XXIII. Großes Herz, kleiner Verstand

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,,Hallo, du da unten.", sagte die Jungenstimme. Sie klang ängstlich und unsicher. Mit Mühe brachte Arya ein Wort heraus.
,,Wer ... Wer bist du?" Vor dem Fenster konnte sie einen kleinen Jungen erahnen, der im schwächer werdenden Sonnenlicht auf dem Boden kauerte, um Arya sehen zu können.
,,Ich bin Jonathan. Und du?"
,,Arya.", flüsterte sie. ,,Warum sprichst du mit mir?"
,,Ich habe von dem Fenster immer Schreie gehört und dann ist Mama nicht mehr mit mir die Straße entlang gegangen. Hast du so geschrien? Warum?", fragte der Kleine neugierig.
,,Er hat mich gefangen ... und gefoltert.", sagte Arya schwach. Mehr brachte sie nicht zustande, so überrascht war sie, nach den Tagen voller Folter und Schmerz eine freundliche Stimme zu hören.
Jonathan schien kurz zu überlegen, dann sagte er: ,,Der komische Mann mit den roten Haaren, vor dem alle Angst haben?"
Arya nickte. Dann antwortete sie: ,,Ja, der. Weißt du etwas über ihn? Wie alt bist du?"
Der Junge schien überrascht über den plötzlichen Themenwechsel doch er sagte: ,,Ich bin elf. Über den Mann weiß ich nichts, nur dass keiner ihn mag und er keine Freunde hat."
Beinahe hätte Arya laut aufgelacht. Durza und Freunde? Wenn er Freunde hatte, war sie ein Drache. ,,Das wundert mich nicht.", sagte sie zu dem Jungen.
Jonathan schaute zur Seite, dann fragte er: ,,Kann ich dir helfen? Du siehst schrecklich aus." Arya nickte. ,,Ich weiß. Aber helfen kannst du mir nicht. Außer du besiegst Durza. Und das ist allein nahezu unmöglich.", sagte sie ein wenig belustigt. Doch Jonathan schien aufgeregt zu sein. ,,Nahezu unmöglich. Das heißt, es ist doch möglich! Ich werde dir helfen!" Arya sah ihn entsetzte durch die Gitterstäbe an. ,,Was? Nein, auf keinen Fall! Bring dich doch nicht selbst um!" Aus Angst um diesen kleinen, netten Jungen vergaß sie sogar fast die Schmerzen, die das laute Reden mit sich brachte.
Doch Jonathan hörte nicht auf sie. ,,Du siehst doch selbst, wie schlecht es dir geht. Und Papi hat mir schon erste Kampftricks gezeigt. Ich werde den Rothaarigen schon besiegen! Oh nein, Mama kommt. Tschüss."
Inzwischen konnte Arya mir noch krächzen. ,,Nein. Tu das nicht. Es wäre ein Selbstmordkommando."
Aber niemand hörte sie mehr, der kleine, törichte Junge war schon seg. Arya hoffte, er würde noch einmal kommen. Die Tür riss sie aus ihren Gedanken. Den Schritten nach war es Thom. Jetzt war sie doch froh, dass Jonathan schon weg war. Wer weiß, was Thom oder Durza mit ihm gemacht hätten.
Thom gab ihr Wasser. Endlich.
Kühles, klares Wasser, das Aryas Kehle hinunterrann und die Trockenheit verbannte. Es tat unendlich gut. Sie trank gierig, bis kein Tröpfchen mehr in dem Krug war. Danach ging Thom wieder.
Kein Essen.
Arya war hungrig, auch wenn der Druck hinter den Schläfen und nun auch in der Magengrube präsenter war.

Etwa eine Stunde später hörte sie wieder Jonathan.
,,Hallo. Arya, nicht?". Die Elfe nickte. ,,Warum halten sie dich eigentlich hier gefangen?"
Nach dem Trinken war Aryas Stimme wieder kräftiger. ,,Durza will Informationen von mir. Die Varden, die Elfen..." Sie vertraute dem Jungen. Seine Worte waren die ersten freundlichen seit langem.
,,Du kommst von den Elfen? Ist ja krass! Dann muss ich dich ja erst recht befreien!"
Entsetzen legte sich erneut in Aryas Blick. ,,Nein! Tu das bitte nicht. Du wirst sterben. Ich bin mir sicher.", sagte sie und legte möglichst viel Entschlossenheit in ihre Stimme, mit einem bittenden Unterton. Trotzdem hörte Jonathan nicht auf sie. ,,Doch doch, das geht schon. Bald wirst du wieder Sonne spüren können, du wirst schon sehen."
Arya versuchte noch mehrmals, ihn von seinem selbstmörderischen Plan abzubringen, doch er erzählte fröhlich weiter, von den ersten Kampftricks die er schon konnte, seiner Familie, und und und. Arya lauschte zwischen seinen Worten immer wieder auf Durza, doch sie konnte nichts hören. Irgendwann wurde es schon wieder dämmerig, der neue Tag voller Schmerz und Folter brach an.
Und da sah Jonathan schließlich auf. ,,Es ist Zeit. Ich werde dich befreien. Glaub mir." Arya versuchte ihn noch ein letztes Mal umzustimmen, auch wenn sie eigentlich schon wusste, dass es hoffnungslos war, doch er hörte nicht mehr.
Jonathan war schon auf dem Weg, sich selbst umzubringen.

Eragon - Aryas GefangenschaftGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt