Kapitel 38 - On The Loose

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MIA POV

Drei Tage vergehen und ich sitze wieder im Krankenhaus. Diesmal nur zur Kontrolle. „Jess. Es wird nicht so schlimm, wie bei deinem Vater." „Mum. Rede nicht so über ihn. Am Ende war er hilflos, ans Bett gefesselt und schwach. Ich werde kämpfen und mich gleich einweisen lassen." „Wenn die Polizei dich lässt." höre ich eine ältere Stimme und traue mich nicht mich umzudrehen. „Ja, wenn die Polizei mich lässt." „Mia Hansen." werde ich aufgerufen und versuche nicht hinter mich zu schauen.

„So Frau Hansen. Wir röntgen heute nochmal und vielleicht bekommen sie einen der orthopädischen Schuhe." „Könnten sie mir, bevor wir anfangen, den Krankheitsverlauf von Leukämie schildern." „Aber wir haben diese ausgeschlossen." „Ja, aber ein Familienmitglied ist betroffen und ich wäre gern vorbereitet."

Er erklärt mir die verschiedenen Stadien und wie unberechenbar die Krankheit ist. Danach werde ich geröntgt und bekomme meinen orthopädischen Schuh. Auch meine Rippen scheinen wieder in Ordnung zu sein. Ich soll aber trotzdem noch schauen und weiterhin die Tabletten nehmen.

Mit dem Bus fahre ich in die Stadt und danach mit der U-Bahn in die Nähe des Polizeireviers. Dort treffe ich auf Felix, Lenny und Tommi. „Wie sieht's aus?" „Gut. Den hab ich als Ersatz für den Gips bekommen." zeige ich meinen neuen Begleiter und alle drei lachen. „Wollen wir?" Ich nicke.

Auf dem Revier werden mein Bruder und ich nochmals getrennt befragt und treffen danach aufeinander. „Haben sie dich schon gefragt?" „Was?" „Wegen der Anzeige." flüstert er nicht leise genug und ruft damit Felix auf den Plan. „Was ist mit der Anzeige?" ich schüttel meinen Kopf und werde wieder in eins der Büros gerufen. Dort wird mir erklärt, welche Möglichkeiten ich habe und sollte es zu einer Gegenaussage kommen, würde ein Prozess zu Stande kommen. „Ich ziehe die Anzeige zurück." „Bitte?" „Ich ziehe die Anzeige zurück." und die beiden Polizisten schauen mich an.

Einer der beiden verlässt das Büro und kommt mit meinen drei Begleitern zurück. „Wurden sie dazu gezwungen?" schaut er Felix an und ich muss lachen. „Das ist mein Freund und es ist meine Entscheidung. Die Versicherung übernimmt den größten Teil und ich werde mich nicht wiederholen." „Dann sehen wir sie in zwei Tagen wieder. Dann können sie unterschreiben und bis dahin nochmal nachdenken." Ich nicke und wir verlassen die Polizei.

„Über was sollst du nachdenken?" schauen mich stechende blaue Augen an „Ich komm gleich wieder. Muss nochmal auf die Toilette." gehe ich in das Gebäude zurück.

Am selben Abend landen wir alle vier bei meinen Eltern. „Schlimmer kann der Tag nicht enden." flüster ich Lenny zu, als er die Tür aufsperrt und unsere Ankunft ankündigt. „Mia, wo sind denn deine Krücken?" „Im Krankenhaus, Mama." gehe ich in die Küche und bekomme gleich von ihr einen Rüffel, weil ich mich am Süßigkeitenschrank bediene. „Denk an deine Figur." schickt sie mir hinterher und ich lasse den Schrank etwas zu laut zufallen.

Angefressen gehe ich ins Wohnzimmer und setze mich an den Esstisch. „Wenn du jetzt wieder laufen kannst, kannst du auch helfen Mia." „Weil ich mich gerade erst hingesetzt habe." murmel ich und Felix drückt mich auf den Stuhl zurück. Während alle anderen den Tisch decken, beobachte ich sie. Mum ist richtig sauer, dass Felix und auch Tommi ihr helfen. Dabei ihre Sache nicht mal schlecht machen und Lenny wie immer im Weg steht, sich ab und zu einen Kuss klaut und Mum immer wütender wird. Dad lässt sich einfach nix anmerken, aber ich sehe, dass er schmunzelt, wenn Lenny und Tommi Zärtlichkeiten austauschen. ‚Guter Mann.'

Als alle an ihren gewohnten Plätzen sitzen, geht das stumme Abendessen los. „Wir trinken hier nicht aus Flaschen." rügt meine Mutter Felix und deutet passiv aggressiv auf den blauen Becher. „Das war der letzte Schluck. Was ist denn los mit dir?" schaue ich sie an und sehe wie mein Vater mit dem Kopf schüttelt. ‚Keine gute Idee Mia.' versucht er mir damit zu signalisieren, aber jetzt ist es auch zu spät.

„Was los ist? Warum muss ich durch den Buschfunk erfahren, dass du die Anzeige zurückziehst?" „Was?" und alle am Tisch schauen mich an. „Von wem hast du das denn?" „Meine Freundin Karen, ihre Tochter arbeitet dort und deine Anzeige ist über ihren Tisch gegangen." „Das ist vertraulich, dass geht niemanden was an." „Oh doch. Du wurdest fast tot gefahren." „Ja und? Ich lebe noch. Vielleicht gibt es auch einfach Gründe dafür. Was stört dich noch?"

„Warum ist er hier?" „Felix ist sein Name." und ich schiebe meinen Teller von mir weg. „Hast du auch wieder durch die Buschfunk erfahren, was alles passiert ist?" „Vielleicht. Früher war es einfacher." „Du wirst ihn noch öfters sehen. Wir sind ein Paar." „Klar und er lässt dich allein durch die Gegend fahren in seinem Auto. Vielleicht galt der Anschlag ja ihm und du warst einfach zur falschen Zeit am falschen Ort." Stille.

„Ich..." „Nein." lege ich Felix meine linke Hand aufs Bein. „Erstens war Lenny da, zweitens habe ich das Auto aus der Werkstatt geholt und wir haben dasselbe Auto in der fast selben Farbe und drittens lebe ich noch." „Fragt sich für wie lang. Vielleicht landest du noch wegen seiner Unfähigkeit und seinem Umgang auf der Straße. Du hast ja gesehen zu was seine Ex-Freundin getan hat oder warum nimmst du sie für ihre Taten in Schutz?" schauen mich fünf Personen an und ich atme tief durch.

„Erstens würde es ihren Hass sicherlich noch mehr verstärken, wenn sie mich hinter Gittern verteufeln kann. Zweitens." schaue ich Felix an und könnte mich für das nächste Argument selbst schlagen. „Weißt du am besten wie es ist, wenn man jemanden an Krebs verliert und für diesen Kampf braucht sie ihre Familie. Und drittens, wird es schlimmer sein, wenn sie weiß, dass ich barmherzig reagiere, als wenn ich sie hinter Gitter bringe." „Mia, aber du wurdest so oft drangsaliert." setzt meine Mutter an und ich schüttel mit dem Kopf. „Ja, aber Jess hat Leukämie und ihre medizinischen Unterlagen wurden mit meinen vertauscht. Da werde ich ja wohl Milde walten lassen. Es ist meine Entscheidung." schaue ich sie an und warte kurze

„Früher war ich das Opfer, aber auch nur weil ich mich dazu machen lassen habe. Jetzt weiß ich es besser und ich werde die Aussage zurückziehen. Sie verdient nicht allein zu kämpfen. Egal wie scheiße sie war und um den ganzen die Krone aufzusetzen. Du solltest dir an deiner Erziehung von uns ein Beispiel nehmen. Seid offen für alles, lasst euch nicht von ungewohnten abschrecken, gebt jedem eine Chance... bla, was du uns immer alles vorgebeten hast und selbst. Selbst kannst du deinen eigenen Sohn nur besuchen, wenn sein Freund bei der Arbeit ist? Ist das normal? Ich glaube nicht." „Das hat damit..." „... das hat genau soviel damit zu tun. Du bist eine Mutter, du musst nicht alles für gut halten, aber trotzdem solltest du hinter uns stehen. Außerdem musst du dich schon lang nicht mehr für uns schämen oder uns dümmer machen als wir sind. Das konntest du doch immer so gut vor deinen Freunden." stehe ich auf und schiebe die Balkontür auf.

Frische Abendluft, der Klang einer Polizeisirene und der leichte Geruch von Gras weht zu mir rüber.

„Ich bin stolz auf dich." schlingen sich zwei Arme um mich und ich muss lächeln. „Ich würde für dich immer Partei ergreifen, Lenny." „Du hast sie schon zurückgezogen, oder?" „Ja, als ich auf Toilette war." „Das hat wirklich krass lang gedauert." lacht er, legt kurz sein Kinn auf meine Schulter und es wird ruhig um uns. „Gut." küsst er meine Schläfe nach einiger Zeit und geht wieder rein.

„Na Löwin." „Wow." schaue ich über meine Schulter und sehe Felix. „Wenn du dich irgendwann mal genauso mir gegenüber verhältst, weil ich eins unserer Kinder zusammenfalte, dann würde ich auch nachgeben." Ich muss lachen und spüre seine Wärme hinter mir. „Kinder?" „Ja mindestens zwei." „Aja. Mum muss endlich verstehen, dass wir alt genug sind und unsere eigenen Entscheidungen treffen. Ich weiß was gut ist für mich und was nicht." „Du musst dich nicht rechtfertigen. Willst du wieder rein?" „Ich will Heim." und Felix nickt nur.

„Wollte ihr noch bleiben?" schaue ich auf die Couch zu Tommi und Lenny. Beide schütteln mit dem Kopf und wir ziehen uns an. „Tschau Eltern. Bis Weihnachten." „Macht keine Scheiße." „Jajaja." murmel ich und Lenny boxt mich grinsend in die Seite. „Meine Rippen sind immer noch nicht fit, du Dulli." „Sorry." gehen wir aus der Wohnung und ich habe das Gefühl wieder frei atmen zu können.

Blaue StundeGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt