Bellmore, New York 2012
Verschlafen wachte ich auf. Immer noch spukte dieser seltsame Traum in meinem Kopf umher. Ich drehte meinen Kopf und sah auf die Uhr. 5 Uhr morgens. Leise stöhnte ich auf und schloss die Augen. Wieder sah ich das Gesicht des Mädchens vor mir. Ich schlang meine Arme um meinen Kopf und versuchte das Bild zu verdrängen. In dem Moment vibrierte mein Handy neben mir. Müde sah ich auf das Display. "Ich kann nicht mehr schlafen. Ich bin so aufgeregt! Letzter Schultag und dann Ferien in Miami! Was ziehst du heute an? Ich kann mich nicht entscheiden.", las ich die SMS meiner besten Freundin Kathy. Sofort war ich hellwach. Sie hatte Recht, es war der letzte Schultag. Ich sprang aus dem Bett und hechtete zum Kleiderschrank. Normalerweise zog ich immer die erstbesten Sachen an, aber heute wollte ich die Ferien willkommen heißen. Nachdem ich fast alle Klamotten auf meinem Fußboden verteilt hatte, entschied ich mich für ein weißes Sommerkleid mit einem breiten, schwarzen Gürtel. Dazu schnappte ich mir meine Lieblingsballerinas. Voll beladen ging ich ins Bad und ließ alles auf die Ablage neben der Dusche fallen. Mit einem gequälten Gesichtsausdruck sah ich in den Spiegel. Die Nacht und der Traum hatten ihre Spuren hinterlassen. Ich hatte tiefe Augenringe und ein Vogelnest auf dem Kopf. Wieder dachte ich an das Mädchen, das Blut gehustet hatte. Mit einem Kopfschütteln konzentrierte ich mich jedoch wieder auf das Hier und Jetzt. Ich stellte das Wasser an und während es warm wurde, holte ich mein Handtuch.
Kurz testete ich die Temperatur, zog meine Sachen aus und stellte mich unter das Wasser. Eine Weile genoss ich nur die Wärme und das Prasseln auf der Haut. Ich begann zu Summen und seifte mir dabei die Haare ein. So vertieft wie ich war, bemerkte ich nicht, dass jemand das Badezimmer betrat, bis eine Stimme sagte: "So früh am Morgen schon gut gelaunt? Normalerweise sieht man dich erst anderthalb Stunden später." Geschockt hielt ich inne, schob dann den Duschvorhang beiseite und blickte ins Bad. Meine älteste Schwester Lucie stand mit dem Rücken zu mir und suchte nach irgendwas. "Erschreck mich nie wieder so!", zischte ich. Lucie sah mich abschätzig an, zuckte mit den Schultern und kramte wieder in ihren Sachen. Mit einem Schnauben widmete ich mich wieder meiner Dusche und beeilte mich fertig zu werden. Als ich fertig war, stand Lucie vor dem Spiegel und war dabei sich zu schminken. "Was machst du eigentlich hier? Solltest du nicht bei Erik sein?", fragte ich nach einer Weile. Wieder zuckte meine Schwester nur mit den Schultern. "Toll, wie gesprächig du heute bist.", brummte ich. "Wenn du reden willst, dann geh zu deinen Freunden! Ich bin nicht dafür zuständig, dich zu unterhalten!", keifte Lucie plötzlich. Bevor sie weiter sprechen konnte, kam Leyla meine andere ältere Schwester herein. "Müsst ihr so früh schon Stress schieben?", gähnte sie. "Misch dich nicht ein.", schrie Lucie sie an. Im nächsten Moment war Leyla hellwach: "Was schreist du mich jetzt so an? Was hab ich gemacht? Nur weil du gerade Stress mit Erik hast?" Bevor der Streit zwischen meinen beiden Schwestern richtig losging, schnappte ich meine Sachen und verschwand in mein Zimmer.
Dort angekommen machte ich mich fertig und suchte nach dem wenigen Make-up das ich besaß, um meine Augenringe zu verdecken. Als ich damit fertig war, packte ich meinen Ranzen und ging ins Wohnzimmer. Meine Eltern saßen beide am Tisch und hatten sich jeweils hinter einem Zeitungsteil versteckt. "Morgen.", sagte ich, während ich mich auf meinen Platz setzte. Keine Antwort. Etwas beleidigt wollte ich gerade einen zweiten Versuch starten, als Leyla aus der Küche kam und mich hektisch zu sich winkte. Etwas verwirrt stand ich auf und ging zu ihr. Als ich in ihre Reichweite kam, packte sie meinen Oberarm und zerrte mich in die Küche. "Was soll das?", schimpfte ich. Leyla ignorierte meine Aussage und deutete mir nur leise zu sein. "Mom und Dad hatten, während du oben warst und dich fertig gemacht hast, einen heftigen Streit. Mal wieder. Aber diesmal ging es um einen Brief von einem Großonkel aus Washington." "Washington D.C.?", unterbrach ich Leyla. "Nein, das andere Washington. Jedenfalls war Mom total sauer, dass Dad ihr nichts von einem Großonkel Ben erzählt hatte. Du kennst sie ja und obwohl Dad beteuert hat, er kenne ihn nicht, hat Mom weiter gewütet. Fakten sind ihr ja egal, wenn sie sauer ist. Zumindest wollte Großonkel Ben uns über die Ferien einladen und Mom meinte, wir müssten sofort alles in die Wege leiten und hinfliegen. Aber Dad hat ihr widersprochen und gesagt, dass könnten wir nicht tun, da du nach Miami fährst, Lucie in New York arbeitet und ich auf Collegeroadtrip gehe. Und jetzt schweigen sie sich wieder an.", erklärte Leyla. "Also mach ja nichts, dass die beiden wieder aufregen könnte.", drohte Lucie, die gerade zur Tür reinkam. "Ist ja schon gut. Ich werd nichts machen.", beteuerte ich, "Aber wer ist denn dieser Großonkel Ben?" Meine Schwestern zuckten mit den Schultern. Wir rätselten noch eine Weile über diesen Fremden, bis wir zur Schule mussten. Ich holte meinen Ranzen und verabschiedete mich von meinen Eltern: " Bye Mom, bye Dad. Ich bin nachher bei Kathy und dann auf der Schoolsout-Party. Also wartet mit dem Essen nicht auf mich." Ich hatte wieder keine Reaktion erwartet, doch mein Dad stand auf und begleitete mich in den Flur. "Viel Spaß auf der Party, pass auf dich auf.", zwinkerte er mir zu und gab mir 20 Dollar in die Hand. Grinsend ging ich auf die Straße, um auf meinen besten Freund Julian zu warten.
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Soulwalker
FantasySoulwalker ist eine uralte mystische Kraft und niemand weiß mehr so genau, was diese eigentlich bewirkt. Sicher ist nur, dass Gut und Böse seit Jahrtausenden darum kämpfen. Im größten Teil der Geschichte wurde die Kraft positiv beeinflusst, aber es...
