4. Kapitel

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Es dauerte länger bis wir endlich bei meinem Haus waren. Ich stieg wieder ab, gab ihm den Helm und ging langsam zur Tür. „Sky, warte bitte." Julian stieg von seinem Bike ab und kam zu mir, doch ich drehte mich nicht um, auch nicht als er meine Hand nahm. Er ging um mich herum, damit er mir ins Gesicht sehen konnte. Ich sah zu Boden, doch er hob mein Kinn hoch, sodass ich ihm in die Augen sehen musste. „Meintest du das ernst vorhin? Ziehst du wirklich weg?" Ich schloss meine Augen und presste meine Lippen zusammen, dann antwortete ich: „Ja, mein Dad und ich fliegen morgen Nachmittag. Ich werde den ganzen Tag packen müssen. Wir werden uns bestimmt wiedersehen, aber nicht nach den Ferien." Julian nickte kurz. „Oh. Ich hatte gehofft, dass das nur ein Scherz war. Sollen Kathy und ich dir morgen beim Packen helfen?" Ich war erleichtert, dass er dies fragte, denn ich brauchte wirklich Hilfe, also nickte ich. "Ihr könnt um halb zehn vorbei kommen. Danke." Vorsichtig umarmte ich Julian und verschwand im Haus. Ich schlich die Treppe hoch in mein Zimmer. Von meinem Boden aus suchte ich ein Top und eine Leggins. Bevor ich mich umzog, schaute ich auf meine Rippen. Mir stockte der Atem. Dort war ein riesiger blauer Fleck zu sehen und ich konnte erkennen, dass eine Rippe nicht mehr so gebogen war, wie die anderen. Schnell zog ich mich um und ging dann in mein Bett. Innerhalb von wenigen Minuten schlief ich ein.

Ich wachte in einer kleinen Wohnung auf. Aus irgendeinem Grund fühlte ich mich seltsam ausgeschlafen. Also stand ich auf und ging zum Fenster. Die Wohnung war am Stadtrand, hier war nicht viel los. Erstaunt sah ich mich um. Überall waren Kartons und es standen nur wenig Möbel hier, eigentlich lag hier nur eine Matratze, auf der ich geschlafen hatte. Ich war verwirrt. Wo war ich? In den Kartons fand ich etwas anderes zum Anziehen als den Slip und das Männerhemd, das ich an hatte. Dazu nahm ich eine Handtasche, die neben der Tür lag. Draußen vor dem Haus sah ich mich um. Ich kannte die Gegend nicht. In der Nähe entdeckte ich eine Bushaltestelle, zu der ich ging. Weder der Straßenname, noch der Ortsname war mir bekannt. Plötzlich hörte ich hinter mir ein Rascheln. Ich drehte mich um. Hinter mir war ein Busch und auf den ging ich zu. Darin sah ich eisblaue Augen. „Scheiße.", stieß ich hervor. Aus irgendeinem Grund sagte mir mein Gefühl ich müsste ganz dringend hier weg. Dann rannte ich weg, auf die Straße, direkt vor ein Taxi. Ich lief bis zu der Tür, riss diese auf und sprang auf den Hintersitz. „Los! Fahren Sie. Egal wohin, nur weit weg von hier." Von meiner Hektik überrascht, trat der Fahrer das Gaspedal durch. Das Auto schnellte nach vorne. Wir fuhren mit annähernd hundert Sachen durch die Innenstadt und fuhren über mehrere rote Ampeln. Plötzlich bremste ein LKW vor uns und der Taxifahrer musste eine Vollbremsung machen. Quietschende Reifen, überall Qualm und schwarze Streifen auf der Straße. Ich hörte einen schrillen Schrei, doch draußen sah ich niemanden, der geschrien haben könnte. Als ich wieder nach vorne sah, sah mich der Taxifahrer entgeistert an. „Alles in Ordnung? Soll ich langsamer fahren?" „Oh. Nein, bitte fahren Sie genauso schnell weiter." Der Taxifahrer fuhr danach zwar immer noch schnell, aber nicht mehr annähernd so schnell wie vorher. An einem Waldstück am anderen Ende dieser Stadt hielt er an. In meinem Täschchen fand ich Geld und drückte ihm alles in die Hand. Dann sprang ich raus und wartete bis das Taxi weg war. Wieder meldete sich mein Gefühl. Ich drehte mich um und schaute, ob hier noch Menschen waren. Als ich sicher war, dass hier niemand war, ging ich in den Wald. Ich drehte mich immer wieder um bis ich keine Häuser mehr sah, dann lief ich los. Ich bin stundenlang gelaufen, des Öfteren im Kreis, aber ich hielt erst an, als es fast dunkel war. Dann brach ich zusammen. Wo war ich? Was machte ich hier? Warum hab ich geglaubt, dass so ein einsamer Wald sicher ist? Plötzlich hörte ich ein Knacken. Es kam von oben. Ich zuckte zusammen, traute mich aber nicht irgendeinen Mucks zu machen. Vorsichtig sah ich nach oben. Über mir war ein Baumhaus und da waren Schritte. Irgendwer war dort. Dann fiel eine Strickleiter herunter zu mir. „Komm rauf.", zischte es von oben. Ich krabbelte vorsichtig zur Leiter. „Beeil dich, nicht so langsam." Unschlüssig stand ich vor der Strickleiter. „Ich, ich weiß nicht, ob ich das schaffe hier hoch zu klettern." Ein stöhnen. „Doch, aber mach endlich." Ich ließ meine Schultern hängen und kletterte dann los. Auf einmal hörte ich in der Ferne ein Brüllen. Sofort erstarrte ich und sah in die Dunkelheit. „Los, schneller. Du musst dich beeilen." Ich versuchte schneller zu klettern, doch dadurch verhedderte ich mich immer wieder. Dann spürte ich einen Ruck und wollte schreien, aber ich merkte, dass ich mit samt der Strickleiter hoch gezogen wurde. Oben angekommen, war ich etwas unbeholfen und stolperte in die Arme eines Jungen. Er war groß und unter seinem Shirt spürte ich die starken Muskeln. Ich sah zur Seite. Seine Arme waren auch muskelbepackt. Er war mindestens drei Köpfe größer als ich, sodass ich meinen Kopf in den Nacken werfen musste. Er hatte braune Augen, schmale Lippen, einen dunklen Hautton und braune bis schwarze Haare. Dazu trug er kurze Shorts und ein Shirt. „Hi.", sagte er leise mit einer tiefen, ruhigen Stimme. „Hi.", flüsterte ich. „Komm, setz dich. Was machst du hier?" Ich setzte mich auf ein Kissen. „Danke. Was ich hier mache? Also ich weiß es nicht wirklich. Mein Gefühl hat mir gesagt, dass ich weglaufen soll vor.. das weiß ich auch nicht." „Cool. Sonst kommt hier nie jemand her." Nervös sah ich mich um. Hier waren lediglich eine Matratze, ein paar Kissen, ein Tisch und Waffen. „Was war das für ein Brüllen vorhin?" „Welches Brüllen? Ich hab keins gehört. Ach ja, ich heiße Marcel. Seit einigen Monaten lebe ich schon hier. Ist ganz cool." Ich nickte. Plötzlich spürte ich einen Ruck, wie bei einem Erdbeben. Ich fiel von den Kissen, aber Marcel saß ganz normal vor mir und lachte ein bisschen, weil ich etwas unbeholfen aussah. „Komm, du scheinst echt fertig zu sein, Scarlett. Leg dich einfach ins Bett." Geschockt sah ich ihn an. „Ich heiße nicht Scarlett." Er lachte. „Ich stehe hier drüben. Leg dich hin." Ich schaute kurz, wo das Bett stand und krabbelte dann rückwärts darauf zu. Immer darauf bedacht, Marcel im Blick zu haben. Doch kurze Zeit später döste ich ein. Ich wusste nicht wie lange ich geschlafen hatte, aber es war immer noch dunkel als ich wach wurde. Ich traute mich nicht mich zu bewegen und beobachtete, aus einer ungemütlichen Stellung, Marcel. Er rührte sich nicht, kein Stück. Seit ich eingedöst bin, steht er an derselben Stelle. Selbst als ich mich aufrecht hinsetzte. Er lehnte am Baumstamm und obwohl ich aufstand und dabei sehr laut war, drehte er sich nicht um. Als ich kurz hinter ihm stand, kippte er plötzlich seitwärts weg. Ich sah ihn erschrocken an, bis ich bemerkte, dass ein Messer in seiner Brust steckte. „Oh scheiße." Ich beugte mich runter und untersuchte ihn. Er hatte keinen Puls und atmete nicht mehr. Er war Tod. Ein Räuspern schreckte mich auf. Auf der anderen Seite des Baumhauses stand jemand. Er kam lächelnd auf mich zu und ich erkannte, dass er nicht irgendjemand war, sondern Damon. „Oh Gott. Nein. Geh weg. Bleib fern von mir.", stieß ich hervor. Ich stolperte rückwärts und vergaß, dass dort kein Geländer war. Ich fiel runter und wurde von Damon aufgefangen. Ich schrie auf und schlug ihn, um mich von ihm loszureißen. Er ließ mich fallen und lachte leise. Zuerst krabbelte ich ein paar Meter von ihm weg, stand dann unbeholfen auf und lief weg. Aber Damon war jedes Mal schneller und stand vor mir. Er lachte nur. Irgendwann hatte er keine Lust mehr auf dieses Spiel, er nahm meine Hand und hielt mich in einem eisernen Griff. Er zückte ein Messer und rammte es mir in die Rippen. Ich schrie.

Ich wachte auf. Es war alles nur ein Traum. Trotzdem hatte ich das Gefühl beobachtet zu werden. Erst kurz danach merkte ich, dass meine Rippe nicht mehr schmerzte. Ich hob mein Top hoch. Keine blauen Flecken mehr. Zögerlich tippte ich auf die Stelle, die vorhin schmerzte. Nichts. Ich zuckte nicht zurück, ich schrie nicht auf vor Schmerz. Es sah alles normal aus. Seufzend legte ich mich wieder und schlief sofort ein.

Ich wachte kurz nach neun Uhr wieder auf. Kathy würde in wenigen Minuten hier auftauchen. Ich fiel aus dem Bett und holte, wo ich schon am Boden lag, meinen über-alles-geliebten pink-karierten Koffer heraus. Dort passten ungefähr all meine Sachen hinein. Ich stand auf und legte den Koffer auf mein Bett. Dann fiel mir mein Chaos vom Vortag auf. Ich stöhnte auf und plumpste entmutigt auf mein Bett. Lange blieb ich jedoch nicht sitzen, da es klingelte. Kathy war da. Ich sprang die Treppe hinunter, öffnete die Tür und umarmte Kathy. Sie umarmte mich auch und schluchzte: „Ich kann es immer noch nicht fassen. Ich werde dich so vermissen." Ich nickte, nahm sie bei der Hand und führte sie nach oben. „Ich muss Julian anrufen und fragen, ob er Umzugskartons mitbringen kann." Kathy nickte. Ich holte mein Handy und nahm die Kurzwahl drei. Julian ging sofort an sein Handy. „Ja, Sky? Was ist?" „Hi Julian. Kannst du ein paar Umzugskartons mitbringen? Ich brauche noch einige." „Ja klar. Mach ich doch gerne. Wir sehen uns in zwanzig Minuten." Mit diesen Worten legte Julian auf. Ich sah zu Kathy. „Julian ist in zwanzig Minuten mit Umzugskartons da. Solange können wir meine Klamotten ordentlich zusammenlegen und in meinen Koffer packen." Kathy nickte, setzte sich auf den Boden und fing sofort an. Ich hingegen holte meine Bettwäsche und legte sie nach unten. Zudem suchte ich noch Handtücher aus dem Bad, außerdem nahm ich mir ein paar Zahnbürsten und meine Lieblingszahnpasta mit. Kurz bevor ich Kathy half, kramte ich schnell gemütliche Sachen aus dem Haufen und zog mich um. Dann setzte ich mich zu Kathy und legte mit ihr meine Wäsche zusammen. Es dauerte nicht lange, bis es wieder an der Tür klingelte und Julian da war. Meine Mom machte die Tür auf und Julian stürmte sofort nach oben. Er machte die Tür sehr schnell auf und wäre beinahe über Kathy gestolpert. „Hi Mädels." Kathy und ich antworteten gleichzeitig: „Hi Julian." Wir sahen uns an und kicherten. Dann sagte ich: „Gut, dass du da bist. Wir sind mit meinen Klamotten fast fertig. Jetzt müssen die Bücher und meine Schminksachen eingepackt werden. Zu den Büchern können meine Zeichenblöcke und Noten, sowie meine besonderen Bücher kommen." „Sky, können wir nicht wenigstens deine Geschichten behalten? Die sind so süß.", flüsterte Kathy. Julian nickte: „Du hast drei Kurzgeschichten geschrieben. Kathy kann doch das, mit dem indischen Mädchen haben. Und ich nehme das, mit dem afrikanischen Jungen. Deine Schwestern und deine Mutter sollten das Letzte behalten, damit sie wenigstens noch etwas von dir haben." Ich überlegte kurz, nickte dann aber. „Ihr habt Recht. Holt euch die Bücher bevor ich es mir anders überlege." Wir packten die restlichen Sachen auch in die Kartons und gingen dann ins Wohnzimmer. Während sich Kathy und Julian hinsetzten, ging ich in die Küche und schob drei Pizzen in den Ofen. „Ich geh nochmal hoch und frage, ob die anderen auch Pizza wollen.", rief ich den beiden zu. Zuerst ging ich in Leylas Zimmer. Ihr Zimmer war direkt unter dem Dachboden und man musste entweder eine Holztreppe hoch klettern oder daran klopfen. Ich entschied mich für letzteres und fragte so, ob auch sie noch etwas essen wollte. Danach klopfte ich an Lucies Tür und stellte ihr die gleiche Frage. Da beide zustimmten, musste ich zwei weitere Pizzen holen und ging die Treppe zurück ins Wohnzimmer. „Iiiiiiiiuuuuuuu." Ich erschrak und bemerkte erst kurz danach, dass ich auf ein Quietschespielzeug von Sam getreten war. „Oh. Sam." Ich hob das Spielzeug auf und steckte es in eine Jackentasche.

Julian und Kathy schwelgten in Erinnerungen, als ich vorbei kam und in die Küche ging, um die Pizzen zu holen. Wir aßen sie schweigend, bis Leyla und Lucie hereinkamen und ich ihnen erklärte, wo ihre Pizzen standen. Nach einer Weile kam mein Dad herein. „Sky. Hast du alles gepackt? Wir müssen langsam los. Hol deine Sachen von oben." Ich nickte und stand auf. Kathy und Julian standen auch auf. Wir gingen hoch und holten meinen Koffer und die Kartons. Innerhalb von wenigen Minuten hatten wir alles im Auto verstaut. Julian machte seine Maschine klar. Meine Mom setzte sich im Auto auf die Fahrerseite. Kathy setzte sich hinten in das Auto. Meine Schwestern quetschten sich zu Kathy und mein Dad setzte sich auf den Beifahrersitz. Ein letztes Mal sah ich unser altes Haus an. Dann ging ich zu Julian, nahm seinen zweiten Helm und setzte mich auf das Bike. Kaum hatten wir Bellmore verlassen, sah ich noch einmal zurück.

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