihrem Hals machte das zu einer schmerzhaften Bewegung. Aus dem Augenwinkel sah Arya, wie Jonathan versuchte, den Kopf zu heben. Die Elfe beschloss, einfach weiter zu reden. ,,Es ... Tut mir so leid, Jonathan. Wenn ich könnte, würde ich selbst das Leid auf mich nehmen. Es tut mir so leid." Mehr fiel ihr nicht ein. Hatte Jonathan sie gehört? Nein, schien nicht so. Er lag wie vorher noch eingerollt und wimmernd. Oder war er kurz verstummt?
Jetzt jedenfalls war es kurz still. Aus dem Augenwinkel konnte Arya jetzt eine kurze Bewegung ausmachen. Trotz der Schmerzen drehte sie mühsam den Kopf. Ja, Jonathan hatte den Kopf leicht gehoben, jetzt konnte sie seine Augen sehen.
Und das, was sie darin sah, war schlimmer als alles andere. Sie waren rot und verquollen, darin so tiefer Schmerz, dass Arya ihn am liebsten in die Arme nehmen würde.
Doch das würde der Junge wahrscheinlich nicht zulassen. Da war nämlich noch etwas.
Anklage.
Er gab Arya die Schuld an seiner Folter. Dabei konnte sie ja nichts dafür. Doch sie wusste, dass der Schmerz und die Verzweiflung einen zu ungerechten Entscheidungen trieb.
Sie wusste es aus eigener Erfahrung.
Eine Zeit lang sahen die beiden sich in die Augen, das Kind und die Elfe. Arya versuchte, in ihren Blick alle ihre Gefühle zu legen, ihr eigener Schmerz, die Trauer, das Bedauern. Doch Jonathans Blick war nicht weicher geworden, als er den Kopf wieder sinken ließ. Erneut begann er zu schluchzen. Er wusste nicht, wie sehr er Arya gerade verletzt hatte.
Eine Wunde beigebracht, die man nicht sehen konnte.

Nur kurze Zeit später kam Durza wieder. Er folterte den Jungen jetzt mit der Peitsche. Zwar nicht heiß, aber er schlug genauso fest zu wie bei Arya.
Der Unterschied war, dass Jonathan ein Kind, Arya eine 100-jährige Frau war. Bei jedem Schlag spürte Arya den Luftzug, hörte Jonathans hohen Schrei, spürte den Schmerz fast selbst. Sie wusste, wie er sich fühlen musste.
Hilflos, wütend, lustlos. Er wollte nur noch sterben, das sah man ihm an. Bei einem so jungen Menschen war das erschreckend. Doch noch lange sollte ihm dieser Wunsch nicht erfüllt werden.
Fünfzig Hiebe mit der Peitsche, dann war das Messer wieder dran. Bald sah Jonathan fast so aus wie Arya, nur mit frischen Wunden und nicht verbrannt.
Was es nicht besser machte.
Als es dunkel war, steckte Durza das Messer ein. Jonathan blutete so stark, dass Arya befürchtete, er würde verbluten. Ihr wurde klar, dass das auch Durzas Plan war, als der Schatten einfach ging. Ohne ein Wort, ohne den Jungen von seinem Leid zu erlösen.
Dann kam Thom, gab Arya endlich zu essen, doch sie schmeckte es kaum, konnte kaum schlucken.
Eine Stunde später etwa, als die Blutlache um Jonathan unerträglich groß geworden war, verstummte das Wimmern und Schluchzen.
Arya war klar, was das bedeutete.
Jonathan war erlöst worden.
Tot.

Eragon - Aryas GefangenschaftGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt